12.1.6. Präoperative Gerinnungsdiagnostik#
Die standardisierte Blutungs- und Thromboseanamnese ist die Grundlage der präoperativen Gerinnungsevaluierung. Die Indikation zur Laboruntersuchung ergibt sich aus Anamnese, klinischem Befund, Begleiterkrankungen, Medikation und eingriffsbezogenem Blutungsrisiko. Ungezielte globale Gerinnungstests erlauben keine zuverlässige Vorhersage perioperativer Blutungskomplikationen. Normale PTZ- und aPTT-Werte schließen insbesondere Störungen der primären Hämostase nicht aus (♛ OeGARI Praeop Eval 2026, ♛ OeGARI Gerinnungseval 2024).
Die nachfolgenden Empfehlungen gelten primär für elektive Eingriffe. Bei dringlichen oder notfallmäßigen Eingriffen müssen Diagnostik und Therapie entsprechend der verfügbaren Zeit und dem individuellen Risiko angepasst werden.
Standardisierte Gerinnungsanamnese#
Die Gerinnungsanamnese soll frühzeitig und mittels eines standardisierten Fragebogens erhoben, ärztlich überprüft und dokumentiert werden. Bei Sprachbarrieren sind geeignete Dolmetschdienste einzubeziehen. Ist eine zuverlässige Anamnese auch fremdanamnestisch nicht zu erheben, ist eine mögliche Blutungsneigung bei der weiteren Risikostratifizierung zu berücksichtigen (♛ OeGARI Gerinnungseval 2024).
- Spontane Blutungszeichen
Blutungszeichen; Gerinnungsanamnese
Wiederholtes, nicht durch lokale Ursachen erklärbares Nasenbluten
Spontane Hämatome, Ekchymosen oder Petechien, insbesondere an ungewöhnlichen Körperstellen
Verlängertes Nachbluten kleiner Schnitt- und Schürfwunden
Muskel-, Weichteil- oder Gelenkblutungen
Verlängerte oder verstärkte Menstruationsblutungen, insbesondere seit der Menarche
- Blutungen nach hämostatischer Belastung
Verstärkte Blutung oder Nachblutung bei früheren Operationen und Interventionen
Blutung nach Zahnextraktion, Tonsillektomie oder anderen Schleimhauteingriffen
Erforderliche Nachbehandlung, Reoperation, Bluttransfusion oder Gerinnungstherapie
Verzögerte Nachblutung und auffällige Wundheilungsstörungen
- Familienanamnese
Gerinnungsstörungen; Familienanamnese
Bekannte Hämophilie, von-Willebrand-Syndrom oder andere Blutungsstörungen bei Blutsverwandten
Auffällige Blutungssymptome bei Verwandten ersten Grades
Familiäre Thrombosen oder bekannte Thrombophilie, insbesondere bei jungen Betroffenen
- Thromboseanamnese
Thromboseanamnese; präoperativ
Frühere tiefe Venenthrombosen und Lungenembolien, Zeitpunkt und auslösende Faktoren
Frühere arterielle thromboembolische Ereignisse
Rezidivierende Ereignisse, bestehende Antikoagulationsindikation und bekannte Thrombophilie
- Medikamentenanamnese
Antithrombotische Therapie; präoperative Anamnese
Vitamin-K-Antagonisten, direkte orale Antikoagulanzien (DOAK), Heparine und Fondaparinux
Thrombozytenfunktionshemmer, insbesondere Acetylsalicylsäure (ASS) und P2Y₁₂-Inhibitoren
Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), beispielsweise Ibuprofen und Diclofenac
Antidepressiva mit Einfluss auf die Thrombozytenfunktion, insbesondere SSRI und SNRI
Phytopharmaka und Nahrungsergänzungsmittel, insbesondere Ginkgo-Präparate
Die Einnahme gerinnungswirksamer Medikamente ist einschließlich Indikation, Dosis und letzter Einnahme zu dokumentieren. Eine Thromboseanamnese und eine Blutungsanamnese sind unabhängig voneinander zu bewerten.
