5.8. Blutprodukte#

Transfusion von Blutkomponenten nur bei klinischer Indikation und unter Beachtung der prätransfusionellen Kompatibilitätsprüfung (♛ ÖGBT Hämotherapie 2019).

5.8.1. Transfusionssicherheit#

Prätransfusionelle Prüfung

AB0-System; Transfusionskompatibilität

  • Patient:innenidentität, Anordnung, Blutgruppenbefund, Konservenbegleitschein und Produktidentität kontrollieren

  • AB0-kompatibel transfundieren; AB0-Gleichheit ist nicht immer erforderlich

  • RhD-Verträglichkeit, irreguläre Antikörper und weitere immunhämatologische Besonderheiten beachten

  • Bei Erythrozytenkonzentraten gültige serologische Verträglichkeitsprobe beziehungsweise transfusionsmedizinisch freigegebenes Notfallverfahren sicherstellen

  • AB0-Bedside-Test unmittelbar vor jedem Erythrozytenkonzentrat mit frischer Patienten- und Konservenprobe durchführen

  • Testreaktionen als Blutgruppenidentitätskontrolle interpretieren; bei Diskrepanz nicht transfundieren, Blutdepot kontaktieren (♛ ÖGBT Hämotherapie 2019)

Tab. 23 AB0-Kompatibilität bei Erythrozytenkonzentraten und therapeutischem Plasma#

Blutgruppe der empfangenden Person

Kompatible EK-Spender

Kompatible Plasmaspender

0

0

0, A, B, AB

A

A, 0

A, AB

B

B, 0

B, AB

AB

AB, A, B, 0

AB

Die Kompatibilitätsregeln für Erythrozytenkonzentrate und Plasma sind gegenläufig. AB0-identische Komponenten sind nach Möglichkeit zu bevorzugen; die Produktauswahl und Freigabe erfolgen nach transfusionsmedizinischer Vorgabe (♛ ÖGBT Hämotherapie 2019). Die Tabelle berücksichtigt nur das AB0-System, nicht RhD, irreguläre Antikörper oder weitere Kompatibilitätsanforderungen.

Überwachung und Dokumentation

Transfusion; Überwachung

  • Indikation, Aufklärung beziehungsweise Einwilligung, Produktkennung, Beginn und Ende dokumentieren

  • Besonders während der ersten 15 min engmaschig klinisch überwachen

  • Temperatur, Kreislauf, Atmung und gegebenenfalls Sauerstoffsättigung entsprechend Zustand und SOP kontrollieren

  • Auf transfusionsassoziierte Volumenüberlastung (TACO), akute Lungeninsuffizienz (TRALI), Hämolyse, allergische und febrile Reaktionen sowie bakterielle Kontamination achten

Transfusionsreaktion

Transfusionsreaktion; Akutmaßnahmen

  • Transfusion sofort stoppen, venösen Zugang erhalten und mit geeigneter Infusionslösung offen halten

  • Patient:in beurteilen und stabilisieren; Schock, Anaphylaxie oder respiratorische Insuffizienz unverzüglich behandeln

  • Patient:innen- und Konservenidentität sowie AB0-Kompatibilität erneut kontrollieren

  • Blutdepot unverzüglich verständigen, Konserve mit System asservieren und angeforderte Blutproben abnehmen

  • Hämolyseparameter, Nierenfunktion, Elektrolyte, Gerinnung und gegebenenfalls mikrobiologische Diagnostik veranlassen

  • Zwischenfall dokumentieren und gemäß Hämovigilanzvorgaben melden (♛ ÖGBT Hämotherapie 2019)

Bei akuter hämolytischer Transfusionsreaktion stehen Kreislaufstabilisierung, Sicherung der Organperfusion und Behandlung von Hyperkaliämie, Gerinnungsstörung und akutem Nierenschaden im Vordergrund. Keine routinemäßige Hochdosis-Corticosteroidgabe oder forcierte Diurese als spezifische Hämolysetherapie.

Allergische Reaktionen

Transfusion; allergische Reaktion

  • Frühere schwere allergische oder anaphylaktische Transfusionsreaktionen erfragen

  • Bei Verdacht auf anti-IgA-vermittelte Anaphylaxie transfusionsmedizinische Abklärung und gegebenenfalls IgA-arme beziehungsweise gewaschene Komponenten

  • Ein isolierter IgA-Mangel bedeutet nicht zwangsläufig eine anaphylaktische Reaktion (♛ ÖGBT Hämotherapie 2019)

5.8.2. Erythrozytenkonzentrate#

Indikationen und Transfusionstrigger

Erythrozytenkonzentrat; Transfusionstrigger

  • Klinisch stabile Erwachsene: restriktive Transfusionsstrategie, Transfusion bei Hb unter 7 g / dL erwägen

  • Herzchirurgie: gegebenenfalls Schwelle von 7,5 g / dL

  • Orthopädische Eingriffe oder vorbestehende kardiovaskuläre Erkrankung: gegebenenfalls 8 g / dL

