12.10. Anästhesie bei Schrittmacher- und ICD-Trägern#
Bei Patientinnen und Patienten mit implantiertem Herzschrittmacher, implantierbarem Kardioverter-Defibrillator (ICD) oder kardialem Resynchronisationssystem (CRT) ist das perioperative Risiko insbesondere von Schrittmacherabhängigkeit, elektromagnetischen Interferenzen (EMI), Operationsgebiet und Geräteeigenschaften abhängig. Eine Magnetauflage hat bei Herzschrittmachern und ICDs unterschiedliche Wirkungen und ersetzt keine gerätespezifische Planung (♛ EHRA CIED 2022, 🗎 Wan 2024).
- Funktionsprinzipien und Indikationen
Herzschrittmacher: Behandlung symptomatischer Bradyarrhythmien, insbesondere Sinusknotensyndrom und höhergradiger atrioventrikulärer Blockierungen; auch bei einzelnen angeborenen Herzfehlern
ICD: Erkennung und Behandlung gefährlicher ventrikulärer Tachyarrhythmien durch antitachykarde Stimulation und/oder Schock, beispielsweise bei bestimmten Kardiomyopathien einschließlich hypertropher Kardiomyopathie
CRT-P/CRT-D: Biventrikuläre Resynchronisation bei ausgewählten Patienten mit Herzinsuffizienz und elektrischer Dyssynchronie; CRT-D mit zusätzlicher ICD-Funktion
Bipolare/unipolare Elektroden: Unterschiedliche Anfälligkeit für Störsignale; die Sichtbarkeit von Stimulationsspikes im Oberflächen-EKG ist kein verlässlicher Funktionstest
- Elektromagnetische Interferenzen
Vor allem die monopolare Elektrochirurgie kann vom Aggregat als elektrisches Signal fehlinterpretiert werden. Lange oder wiederholte Kauteraktivierungen sowie die Nähe des Stromwegs zu Aggregat und Sonden erhöhen das Risiko (♛ EHRA CIED 2022).
Schrittmacher: Oversensing kann eine notwendige Stimulation unterdrücken und bei Schrittmacherabhängigkeit Bradykardie bis Asystolie auslösen
ICD: Störsignale können eine Tachyarrhythmie vortäuschen und inadäquate antitachykarde Therapien oder Schocks auslösen; bei integrierter Schrittmacherfunktion ist zusätzlich Stimulationshemmung möglich
Weitere Effekte: Fehlinterpretation des EKGs, vorübergehende Modusänderung und selten Geräte-Reset oder Schädigung
Myopotenziale: Ausgeprägtes Shivering und Faszikulationen, etwa nach Succinylcholin, können insbesondere bei störanfälligen Systemen zu Oversensing beitragen; dies ist kein generelles Verbot von Succinylcholin
12.10.1. Perioperatives Vorgehen#
- Präoperative Planung
Gerätetyp, Hersteller, Modell und Aggregatposition anhand Implantatausweis, vorhandener Geräteabfrage oder Aktenlage feststellen
Indikation, Schrittmacherabhängigkeit, Grunderkrankung sowie zuletzt dokumentierte Batterie-, Elektroden- und Gerätefunktion prüfen
Operationsort, Verwendung monopolarer Elektrochirurgie, Patientinnen- beziehungsweise Patientenlagerung und möglichen Stromweg abschätzen
Bekannte beziehungsweise überprüfte Magnetreaktion dokumentieren und mit der betreuenden Kardiologie beziehungsweise Rhythmologie eine Strategie für Magnetauflage oder Umprogrammierung abstimmen
Externen Defibrillator mit transkutaner Stimulationsmöglichkeit, geeignete Klebeelektroden, Magnet und Kontaktdaten des Geräteteams bereithalten
Vorgehen im OP-Team kommunizieren; bei hoher Interferenzwahrscheinlichkeit Defibrillationselektroden bereits vor Operationsbeginn anbringen, nicht über dem Aggregat
