6.1. ① Szeneüberblick und (Selbst-)Schutz#
Kernpunkte sind die Fragen:
Ist die Einsatzstelle sicher?
Welche (Selbst-) Schutzmaßnahmen sind nötig?
Sind weitere Ressourcen notwendig?
Ist eine Lagemeldung erforderlich?
Schon vor Eintreffenvor Eintreffen am Einsatzort beginnt der SzeneüberblickSzeneüberblick und das bewusste Erkennen von GefahrenbereichenGefahrenbereichGefahrenbereich, wie z. B.:
GefahrgutGefahrgut
Straßen-, Bahnverkehr
Waffen, Täter
Herabhängende Gebäudeteile o. ä.
Tiere (“Vorsicht vor dem Hund”-Schilder, Futternäpfe),
Hinweise auf GasunfälleGas,
unsichere Gebäude(-teile) usw.
Das Einsatzpersonal muss sich die äußeren Umstände des Einsatzes bewusst machen:
WoWo befindet sich der Einsatzort — in einer Wohnung in einem mehrstöckigen Wohnhaus, in einem Einfamilienhaus oder auf einer Verkehrsfläche?
Wo befindet sich der Zugang, wo gibt es Parkmöglichkeiten?
Gibt es einen Aufzug und wie groß ist er?
Können nachfolgende Kräfte den Einsatzort leicht finden?
Ggfs. sind auch Fluchtwege einzuplanen.
Oft ist hier schon zu erkennen, ob weitere Ressourcen benötigt werden, oder ob es sich um eine GroßschadenslageGroßschadenslage handelt und ob weitere kräfter nachalarmiertNachalarmierung werden müssen. Außerdem können Hinweise wahrgenommen werden, ob ein Trauma vorliegt.
Bei Unfällen gibt die Inspektion des Einsatzortes oft auch Aufschluss über den Unfallmechanismus und -hergang. Wenn notwendig, muss der Leitstelle eine erste LagemeldungLagemeldung gegeben werden.
Bevor die Patientenversorgung beginnen kann, müssen am Unfallort einige Vorkehrungen für den weiteren Einsatzablauf getroffen werden. Die wichtigsten Aufgaben sind:
AbsichernAbsichern der Unfallstelle und Selbstschutz (Blaulicht, Warnblinkanlage, Uniformjacke anziehen, evtl. Helm aufsetzen)
Tragen der persänlichen Schutzausrüstung (PSA; Helme, Jacken etc.)
Evtl. NachalarmierungNachalarmierung weiterer Einsatzkräfte: weitere Rettungsmittel bei mehreren Verletzten, Feuerwehr, Polizei (Alarmierung ausschließlich über das Journal, Meldung der Anzahl an Verletzten)
Bei mehreren Verletzten TriageTriage
Eingeklemmte Personen werden stabilisiert bis sie von der Feuerwehr befreit werden können
Crash-RettungCrash-Rettung bei akuter Gefahr, HWS stabilisieren!
Absperrung (hier deutlich verbesserungswürdig) © Gabriel,
Unfall auf der Autobahn
Gefahrgut
Spezifische Gefahren erkennen © Gabriel,
Meldung durch die Leitstelle: Bereitstellung in einem sicheren Bereitstellungsraum bis der Einsatzort von der Polizei gesichert wurde
Waffe (P80) am Einsatzort nach einem Selbstmord
Fig. 121 Bilderserie: Szeneüberblick#
6.1.1. Typische Maßnahmen#
Gefahren erkennen!
Absichern der Einsatzstelle
Szeneüberblick: Wie viele Verletzte? Unfallszenario?
Gggfs. Nachforderung weiterer Kräfte
Maßnahmen bei Gefahrgutunfällen (GAS-Maßnahmen)
Maßnahmen im Großschadensfall
Lagemeldung
Anlegen von Schutzausrüstung
Beurteilung des Unfallmechanismus:
Aus welcher Richtung hat die Kraft auf den Patienten eingewirkt?
Wie schnell war das Fahrzeug unterwegs? bzw. Aus welcher Höhe ist der Patient gefallen?
War der Patient angegurtet? Haben Airbags ausgelöst?