  • Aktive Blutung, Ischämie, hämodynamische Instabilität und eingeschränkte Anämietoleranz individuell berücksichtigen

  • Bei stabilen, nicht blutenden Personen ein Erythrozytenkonzentrat, danach klinische und laborchemische Reevaluation (♛ AABB EK 2023)

Bestrahlte Erythrozytenkonzentrate

Erythrozytenkonzentrat; Bestrahlung

  • Prävention der transfusionsassoziierten Graft-versus-Host-Erkrankung (TA-GvHD)

  • Indikationen insbesondere bei Stammzelltransplantation, bestimmten angeborenen Immundefekten, Hodgkin-Lymphom, ausgewählten immunsuppressiven Therapien und HLA-ausgewählten Komponenten

  • Spezielle Indikationen bei intrauterinen Transfusionen, Austauschtransfusionen und Früh- beziehungsweise Neugeborenen

  • Nicht jede Leukämie oder Chemotherapie erfordert automatisch bestrahlte Komponenten; Entscheidung nach transfusionsmedizinischer Vorgabe (♛ ÖGBT Hämotherapie 2019)

Gewaschene Erythrozytenkonzentrate

Erythrozytenkonzentrat; Waschen

  • Bei wiederholten schweren allergischen Transfusionsreaktionen oder ausgewählten IgA-bezogenen Risikokonstellationen

  • Bestellung und Aufbereitung mit dem Blutdepot abstimmen

5.8.3. Therapeutisches Plasma#

Indikationen

Plasma; Indikationen

  • Klinisch relevante komplexe Gerinnungsstörung mit Blutung beziehungsweise vor dringlichem Eingriff

  • Massivblutung mit Verlust- oder Verdünnungskoagulopathie nach geeignetem Blutungsalgorithmus

  • Mangel an Gerinnungsfaktoren ohne geeignetes spezifisches Konzentrat, beispielsweise Faktor V

  • Plasmaaustausch bei thrombotisch-thrombozytopenischer Purpura

  • Nicht als reiner Volumenersatz und nicht zur routinemäßigen Korrektur isoliert pathologischer Gerinnungswerte ohne entsprechende Indikation (♛ ÖGBT Hämotherapie 2019)

Auswahl und Lagerung

Plasma; Lagerung

  • AB0-kompatibles Plasma; Kompatibilitätsschema unterscheidet sich von Erythrozytenkonzentraten

  • Einzelspenderplasma und gepoolte beziehungsweise pathogenreduzierte Präparate unterscheiden

  • Haltbarkeit tiefgefrorener beziehungsweise aufgetauter Präparate nach Produktkennzeichnung und Blutdepotvorgabe

5.8.4. Thrombozytenkonzentrate#

Indikationen

Thrombozytenkonzentrat; Transfusionstrigger

  • Hypoproliferative Thrombozytopenie bei nicht blutenden Erwachsenen: prophylaktisch häufig bei unter 10 000 / µL

  • Größere nichtrückenmarksnahe Operation bei Thrombozytopenie: Transfusion bei unter 50 000 / µL erwägen

  • Aktive Blutung, Thrombozytenfunktionsstörung, neurochirurgische Eingriffe und andere Hochrisikosituationen individuell beurteilen

  • Keine prophylaktische Thrombozytengabe allein wegen kardiopulmonalem Bypass bei normaler Thrombozytenzahl ohne relevante Blutung (♛ AABB TK 2025)

Präparate und Lagerung

Thrombozytenkonzentrat; Lagerung

  • Apherese- oder Pool-Thrombozytenkonzentrat

  • Lagerung üblicherweise bei 20–24 °C unter kontinuierlicher Agitation im Blutdepot

  • Haltbarkeit abhängig vom Herstellungs- und Pathogenreduktionsverfahren; Ablaufdatum am Produkt beachten

  • AB0-identische beziehungsweise kompatible Komponenten bevorzugen; bei RhD-inkompatibler Gabe mögliche Anti-D-Prophylaxe klären (♛ ÖGBT Hämotherapie 2019)

5.8.5. Maschinelle Autotransfusion (MAT)#

Intra- oder postoperative Rückgewinnung und Aufbereitung von Eigenblut mit anschließender Retransfusion der gewaschenen Erythrozyten. Die Aufbereitung ersetzt keine Thrombozyten oder Gerinnungsfaktoren.

