Akutes Koronarsyndrom (ACS)#
Basierend auf: 2017 ESC Guidelines for the management of acute myocardial infarction in patients presenting with ST-segment elevation
♛ ESC STEMI 2017 🗎 Damman 2017 🗎 Ibanez 2017 🗎 Ibanez 2018
Definition
Das Akute Koronarsyndrom (Acute Coronary Syndrome, ACS) ist ein Symptomenkomplex, welcher typischerweise bei ischämischen Erkrankungen wie dem Herzinfarkt und der stabilen oder instabilen Angina pectoris akut auftritt.
Bei diesen Krankheitsbildern kommt es zu einer akuten Unterversorgung des Herzmuskels mit Blut und Sauerstoff aufgrund der Durchblutungsstörung. Die Ursache sind in erster Linie verengte oder verstopfte Herzkranzgefäße (Ischämie, Ischämie). Das akute Koronarsyndrom ist häufig das Ergebnis einer vorbestehenden koronaren Herzkrankheit. Daneben gibt es noch andere Erkrankungen, welche sich von den vorgenannten entweder durch die Pathogenese (z. B. Prinzmetal-Angina) oder durch den Pathomechanismus (z. B. Tako-Tsubo-Kardiopathie) wesentlich unterscheiden.
Symptome#
Es sind zwei Auslösemechanismen möglich: Einerseits kann eine Minderdurchblutung des Herzmuskels (Myokard) aufgrund einer oder mehrerer Einengung(en) von Herzkranzgefäßen (Koronararterien) die Ursache sein, oder es kommt zu einem erhöhtem Sauerstoffbedarf des Herzens bei Anstrengung. In beiden Fällen kommt es zu einem Missverhältnis zwischen Sauerstoffangebot und Sauerstoffbedarf des Herzens (Ischämie), die Folge sind Schmerzen, Atemnot und ein Leistungsverlust!
Fig. 134 Akutes KoronarsyndromTypische Schmerzausdehnung bzw. -ausstrahlung beim ischämischen HerzschmerzLena [Lena Hirtler, ℓ MfG]#
ABCDE#
③ — Bewusstsein
Der Patient macht oft einen leidenden Eindruck, eventuell ist er kaltschweißig und blass.
④ — Hauptbeschwerde
Die Leitsymptome sind ein akuter, nicht atemabhängiger, Brustschmerz und Atemnot (Dyspnoe). Der Schmerz ist meist hinter dem Brustbein lokalisiert und kann ausstrahlen, häufig in den Kiefer, (linken) Arm und in den Rücken. Der Schmerz wird als brennend bzw. stechend beschrieben. Zusätzlich zu dem Schmerz verspürt der Patient auch oft ein Enge- bzw. Druckgefühl im Brustkorb, “als würde jemand darauf stehen”. Unter Umständen kann es auch zu einem Oberbauchschmerz kommen, welcher als Verdauungsstörung oder Magen-Darm-Erkrankung fehlgedeutet werden kann.
Bei Diabetikern kann es aufgrund der Nervenschädigungen auch zu einem schmerzlosen Verlauf kommen, man spricht dabei auch vom “stummen Infarkt”. Todesangst und Vernichtungsgefühl sind häufig. Bei Auftreten eines kardiogenen Schocks können die entsprechenden Schockzeichen beobachtet werden: Blässe, Kaltschweißigkeit, Hypotonie, etc. (SchockKardiogener).
Ⓑ — Atmung
Atemnot kommt häufig vor und ist ein Leitsymptom. Begleitend kann man oft eine Zyanose beobachten.
Ⓒ — Kreislauf und STU
Der Puls kann unregelmäßig sein. Der Blutdruck kann in jede Richtung verändert sein. Bedenke: Ein hypertensiver Notfall kann Auslöser eines ACS sein. Es können Zeichen eines kardiogenen Schocks vorliegen.
Ⓔ — Erweiterte Untersuchung
Das EKG kann wichtige Hinweise über Ausdehnung, Alter und Lokalisation des Infarkts bringen. Um die Dynamik beurteilen zu können, soll schon möglichst früh ein 12-Kanal-EKG geschrieben werden um Veränderungen im Verlauf zu dokumentieren. Die Beurteilung ist jedoch nur entsprechend ausgebildeten und geübten Personal vorbehalten.
