Schwangerschaft#

Syn: Gravidität

Die normale Schwangerschaft (Term. Gestation, Gravidität, Abkz. Grav.) dauert 40 ± 2 Wochen. Das sind rund 9 Kalendermonate oder 10 Lunarmonate [1]. Der Fortschritt der Schwangerschaft wird in Schwangerschaftswochen, Abk. SSW, angegeben. Häufig wird auch die Unterteilung in drei Trimester [2] zu je 3 Kalendermonaten verwendet. Von einer Frühgeburt spricht man wenn die Geburt bis zur vollendeten 37. SSW erfolgt. Von einer Übertragung spricht man ab der 42. SSW.

Die Schwangerschaft umfasst die Befruchtung der Eizelle, den Keimtransport in Richtung Gebärmutter, die Einnistung in den Uterus, die Entwicklung des Keimes zum Embryo und dann zum Fetus sowie die Geburt.

  • Keim: 1.-3. Woche, Frühentwicklung.

  • Embryo: 4.-8. Woche, Bildung der Organanlagen.

  • Feuts: ab 8. Woche: Wachstum und Differenzierung der Organsysteme.

Befruchtung#

Die Eizelle ist nach dem Eisprung ca. 12 bis 24 h befruchtungsfähig, die Spermien ca. 3 Tage. Die Spermien suchen die Eizellen aktiv auf. Von der Gebärmutter braucht das Spermium bis zur Ampulle des Eileiters ca. 1-3 Stunden (3 mm/h). Dabei werden die Spermien bereits von 200 - 300 Millionen auf 300 Spermien dezimiert.

Die Befruchtung wird in drei Phasen unterteilt:

  • Durchdringen der Corona radiata = Akrosomreaktion

  • Auflösen der Zona pellucida = kortikale Reaktion

  • Fusion der Zellmembranen der beiden Keimzellen

Bereits auf der Wanderung in Richtung Uterus fangen nach ca. 30 h die ersten Teilungen an. Im 16-Zellen-Stadium (Morula) kommt die befruchtete Eizelle (Zygote) im Uteruslumen an. Die Wanderung der Eizelle in den Uterus dauert ca. 4 bis 5 Tage.

Aus der Morula bildet sich dann eine Blastozyste (Keimblase). An ihr kann man eine äußere Zellhülle (Trophoblast) und eine innere Zellgruppe (Embryoblast) unterscheiden.

Implantation, Plazenta#

Am 5. Tag nistet sich die Blastozyste in der Uterusschleimhaut ein. Der Embryoblast entwickelt sich im weiteren Verlauf zum Embryo, der Trophoblast bildet die kindlichen Anteile der Plazenta.

Die reife Plazenta (Mutterkuchen) misst ca. 18 cm im Durchmesser und versorgt das Kind mit Nährstoffen und Sauerstoff. Sie wird von der Uterusschleimhaut (Decidua basalis) und von den kindlichen Trophoblastenanteilen (Chorionplatte) gebildet.

Die Chorionplatte bildet die Platzentazotten (insg. ca. 15 bis 20 Zottenbäume, Chorion frondosum), die Decidua bildet Septen zwischen diesen Zottenbäumen. Der Raum zwischen den Septen wird über mütterliche Spiralarterien mit mütterlichem Blut gefüllt. Die von außen sichtbaren Felder zwischen den Deziduasepten werden Kotyledonen genannt.

Im Inneren der Plazenta wird pro Minute das Blut ca. 3—4 mal ausgetauscht. Die Gesamtoberfläche der Plazenta soll bis zu 14 Quadratmeter ertragen. Es erfolgt lediglich der Stoff- und Gasaustausch, eine Vermischung von mütterlichem und kindlichem Blut findet in der Regel nichts statt (Plazentaschranke).

Die Plazenta ist auch eine Hormondrüse: Sie bildet Östrogen, Progesteron und humanes Choriongonadotropin (hCG).

Über die Nabelschnur ist die Plazenta mit dem Embryo / Fetus verbunden. Sie enthält eine Nabelvene (V. umbilicalis), und zwei Nabelarterien (Aa. umbilicales).

Früh- und Embryonalentwicklung#

In der Frühentwicklung (1.-3. Woche) wird die Leibesfrucht als Keim bezeichnet.

