5.10.4. EKG-Diagnostik#

Die Auswertung des Elektrokardiogramms erfolgt strukturiert entlang von Rhythmus, Erregungsleitung, Ischämiezeichen und weiteren Veränderungen. Die Interpretation erfolgt stets im klinischen Kontext und unter Berücksichtigung der hämodynamischen Relevanz.

Tab. 35 Normwerte im EKG#

Parameter

Normwert

Bedeutung

Herzfrequenz (HF)

60–100 / min

Normfrequenz im Sinusrhythmus

PQ-Zeit

120–200 ms

Atrioventrikuläre Überleitungszeit

QRS-Dauer

< 120 ms

Intraventrikuläre Erregungsausbreitung

QT-Zeit (korrigiert, QTc)

< 440 ms (♂), < 460 ms (♀)

Gesamtdauer von Depolarisation und Repolarisation

P-Welle

< 120 ms, < 0,25 mV

Vorhoferregung

elektrische Achse

−30° bis +90°

Richtung der Erregungsausbreitung im Frontalplan

Rhythmusbeurteilung#

Die Rhythmusanalyse umfasst die Beurteilung von Frequenz, Regelmäßigkeit und Ursprung der Erregung. Grundlage ist die Analyse von P-Wellen, QRS-Komplexen und deren Beziehung.

Störungen#

Extrasystolen

Vorzeitige Schläge, die supraventrikulär oder ventrikulär entstehen können. Ventrikuläre Extrasystolen zeigen meist breite QRS-Komplexe und fehlende P-Wellen.

Vorhofflimmern

Absolute Arrhythmie ohne erkennbare P-Wellen. Unregelmäßige RR-Intervalle. Häufig tachykard.

Brady-Tachy-Syndrom

Wechsel zwischen bradykarden und tachykarden Phasen im Rahmen einer Sinusknotendysfunktion.

Supraventrikuläre Tachykardie (SVT)

Regelmäßige Tachykardie mit schmalem QRS-Komplex. Ursprung oberhalb der Ventrikel.

AV-Knoten-Reentrytachykardie (AVNRT)

Reentrymechanismus im Bereich des AV-Knotens. Typischerweise plötzlicher Beginn und Ende. Schmale QRS-Komplexe.

„Fast — Broad — Irregular“

Tachykarde, breite und unregelmäßige Rhythmusstörung. Verdacht auf Vorhofflimmern mit aberranter Leitung oder Präexzitation. Potenziell lebensbedrohlich.

Ventrikuläre Tachykardie (VT)

Breite, meist regelmäßige Tachykardie. Als ventrikulär zu behandeln, bis das Gegenteil bewiesen ist.

Kammerflimmern (VF)

Chaotische elektrische Aktivität ohne effektive mechanische Pumpfunktion. Kein Herzzeitvolumen.

Pulslose elektrische Aktivität (PEA)

Elektrische Aktivität im EKG ohne nachweisbaren Puls. Ausdruck einer fehlenden effektiven mechanischen Herzleistung trotz elektrischer Aktivität.

Asystolie

Fehlen jeglicher elektrischer Aktivität. Ausschluss von Artefakten essenziell.

Beurteilung der Erregungsleitung#

Die Analyse der Erregungsleitung erfolgt anhand von PQ-Zeit und QRS-Dauer.

Störungen#

Atrioventrikuläre Blockierungen (AV-Block)

Störung der atrioventrikulären Überleitung.

  • Grad I: verlängerte PQ-Zeit

  • Grad II: intermittierende Überleitung (Mobitz I / II)

  • Grad III: vollständige AV-Dissoziation

Ventrikulärer Ersatzrhythmus

Entsteht bei Ausfall supraventrikulärer Impulse. Breite QRS-Komplexe bei niedriger Frequenz.

Schenkelblöcke

Verzögerte intraventrikuläre Erregungsausbreitung mit verbreitertem QRS-Komplex.

Ischämiediagnostik#

Ischämische Veränderungen betreffen primär ST-Strecke, T-Welle und Q-Zacke.

STEMI-Kriterien#

  • ST-Hebungen in zumindest 2 benachbarten Ableitungen:

    • Männer: > 2,5 mm < 40 a, > 2 mm > 40 a

    • Frauen: > 1,5 mm in V2—V3, oder > 1 mm in anderen Ableitungen

    • ST-Senkungen in V1—V3 und/oder > 0,5 mm in V7—V9: Verdacht auf CX-Infarkt (keine ST-Hebungen in Standard-Ableitungen!)

    • Bei inferioren Infarkten ist auch die rechtspräkordiale Ableitung (rV4) interessant

Atypische Präsentationen#

Linksschenkelblock

Ischämiezeichen können maskiert sein, de-novo aber auch Zeichen einer Ischämie sein.

Schrittmacher-EKG

Sekundäre Repolarisationsveränderungen erschweren die Diagnose.

Hauptstammbild
  • ST-Hebungen in aVR und V1

  • evtl. diffuse ST-Senkungen in anderen Ableitungen

CX-Infarkt
  • ST-Senkungen V1—V3 und/oder > 0,5 mm in V7—V9

  • Oft hohes R in V1—V3

  • Tiefe ST-Senkung in den rechts-präkordialen Brustwandableitungen mit positivem T

  • Oft minimale ST-Hebungen inferior/lateral

Achtung

Bei 50 % der Erst-EKGs ist die Ischämie nicht im EKG sichtbar, eine Verlaufsbeurteilung der Dynamik bei entsprechender Klinik bzw. Verdacht ist notwendig.

Weitere Ischämiezeichen#

  • ST-Senkungen

  • T-Negativierungen

  • pathologische Q-Zacken

Die Dynamik der Veränderungen ist diagnostisch entscheidend.

Sonstige EKG-Veränderungen#

Elektrolytveränderungen

Besonders Kaliumstörungen führen zu charakteristischen Veränderungen.

  • Hyperkaliämie: spitze T-Wellen, QRS-Verbreiterung

  • Hypokaliämie: abgeflachte T-Wellen, U-Wellen

Hypothermie

Typisch sind J-Wellen (Osborn-Wellen), Bradykardie und Rhythmusstörungen.

Artefakte

Bewegungen, Muskelaktivität oder schlechte Elektrodenkontakte können das EKG verfälschen und müssen erkannt werden.