Regionalanästhesie bei geeigneter Indikation erwägen; sie schließt eine Interferenz durch Elektrochirurgie nicht aus (♛ AHA ACC Periop Medizin 2026, 🗎 Wan 2024)
- Elektrochirurgie und Überwachung
Bipolare Verfahren bevorzugen; bei monopolarer Anwendung möglichst niedrige wirksame Leistung und kurze Aktivierungen mit Pausen verwenden
Neutralelektrode so platzieren, dass der Stromweg Aggregat und Sonden möglichst nicht kreuzt; Abstand zum Aggregat und die gesamte Strombahn berücksichtigen
Bei Eingriffen oberhalb des Nabels, insbesondere am Thorax oder in Aggregatnähe, ist das Interferenzrisiko erhöht; unterhalb des Nabels beziehungsweise Beckenkamms meist geringer, aber nicht grundsätzlich ausgeschlossen
Kontinuierliches EKG und zusätzlich eine mechanische Pulskontrolle mittels Pulsoxymetrie-Plethysmografie oder, bei entsprechender Indikation, invasivem arteriellem Druckmonitoring verwenden
EKG-Artefakte und künstlich dargestellte Stimulationsspikes nicht mit wirksamer kardialer Stimulation gleichsetzen (♛ EHRA CIED 2022, 🗎 Wan 2024)
- Geräteeinstellung bei relevanter Interferenzgefahr
Schrittmacherabhängiger Patient mit Schrittmacher/CRT-P: Vorübergehend asynchrone Stimulation (z. B. VOO oder DOO) durch gezielte Programmierung oder, nur bei nachgewiesener und zuverlässig aufrechterhaltbarer Magnetreaktion, durch Magnetauflage
Nicht schrittmacherabhängiger Patient mit Schrittmacher: Häufig keine routinemäßige Umprogrammierung erforderlich; Risiko und Eingriff individuell beurteilen
ICD/CRT-D ohne Schrittmacherabhängigkeit: Bei relevanter Interferenzgefahr antitachykarde Detektion und Therapie durch Programmierung deaktivieren oder bei gesicherter Reaktion und stabiler Magnetlage vorübergehend mittels Magnet unterdrücken
Schrittmacherabhängiger Patient mit ICD/CRT-D: Asynchronen Stimulationsmodus durch Umprogrammierung einstellen und antitachykarde Therapien deaktivieren; die alleinige Magnetauflage genügt nicht
Elektrodenlose Schrittmacher: Magnetwirkung gerätespezifisch; insbesondere Medtronic Micra VR/AV ohne Magnetreaktion, daher bei notwendiger asynchroner Stimulation Programmierung erforderlich (♛ AHA ACC Periop Medizin 2026, 🗎 Wan 2024)
- Magnetauflage
Konventioneller Schrittmacher: Bei entsprechender Gerätekonfiguration meist temporär asynchrone Stimulation mit geräte- und batteriestandsabhängiger Frequenz; die Magnetfunktion kann deaktiviert oder zeitlich begrenzt sein
ICD/CRT-D: In der Regel vorübergehende Unterdrückung der Tachyarrhythmiedetektion und -therapie ohne Änderung des Stimulationsmodus
Besonderheiten: Magnetreaktion und Signalton sind hersteller- und modellspezifisch; Magnetpositionierung muss während des Eingriffs sicher möglich sein
Nach Entfernen: Die ursprüngliche Funktion kehrt bei rein magnetischer Beeinflussung üblicherweise zurück; nach Umprogrammierung ist eine aktive Rückprogrammierung erforderlich (🗎 Wan 2024)
12.10.2. Intraoperative Notfälle#
- Bradykardie oder Asystolie
Elektrochirurgie beziehungsweise andere Störquelle sofort unterbrechen und mechanischen Puls überprüfen
Bei instabiler Bradykardie sofortige Behandlung nach Bradykardiealgorithmus, einschließlich Atropin bei entsprechender Indikation und frühzeitiger transkutaner Stimulation
Bei Schrittmacherabhängigkeit und vermuteter Stimulationshemmung gegebenenfalls gezielte Magnetauflage nur bei bekannter Schrittmacher-Magnetreaktion; bei ICD/CRT-D nicht als Ersatz für asynchrone Programmierung betrachten
