Grundbegriffe#

Die Pharmakologie ist die Wissenschaft von den Wirkungen chemischer Substanzen auf lebende Organismen. Sie untersucht, wie Arzneistoffe im Körper wirken (Pharmakodynamik) und was der Körper mit diesen Stoffen macht (wie der Körper diese Stoffe aufnimmt, umwandelt und ausscheidet; Pharmakokinetik).

Ziel der Pharmakologie ist es, die molekularen, zellulären und systemischen Mechanismen im Körper und von Arzneimittelwirkung zu verstehen. Die Pharmakologie bildet damit die Grundlage für das rationale therapeutische Handeln in der Medizin und hat zum Ziel:

  • Entwicklung neuer Arzneistoffe und Arzneimittel, deren klinische Untersuchung in Hinsicht auf die Einführung innovativer Therapieansätze.

  • Kenntnis möglicher Angriffspunkten der Arzneistoffe (Identifikation von Rezeptorsystemen, Enzymen etc.)

  • Aufklärung von Wirkmechanismus und Ableitung möglicher Nebenwirkungen

Sie verbindet Naturwissenschaften wie Chemie, Biochemie und Physiologie mit der klinischen Medizin und liefert das Wissen, das nötig ist, um neue Arzneimittel zu entwickeln, bestehende Therapien zu verbessern und unerwünschte Wirkungen zu vermeiden.

Abgrenzung der Bereiche#

Allgemeine Pharmakologie

Allgemeine Gesetzmäßigkeiten werden aufgrund pharmakodynamischer und pharmakokinetischer Beobachtungen bei unterschiedlichen Arzneistoffen abgeleitet (z.B. Definition Schlüssel-Schloss-Prinzip)

Spezielle Pharmakologie

Darstellung konkreter Wirkmechanismen einzelner Wirkstoffe im Organismus (z.B. Wirkung von Sympathomimetika)

Pharmakognosie

Drogenkunde - zu Heilzwecken verwendete Pflanzen/-teile

Pharmazie

ist die Lehre von der Herstellung der Arzneimittel, im weiteren Sinne auch von der Beschaffung und Überwachung von Arzneimitteln. Zentral sind die 4 Hauptfächer Pharmakologie, pharmazeutische Chemie, Pharmakognosie und pharmazeutische Technologie.

Pharmazeutische Technologie (Galenik, Arzneiformenlehre)

beschäftigt sich mit der Zubereitung von Arzneiformen (Formulierungen, Darreichungsform), Erarbeitung von Arzneimitteln unter Einsatz von Wirk- und Hilfsstoffen

Toxikologie

Lehre von den für Mensch und Tier schädlichen Eigenschaften chemischer Substanzen: Gifte/Vergiftungen. Toxizität eines Pharmakons = NEBENWIRKUNGEN, im Gegensatz zu erwünschten Hauptwirkungen

Was sind Arzneimittel?#

Arzneimittel sind laut Arzneimittelgesetz Stoffe oder Zubereitungen aus Stoffen, die nach der allgemeinen Verkehrsauffassung dazu dienen oder nach Art und Form des Inverkehrbringens dazu bestimmt sind, bei Anwendung am oder im menschlichen oder tierischen Körper[1].

Arzneimittel können pflanzlicher, mineralischer, tierischer oder chemischer Herkunft/Ursprung sein. Beispiele hierfür sind Pflanzenbestandteile wie Baldrianwurzeln; Salze wie Magnesium– oder Calciumsalze; Insulin von Schwein und Rind oder chemische Substanzen wie orale Antidiabetika z.B. Glibenclamid oder Triptane zur Migränebehandlung.