Welche besondere Verformungen sind am Fahrzeug sichtbar?
Wurde der Patient aus dem Fahrzeug geschleudert? bzw. Wurde ein Fußgänger erfasst?
Rettung aus einer Gefahrenzone
Patienten nüchtern lassen!
6.1.2. Gefahrenbereich#
Wenn in einem Raum alle bewusstlos sind, ist das ungewöhnlich …
—Bernard Law Montgomery, 1st Viscount Montgomery of Alamein
Einsatzkräfte können an einer Einsatzstelle mit einer Vielzahl möglicher Gefahren konfrontiert sein. Viele davon können durch überlegtes und korrektes Vorgehen beherrscht werden, andere erfordern die Unterstützung entsprechend ausgebildeter Spezialkräfte.
Das rechtzeitige Erkennen offensichtlicher und verborgener Gefahren, beispielsweise durch Straßenverkehr, elektrischen Strom, giftige Gase oder Chemikalien, ist Voraussetzung für die Sicherheit von Patienten und Einsatzkräften.
Der erste Schritt ist der Überblick über die Einsatzstelle. Idealerweise wird eine Gefahr bereits dabei erkannt; manche Gefahren werden jedoch erst im weiteren Einsatzverlauf erkennbar.
Mögliche Hinweise ergeben sich aus:
Örtlichkeit
Situation
Hinweisschildern
Kennzeichnungen durch Gefahrentafeln, Gefahrnummer (Kemler-Zahl), UN-Nummer, Gefahrensymbole und Warnzeichen
Beförderungspapiere, Lieferscheine
…
Wenn in einem Raum alle bewusstlos sind, ist das ungewöhnlich …
Durch Absperr- und Sicherungsmaßnahmen wird die Einsatzstelle gesichert und eine Gefährdung bislang unbeteiligter Personen verhindert. Der abgesperrte Bereich muss ausreichend groß gewählt werden, um insbesondere der Feuerwehr die erforderlichen technischen Maßnahmen zu ermöglichen.
Witterungseinflüsse, insbesondere Windrichtung und Niederschlag, müssen berücksichtigt werden. Art und Ausmaß der Absperrung richten sich nach der jeweiligen Gefährdung. Dabei muss jederzeit mit einer Veränderung der Situation gerechnet werden, beispielsweise durch Schaulustige, eine Änderung der Windrichtung oder Windböen.
Muss ein Patient aus dem Gefahrenbereich gerettet werden, hat der Eigenschutz der Einsatzkräfte Vorrang.
Achtung
Grundsatz: Eigenschutz geht vor Fremdschutz!
Bei Bedarf sind entsprechende Spezialkräfte anzufordern. Dabei müssen alle verfügbaren Informationen über Art und Ausmaß der Gefährdung weitergegeben werden.
In bestimmten Einsatzbereichen, beispielsweise im Straßenverkehr, auf oder im Wasser, im Gebirge, in Höhlen oder auf Skipisten, sind zusätzliche Sicherungsmaßnahmen erforderlich, die in den folgenden Abschnitten behandelt werden.
Synopsis
Es gilt:
Gefahr erkennen
Schutzmaßnahmen treffen
Absperrmaßnahmen durchführen
wenn ohne Eigengefährdung möglich: Patientenrettung aus dem Gefahrenbereich
erforderliche Spezialkräfte anfordern
Ein Fahrzeug brennt und alle schauen fasziniert zu …
… dann frischt der Wind auf …
… und die Absperrung verliert ihren Zweck!
