7.2. Crew Resource Management (CRM)#

Crew Resource Management beziehungsweise Crisis Resource Management (CRM) bezeichnet die koordinierte Nutzung personeller, technischer und organisatorischer Ressourcen zur Vermeidung von Fehlern und zur sicheren Bewältigung kritischer Situationen. CRM ergänzt medizinische Fachkompetenz um Kommunikation, Führung, Situationsbewusstsein, Entscheidungsfindung und Aufgabenverteilung (🗎 Rall Dieckmann 2005, 🕮 Rall CRM Intensiv 2025).

7.2.1. Grundprinzipien#

Die 15 CRM-Leitsätze nach Rall und Gaba sind auch außerhalb akuter Krisen anwendbar (🕮 Rall CRM Intensiv 2025).

  1. Arbeitsumgebung kennen – Personal, Geräte, Notfallmaterial und Alarmierungswege

  2. Vorausdenken und planen – wahrscheinliche Komplikationen und Alternativen berücksichtigen

  3. Frühzeitig Hilfe anfordern – Unterstützung vor Überlastung organisieren

  4. Führung und Mitarbeit wahrnehmen – Teamleitung übernehmen oder wirksam unterstützen

  5. Arbeitsbelastung verteilen – Aufgaben gezielt delegieren

  6. Alle Ressourcen mobilisieren – Fachpersonen, Geräte, Informationen und Zeit

  7. Effektiv kommunizieren – klar, direkt und adressiert

  8. Alle Informationen nutzen – Beobachtungen des gesamten Teams einbeziehen

  9. Fixierungsfehler vermeiden – Diagnose und Vorgehen bei Widersprüchen hinterfragen

  10. Gegenprüfen – kritische Entscheidungen und Maßnahmen unabhängig kontrollieren

  11. Merkhilfen verwenden – Algorithmen, Checklisten und Dosierungshilfen

  12. Wiederholt reevaluieren – Wirkung und Situationsentwicklung überprüfen

  13. Teamarbeit fördern – Rückmeldungen und gegenseitige Unterstützung ermöglichen

  14. Aufmerksamkeit gezielt einsetzen – Wesentliches priorisieren, Ablenkungen reduzieren

  15. Prioritäten dynamisch anpassen – auf neue Befunde und Risiken reagieren

7.2.2. 10 for 10 – Team-Timeout#

10 Sekunden innehalten, um die nächsten 10 Minuten zu strukturieren. Das Team-Timeout dient der gemeinsamen Situationsbeurteilung, Priorisierung und Aufgabenverteilung. Die Zeitangaben sind eine Merkregel, keine starre Vorgabe. Lebensrettende Maßnahmen dürfen dafür nicht unterbrochen werden, insbesondere nicht Thoraxkompressionen, Beatmung oder die Behandlung einer unmittelbar vitalen Bedrohung (🕮 Rall CRM Intensiv 2025).

Ablauf

Team-Timeout; 10 for 10

  1. Stopp und Überblick – parallele, nicht dringliche Tätigkeiten kurz zurückstellen

  2. Situation benennen – Was ist das Problem? Was wissen wir sicher?

  3. Ziel und Prioritäten festlegen – Was muss als Nächstes erreicht werden?

  4. Aufgaben verteilen – Wer übernimmt was? Welche Hilfe oder Ressourcen fehlen?

  5. Kontrolle vereinbaren – Woran erkennen wir Erfolg? Wann beurteilen wir die Lage erneut?

Auslöser
  • Unerwartete Verschlechterung oder unklare Diagnose

  • Mehrere gleichzeitige Aufgaben mit unklarer Priorität

  • Wiederholte erfolglose Maßnahmen oder widersprüchliche Beobachtungen

  • Teamwechsel, neue Unterstützung oder wesentlicher Strategiewechsel

Beispiel: Intraoperative Kreislaufinstabilität
  • Teamleitung: “10 for 10: Wir haben eine anhaltende Hypotonie. Was sind die aktuellen Befunde?”

  • Team: Relevante Befunde, plausible Ursachen und unmittelbare Gefahren nennen

  • Teamleitung: “Wir priorisieren Kreislaufstabilisierung und Ursachenklärung. Person A übernimmt Monitoring und Verlauf, Person B bereitet die angeforderten Maßnahmen vor, Person C organisiert Unterstützung.”