= — Beurteilung
Ein Patient mit einem akuten Koronarsyndrom ist grundsätzlich als vital bedroht einzuschätzen. Eine ärztliche Diagnose ist auch hinsichtlich der Auswahl des richtigen Transportziel (Herzkatheterlabor?) entscheidend.
SAMPLER beim akuten Koronarsyndrom#
- 🅂 Symptome
Siehe ABCDE
- 🄼 Medikation
Nitroglycerin wird zur Erweiterung der Koronargefäße von KHK-Patienten eingenommen. Dies kann entweder mittels eines Pflasters (Nitro-Pflaster), über Kapseln oder mittels eines Sprays (z. B. Nitrolingual), welcher bei Bedarf eingenommen wird, erfolgen. Herzkranke Patienten nehmen daneben oft noch viele andere Medikamente ein.
- 🄿 Patientenhistorie
Bei den meisten Patienten ist die Angina pectoris schon bekannt, bzw. es besteht eine koronare Herz-Krankheit (KHK).
- 🄴 Ereignisse
Häufig wird über körperliche Anstrengung oder Aufregung vor Beginn des Anfalls berichtet.
Differentialdiagnosen#
Pneumonie, Pleuritis, Pneumothorax
Reflux, Pankreatitis, Cholezystitis
post-CABG-Syndrom
musko-skelettal
funktionell
🔎 Diagnostik#
Veränderungen des EKGs sind richtungsweisend in der Diagnostik und entscheidend für den jeweiligen Therapieverlauf. Aufgrund der EKG-Veränderungen, im speziellen der ST-Strecke, wird zwischen einem ST-Elevations-Myokardinfarkt (STEMI) und einem Nicht-STEMI (NSTEMI) unterschieden.
STEMI-Kriterien#
ST-Hebungen in zumindest 2 benachbarten Ableitungen:
Männer: > 2,5 mm < 40 a, > 2 mm > 40 a
Frauen: > 1,5 mm in V2—V3, oder > 1 mm in anderen Ableitungen
ST-Senkungen in V1—V3 und/oder > 0,5 mm in V7—V9: Verdacht auf CX-Infarkt (keine ST-Hebungen in Standard-Ableitungen!)
Bei inferioren Infarkten ist auch die rechtspräkordiale Ableitung (rV4) interessant
Bedenke atypische Präsentationen:
Schrittmacher-EKG
Linksschenkelblock (LSB) de-novo und Klinik einer Ischämie
Hauptstammbild:
ST-Hebungen in aVR und V1
evtl. ST-Senkungen in anderen Ableitungen
CX-Infarkt:
ST-Senkungen V1—V3 und/oder > 0,5 mm in V7—V9
Oft hohes R in V1—V3
Tiefe ST-Senkung in den rechts-präkordialen Brustwandableitungen mit positivem T
Oft minimale ST-Hebungen inferior/lateral
Achtung
50 % der Erst-EKGs sind nicht diagnostisch, eine Verlaufsbeurteilung bei entsprechender Klinik ist notwendig.
Besonders häufige Patientengruppen mit atypischen Symptomen umfassen:
Junge Patienten
Alte Patienten
Frauen
Patienten mit Diabetes mellitus
Patienten mit Niereninffuzienz
🔬 Weiterführende Diagnostik#
Echokardiographie: Abschätzung des Schweregrades, Infarktlokalisation, Einschätzung der hämodynamischen Stabilität und Ausschluss von Differentialdiagnosen.
🧪 Labor:
Wenn Vorhanden: Schnelltests (z. B. Troponin)
Herzenzyme (CK, CK-MB, LDH¸ Troponin-T, ggfs. proBNP)
🩹 Therapie#
⚕ ☤ Hintergrund#
Grundsätzlich unterscheidet sich die Therapie des Herzinfarktes mit und ohne ST-Elevation (STEMI vs. NSTEMI).
Herzinfarktpatienten benötigen oft eine besondere Behandlung im Sinne einer Reperfusionsstrategie, bei welcher die Durchgängigkeit der betroffenen Koronargefäße, und somit die Durchblutung des Herzmuskels, wiederhergestellt werden soll. Dazu stehen im Wesentlichen zwei Methoden zur Wahl:
Bei der Lyse-Therapie versucht man medikamentös einen Thrombus in einem Koronargefäß aufzulösen. Oft muss nach einer Lyse auf eine Herzkatheter-Intervention durchgeführt werden.