Indikationen

Maschinelle Autotransfusion; Indikationen

  • Erwarteter relevanter operativer Blutverlust, beispielsweise in Herz-, Gefäß- und orthopädischer Chirurgie

  • Seltene Blutgruppe, komplexe Antikörperkonstellation oder eingeschränkte Fremdblutverfügbarkeit

  • Blutkonservierung im Rahmen des Patient-Blood-Managements (🗎 UKCSAG MAT 2024)

Einschränkungen und Kontamination

Maschinelle Autotransfusion; Kontraindikationen

  • Nicht in die MAT absaugen: FloSeal™, PerClot™, andere topische Hämostyptika, noch nicht ausgehärteten Knochenzement, Darminhalt und ungeeignete Spüllösungen

  • FloSeal™: Hersteller untersagt ausdrücklich die Aspiration in den autologen Blutrückgewinnungskreislauf (🕮 Baxter FloSeal IFU)

  • PerClot™: Partikeleintrag in den MAT-Kreislauf vermeiden; die ältere Herstellerinformation nennt Waschen und 40-µm-Filtration, jedoch keine generelle Freigabe für das Absaugen mit der MAT (🕮 PerClot IFU 2019)

  • Bei Hämostyptika oder Knochenzement separaten OP-Sauger verwenden; MAT-Sammlung erst nach ausreichender Spülung mit 0,9 % NaCl und Beseitigung der Kontaminationsquelle fortsetzen (🗎 UKCSAG MAT Kontra 2013)

  • Onkologische Eingriffe keine generelle absolute Kontraindikation; individuell entscheiden, direktes Absaugen am Tumor vermeiden, gegebenenfalls geeignete Leukozytendepletionsfilter einsetzen (🗎 Frietsch 2022, 🗎 UKCSAG MAT Kontra 2013)

  • Heparininduzierte Thrombozytopenie (HIT): keine heparinhaltige Antikoagulation; gegebenenfalls geeignetes citratbasiertes Verfahren nach Geräte- und Hausvorgabe

  • Bei Kontaminationsverdacht betroffene Sammelmenge nicht aufbereiten oder retransfundieren (🗎 UKCSAG MAT Kontra 2013)

Aufrüsten und Sammeln

Maschinelle Autotransfusion; Sammelphase

  • Einsatz und mögliche Kontaminationsquellen vorab mit dem operativen Team abstimmen

  • Sammelreservoir mit Antikoagulation vorbereiten; Aufbereitungseinheit (Glocke) bei ausreichender Sammelmenge einsetzen

  • XTRA-Glockengrößen: 55, 125, 175 und 225 mL; dies sind Glockenvolumina, keine Mindest-Sammelmengen (🕮 LivaNova XTRA 2026)

  • Mindestvolumen für einen Aufbereitungszyklus von Glocke, Hämatokrit und Programm abhängig; kein genereller Grenzwert von 1 000 mL

  • Bei Kontakt des Saugers mit kontaminiertem Material Sammlung unterbrechen und getrenntes Absaugen beziehungsweise Verwerfen nach SOP

Aufbereitung

Maschinelle Autotransfusion; Aufbereitung

  • Antikoagulation des Sammelblutes, üblicherweise mit Heparin oder geeignetem Alternativverfahren

  • Filtration, Zentrifugation und Waschen mit isotoner Kochsalzlösung

  • Entfernung wesentlicher Anteile von Plasma, freiem Hämoglobin, Antikoagulanzien und Zelltrümmern

  • Produkt: gewaschene autologe Erythrozyten mit hohem Hämatokrit, jedoch ohne relevante Gerinnungsfaktor- oder Thrombozytensubstitution

Retransfusion

Maschinelle Autotransfusion; Retransfusion

  • Ausschließlich an dieselbe Person; Produkt unmittelbar eindeutig kennzeichnen und zuordnen

  • Standard-Bluttransfusionsbesteck mit 200-µm-Filter; für die XTRA-Retransfusion empfiehlt der Hersteller zusätzlich einen 20–40-µm-Mikroaggregatfilter beziehungsweise ein entsprechend ausgestattetes System (🕮 LivaNova XTRA Manual, 🗎 UKCSAG MAT Filter 2012)

  • Bei besonderen Indikationen gegebenenfalls Leukozytendepletionsfilter, insbesondere bei onkologischen Eingriffen; nicht mit einem Mikroaggregatfilter gleichsetzen (🗎 UKCSAG MAT Filter 2012)

  • Nicht direkt aus dem mit dem XTRA-Kreis verbundenen Primärbeutel retransfundieren; Retransfusion über dafür vorgesehenen, sicher getrennten Beutel beziehungsweise gemäß freigegebener Geräteanweisung

  • Schwerkraftretransfusion, keine Druckmanschette oder ungesicherte Druckinfusion wegen Luftembolierisiko

  • Intraoperativ aufbereitete Erythrozyten bei Raumtemperatur innerhalb von 4 h nach Aufbereitungsende retransfundieren; bei postoperativer Sammlung innerhalb von 6 h ab Sammelbeginn

  • Beutel bei der Patientin beziehungsweise beim Patienten belassen, nicht im Blutkühlschrank lagern; eindeutige Kennzeichnung, klinische Überwachung und vollständige Dokumentation (🗎 UKCSAG MAT 2024, 🕮 LivaNova XTRA Manual)