  • Reevaluation: “Erneute gemeinsame Lagebeurteilung nach der nächsten Maßnahme beziehungsweise sofort bei weiterer Verschlechterung.”

7.2.3. Kommunikation und Teamführung#

Teamleitung

Teamführung; CRM

  • Führungsverantwortung ausdrücklich benennen

  • Lage, Behandlungsziel und nächsten Schritt hörbar zusammenfassen (shared mental model)

  • Aufgaben namentlich und eindeutig vergeben; Durchführbarkeit überprüfen

  • Bei Überlastung oder erforderlicher Expertise frühzeitig Unterstützung anfordern

  • Rückmeldungen, Einwände und alternative Erklärungen aktiv einfordern

Closed-Loop-Kommunikation

Closed-Loop-Kommunikation; CRM

  1. Auftrag: “Alex, bitte die nächste Blutgasanalyse abnehmen.”

  2. Rückmeldung: “Ich nehme jetzt die Blutgasanalyse ab.”

  3. Bestätigung und Abschluss: “Bestätigt.” – “Probe ist abgenommen und unterwegs.”

Kritische Aufträge werden adressiert, wiederholt beziehungsweise bestätigt und nach Durchführung rückgemeldet (🕮 AHRQ TeamSTEPPS 2024).

Speak-up und Sicherheitsbedenken

Speak-up; Patientensicherheit

  • Bedenken unmittelbar, konkret und respektvoll äußern

  • Bei Nichtbeachtung erneut ansprechen (Two-Challenge Rule)

  • Bei fortbestehender Gefährdung Maßnahme stoppen beziehungsweise eskalieren, sofern dies sicher möglich ist

  • Einwände unabhängig von Berufsgruppe und Hierarchie ausdrücklich zulassen (🕮 AHRQ TeamSTEPPS 2024)

7.2.4. Strukturierte Entscheidungsfindung#

FOR-DEC

FOR-DEC; Entscheidungsfindung

  • F – Facts: gesicherte Fakten und offene Fragen

  • O – Options: mögliche Handlungsoptionen

  • R – Risks and Benefits: Nutzen und Risiken abwägen

  • D – Decision: Entscheidung treffen

  • E – Execution: Umsetzung mit klaren Verantwortlichkeiten

  • C – Check: Wirkung prüfen und Vorgehen anpassen

Das Schema strukturiert Entscheidungen unter Zeitdruck (🗎 Häske 2019). Ein 10-for-10-Timeout kann zur Durchführung einer verkürzten FOR-DEC-Abwägung verwendet werden. Bei unmittelbar vitaler Gefährdung erfolgt die erforderliche Notfalltherapie ohne Verzögerung.

7.2.5. Briefing, Checklisten und Debriefing#

Briefing vor risikoreichen Maßnahmen

Briefing; CRM

  • Behandlungsziel, Plan A und Rückfallebene

  • Aufgabenverteilung und benötigte Ressourcen

  • Erwartete Schwierigkeiten, kritische Grenzen und Eskalationskriterien

  • Gegebenenfalls WHO-Sicherheitscheckliste vor Narkoseeinleitung, Hautschnitt und Verlassen des Operationssaals (🕮 WHO Surgical Checklist 2009)

Checklisten und kognitive Hilfen

Checklisten; Krisenmanagement

  • In Notfallsituationen frühzeitig verfügbare Algorithmen verwenden

  • Nach Möglichkeit eine Person mit dem Vorlesen beziehungsweise Nachhalten der Checkliste beauftragen

  • Checklisten unterstützen die Behandlung, ersetzen aber nicht die klinische Beurteilung

Debriefing nach kritischen Ereignissen

Debriefing; CRM

  • Was war geplant, was ist tatsächlich geschehen?

  • Was hat gut funktioniert?

  • Wo gab es Kommunikations-, Ressourcen- oder Prozessprobleme?

  • Welche konkrete Verbesserung und welche Zuständigkeit ergeben sich daraus?

CRM-Kompetenzen sollen interprofessionell und simulationsbasiert trainiert werden. Die Übertragbarkeit des Trainings in den klinischen Alltag ist beschrieben; ein gesicherter Mortalitätsvorteil lässt sich aus der begrenzten Studienlage nicht pauschal ableiten (🗎 Boet 2014).