Bei einer Herzkatheteruntersuchung bzw. -intervention (Koronarangiographie) versucht man die verengten oder verstopften Gefäße aufzudehnen und mittels Stents offen zu halten (PCI, PTCA). Dazu benötigt man ein dienstbereites und verfügbares Herzkatheterlabor. [1]
Hinsichtlich der Strategie unterscheidet man:
Primär-PCI
Kombination von Lyse-Therapie und PCI
Facilitated PCI: Lyse, dann gleich PCI unabnhängig vom Lyse-Erfolg – out
Rescue-PCI: PCI nur bei Lyseversagen
Pharmaco-ivasive Approach: Angio-Zeitpunkt individuell
Somit kann eine kardiologische Betten-, Überwachungs- oder Intensivstation alleine keine adäquate Versorgung bereitstellen. In der Regel muss das erstversorgende Fachpersonal über die Indikation zur Einleitung einer Reperfusionsbehandlung stellen bzw. das geeignete Verfahren auswählen.
Ressourcen
Video, Youtube: Der Akute Herzinfarkt http://youtu.be/DGZ443jO2ik
Video, Youtube: Gèneve, Hôpitaux Universitaires: Zur Bekämpfung von Herzinfarkt und Arteriosklerose http://youtu.be/SWZYBrLAnNk.
Wichtiges Ziel in der MCI-Versorgung ist die Reduktion des System Delay. Daraus ergeben sich folgende logistische Empfehlungen ♛ ESC STEMI 2017:
Organisation regionaler STEMI Netzwerke
SOPs für Rettungsdienst und PCI-Zentren
PCI-Zentren mit 24/7 Service ohne Delay
Rettungsmittel mit Equipment und Training
Der Rettungsdienst muss direkt ins PCI Zentrum fahren
Bypassing Emergency Departments (“Fast Track”)
Regelmäßige Überprüfung der eigenen Daten (Qualitätskontrolle)
🞺 ⛑ Allgemein und Basics#
Standardmaßnahmen bei vital bedrohten Patienten
Lagerung: Oberkörper erhöht, beengende Kleidung öffnen, Bewegungensverbot, Schonung
Sauerstoff: Sauerstoff ist indiziert bei hypoxämischen Patienten (SaO₂ < 90 % oder paO₂ < 60 mm Hg). Bei nicht-hypoxämischen Patienten ist Sauerstoff nicht empfohlen!
Patienten mit einem akuten Koronarsyndrom sind grundsätzlich notarztpflichtig, jedoch auch zeitkritisch. Eine Abwägung von Transportverzögerung durch Notarztnachforderung, Zustand des Patienten, notwendiger erweiterter Diagnostik (EKG), Zielentscheidung und Behandlungsmöglichkeit des nächstgelegen Spitals sind im Einzelfall notwendig.
🕏 Pharmakotherapie — Allgemein#
Die Anwendung bestimmter Medikamente unterscheidet sich nach der Unterscheidung STEMI, NSTEMI und AP und der daraus resultierenden Therapiestrategie.
Morphin#
I. v.-Opiode sollen generell zur Schmerztherapie erwogen werden, z. B. Morphin i. v., titriert in 2—5 mg-Schritten (Erwachsene).
Heparin#
Gabe von 70 IU / kg i. v. [2].
P2Y₁₂-Inhibitor#
Das P2Y₁₂-Protein befindet sich u. a. auf der Oberfläche von Thrombozyten und ist als Chemorezeptor für Adenosindiphosphat (ADP) an der Thrombozytenaggregation beteiligt und somit ein wichtiger Regulator der Blutgerinnung. Beim ACS ist eine Hemmung mittels eines potenten P2Y₁₂-Inhibitors (Prasugrel, Ticagrelor, oder, wenn nicht verfügbar, auch Clopidogrel) empfohlen bevor oder spätestens zum Zeitpunkt der PCI (und weiter für 12 Monate), sofern keine Kontraindikationen oder ein Risiko für exzessive Blutungen besteht. P2Y₁₂-Inhibitor indiziert.
Beim STEMI ist das Mittel der Wahl Ticagrelor (Brilique®). Es ist einfach anwendbar, behindert Interventionen kaum, ist auch grundsätzlich beim NSTEMI einsetzbar und ist als Schmelztablette einsetzbar (Cave: keine Resorption über Mundschleimhaut, sondern im GI-Trakt; Gabe z. B. über Magensonde möglich). Für das alternativ anwendbare Prasugrel (Efient®) bestehen diverse Kontraindikationen (Alter, Gewicht), was die Anwendung verkompliziert.
