Delir auf der Intensivstion#

Synonyme: Durchgangssyndrom, Hirnorganisches Psychosyndrom

  • „De lira ire“: „aus der Spur geraten“

  • „delirare“: „wahnsinnig sein“

Das Delir ist häufig: Bis 2/3 der nicht beatmeten IntensivpatientInnen zeigen Formen eines Delir, bei beatmete PatientInnen trit dies noch noch häufiger auf (ca 80 %). Es verlängert den Intensivaufenthalt, verschlechtert die Prognose und vermindert die Lebensqualität nach Entlassung. 🗎 Davydow 2009a 🗎 Davydow 2009b 🗎 Davydow 2009c 🗎 Davydow 2009d 🗎 Davydow 2010

Definition, Symptome, Delir -Formen#

Grundsätzlich muss man zwischen einem hyperaktivem und einem hypoaktivem Delir unterscheiden:

Hyperaktives Delir

„typisches Delir“: Unruhe, Nesteln, Stereotypien, Fluchtäquivalente

Sympathotonus ↑ (Tachykardie, Hypertonie, Tremor, Schwitzen)

Reagieren sehr empfindlich auf ihre Umgebung, häufig aggressiv

Hypoaktives („stilles“) Delir:

häufiger!

Antriebslosigkeit, Verlangsamung, Vigilanzminderung, wenig vegetative Zeichen

Mischformen bzw. Änderungen im Tagesverlauf sind häufig!

Gefahr

Durch die unterschiedlichen Manifestationen ist das Delir schwer zu diagnostiziern und leicht zu übersehen!

Optimal ist daher ein regelmässiges Delir-Sreening.

Risikofaktoren#

  • Alter

  • kognitive Defizite

  • ICU-Beh

  • Depressionen

  • Substanzmissbrauch

  • Erkrankung, Schmerzen

  • Polypharmazie

  • Benzos

  • Affektive Morbidität

  • Depressive Störungen

Ursachen#

  • Prädisposition: Alter, Alkoholismus, Hör- und Sehbehinderung, vorbestehende (unerkannte) Demenz, cardiovaskuläre Erkrankungen , Diabetes, (Psycho)pharmaka , Anämie…

  • Erkrankung: SHT, Hypoxie z.B bei CPR, Infektionen, Schmerz, Blutverlust, Hypotension, Infektionen, Elektrolyt – und Blutzuckerentgleisungen….

  • Therapeutische Maßnahmen: Analgosedierung insbesondere Benzodiazepine, Beatmung, Bluttransfusionen, Dauerkatheter, Einzelzimmer, fremde Umgebung, kein Tag/Nachtrhythmus, Alarme…

Bemerkung

Somit ist so ziemlich alles, was auf einer Intensivstation passiert, ein Risikofaktor für ein Delir.

Diagnose#

Screening#

  • Bewusstseinsstörung: Klarheit der Umgebungswahrnehmung ↓

  • Störung des Kurzzeit- und mittelfristigen Gedächtnisses bei relativ intaktem Langzeitgedächtnis

  • Desorientierung: vor allem zeitlich und örtlich, zur Person bleiben die PatientInnen oft länger orientiert.

  • Psychomotorik: rascher, nicht vorhersehbarer Wechsel zwischen Hyper- und Hypoaktivität

  • Störung des Schlaf/Wachrhythmus, nächtliche Verschlechterung der Symptome

  • Plötzlicher Beginn, Tagesschwankungen des Symptomverlaufs

Confusion Assessement Method (CAM)#

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Fig. 185 CAM-ICU-Schema zur Früherkennung eines Delir#

Lars Hgb, ℓ CC-BY-SA 4.0]

Therapie und Prophylaxe#

  • medizinische Behandlung der Ursachen

  • Perioperative Optimierung:

    • Ausreichende Schmerztherapie,

    • Kreislaufunterstützung,

    • Oxygenierung,

    • Infektbehandlung,

    • Korrektur von Elektolytentgleisungen (Na)

Viele intensivmedizisch-therapeutische Handlungen können aber potentiell auch ein Delir begünstigen! Grundsätzlich gibt es keine pharmakologische Prophylaxe des Delirs, ausgenommen hiervon ist jedoch das Alkoholentzugsdelir.

Prophylaktische Maßnahmen (arbeitsintensiv, v. a fürs Pflegepersonal) sind gleichzeitig auch therapeutische Maßnahmen:

  • Kommunikation: Brille, Hörgerät, Kommunikationshilfen (Zeigetafeln)

  • Keine Maßnahmen ohne Kontaktaufnahme und angepasster Aufklärung!

  • Orientierungshilfen: Uhr, Kalender

  • Strukturierter Tagesablauf mit Einhalten des Tag-Nachtrhythmus

  • Vermeidung unnötigen Lärms: laute Gespräche, Alarme

  • Feste Bezugspersonen, Familie einbinden

  • Keine Fixierung

  • frühestmögliche Mobilisierung (auch unter Beatmung)

Pharmakotherapie#

Es gibt keine medikamentöse Therapie des Delirs an sich, lediglich Symptomkontrolle (z. B. bei Selbstgefährdung als Akutmaßnahme).

Tab. 88 Therapieoptionen#

Situation

Optionen

Hypodynames Delir

SSRI (selektiver Serotonin-Reuptake-Hemmer): antriebssteigernd

Z. B. Citalopram (Seropram™)

Alkoholentzugsdelir, hyperaktives Delir

Benzodiazepine:

  • Oxazepam (Anxiolit™, Praxiten™) p.o. (beim Alkoholentzugsdelir auch als Prophylaxe!),

  • Midazolam (Dormicum™) iv

Ansonsten gilt: Benzodiazepine sind insbesondere bei älteren PatientInnen selbst delir-auslösend und daher zu vermeiden. Paradoxe Reaktionen sind häufig!

Sympathotonus ↑

α₂-Agonisten:

  • Clonidin

  • Dexmedetomidin (Dexdor™)

Produktiv-psychotischen Symptomen:

  • Neuroleptika (z. B. Haloperidol): Nicht atemdepressiv, aber fördert Akinesien und verlängert die QT-Zeit

    Neuere „atypische“ Neuroleptika wie Risperdon (Risperdal™) oder Quetiapin (Seroquel™) haben weniger extrapyramidalmotor. Nebenwirkungen, dafür mehr QT-Verlängerung

  • Propofol (keine Therapie des Delirs selbst) um eine akut gefährliche Situation zu entschärfen und die Zeit zu überbrücken, bis andere therapeutische Maßnahmen greifen

Prognose#

Häufig Fälle von inkompletter Remission Es können sich dauerhafte, persistierende post-OP kognitive Dysfunktionen einstellen. 🗎 Davydow 2009a 🗎 Davydow 2009b 🗎 Davydow 2009c 🗎 Davydow 2009d

Videos zum Thema#