Spezielle Patientengruppe: Kinder#

Umgang mit Kindern#

Der Umgang soll prinzipiell schonend erfolgen, Aufregung soll nach Möglichkeit vermieden werden. Wichtig ist, dem Kind eine Bezugsperson zu geben; Die Vertrauensperson bzw. Eltern müssen unbebedingt in die (Be-)Handlung einbezogen werden. Nach Möglichkeit soll das Kind während der Betreuung eng bei der Vertrauensperson belassen werden auf den Schoss setzen, …).

Anatomische und physiologische Besonderheiten#

Kinder unterscheiden sich wesentlich von erwachsenen Patienten, nicht nur in ihrer Fähigkeit, ihre Umwelt und gesetzte Handlungen zu verstehen, sondern auch hinsichtlich ihrer Anatomie und Physiologie. Die Tabelle Übersicht: Altersgruppen. zeigt eine Übersicht über die Einteilung von Kindern nach Altersgruppen. In der Literatur kommt es gelegentlich zu abweichenden Definitionen. So ist z. B. in den ERC-Richtlinien zur Reanimation ein Neugeborenes nur bis unmittelbar nach der Geburt als solches klassifiziert.

Bemerkung

  • Kinder sind keine kleinen Erwachsenen!

Tab. 57 Übersicht: Altersgruppen.#

Bezeichnung

Alter

alternativ |

Neugeborenes

bis zum 28. Lebenstag

unmittelbar nach der Geburt |

Säugling

bis zum Ende des 1. Lebensjahr

Kleinkind*

1–5 Jahre

Schulkind*

6–13 Jahre

Jugendlicher

14–18 Jahre

Tab. 58 Anatomische und physiologische Besonderheiten von Kindern#

Atemfrequenz & Neugeborenes: 30—50 / min

Säugling: 20—30 / min

Kleinkind: 20—30 / min

Beatmung bis zum Säugling in Neutralposition (Kopf nicht überstrecken)

Zeichen der Atemnot

Einziehungen zwischen Rippen

Nasenflügeln beschleunigte Atmung, Atemgeräusche

Pulstasten beim Säugling

Oberarmarterie (Oberarm Innenseite), Achsel

Herzfrequenz

Neugeborenes: 140–180 / min (Lebensgefahr unter 80 / min)

Säugling: 110—160 / min

Kleinkind: 95—140 / min

Schulkind: 80—120 / min

Bradykardie ist fast immer hypoxiebedingt

Systolischer Blutdruck

Neugeborenes: 75 mm Hg

Säugling: 80—90 mm Hg

Kleinkind: 95 mm Hg

Schulkind: 100–110 mm Hg

Jugendlicher: 120 mm Hg

Wasser-, Elektrolyt- und Wärmehaushalt

Kinder haben im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht eine größere Körperoberfläche als Erwachsene!

höherer Wasseranteil

Austrocknung und Unterkühlung schneller möglich!

Allgemeines zu Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter#

Grundsätzlich können Kinder viele der bereits erwähnten Erkrankungen auch bekommen. Bei Kindernotfällen können als zusätzlicher Stressfaktor für den Rettungsdienst stark emotional betroffene Angehörige sein. Daher gilt es besonders ruhig und gezielt zu handeln. Sie sollten sich der Verantwortung bewusst sein, es geht um die Rettung eines jungen Menschen mit langer Lebenserwartung.

Speziell die Kindheit und Jugend betreffende Erkrankungen#

Fremdkörperaspiration#

Die Fremdkörperaspiration und mechanische Atemwegsverlegung wird unter Mechanische Atemwegsverlegung, behandelt.

Akute obstruktive Laryngitis, Pseudokrupp#

Bei der Laryngitis (Pseudokrupp[1]) handelt es sich um eine Entzündung des Kehlkopfes. Es können auch die oberen Atemwege durch das Anschwellen der Schleimhäute behindert sein (Pseudokrupp/Kruppsyndrom). Diese Infektion wird durch Viren verursacht.

Symptome#

Das Leitsymptom ist ein typischer, trockener, bellender Husten. Oft ist auch ein pfeifendes Geräusch beim Einatmen (inspiratorischer Stridor) wahrnehmbar, und es besteht Heiserkeit und Dyspnoe. Fieber ist eher diskret und steht nicht im Vordergrund. Die Laryngitis tritt vor allem im Alter zwischen 3 Monaten und 6 Jahren auf, gut geheizte und trockene Räume fördern das Auftreten.

Akute obstruktive Laryngitis#

⛑ Basismaßnahmen
  • Eltern und Kind beruhigen.

  • Feuchte Luft einatmen lassen (evtl. Fenster öffnen; feuchte Tücher im Raum aufhängen; Dusche im Badezimmer aufdrehen)

  • Zurückhaltende Diagnostik und Behandlung

  • Keine Manipulation im Mund-/Rachenraum!

Akute Epiglottitis#

Bei der Epiglottitis handelt es sich um eine bakterielle Entzündung und daraus folgende Schwellung des Kehldeckels. Sie kommt eher selten vor, kann jedoch lebensbedrohlich werden. Die Epiglottitis ist eine schwere Erkrankung, mit richtiger Behandlung besteht aber meist eine gute Prognose.