Situation |
Typische Gefahren |
|---|---|
Landwirtschaft |
CO₂ in Gär- und Weinkellern, Silos und Brunnenschächten; Pflanzenschutzmittel |
Senkgruben, Jauchegruben |
CO₂, Methan, Schwefelwasserstoff |
Obstlager |
O₂-arme Atmosphäre mit erhöhten CO₂- oder N₂-Konzentrationen zur kontrollierten Lagerung |
Brand |
Brandrauch und toxische Verbrennungsprodukte; besonders gefährlich in Gewerbe- und Industriebetrieben |
Tiefgaragen und Tunnel |
erhöhte CO- und CO₂-Konzentrationen |
Flüssiggas |
Campingplätze, stationäre und mobile Küchen |
Schwimmbäder |
Chlor bzw. chlorhaltige Chemikalien zur Wasseraufbereitung |
Industrie |
Kältemittel in großen Kälteanlagen, z. B. Ammoniak; Lösungsmittel und andere Gefahrstoffe |
Nuklearmedizin, Industrie, Forschung |
ionisierende Strahlung bzw. radioaktive Stoffe |
Transportunfälle |
Brand- und Explosionsgefahr, toxische Stoffe, Freisetzung unter Druck stehender Gase, Infektionsgefahr, Radioaktivität, Umweltgefährdung sowie Gefahren durch Straßen- oder Schienenverkehr |
Kennzeichnung von Gefahrstoffen und Gefahrenbereichen#
Allgemeine Gefahr
Radioaktive Stoffe oder ionisierende Strahlung
Gasflaschen
Laserstrahlung
Fig. 124 Warnzeichen#
Obwohl die Kennzeichnung von Gefahrenbereichen und Gefahrstoffen standardisiert ist, unterscheidet sie sich abhängig vom jeweiligen Anwendungsbereich, beispielsweise zwischen der Kennzeichnung von Produktverpackungen und der Kennzeichnung beim Gefahrguttransport. Auch die Zielgruppe der Kennzeichnung ist unterschiedlich, beispielsweise Einsatzkräfte der Feuerwehr oder Endverbraucher.
Daher kommen je nach Anwendungsbereich unterschiedliche Kennzeichnungssysteme zum Einsatz.
Explosiv
Entzündbar
Oxidierend
Gase unter Druck
Ätzend
Akut toxisch
Gesundheitsschädlich bzw. reizend
Gesundheitsgefahr
Umweltgefährlich
Fig. 125 Gefahrenpiktogramme gemäß Verordnung (EG) Nr. 1272/2008#
Eine Pflegekraft, die den Gefahrenbereich betreten hatte, wird gerettet.
Bewusstloser Bewohner, der in einem nahe gelegenen Gemeinschaftsraum aufgefunden wurde.
Fig. 126 Rettung durch eine Schadstoffeinheit nach einem Chemieunfall mit Freisetzung von Chlor in einem Seniorenheim. [₢ Sebastian Gabriel ℓ MfG]#
Straßenverkehr#
Der Straßenverkehr birgt eine Vielzahl von Gefahren für Einsatzkräfte.
Je höher die zulässige Höchstgeschwindigkeit, je stärker die Sicht auf die Einsatzstelle eingeschränkt und je ungünstiger die Witterungs- und Sichtverhältnisse einschließlich Dunkelheit sind, desto gefährlicher ist der Aufenthalt auf der Fahrbahn.
Besonders gefährlich sind kreuzungsfreie Straßen mit hohen Fahrgeschwindigkeiten, insbesondere Autobahnen und Schnellstraßen. Andere Verkehrsteilnehmer rechnen dort nicht mit stehenden Personen oder Hindernissen auf der Fahrbahn.
Obwohl die Fahrgeschwindigkeit grundsätzlich den Sichtverhältnissen angepasst werden muss, ist in der Praxis damit zu rechnen, dass Fahrzeuge mit einer Geschwindigkeit unterwegs sind, bei der der innerhalb der ausgeleuchteten Strecke verfügbare Anhalteweg nicht ausreicht.
Fig. 127 Einsatzstelle nach einem Verkehrsunfall mit hoher Kollisionsgeschwindigkeit#
[₢ Sebastian Gabriel ℓ MfG]
Maßnahmen bei einem Verkehrsunfall#
Wird die Unfallstelle mit einem Fahrzeug angefahren, wird dieses nach Möglichkeit in geeignetem Sicherheitsabstand abgestellt. Die WarnblinkanlageWarnblinkanlage wird eingeschaltet.