Indikation zur präoperativen Gerinnungsanalytik#
- Unauffällige Anamnese ohne weitere Risikofaktoren
Bei asymptomatischen Personen vor nicht blutungsriskanten elektiven Eingriffen keine routinemäßige PTZ-, aPTT- oder Fibrinogenbestimmung
ASA I oder II allein begründet keine Laborindikation
Auch ein ASA-Status ab III begründet nicht automatisch ein vollständiges Gerinnungslabor; gegebenenfalls organspezifische Fragestellung prüfen
- Auffällige oder nicht erhebbare Blutungsanamnese
Gezielte diagnostische Abklärung entsprechend der Symptomatik und des Eingriffsrisikos
Als erste Untersuchungen je nach Fragestellung Blutbild mit Thrombozytenzahl, PTZ/Quick beziehungsweise INR, aPTT und Fibrinogen
Bei Verdacht auf primäre Hämostasestörung zusätzliche von-Willebrand-Diagnostik und/oder Thrombozytenfunktionsdiagnostik
Bei pathologischen Befunden oder weiterbestehendem Verdacht hämostaseologische Mitbeurteilung
- Spezifische Begleiterkrankungen und Therapien
Lebererkrankung oder Verdacht auf Vitamin-K-Mangel: PTZ/INR vor großen Eingriffen erwägen
Vitamin-K-Antagonisten: INR zur Bestimmung der Antikoagulationswirkung
Geplante intraoperative Heparinisierung: aPTT beziehungsweise verfahrensbezogen geeignete Gerinnungsüberwachung
Verdacht auf Hämophilie A/B, Faktor-XI-Mangel, schweres von-Willebrand-Syndrom oder Antiphospholipidsyndrom: aPTT und gezielte weiterführende Diagnostik erwägen
Bekannte angeborene Blutungsstörung: betroffene Gerinnungsfaktoren gezielt bestimmen und interdisziplinäres Vorgehen festlegen
- Eingriffe mit besonders hohem Blutungsfolgenrisiko
Bei intrakraniellen und spinalen Eingriffen kann eine erweiterte präoperative Gerinnungsdiagnostik einschließlich Fibrinolyse- und Thrombozytenfunktionsuntersuchungen erwogen werden
Umfang und Interpretation der Untersuchungen mit dem operativen und gegebenenfalls hämostaseologischen Team festlegen
Die genannten Indikationen entsprechen der ♛ OeGARI Praeop Eval 2026. Die Empfehlung der ÖGARI-Arbeitsgruppe Perioperative Gerinnung ergänzt die risikoadaptierte Diagnostik bei auffälliger oder nicht erhebbarer Anamnese (♛ OeGARI Gerinnungseval 2024).
Primäre Hämostase und spezielle Gerinnungsdiagnostik#
- Von-Willebrand-Syndrom (vWS)
Von-Willebrand-Syndrom; präoperative Diagnostik
Bei entsprechender Blutungsanamnese von-Willebrand-Faktor-Antigen (vWF:Ag) und vWF-Aktivität bestimmen
Faktor-VIII-Aktivität ergänzen
Die früher gebräuchliche Ristocetin-Cofaktor-Aktivität (vWF:RCo) ist eine mögliche Methode zur Aktivitätsbestimmung; die konkrete Testmethode richtet sich nach dem verfügbaren Laborverfahren
- Thrombozytenfunktionsstörungen
Thrombozytenfunktion; präoperative Diagnostik
Bei Verdacht auf eine qualitative Thrombozytenfunktionsstörung gezielte Funktionsdiagnostik, beispielsweise PFA-100™ beziehungsweise PFA-200™ oder Thrombozytenaggregometrie
Weiterführend Lichttransmissionsaggregometrie (LTA) oder Impedanzaggregometrie (z. B. Multiplate™) nach hämostaseologischer Fragestellung
PFA und Aggregometrie nicht als ungezielte Routinetests anwenden; Befunde unter Berücksichtigung von Thrombozytenzahl, Hämatokrit und Medikamenten interpretieren
- Plasmatische Faktorenmängel
Gerinnungsfaktoren; präoperative Diagnostik
Hämophilie A: Faktor-VIII-Aktivität
Hämophilie B: Faktor-IX-Aktivität
Verdacht auf Faktor-XI-Mangel: Faktor-XI-Aktivität
Verdacht auf Faktor-XIII-Mangel, beispielsweise bei verzögerten Nachblutungen oder auffälliger Wundheilung: Faktor-XIII-Aktivität
Bei positiver Blutungsanamnese ist die gezielte Spezialdiagnostik nach Möglichkeit mit einer hämostaseologisch erfahrenen Stelle abzustimmen (♛ OeGARI Gerinnungseval 2024).