Tab. 89 Funktionen von Arzneimitteln#

Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder krankhafte Beschwerden zu heilen, zu lindern, zu verhüten oder zu erkennen

  • Krankheitsverhütung: Impfungen zur Prophylaxe

  • Linderung von Krankheiten: Schmerzmittel

  • Krankheiten erkennen: Röntgenkontrastmittel

  • Krankheiten heilen: Antibiotika gegen Bakterien

die Beschaffenheit, den Zustand oder die Funktionen des Körpers oder seelische Zustände erkennen zu lassen,

  • Röntgenkontrastmittel

vom menschlichen oder tierischen Körper erzeugte Wirkstoffe oder Körperflüssigkeiten zu ersetzen,

  • Enzymersatztherapie, Insulin

Krankheitserreger, Parasiten oder körperfremde Stoffe abzuwehren, zu beseitigen oder unschädlich zu machen oder

  • Antibiotika, Virusstatika

die Beschaffenheit, den Zustand oder die Funktionen des Körpers oder seelische Zustände zu beeinflussen.

  • Psychopharmaka

Arzneimittel (Präparate) bestehen aus einem oder mehreren Wirkstoffen (Substanzen, die im lebenden Organismus eine biologische Wirkung hervorrufen) und Hilfsstoffen.

Ein Wirkstoff (Pharmakon[2]) ist eine Substanz, die im lebenden Organismus eine biologische Wirkung hervorruft, egal ob diese erwünscht oder unerwünscht ist. Ein Arzneistoff hingegen ist ein Wirkstoff, der zur Vorbeugung, Linderung, Heilung oder Erkennung von Erkrankungen dienen kann (wertender Begriff).

Hilfsstoffe sind arzneilich (!) nicht wirksame Stoffe (Ausnahme z.B. Lactose!), die zur Herstellung der Darreichungsformen notwendig sind, daher in Arzneimitteln neben den Wirkstoffen enthalten sind. Beispiele dafür sind Füllstoffe (Wirkstoff in µg kann so dann in einer Tablette verabreicht werden; z.B: Lactose, Stärke), Geschmackskorrigentien, Stabilisatoren, Farben, Sprengmittel (für den Zerfall der Tabletten), Überzüge (z.B. Magensaftresistenz), Konservierungsmittel, Bindemittel etc.

Wirkung ist eine mit naturwissenschaftlichen Methoden nachweisbare Beeinflussung der Beschaffenheit oder der Funktion eines biologischen Objektes. Eine Nebenwirkung ist eine Wirkung, die unerwünscht oder schädlich ist und schon bei üblichen Dosierungen auftritt.

Ob die Wirkung einer Substanz erwünscht oder unerwünscht ist, kann situationsabhängig sein: Was in einer Situation eine unerwünschte Nebenwirkung ist (z.B. ermüdende Wirkung bei einem Antihistaminikum), kann bei anderer Verwendung der erwünschte primäre Effekt sein (Verwendung als Schlafmittel).

Als Gift bezeichnet man einen Wirkstoff, der schädliche Wirkungen auslöst. Bei Arzneistoffen entscheidet die Dosis, ob es günstig oder schädlich wirkt. Gift im engeren Sinn bezeichnet nur Substanzen mit schädlicher Wirkung.

Die Dosis macht das Gift.

—Hohenheim von Theophrast

Wirksamkeit ist die Eignung eines Arzneimittels, die definierten Zweckbestimmungen zu erfüllen.

Stärke des Arzneimittels ist je nach Verabreichungsform der Wirkstoffanteil pro Dosierungs-, Volumens- oder Gewichtseinheit.

Wirkmechanismus: Reaktionsablauf, über den das Arzneimittel seine Wirkungen entfaltet

Herstellung und Vertrieb von Arzneimitteln#

Arzneispezialitäten sind Arzneimittel, die im voraus stets in gleicher Zusammensetzung hergestellt und unter der gleichen Bezeichnung in einer zur Abgabe an den Verbraucher oder Anwender bestimmten Form in Verkehr gebracht werden.

Zulassung: Arzneimittel müssen zugelassen werden (europaweit, national). Die Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit (Nebenwirkungen) müssen in klinischen Studien etc. nachgewiesen werden und von der Behörde kontrolliert worden sein. Jedes Arzneimittel verfügt daher über eine eindeutige Zulassungsnummer.