Bei fehlendem Kreislauf unverzüglich Reanimation und geeignete externe Stimulation beziehungsweise Defibrillation nach Rhythmusbefund
- Ventrikuläre Tachykardie oder Kammerflimmern
Störquelle unterbrechen; Rhythmus und Kreislaufstatus überprüfen
Bei instabiler ventrikulärer Tachykardie oder Kammerflimmern unverzüglich externe Kardioversion beziehungsweise Defibrillation und gegebenenfalls Reanimation; nicht auf eine ICD-Therapie warten
Wenn durch einen Magneten unterdrückte ICD-Therapien wieder benötigt werden, Magnet entfernen, sofern gefahrlos möglich; nach programmierter Deaktivierung genügt Magnetentfernung nicht
Defibrillationspads möglichst anterior-posterior und mit ausreichendem Abstand zum Aggregat platzieren; eine lebensrettende Schockabgabe darf dadurch nicht verzögert werden (♛ EHRA CIED 2022, 🗎 Wan 2024)
- Inadäquate ICD-Schocks
Elektromagnetische Störung beenden und tatsächlichen Herzrhythmus sowie hämodynamischen Status beurteilen
Bei gesicherter inadäquater Schockabgabe kann eine gerätespezifisch wirksame Magnetauflage die Tachytherapie vorübergehend unterdrücken; externe Defibrillation und Monitoring sicherstellen
Kardiologische beziehungsweise rhythmologische Geräteabfrage und Ursachenklärung veranlassen
12.10.3. Postoperative Versorgung#
Nach Magnetauflage die Entfernung des Magneten und die Rückkehr der vorgesehenen Gerätefunktion kontrollieren
Nach Umprogrammierung die ursprünglichen Stimulationsparameter wiederherstellen und ICD-Tachytherapien zuverlässig reaktivieren, bevor die überwachte Versorgung endet
Bis zur Wiederaktivierung deaktivierter ICD-Therapien kontinuierlich überwachen und externe Defibrillation gewährleisten
Geräteabfrage insbesondere nach relevanter EMI in Aggregatnähe, Schockabgabe, externer Kardioversion/Defibrillation, vermuteter Funktionsstörung oder Geräte-Reset durchführen
Postoperatives EKG, Rhythmus, Kreislaufstatus und Bedarf an Überwachung entsprechend Ausgangserkrankung und intraoperativem Verlauf beurteilen (♛ EHRA CIED 2022, 🗎 Wan 2024)
12.10.4. Schrittmachercodierung und Funktionsstörungen#
- Schrittmachercode (Beispiel DDDR)
1. Stelle: Stimulierte Herzhöhle – A (Atrium), V (Ventrikel), D (dual)
2. Stelle: Wahrgenommene Herzhöhle – A, V, D oder O (keine Wahrnehmung)
3. Stelle: Reaktion auf Wahrnehmung – I (inhibiert), T (getriggert), D (beides), O (keine)
4. Stelle: R (frequenzadaptive Stimulation)
- Funktionsstörungen
Failure to pace: Erwartete Stimulationsimpulse bleiben aus, etwa durch Oversensing, Aggregat- oder Batterieproblem
Failure to capture: Stimulationsimpuls ohne nachfolgende wirksame Depolarisation, etwa bei erhöhter Reizschwelle oder Elektrodenproblem
Undersensing: Intrinsische Herzaktionen werden nicht zuverlässig erkannt; inadäquate Stimulationsimpulse möglich
Oversensing: Fremdpotenziale werden fälschlich als Herzaktionen erkannt; Stimulationshemmung möglich
Weitere Ursachen: Sondendislokation, Sondenbruch, Isolationsdefekt, ausgeprägte Vernarbung, Elektrolytstörung, Batterieerschöpfung oder Generatorfehlfunktion
Das Lokale Vorgehen für perioperative CIED-Umprogrammierung, Verfügbarkeit eines Programmiergeräts, Magnetprüfung und postoperative Rückprogrammierung muss intern abgesteimmt werden.