Der Embryoblast bildet eine zweiblättrige Keimscheibe:

  • Entoderm (innere Keimblatt)

  • Ektoderm (äußere Keimblatt)

Beiden liegt jeweils ein Bläschen auf - innen das Entodermbläschen (Dottersack) und außen das Ektodermbläschen (Amnionhöhle). Der Dottersack bildet sich mit der Zeit zurück, in die Amnionhöhle wächst mit der Zeit der Keim hinein. Sie füllt sich mit der Zeit mit Fruchtwasser (am Ende der Schwangerschaft ca. 1 L).

Ab dem 16. Tag bildet sich das Mesoderm (mittleres Keimblatt), der Keim besteht ab dann aus drei Keimblättern. Am 17. Tag bildet sich durch Gastrulation des Mesoderms der Primitivstreifen. Dieser wird dann zur Primitivrinne (19. Tag), im kranialen Bereich bildet sich die Primitivgrube mit dem Primitivknoten.

Aus diesen drei Keimblättern entwickeln sich die Organanlagen:

  • Ektoderm: ZNS, Oberflächenepithel (Epidermis)

  • Mesoderm: Skelett, Skelettmuskel, Kreislauforgane, Harn- und Geschlechtsorgane

  • Entoderm: epithelialen Anlagen von Verdauungs- und Atemwegen.

Nun fängt die Embrionalperiode (4.—8. Woche) an. Ab nun heißt der Keim Embryo .

Ab dem Ende der 4. Woche bildet sich die Grundform des Rumpfes, am Beginn der 5. Woche beginnen die Extremitäten zu knospen. Im Verlauf des 1. Monats kommt es zu einer starken Krümmung des Embryos, Augenlider, Nase, Lippen, Ohren und Kinn sind bereits erkennbar, die Finger und Zehen entwickeln sich.

Fetalentwicklung#

Die Fetalzeit beginnt mit der 9. Woche und geht bis zur 38. Woche. Alle Organe sind bereits angelegt. Man spricht dementsprechend vom Fetus.

Hier kommt es zu Wachstum und Differenzierung der Organsysteme.

Nach der Geburt wird das Neugeborene nach den Reifezeichen beurteilt. Hier können sichere und unsichere unterschieden werden.

Sichere morphologische Reifezeichen:

  • Scheitel-Fersen-Länge: ca. 49-51 cm

  • Scheitel-Steiß-Länge: ca. 33 cm

  • Durchschnittsgewicht: ca. 3200 (Mädchen) - 3400 → (Buben).

  • Kopfumfang: 33,5 - 37 cm

  • Brustumfang: 30 - 35 cm

Unsichere morphologische Reifezeichen:

  • kaum Lanugohaare (Reste auf dem Rücken), Kopfhaar ca. 2cm lang

  • Haut und Unterhautfettgewebe

  • Festigkeit von Nase- und Ohrknorpel

  • Knochenkerne in der distalen Femurepiphyse

  • Finger- und Zehennägel überragen die Finger- und Zehenspitzen

  • Hoden ist im Skrotum bzw. große Schamlippen bedecken gerade die kleinen

funktionelle Reifezeichen:

  • Atmung, Herzfrequenz und Muskeltonus

  • bestimmte neuromuskuläre Reflexe

  • aktiver und passiver Muskeltonus

  • Körpermitte in etwa auf Nabelhöhe

  • Extremitäten - Arme und Beine in etwa gleich lang

Begriffe und gängige Abkürzungen#

Para

Anzahl der vorangegenagenen Geburten. Sonderfall Nullipara: Noch keine Geburt

Partus

Wievielte Geburt

Abort

Fruchtabgang

Interruptio

Künstliche Beendigung der Schwangerschaft

LNR

Abkz. Letzte normale Regelblutung

SSW

Schwangerschaftswoche, Angabe in vollendeten Schwangerschaftswochen mit Zusatz der Tage der angebrochenen SSW, z. B. SSW 38+4

Grav. IV SSW 38+4 Partus II Abort II

Patientin in der 4. Schwangerschaft am 4. Tag der 39. Schwangerschaftswoche, zweitgebärend (Par I bzw. Part II) , zwei Fruchtabgänge.

Grav. IV SSW 38+4 Partus II Abort II

Patientin in der 4. Schwangerschaft am 4. Tag der 39. Schwangerschaftswoche, zweitgebärend (Par I bzw. Part II) , zwei Fruchtabgänge.