9.3.2. Kardiomyopathien#
Hypertrophe obstruktive Kardiomyopathie (HOCM)#
Bei der hypertrophen obstruktiven Kardiomyopathie besteht eine meist durch asymmetrische Septumhypertrophie und systolische Vorwärtsbewegung der Mitralklappe (systolic anterior motion, SAM) bedingte dynamische Obstruktion des linksventrikulären Ausflusstrakts (LVOT). Die Obstruktion kann in Ruhe bestehen oder erst durch Provokation auftreten. Ein maximaler LVOT-Gradient ≥ 30 mm Hg definiert die Obstruktion; ab ≥ 50 mm Hg ist sie meist hämodynamisch relevant und bei entsprechender Symptomatik eine Schwelle für spezifische Therapieentscheidungen (♛ ESC Kardiomyopathien 2023).
- Klinik
Angina pectoris, Belastungsdyspnoe, Synkope oder Präsynkope, Herzinsuffizienz
Vorhofflimmern, ventrikuläre Rhythmusstörungen, thromboembolischer Schlaganfall bei Vorhofflimmern
Symptomzunahme unter körperlicher Belastung, Tachykardie, Hypovolämie sowie während Anästhesie und Operation
- Diagnostik
EKG: linksventrikuläre Hypertrophie, Arrhythmien, Repolarisations- beziehungsweise ST-Strecken-Veränderungen
Echokardiografie: Septumhypertrophie, SAM, Mitralinsuffizienz und LVOT-Gradient in Ruhe sowie gegebenenfalls unter Provokation
Gegebenenfalls Kardio-MRT, Langzeit-EKG und familienbezogene beziehungsweise genetische Abklärung
Bei akuten Angina-pectoris-Beschwerden oder neuen Ischämiezeichen ein akutes Koronarsyndrom (AKS) differenzialdiagnostisch berücksichtigen (♛ AHA ACC HCM 2024)
Anästhesiologisches Management#
Hämodynamisches Ziel: Vorlast und Nachlast erhalten, Tachykardie sowie eine Steigerung der Inotropie vermeiden. Eine Abnahme der Vorlast oder des systemischen Gefäßwiderstands und eine Zunahme von Herzfrequenz oder Kontraktilität können die dynamische LVOT-Obstruktion verstärken (♛ AHA ACC Periop Medizin 2024).
- Präoperativ
Belastbarkeit, Synkopen, Arrhythmien, Obstruktionsgrad und echokardiografischen Befund beurteilen
Bestehende Betablocker beziehungsweise nichtdihydropyridine Kalziumantagonisten perioperativ grundsätzlich fortführen
ICD und gegebenenfalls Schrittmacherfunktion in die perioperative Planung einbeziehen
- Intraoperativ
Normovolämie und ausreichenden systemischen Gefäßwiderstand anstreben; Hypovolämie und ausgeprägte Vasodilatation vermeiden
Tachykardie vermeiden; Sinusrhythmus möglichst erhalten
Anästhetika titriert applizieren und hämodynamisch relevante Sympathikusaktivierung verhindern
Monitoring dem Eingriffs- und Erkrankungsrisiko anpassen, bei größeren Eingriffen gegebenenfalls invasive arterielle Blutdruckmessung
Regionalanästhesie bei geeigneter Indikation möglich; rasche oder ausgeprägte Sympathikolyse vermeiden
- Akute Hypotonie
Blutungs- und Volumenstatus prüfen, bei Hypovolämie vorsichtige, bedarfsgerechte Volumengabe
Bei persistierender Hypotonie vorzugsweise vasokonstriktorische Therapie ohne positive Inotropie, z. B. Phenylephrin oder Vasopressin
Positiv inotrope Katecholamine nach Möglichkeit vermeiden, da sie die LVOT-Obstruktion verstärken können
Bei vermuteter dynamischer LVOT-Obstruktion Echokardiografie, gegebenenfalls TEE, erwägen; in ausgewählten Fällen zusätzliche Betablockade
Die Behandlung einer Hypotonie muss sich nach dem tatsächlichen Mechanismus richten; insbesondere ist eine obstruktionsbedingte Kreislaufinstabilität von anderen Schockursachen abzugrenzen (♛ AHA ACC Periop Medizin 2024).
Therapie und Prognose#
- Medikamentöse Therapie
Nichtvasodilatierende Betablocker als Erstlinientherapie bei symptomatischer LVOT-Obstruktion
Verapamil oder Diltiazem bei fehlender Eignung oder Unverträglichkeit von Betablockern; Verapamil bei sehr hohem Gradienten oder ausgeprägter Hypotonie problematisch
Bei weiterhin ausgeprägter Symptomatik Disopyramid oder ein kardialer Myosin-Inhibitor wie Mavacamten beziehungsweise interventionelle Therapie nach Beurteilung in einem spezialisierten Zentrum
Unter Mavacamten regelmäßige Kontrolle der linksventrikulären Ejektionsfraktion und Beachtung relevanter Wechselwirkungen (⚖ EMA Camzyos 2023)
Vasodilatatoren und forcierte Diurese bei LVOT-Obstruktion möglichst vermeiden; bei Stauung nur vorsichtige Diuretikagabe (♛ AHA ACC HCM 2024)
- Septumreduktion
TASH (transkoronare Ablation der Septumhypertrophie): gezielte Alkoholinjektion in einen Septalast zur lokalen Myokardnekrose
Septale Myektomie: operative Resektion des hypertrophierten Septumanteils, gegebenenfalls mit Mitralklappeneingriff
ERASH (endokardiale Radiofrequenzablation der Septumhypertrophie): alternatives Verfahren mit begrenzter Evidenz und ohne etablierten Stellenwert gegenüber TASH oder Myektomie
- Primärprävention des plötzlichen Herztods
Eine ICD-Implantation wird nach individueller Risikostratifizierung erwogen, unter anderem anhand von Synkopen, Familienanamnese, maximaler Wanddicke, ventrikulären Tachykardien, linksventrikulärer Funktion und MRT-Befunden. Eine HOCM allein begründet noch keine generelle ICD-Indikation (♛ ESC Kardiomyopathien 2023, ♛ AHA ACC HCM 2024).
Eine invasive Septumreduktion ist insbesondere bei anhaltender relevanter Symptomatik und LVOT-Gradient ≥ 50 mm Hg trotz geeigneter medikamentöser Therapie zu prüfen. Die Verfahrenswahl erfolgt im erfahrenen HCM-Zentrum (♛ ESC Kardiomyopathien 2023).