Kolloidale Infusionslösungen

Kolloidale Infusionslösungen#

Kolloidale Infusionslösungen (“Kolloide”) enthalten Makromoleküle, die die Gefäßwand nicht passieren können und damit im Gefäßsystem einen kolloidosmotischen Druck aufbauen. Auf diese Weise erzielen sie theoretisch einen hohen Volumeneffekt, da sie Wasser intravasal binden. Aufgrund möglicher Nebenwirkungen und spezieller Eigenschaften eignen sich Kolloide jedoch nicht für die Basis-Infusionstherapie, sondern finden in besonderen Indikationsstellungen Verwendung.

Man unterscheidet natürliche und künstliche Kolloide.

Zu den natürlichen Kolloiden zählt das Humanalbumin, das aus menschlichem Plasma gewonnen wird. Es steht in Konzentrationen zwischen 5 % und 20 % zur Verfügung. Indikationen sind vor allem die akute Hypoproteinämie sowie fortgeschrittene Leberzirrhosen mit Aszites und das hepatorenale Syndrom.

Die künstlichen Kolloide umfassen verschiedene Substanzklassen:

  • Hydroxyethylstärke (HAES) ist ein Derivat pflanzlicher Amylopektine aus Mais und Getreide. Sie besitzt einen hohen Volumeneffekt, der sich auf das infundierte Volumen bezieht, und eine je nach Substitutionsgrad unterschiedlich lange intravasale Wirkdauer. Der Substitutionsgrad beschreibt die Anzahl der Glukoseeinheiten, die chemisch verändert wurden und damit den Abbau verzögern. Mit zunehmendem Substitutionsgrad verlängert sich die Verweildauer im Gefäßsystem.

    Die Nebenwirkungen sind jedoch bedeutsam: mögliche anaphylaktische Reaktionen, Beeinträchtigungen der Nierenfunktion, ein erhöhtes Risiko der extravasalen Flüssigkeitseinlagerung bei septischen Patienten durch Capillary Leakage sowie negative Effekte auf die Blutgerinnung. Letztere entstehen durch eine Beschichtung der Thrombozyten, die deren Aggregationsfähigkeit hemmt.

    Da HAES häufig kontraindiziert und patientengefährdend angewendet wurde (Capillary Leak!), wurde es schließlich in Österreich vom Markt genommen.

  • Gelatinepräparate sind Spaltprodukte des Kollagens. Sie erreichen einen Volumeneffekt von 100 % bezogen auf das verabreichte Volumen, werden vollständig metabolisiert und über die Nieren ausgeschieden. Auf die Blutgerinnung haben sie keinen Einfluss, allerdings können auch hier anaphylaktische Reaktionen auftreten.

  • Dextrane stellen eine weitere Klasse künstlicher Kolloide dar, werden jedoch heute nur noch selten verwendet.

  • Daneben haben auch Blutkomponenten eine kolloidale Wirkung. Hierzu gehören Erythrozytenkonzentrate, Frischplasma und Humanalbumin.

Die Volumenwirksamkeit und Verweildauer kolloidaler Lösungen hängen wesentlich von ihren physikalisch-chemischen Eigenschaften ab. Entscheidend sind die Molekülgröße, das Molekulargewicht und die Konzentration der Lösung: Je höher diese Parameter, desto ausgeprägter ist der Volumeneffekt. Auch der Substitutionsgrad spielt (bei HAES) eine Rolle, da er die intravasale Verweildauer verlängert. Weitere Einflussfaktoren sind die Dispersion der Lösung, der kolloidosmotische Druck, die Eigenviskosität sowie die Geschwindigkeit von Abbau und Ausscheidung.

Gefahr

Bei Erkrankungen, bei denen es zu einem Capillary Leak kommt (Sepsis, SIRS, Verbrennungskrankheit, Anaphylaxie etc.), können Kolloide in den Extravasalraum gelangen und dort ihre onkotische Wirkung entfalten, d.h. erst recht zur Ödembildung und Volumsverlust beitragen. Erschwerend kommt hinzu, dass v.a. künstliche Kolloide sehr lange im Extrazellularraum verweilen können.

Künstliche Kolloide sind bei Capillary Leakage kontraindiziert![1]