Patient Assessment & Management

6. Patient Assessment & Management#

Unter dem Begriff Patientenmanagement fasst man alle Maßnahmen und Entscheidungen zusammen, die der Untersuchung, Betreuung und Behandlung von Patienten und Abhandlung von Einsätzen und anderen patientenbezogenen Aufträgen dienen, sowie die richtige und angemessene zeitliche Abfolge dieser Maßnahmen.

Dieser Abschnitt behandelt die richtige Kombination der in anderen Kapiteln beschriebenen Maßnahmen in einen funktionierenden und vorteilhaften Ablauf der Patientenversorgung. Grundbausteine sind dabei die Kenntnis und das Beherrschen von medizinischem Wissen und sanitätshilflichen Fertigkeiten. Das Erarbeiten von (Verdachts-) Diagnosen mittels Patientengespräch und Untersuchungen sowie das Beherrschen der theoretisch-medizinischen Grundlagen sind weitere Voraussetzungen für effektives und professionelles Arbeiten.

Gutes Patientenmanagement bringt Struktur

Gerade zu Beginn der Tätigkeit als medizinische Fachkraft fühlt man sich bei Konfrontation mit Patienten durch die große Menge an Sinneseindrücken und Informationen überfordert. Das Erkennen, was in einer Situation wichtig und was weniger wichtig ist, ist selbst für erfahrenes Personal oft nicht einfach. Um diesem Umstand zu begegnen, haben sich strukturierte Vorgehensweisen bewährt, welche als grundsätzliche Leitlinie dienen, und sowohl dem Personal, als auch dem Patienten ein hohes Maß an Sicherheit geben. Patientenmanagement besteht aus vielen einzelnen Komponenten, welche wie eine Maschine zusammenarbeiten.

Einschätzungsblock

Ziel des Einschätzungsblocks ist das rasche Erkennen einer vitalen Bedrohung, Überblick zu gewinnen und Hauptbeschwerden/Leitsymptome zu ermitteln. Das Modell folgt dem Grundsatz “Treat first what kills first” und die traditionelle Reihenfolge “Atemwege – Atmung – Kreislauf” wird natürlich beibehalten. Diese Interpretation des ABCDE-Models ermöglicht einer geradlinigen Struktur zu folgen, welche dennoch genügend Freiraum für spezielle Situationen bietet und als Screening für die wichtigsten vital bedrohlichen Erkrankungen (und Verletzungen) geeignet ist. Der Einschätzungsblock ist eine Einheit und folgt einem durchgängigen Schema, bei dem die Aktionen flüssig nacheinander abgearbeitet und nur durch Sofortmaßnahmen unterbrochen werden.[1] Der Einschätzungsblock muss in regelmäßigen Abständen sowie bei Verdacht in angemessenem Umfang wiederholt werden, um eine Verschlechterung des Patientenzustandes rechtzeitig zu erkennen.

Das ABCDE-Schema bzw. der Geringschätzung ①—Ⓔ dient der Erkennung von vital bedrohten Patienten und dem Erkennen von Hauptbeschwerden und Leitsymptomen, es deckt nicht sämtliche mögliche Untersuchungen ab! Weiterführende Untersuchungen und Anamneseschritte bzw. Maßnahmen werden nach dem Einschätzungsblock nach Bedarf durchgeführt.[2]

Die angegebenen Maßnahmen stellen grundsätzlich nur (häufige) Beispiele dar. Eine umfassende Aufzählung aller möglichen Sofortmaßnahmen würde den Rahmen sprengen und wäre sehr unübersichtlich. Außerdem führt eine taxative Aufzählung zu einer Einschränkung der Flexibilität von besonders qualifiziertem Personal. Weiters müssen Maßnahmen immer situationsgerecht sein, und können aufgrund der Vielzahl an Variablen nicht starr in Form von Standard Operating Procedures (SOP) festgeschrieben werden.

Tab. 41 Alarmzeichen: Wann ist eine vitale Bedrohung wahrscheinlich? Eine Übersicht.#

Massive Störung

Alarmsymptome

Alarmdiagnosen

Bewusstsein

Atemnot, die sich nicht bessert

Herzinfarkt

Atemweg / Atmung

Brodelndes Atemgeräusch

Kardiales Lungenödem

Kreislauf!

Thoraxschmerz

Status epilepticus

(3ABC)

Schocksymptome

Beckenfraktur

entgleiste Vitalwerte

Rückenmarksverletzung

schwere Verletzungen

Hirndruckzeichen

Tab. 42 1–E Kurzübersicht#

Abschnitt

Beurteilung / Untersuchung

Typische Maßnahmen

Szeneüberblick & Schutz

  • Gefahrenzonen, Sicherheit, Selbst- u. Fremdschutz;

  • Umstände, Umgebung, Ort, Zeit, Patientenanzahl;

  • Trauma? Unfallmechanismus?

  • Weitere Ressourcen erforderlich?, Großschaden?

