8.1. Einleitung und Säulen der Reanimation#
Unter Reanimation werden die Maßnahmen zur Wiederherstellung einer wirksamen spontanen Kreislauffunktion bei Herz-Kreislaufstillstand und zur Begrenzung hypoxisch-ischämischer Organschäden verstanden. Die Überlebenswahrscheinlichkeit und das neurologische Behandlungsergebnis hängen wesentlich davon ab, dass der Kreislaufstillstand früh erkannt, unverzüglich Hilfe angefordert, hochwertige Thoraxkompressionen durchgeführt und schockbare Rhythmen möglichst rasch defibrilliert werden. Atemwegsmanagement, Oxygenierung und Ventilation, die Behandlung reversibler Ursachen sowie die strukturierte Versorgung nach Wiederherstellung eines Spontankreislaufs (Return of Spontaneous Circulation, ROSC) ergänzen diese Maßnahmen (♛ ERC 2025 ExSum).
Das Kompendium stellt die Reanimation zunächst anhand ihrer gemeinsamen therapeutischen Grundlagen dar. Die Besonderheiten der Basisreanimation (Basic Life Support, BLS), der erweiterten Reanimation (Advanced Life Support, ALS) und der pädiatrischen Reanimation (Paediatric Life Support, PLS) werden anschließend in eigenen Abschnitten besprochen. Die nachfolgende Gliederung in Säulen ist ein didaktisches Ordnungssystem dieses Kompendiums und kein eigener ERC-Reanimationsalgorithmus.
Hintergrund: ERC-Leitlinien
European Resuscitation Council (ERC) Das European Resuscitation Council (ERC) veröffentlicht regelmäßig europäische Leitlinien zur Reanimation und zur Versorgung von Menschen mit Herz-Kreislaufstillstand. Seit dem Jahr 2000 erscheinen umfassende Aktualisierungen in einem etwa fünfjährigen Rhythmus. Die aktuellen Leitlinien wurden 2025 veröffentlicht (♛ ERC 2025 ExSum).
Sie beruhen auf systematischen Evidenzbewertungen, insbesondere den Consensus on Science with Treatment Recommendations (CoSTR) des International Liaison Committee on Resuscitation (ILCOR), sowie ergänzenden wissenschaftlichen Bewertungen und Expertenkonsens. Sie beschreiben einen evidenzinformierten Handlungsrahmen, der an die jeweiligen rechtlichen, organisatorischen und klinischen Bedingungen angepasst werden muss. Die Leitlinientexte werden im Journal Resuscitation publiziert und sind über das ERC frei zugänglich.
Einheitliches Vorgehen im Reanimationsteam
Die Einführung neuer Leitlinien erfordert eine koordinierte Anpassung der Ausbildung, der klinischen Algorithmen und der verwendeten Ausrüstung (♛ ERC 2025 Edu). Alle Mitglieder eines Reanimationsteams müssen die innerhalb ihrer Organisation vorgesehenen Abläufe kennen und im Team sicher anwenden können. Abweichungen aufgrund besonderer klinischer Umstände erfordern eine klare Entscheidung und Kommunikation durch die Teamleitung sowie die erforderliche Kompetenz und Ausstattung. Insbesondere müssen die verwendeten automatisierten externen Defibrillatoren (AEDs) und manuellen Defibrillatoren sowie ihre jeweiligen Betriebsabläufe berücksichtigt werden.
Bemerkung
Eine neue Leitliniengeneration bedeutet nicht, dass sämtliche bisher angewendeten Verfahren unsicher oder wirkungslos geworden sind. Entscheidend ist eine einheitliche, trainierte und wirksame Umsetzung der jeweils geltenden Algorithmen.
Säulen der Reanimation
Die Maßnahmen lassen sich für didaktische Zwecke in sieben Säulen gliedern:
Erkennen der Reanimationspflichtigkeit und frühzeitige Alarmierung
Mechanische Therapie durch hochwertige Thoraxkompressionen
Oxygenierung und Ventilation einschließlich Atemwegsmanagement
Elektrotherapie bei schockbaren Herzrhythmen
Pharmakotherapie einschließlich Gefäßzugang im Rahmen des ALS
Kausale Therapie reversibler Ursachen des Kreislaufstillstands
Postreanimationsversorgung nach Wiederherstellung eines Spontankreislaufs
Diese Säulen sind nicht als nacheinander abzuarbeitende Handlungsschritte zu verstehen. Ihre zeitliche Priorisierung und ihr Zusammenspiel richten sich nach dem jeweiligen Reanimationsalgorithmus und der klinischen Situation.
Fig. 176 Die drei Könige der Basisreanimation [© Lena Hirtler, ℓ MfG]#
Die ERC-Leitlinien 2025 betonen unter dem Konzept Systems Saving Lives, dass das Überleben nach Herz-Kreislaufstillstand nicht allein durch einzelne therapeutische Maßnahmen, sondern auch durch gut organisierte Rettungs- und Versorgungssysteme verbessert wird. Dazu gehören insbesondere die frühe Erkennung, die standardisierte Leitstellenabfrage und telefonische Reanimationsanleitung, die Alarmierung von Ersthelfenden, die Verfügbarkeit von AEDs, Schulung und Qualitätssicherung sowie die Versorgung und Nachsorge der Überlebenden (♛ ERC 2025 System).