Gerinnungshemmende Medikamente und Drugmonitoring#
Das perioperative Management antithrombotischer Medikamente wird anhand von Thromboembolierisiko, Blutungsrisiko, Nierenfunktion, Eingriffsart und Anästhesieverfahren individuell festgelegt. Eine generelle dreitägige Pause von ASS, Ibuprofen und Diclofenac ist nicht gerechtfertigt. Insbesondere eine bestehende Thrombozytenhemmung nach koronarer Stentimplantation darf nicht ohne Prüfung der kardialen Indikation unterbrochen werden (♛ OeGARI Gerinnungseval 2024).
- Vitamin-K-Antagonisten
Vitamin-K-Antagonisten; Gerinnungsdiagnostik
INR zur Beurteilung der Antikoagulationswirkung
Perioperatives Vorgehen einschließlich einer möglichen Überbrückung abhängig von Indikation und thromboembolischem Risiko
- Unfraktioniertes Heparin (UFH)
Heparin; Gerinnungsdiagnostik
Wirkungsbeurteilung je nach Dosierung und Situation mittels aPTT oder geeigneter Anti-Xa-Messung beziehungsweise ACT bei entsprechenden Interventionen
- Niedermolekulare Heparine und Fondaparinux
Anti-Xa-Aktivität; Gerinnungsdiagnostik
Bei begründeter Fragestellung Wirkungsbeurteilung mittels substanzgeeignetem Anti-Xa-Verfahren
Keine generelle Anti-Xa-Routinebestimmung bei jeder prophylaktischen Anwendung
- Direkte Faktor-Xa-Inhibitoren
Faktor-Xa-Inhibitoren; Drugmonitoring
Apixaban, Edoxaban und Rivaroxaban: für den jeweiligen Wirkstoff kalibrierte Anti-Xa-Bestimmung zur quantitativen Spiegelmessung
Eine auf Heparin kalibrierte Anti-Xa-Messung kann gegebenenfalls auf das Vorhandensein einer Faktor-Xa-hemmenden Wirkung hinweisen, ersetzt aber keine substanzspezifische Quantifizierung
- Direkter Thrombininhibitor Dabigatran
Dabigatran; Drugmonitoring
Thrombinzeit als empfindlicher qualitativer Hinweis auf eine Dabigatranwirkung
Verdünnte Thrombinzeit mit Dabigatran-Kalibration für die quantitative Bestimmung
- Thrombozytenfunktionshemmer
Thrombozytenfunktionshemmer; Drugmonitoring
Bei spezieller Fragestellung aggregometrische Untersuchung, beispielsweise ASPI-Test unter ASS oder ADP-Test unter P2Y₁₂-Inhibitoren
Keine routinemäßige Testung ohne Konsequenz für das perioperative Vorgehen
Eine Bestimmung der DOAK-Restwirkung kann insbesondere bei eingeschränkter Nierenfunktion vor großen Eingriffen sinnvoll sein (♛ OeGARI Praeop Eval 2026). PTZ und aPTT sind keine verlässlichen quantitativen Messverfahren für die Wirkung sämtlicher DOAK. Bei rückenmarksnaher oder tiefer Regionalanästhesie sind die hierfür geltenden speziellen Empfehlungen und Sicherheitsabstände zu beachten (♛ OeGARI Gerinnung RA 2024).
Auffällige Thromboseanamnese und perioperatives Vorgehen#
Bei früherer venöser Thromboembolie oder bekannter Thrombophilie ist das aktuelle thromboembolische Risiko zu beurteilen. Daraus ergeben sich Entscheidungen zur perioperativen Antikoagulation, mechanischen und medikamentösen Thromboseprophylaxe sowie zum Zeitpunkt der Wiederaufnahme einer unterbrochenen Therapie. Eine frühere Thrombose begründet nicht automatisch eine umfassende präoperative Thrombophiliediagnostik; diese ist nur bei einer konkreten, therapeutisch relevanten Fragestellung zu veranlassen.
Bei gesicherter Gerinnungsstörung, unklarer Blutungsneigung oder konkurrierendem hohem Blutungs- und Thromboserisiko ist ein interdisziplinärer Behandlungsplan einschließlich postoperativer Überwachung und Wiederaufnahme antithrombotischer Medikamente zu dokumentieren.