Sedierung#
Die Sedierung ist die hypnotische Komponente der Analgosedierung. Auch diese muss individuell auf jeden Patienten und seine aktuelle Krankheit angepasst werden. Die Dosis und Dauer müssen so niedrig wie möglich gehalten werden.
Bemerkung
Sedierung: So wenig wie möglich, so viel wie notwendig!
Die Tiefe Sedierung ergibt ein trügerisches Bild des Friedens, das vor allem Laien beruhigt („Gesund schlafen“) — aber:
die Häufigkeit vor allem respiratorischer Komplikationen steigt
die Beatmungs- und Liegedauer ist verlängert
das Risiko eines Delirs steigt
die Prognose verschlechtert sich
Eine sehr tiefe Sedierung ist nur bei speziellen Indikation angezeigt:
Senken bzw. Kontrolle des Hirndrucks
Kinetische Therapie oder Bauchlage (relative Indikation)
Dies gilt sinngemäß auch für Muskelrelaxantien.
EEG-basierte Verfahren (BIS, Entropy) können zur Überwachung und Steuerung tiefer Sedierungen eingesetzt werden.
RASS: Richmond Agitation Sedation Scale#
Zur Abwechslung gibt es zur Objektivierung und Therapiesteuerung einen Score, den Richmond Agitation Sedation Scale.
Wert |
Bezeichnung |
Erläuterung |
|---|---|---|
+ 4 |
streitlustig |
aggressives verhalten, Personal gefährdet |
+ 3 |
Sehr agitiert |
Zieht oder entfernt „Schläuche“, aggressiv |
+ 2 |
agitiert |
Häufig ungezielte Bewegungen, atmet gegen den Respirator |
+ 1 |
unruhig |
Ängstlich, Bewegungen aber nicht aggressiv oder lebhaft |
0 |
aufmerksam und ruhig |
|
- 1 |
schläfrig |
Erwacht anhaltend mit Blickkontakt bei Ansprache (> 10 sec) |
- 2 |
leichte Sedierung |
Kurzes Erwachen mit Blickkontakt bei Ansprache (< 10 sec) |
- 3 |
mäßige Sedierung |
Bewegung oder Augenöffnung bei Ansprache (ohne Blickkontakt) |
- 4 |
tiefe Sedierung |
Keine Reaktion auf Ansprache |
- 5 |
Nicht erweckbar |
Keine Reaktion auf Ansprache oder körperlichen Reiz |
Sedativa#
Die wichtigsten i. v.-Sedativa in der Intensivmedizin sind:
Midazolam
Propofol
Clonidin
Dexmedetomidin
Propofol#
Siehe auch
Propofol ist ein rasch und kurz wirksames, daher sehr gut steuerbares, intravenöses Hypnotikum ohne analgetische Eigenschaften. Es gibt kein Antidot. Im Gegensatz zu Narkosegasen und Opoiden führt es kaum zu Übelkeit und Erbrechen, sondern wirkt eher antiemetisch.
- Indikationen
Ein sehr vielseitiges Mittel:
für Sedierungen (zB für endoskopische Unersuchungen)
zum Einleiten und Aufrechterhalten von Narkosen
und vielseitig eingesetzt auf der Intensivstation (Langzeitsedierung, Bolusgabe bei Pflegemaßnahmen oder Kurzeingriffen)
- Nebenwirkungen und Gefahren
Atemdepression: geringe therapeutische Breite!
Blutdruckabfall : Inotropie ↓, Herzeitvolumen ↓ und peripherer Gefäßwiderstand↓: Vorsichtige Dosierung bei schockierten, hypovolämen und cardial dekompensierten Patienten
Gefahr
Der schockierte bzw. kreislaufinstabile ist quasi als Kontraindikation für Propofol zu sehen, sofern der Anwender nicht sehr erfahren ist!
Injektionsschmerz v. a. bei dünnen peripheren Venen
Hypertriglizidämie: daher die 2 %ige Lösung für Daueranwendung → Laborkontrollen
Grünlich-braune Verfärbung des Harns
Das Propofol-Infusionssyndrom (PRIS) ist eine seltene, aber potenziell tödliche Komplikation der Langzeitverabreichung von Propofol (50 % Letalität). 🗎 Hemphill 2019 Es ist gekennzeichnet durch metabolische Azidose, meist bradykarde Rhythmusstörungen, Hypotonie, Herzversagen, Nierenversagen und Rhabdomyolyse der Herz und Skelettmuskeln mit extremen CPK-Anstieg und Hyperkaliämie. Der Mechanismus ist unklar.
Bemerkung
Verfärbung des Harns auch beim Propofolinfusionssyndrom.
Siehe auch
Benzodiazepine#
Angstlösend
Amnesie
Muskelentspannend
Antikonvulsiv
Dosisabhängig sedierend/hypnotisch
Atemdepressiv (größere therapeutische Breite)
Antidot: Flumazenil, kompetitiver Antagonist (bei Intoxikation und Überdosierung)
Gefahr
Paradoxe Reaktionen können, insbesonders bei älteren Patienten, häufig und ausgeprägt sein.
Benzodiazepine können zu Verwirrtheit führen und fördern damit die Entwicklung eines Delir.
α₂-Agonisten#
Klassisch: Clonidin, ursprünglich ein Antihypertensivum
Nicht atemdepressiv
Vermindern den Sympathotonus (Delir!) mit Blutdrucksenkung, Frequenzbremsung,
Abnahme von Tremor, Shivering, Schwitzen und Agitiertheit
Auch Co- analgetisch wirksam
Modern: Dexmedetomidin (Dexdor™) besser steuerbar, bessere Sedierung
Kontraindikationen: Bradykardie, Hypotension, cerebrovaskuläre Erkrankungen, Bolusgabe
Etomidate#
Siehe auch
Pharmakopeia: Etomidate
Etomidate wirkt rein hypnotisch über einen GABAergen Mechanismus. Es weißt eine große therapeutische Breite und ist verhältnismäßig wenig kreislaufdespressiv.
Es kommt jedoch zur Hemmung der Kortisolsynthese, sowohl bei Dauerinfusion, als auch bei Einmalgabe. Es erhöht damit nachweislich und deutlich die Mortalität von kritisch kranken Patienten [🗎 Kotani 2023].
Gefahr
Etomidate ist bei kritisch kranken Patienten kontraindiziert!