  • Lagemeldung erforderlich

  • GAS-Maßnahmen (Gefahrenzone)

  • Lagemeldung

  • Schutzausrüstung

  • Nachforderung weiterer Kräfte

Eindruck

  • Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Gesichtsausdruck, Haltung, spontane,Bewegungen, Sprache

  • Offensichtliche Verletzungen, Blutungen - Sonstige Auffälligkeiten

  • Manuelle HWS-Fixierung

  • Stillung von starken Blutungen

  • Bewegungsverbot

Bewusstsein

  • Bewusstseinsgrad (WASB)

  • NA-Nachforderung

Hauptbeschwerde

  • Berufungsgrund und Leitsymptome

Airway (Atemweg)

  • Inspektion der Atemwege (Mund, Nase)

  • Atemgeräusche

  • Absaugung, Fremdkörper entfernen

  • Kopf überstrecken, Esmarch-Handgriff

  • Erweiterte Maßnahmen

Breathing (Atmung)

  • Schätzen: Atemfrequenz, -tiefe

  • SpO₂

  • Atemgeräusche

  • Inspektion der Thorax-Atembewegungen

  • Zeichen der Atemnot: Hautfarbe, Bauch-/Thoraxbewegungen, Anstrengung beim Atmen, Atemhilfsmuskulatur, …

  • Auskultation: Seitenvergleich, Lungenbasen

  • Reanimation

  • Assistierte Beatmung (bei AF 30 / min)

  • O₂-Gabe

  • Situationsgerechte Lagerung

  • Erweiterte Maßnahmen (Entlastung Spannungspneumothorax, …)

Circulation (Kreislauf)

  • Hautfarbe, -temperatur, Schweiß

  • Rekap-Zeit-,*Radialispuls*: Stärke, Rhythmus, Frequenz schätzen

  • Herzfrequenz

  • Blutdruck

  • Schnelle Trauma-Untersuchung: Inspektion und Abtasten von

    1. Kopf inkl. Ohren, Nase, Mund,

    2. Hals,

    3. Thorax (Atemprobe),

    4. Bauch,

    5. Becken,

    6. Oberschenkel,

    7. Rücken (evtl. erst beim Umlagern)

  • Blutstillung

  • Situationsgerechte Lagerung

Disability (Neurologie)

  • Orientierung oder GCS

  • Pupillen

  • Kraftprobe OE, UE

  • Kann der Patient Hände und Füße spüren und aktiv bewegen?

  • Blutzuckermessung

  • Strategie- und Zielentscheidung (eilig, Rendez-vous, …)

Erweiterte Untersuchung

(Wenn Einschätzung oder Hauptbeschwerde unklar)

  • (Fremd-) Anamnese (SAMPLER, OPQRST)

  • Einschätzen der Umgebung

  • Weitere relevante Untersuchungen

  • Arbeitsdiagnose erstellen und Differentialdiagnosen ausschließen

  • Strategie-, Transport- und Zielentscheidung

  • Spezielle Maßnahmen gemäß Verdachtsdiagnose

Bemerkung

Der Einschätzungsblock muss in regelmäßigen Abständen in angemessenem Umfang wiederholt werden (Verlaufskontrolle)!

“Typische Sofortmaßnahmen” sind als*Beispiele* zu verstehen.

Bei absolut zeitkritischen Patienten, bei denen bereits dieABC-Einschätzung ergibt dass ein Transport nicht aufschiebbar ist, kann u.U. schon nach dem Punkt Ⓒ eine vorgezogene Transportentscheidung getroffen werden.

Die Maßnahmen von D und E sollen dann, sofern möglich,während des Transportes erfolgen.

Die Reihenfolge ist je nach Patientunterschiedlich!

Fett gedruckte Punkte haben eine besonders hohe Priorität.

Anwendbarkeit in der Praxis

Primäreinsatz

Das hier vorgestellte Schema wurde primär in Hinblick auf Primäreinsätze entwickelt und ist dementsprechend anwendbar.

Sekundäreinsatz

Für den Sekundäreinsatz (insbesonders Transfers von behandlungspflichtigen Patienten) gilt grundsätzlich das gleiche Vorgehen wie beim Primäreinsatz. Die Informationen der abgebenden Stelle bezüglich des Patienten und des Transports müssen besonders berücksichtigt werden. Die einzelnen Handlungen müssen sinngemäß an die Situation angepasst werden.

Auch im Krankentransportdienst (inkl. Heimtransporte) soll der Einschätzungsblock bis zu Punkt C in angemessener Weise durchgeführt werden. In der Praxis ist das binnen weniger Sekunden möglich. An dieser Stelle sei nochmals auf die besondere Gefährdung von Dialysepatienten durch Elektrolytstörungen hingewiesen!

Ambulanzdienst

Für Ambulanzdienste gilt grundsätzlich das gleiche Vorgehen wie beim Primäreinsatz, die einzelnen Handlungen müssen sinngemäß an die Situation angepasst werden. Auch hier soll der Einschätzungsblock bis zu Punkt C in angemessener Weise durchgeführt werden.