8.4. Postreanimationsbehandlung#
8.4.1. Ende der Reanimation#
Der Helfer darf die Wiederbelebung beenden, wenn einer der drei angeführten Umstände (Abbruchkriterien) eintritt:
Eintreffen von weiterer Hilfe: Der Helfer kann bei Eintreffen weiterer Hilfe durch diese abgelöst werden.
Wiedererlangung des Kreislaufes (Return Of Spontaneous Circulation (ROSC)): Zeigt der Patient eindeutige Lebenszeichen (Erwachen, Husten, Atmen) so wird die Reanimation vorläufig beendet. Es ist sofort eine Atemkontrolle durchzuführen um sicherzustellen, dass die Lebenszeichen richtig erkannt wurden bzw. weiter bestehen. Ist eine normale Atmung vorhanden, wird die Reanimation endgültig beendet. Es ist der Einschätzungsblock sowie die Standardmaßnahmen bei vital bedrohten Patienten durchzuführen. Die Sauerstoffgabe hat dabei einen SpO₂-Zielwert von 94—98 %.
Anmerkung: Erbrechen ist kein Lebenszeichen.
Erschöpfung: Sollte ein Ersthelfer all seine Kräfte aufgebraucht haben, wird gezwungener Maßen die Wiederbelebung ab- bzw. unterbrochen. Fachpersonal wird nicht in eine derartige Situation kommen, an eine Ablöse ist im Falle von protrahierter Reanimation rechtzeitig zu denken. Außerdem ist der Erschöpfung durch Abwechseln bei der Durchführung der HDM und der Beatmung vorzubeugen. Der Wechsel findet idealerweise nach jedem HDM-/Beatmungszyklus, d. h. ca. alle 2 min, statt und darf zu keiner Verzögerung der HDM führen.
Umgebung unsicher und kann nicht (mehr) sicher gemacht werden
8.4.2. Resumption of Spontaneous Circulation (ROSC) und Post-Resuscitation Care#
Wird bei der Reanimation der Kreislauf wiederhergestellt (ROSC, Resumption Of Spontaneous Circulation), ist die strukturierte Weiterbehandlung entscheidend für das Outcome. Es erfolgt eine Postreanimationsbehandlung mit Fokus auf Oxygenierung, Ventilation, Kreislaufstabilisierung, Ursachenbehandlung und neurologischem Schutz.
Primär ist eine Patientenevaluation (Einschätzungsblock) durchzuführen. Bezüglich der Sofortmaßnahmen gelten sinngemäß die Standardmaßnahmen bei vital bedrohten Patienten.
Angestrebt werden:
- Ⓐ
Sicherer Atemweg (Kapnometrie, Auskultation)
- Ⓑ
Normoxie und Normokapnie Ziel: SpO₂ 94–98 %, Vermeidung von Hyperoxie Ziel: Normokapnie (keine routinemäßige Hyperventilation)
Cave: Sekundärverletzungen (z. B. Spannungspneumothorax)
- Ⓒ
Kreislaufstabilisierung und Vermeidung von Hypotonie Ziel: systolischer Blutdruck > 100 mm Hg bzw. MAP ≥ 65 mm Hg
Ein 12-Kanal-EKG ist früh abzuleiten.
Bei ST-Hebung oder hoher Wahrscheinlichkeit eines akuten Koronarverschlusses ist eine sofortige Koronarangiographie indiziert.
Bei hämodynamisch stabilen Patienten ohne STEMI ist eine selektive bzw. verzögerte Koronarangiographie zu erwägen.
Großzügige Indikation zur Traumaevaluation (z. B. STU) bei Verdacht auf Sekundärverletzungen oder Blutungsquellen.
- Ⓓ
Neurologischer Status (Pupillen, GCS), Blutzucker
- Ⓔ
Vollständige klinische Untersuchung inkl. erneuter Reevaluation
Die rasche Identifikation der Ursache ist entscheidend für die weitere Therapieplanung. („Zwischen Herzkatheterlabor, Neurochirurgie und Intensivstation liegen im besten Fall Stockwerke, im schlechtesten Fall Zeitverluste.“)
Bei Verdacht auf zerebrale Ursache ist eine frühzeitige Bildgebung (CCT ± MRT) obligat.
Temperaturmanagement#
Es wird eine gezielte Temperaturkontrolle durchgeführt. Bei komatösen Patienten nach ROSC soll Fieber konsequent vermieden werden.
Ziel: Temperatur ≤ 37,5 °C (keine Hyperthermie)
Dauer: mindestens 72 Stunden
Eine routinemäßige Induktion einer therapeutischen Hypothermie ist nicht obligat, kann jedoch im Bereich 32–36 °C durchgeführt werden. Patienten mit spontaner milder Hypothermie (32–36 °C) sollen nicht aktiv erwärmt werden.
Neurologisches Monitoring und Prognostikation#
Nach ROSC sollen Krampfanfälle aktiv gesucht und behandelt werden.
Die neurologische Prognostikation erfolgt multimodal und umfasst:
klinische Untersuchung
Elektrophysiologie (z. B. EEG)
Biomarker
Bildgebung
Eine verlässliche Prognose soll nicht zu früh gestellt werden, sondern in der Regel erst nach ≥ 72 Stunden unter Berücksichtigung aller Befunde erfolgen.
8.4.3. Ende oder Nicht-Beginn der Reanimation#
In ca. 70—95 % der Fälle ist der Reanimationsversuch erfolglos und der Patient verstirbt. Grundsätzlich wird eine Reanimation fortgesetzt, solange Kammerflimmern oder ein ähnlicher Rhythmus vorliegt. Es ist weitgehend akzeptiert, eine Reanimation abzubrechen, wenn trotz aller ALS-Maßnahmen und Fehlen von reversiblen Ursachen für 20 Minuten eine Asystolie besteht [🗎 Bonnin 1993, 🗎 ERC 2021 12].
Gewisse Bedingungen, etwa eine Hypothermie zum Zeitpunkt des Kreislaufstillstands, steigern die Chancen der Wiederherstellung ohne neurologische Schäden, sodass normale Prognosekriterien (z. B. eine über 20 min andauernde Asystolie) nicht anwendbar sind.
Abgesehen von den rein medizinischen Faktoren, welche vor allem den zu erwartenden Reanimationserfolg im Blick haben, gibt es auch noch andere Umstände, welche Einfluss auf die Entscheidung haben [🗎 ERC 2021 12]. Besonders berücksichtigenswert ist der mutmaßliche oder vorab geäußerte Patientenwille, z. B. im Rahmen einer verbindlichen oder beachtlichen Patientenverfügung.
Die Abbruchsentscheidung ist grundsätzlich von einem Arzt zu treffen (sofern keine dringenden Gründe wie unsichere Umgebung oder Erschöpfung vorliegen).