Symptome#

Die Epiglottitis geht mit hohem Fieber einher. Es ist ein Atemgeräusch bei der Einatmung wahrnehmbar (inspiratorischer Stridor). Der Patient hält den Mund offen und es ist ein Speichelfluss bemerkbar. Der Patient ist eher ruhig und spricht kaum, er hat Angst.

Akute Epiglottitis#

⛑ Basismaßnahmen

Vergleich Laryngitis vs. Epiglottitis#

Die Unterscheidung beider Krankheiten kann auch für den erfahrenen Sanitäter schwer sein. Darum hier eine Gegenüberstellung der Differenzialdiagnosen Laryngitis und Epiglottitis:

Tab. 59 Gegenüberstellung Laryngitis vs. Epiglottitis#

Laryngitis

Epiglottitis

Wenig bedrohlich

Lebensgefährlich

Kind ist weinerlich

Ruhiges Kind, apathisch

Kann schlucken

Speichelfluss

Kaum Fieber

Hohes Fieber

Kind schreit; weint evtl.

Sehr leise, verfällt zusehends

SIDS: Sudden Infant Death Syndrome (Plötzlicher Kindstod)#

Der plötzliche Kindstod ist eine plötzliche, einschneidende Katastrophe im Familienleben. Aus unbekannter Ursache – und aus oft völliger Gesundheit – hört das Kind plötzlich auf zu atmen und verstirbt. Dieses Schicksal ereilt Kinder im ersten bis vierten Lebensmonat, es ist eine Häufung in den Monaten Jänner bis März zu beobachten.

Ursachen#

Es wird viel über die möglichen Ursachen spekuliert. Als mögliche Ursache wird oft ein unreifes Atemzentrum und eine zentrale Atemregulationsstörung angeführt. Letzten Endes ist die genaue Ursache unbekannt, eine verlässliche Vorhersage, welche Kinder betroffen sein werden, gibt es nicht. Es wurden lediglich Risikogruppen wie Frühgeburten und Zwillingsgeschwister von betroffenen Kindern, identifiziert. Auch scheint die Lagerung in Bauchlage das Risiko zu erhöhen.

Es muss betont werden, dass eine verlässliche Vorhersage nicht möglich ist und die Eltern keine Schuld trifft!

Maßanhamen: SIDS#

⛑ Basismaßnahmen
  • Reanimation

  • Betreuung der Angehörigen. Den Eltern muss das Gefühl gegeben werden, dass sie alles für ihr Kind getan haben. Ein solcher Unglücksfall tritt schicksalshaft auf und wäre nicht abwendbar gewesen.

  • In jedem Fall nimmt die Kriminalpolizei Ermittlungen auf. Darauf müssen die Eltern vorbereitet werden.

  • Betreuung für die Angehörigen organisieren (Kriseninterventionsdienst)

  • Zwillingsgeschwister unbedingt hospitalisieren.

  • Einsatznachbesprechung und eigene Psychohygiene. Derartige Einsätze können – auch für erfahrenes Fachpersonal – sehr belastend sein.

Meldung an Gesamteinsatzleiter, dienstführenden Offizier o. ä., Erkundigung nach Verfügbarkeit von Peers (auch wenn Peer-Angebot nicht angenommen wird!).

Ertrinkungsunfall#

Als Ertrinken wird der Tod in den ersten 24 h nach einem Ertrinkungsunfall bezeichnet; ansonsten besteht ein Beinahe-Ertrinken . Kleinkinder sind besonders gefährdet, da sie meist nicht schwimmen können und sich oft schnell und unbemerkt der Aufmerksamkeit der Aufsichtsperson entziehen. Besonders ungesicherte Gartenteiche, Seen, Schwimmbecken, Badeanstalten oder auch Wannenbäder stellen eine Gefahrenquelle im Alltag dar.

Achtung

Nobody is dead until warm and dead!

Maßnahmen: Ertrinkungsunfall#

⛑ Basismaßnahmen
  • Wenn erforderlich Reanimation mit fünf Initialbeatmungen. Die Reanimation kann auch nach länger andauerndem Kreislaufstillstand erfolgreich sein, da bei einer Unterkühlung der Stoffwechsel verlangsamt wird.

  • Bei vitaler Bedrohung: Standardmaßnahmen bei vital bedrohten Patienten

  • Bei Aspiration: Wenn der Verdacht auf eine Aspiration besteht, ist der Patient zur Beobachtung zu hospitalisieren.

Krampfanfälle im Kindesalter#

Grundsätzlich gelten auch bei Kindern die Ausführungen im Abschnitt zerebrale-krampfanfaelle. Eine Besonderheit stellt jedoch der Fieberkrampf dar.

Fieberkrampf#

Kleinkinder unter 5 Jahren können bei Fieber sogenannte Fieberkrämpfe entwickeln. Sie entsprechen einem vom Gehirn ausgehenden Krampfanfall und sind grundsätzlich genau so zu behandeln. Mitunter ist die Neigung des Kindes zu Fieberkrämpfen schon bekannt und es wurden bereits spezielle Zäpfchen für den Bedarfsfall verschrieben (und bei Eintreffen eventuell schon von den Eltern gegeben).

Maßnahmen: Fieberkrampf im Kindesalter#

Die Behandlung erfolgt grundsätzlich wie beim Erwachsenen (m-zerebraler-krampfanfall-bestendend). Die Körpertemperatur ist immer zu messen!

Kindesmisshandlung#

Siehe kindesmisshandlung.