Bei stabilen KHK-Patienten und ACS-Patienten, welche kein Prasugrel oder Ticagrelor erhalten können, sowie bei Patienten mit Thrombolyse-Reperfusionsstrategie, ist Clopidogrel (Plavix®) empfohlen.
Bei P2Y₁₂-Vortherapie gilt hinsichtlich Loading:
Clopidogrel vorbestehend: Bedeutungslos
Prasugrel oder Ticagrelor vorbestehend: Loading Dose 24 h nach der letzten Einnahme
Zu tun
Ticagrelor bei ACS unabhängig von der Therapiestrategie
Warum dann bei NSTEMI und bei STEMI+Lyse Clopidogrel?
Additiv – Erwäge:#
Nitroglycerin (nicht bei Rechtsherzbeteiligung)
β-Blocker (frequenzabhängig)
bei Rechtsherzbeteiligung: Volumengabe
(ACE-Inhibitoren)
(AT-II-Inhibitoren)
(Statine)
℞ Therapiestrategie STEMI mit Primär-PCA#
Schmerzbegin bis FMC < 12 h
Primäre PCA
Aviso
Fast Track: “bypass emergency department”
Schmerztherapie: z. B. Morphin i. v., titriert in 2—5 mg-Schritten + Antiemetikum (z. B. Ondansetron 4 mg i. v.). Keine i. m.-Therapie!
ASS 250 mg i. v. so schnell als möglich
Heparin 5000 IE
Ticagrelor (Brilique®) 180 mg p. o.
℞ Therapiestrategie STEMI mit Lyse#
Indikation
Time to PCI > 120 min, bei jungen, kurz symptomatischen STEMI-Patienten > 60 min
Kontraindikationen für Lyse
Operation < 14 Tagen
Organpunktion < 7 Tagen
Apoplex < 3 Monaten
Z. n. Hirnblutung
Rezentes Ulcus
Unkontrollierte Hypertonie
Schwere Retinopathie
Bekannte Blutungsneigung
OAK-Therapie
Durchführung
Wenn die Fibrinolyse angewendet werden soll, dann sollte diese bei einem STEMI so früh wie möglich initiiert werden (< 10 min. nach FMC).
Schmerztherapie: z. B. Morphin i. v., titriert in 2—5 mg-Schritten + Antiemetikum (z. B. Ondansetron 4 mg i. v.). Keine i. m.-Therapie!
Metalyse® (TNK-tPA)
Patient < 60 kg à 6000 IE
Ab 60 kg 100 IE/kg / KG
Begleittherapie < 75 Jahre
ASS 250 mg i. v.
Clopidogral 300 mg
Enoxaparin 30 mg Bolus i. v. und 1 mg / kg s.c. 15 min. später
wenn kein Enoxaparin zur Verfügung steht: Heparin 60 IU / kg bis max. 4000 IU
Begleittherapie > 75 Jahre
ASS 250 mg i. v.
Clopidogral 75 mg
Enoxaparin 0,75 mg / kg Bolus s.c.
wenn kein Enoxaparin zur Verfügung steht: Heparin 60 IU / kg bis max. 4000 IU
Transport in ein PCI-Zentrum: Der sofortige Transfer in ein PCI Zentrum ist bei allen Patienten nach Lyse indiziert!
Kontaktaufnahme mit PCI-Zentrum
Erfolgreiche Lyse: PCI zwischen 2—24 h nach Lyse
Rescue-PCI bei Lyse-Versager wenn nach 60—90 min keine 50 % Rückbildung der ST-Strecken erfolgt ist
Notfalls-PCI bei Patienten mit kardiogenem Schock
Zu tun
Heparindosis:
lt. „Therapieschema NÖ 5000 IE
lt. Folie „Begleittherapie 4000 IE
Patient mit = 75 a?
℞ Therapiestrategie NSTEMI#
Geändert in Version 4.0.0-0.2021-08-25: #94 Aktualisierung Handlungsempfehlung ACS
ASS 250 mg i. v.
Heparin 5000 IE
PCI:
symptomatisch: PCI < 2 h
asymptomatisch: PCI > 24 h