Sie können ferner unterteilt werden in:

  • Frei verkäufliche Arzneimittel: OTC-Produkte (over-the-counter)

  • Apothekenpflichtige Arzneimittel

  • Rezeptpflichtige Arzneimittel

  • Suchtmittel: diese unterliegen dem Suchtmittelgesetz (Suchtmittelrezept)

Ein Generikum ist ein Arzneimittel, das die gleiche qualitative und quantitative Zusammensetzung aus Wirkstoffen und die gleiche Darreichungsform wie das Referenzarzneimittel aufweist und dessen Bioäquivalenz mit dem Referenzarzneimittel durch geeignete Bioverfügbarkeitsstudien nachgewiesen wurde.

Eine Charge ist die im Zuge eines einheitlichen Herstellungsganges gefertigte Menge eines Arzneimittels.

Die Charge wird mit einer entsprechenden Chargenbezeichnung, einer charakteristischen Kombination von Ziffern oder Buchstaben zur eindeutigen Identifizierung versehen (Lot-Nummer)

Haltbarkeit ist die Eigenschaft eines Arzneimittels, während eines bestimmten Zeitraumes bei ordnungsgemäßer Lagerung seine Beschaffenheit, insbesondere im Hinblick auf Qualität und Wirkung, nicht zu verändern.

Verfalldatum Bezeichnung jenes Zeitpunktes, nach dem die Qualität und Wirkung eines AM nicht mehr gewährleistet ist

Umgang mit Arzneimitteln#

Initialdosis: erste Dosis erhöht, um möglichst schnell die MEC im Blut zu erreichen

Erhaltungsdosis: Folgedosierungen, die die Arzneistoff-Konzentration aufrecht erhält

*Maximaldosis:*Höchstmenge des Arzneistoffs, die verabreicht werden darf (z.B. pro Tag), darüber sind toxische Nebenwirkungen zu erwarten, Vergiftungserscheinungen

Therapeutische Breite: Differenz zwischen den Dosen bei Erreichen des Maximums der erwünschten Wirkung und dem Auftreten der ersten unerwünschten (letalen) Wirkung. Arzneimittel mit geringer therapeutischer Breite führen schon be geringer Überschreitung der therapeutischen Dosis zu unerwünschten oder toxischen Wirkungen. Arzneimittel mit großer therapeutischer Breite können in der Regel deutlich überdosiert werden, ohne das unerwünschte Wirkungen austreten.

Pharmakotherapie: Arzneimitteltherapie: Verabreichung von Arzneimitteln an den, meist kranken, Menschen

Compliance: Therapietreue des Patienten. In wie weit hält der Patient das verordnete Therapieschema ein

Darreichungsform: Arzneiform, in der ein oder mehrere Wirkstoffe dem menschlichen Körper verabreicht werden z.B. Kapseln, Zäpfchen, Dragees etc.

Wirkstärke: Maß für die Konzentration, die zur Erreichung einer bestimmten Wirkung erforderlich ist. Regel: je größer die Wirkstärke, umso geringer ist die Dosis

MEC = Minimale effektive Konzentration: bestimmte Mindestmenge eines Arzneistoffs, die eingenommen werden muss, um eine Wirkung zu erzielen

Pharmakodynamik#

Die Pharmakodynamik beschreibt die Wirkungen eines Arzneistoffs auf den Organismus und die zugrunde liegenden Mechanismen. Sie beantwortet die Frage: “Was macht das Medikament mit dem Körper?”

Im Zentrum stehen:

  • die Wirkungsweise auf molekularer Ebene, z. B. durch Bindung an Rezeptoren, Enzyme oder Ionenkanäle,

  • die Dosis-Wirkungs-Beziehung (Zusammenhang zwischen verabreichter Menge und beobachteter Wirkung),

  • sowie die Qualität und Intensität der pharmakologischen Effekte.

Beispiele:

  • Aktivierung oder Hemmung spezifischer Rezeptoren (z. B. β-Blocker am Herzmuskel),

  • Enzymhemmung (z. B. ACE-Hemmer im Renin-Angiotensin-System),

  • Veränderung physiologischer Funktionen wie Blutdruck, Herzfrequenz oder Schmerzempfindung.

Kurz gesagt: Die Pharmakodynamik erklärt, wie und warum ein Wirkstoff im Körper seine spezifische Wirkung entfaltet, darauf wird im Folgenden eingegangen.