Die WarnwesteWarnweste wird vor dem Verlassen des Fahrzeugs angelegt. Auf Autobahnen und Autostraßen besteht in Österreich für den Lenker eines mehrspurigen Kraftfahrzeugs beim Verlassen des Fahrzeugs und Aufenthalt auf Fahrbahn oder Pannenstreifen eine Tragepflicht. Auf Freilandstraßen besteht die Tragepflicht, wenn auch ein Pannendreieck aufzustellen ist.
Besondere Gefahren durch Kurven, Gefälle, Kuppen sowie bei Rauch- oder Schadstoffentwicklung durch die Windrichtung müssen bei der Absicherung der Einsatzstelle berücksichtigt werden.
Das WarndreieckWarndreieck muss so weit vor dem Hindernis aufgestellt werden, dass der nachfolgende Verkehr rechtzeitig gewarnt wird und zumindest der erforderliche Anhalteweg zur Verfügung steht. Als Orientierungswerte gelten:
Ortsgebiet: 30–40 m
Freilandstraße bei ca. 80 km / h: 60–90 m
Freilandstraße bei ca. 100 km / h: 100–130 m
Bei Kurven, Kuppen oder anderen unübersichtlichen Straßenstellen wird das Warndreieck so aufgestellt, dass die Warnung bereits vor der unübersichtlichen Stelle erfolgt. Die Einsatzkraft geht dem herannahenden Verkehr mit dem bereits aufgeklappten und gut sichtbaren Warndreieck entgegen.
Gefahrgut#
Fahrzeuge, die Güter transportieren, von denen Gefahren für Menschen, Tiere oder Umwelt ausgehen können, unterliegen abhängig von Stoff und transportierter Menge den Vorschriften für den Gefahrguttransport.
Bei kennzeichnungspflichtigen Transporten erfolgt die Kennzeichnung unter anderem mittels einer 40 × 30 cm großen orangefarbenen Warntafel mit schwarzem Rand (Fig. 128). Bei bestimmten Transporten enthält sie in der oberen Hälfte die GefahrnummerGefahrnummer (Kemler-Zahl) und in der unteren Hälfte die UN-NummerUN-Nummer (Stoffnummer).
Die Gefahrnummer gibt Hinweise auf die von einem transportierten Stoff ausgehenden Gefahren und befindet sich im oberen Teil der orangefarbenen Warntafel. Sie besteht aus zwei oder drei Ziffern. Die Verdoppelung einer Ziffer weist im Allgemeinen auf eine Verstärkung der entsprechenden Gefahr hin. Kann die Gefahr durch eine einzelne Ziffer ausreichend beschrieben werden, wird eine Null angefügt.
Gefahr
Ein vorangestelltes X bedeutet, dass der Stoff gefährlich mit Wasser reagiert.
Vorsicht daher insbesondere bei Regen, Schnee, Nebel und Löschwasser!
Die UN-Nummer ist eine vierstellige Nummer zur Identifikation eines gefährlichen Stoffes oder einer Stoffgruppe.
Orangefarbene Warntafel ohne Nummern
Orangefarbene Warntafel mit Gefahrnummer oben und UN-Nummer unten
Fig. 128 Kennzeichnung durch orangefarbene Warntafeln#
Ziffer |
Bedeutung |
|---|---|
2 |
Gefahr durch Entweichen von Gas infolge von Druck oder chemischer Reaktion |
3 |
Entzündbarkeit von Flüssigkeiten und Gasen bzw. selbsterhitzungsfähige flüssige Stoffe |
4 |
Entzündbarkeit fester Stoffe bzw. selbsterhitzungsfähige feste Stoffe |
5 |
oxidierende, brandfördernde Wirkung |
6 |
Giftigkeit oder Ansteckungsgefahr |
7 |
Radioaktivität |
8 |
Ätzwirkung |
9 |
Gefahr einer spontanen heftigen Reaktion |
0 |
keine zusätzliche Gefahr |
X |
reagiert gefährlich mit Wasser |
Gefahrnummer |
Bedeutung |
|---|---|
22 |
tiefgekühlt verflüssigtes Gas |
X323 |
entzündbarer flüssiger Stoff, der mit Wasser gefährlich reagiert und entzündbare Gase entwickelt |
X333 |
selbstentzündlicher flüssiger Stoff, der mit Wasser gefährlich reagiert |
X423 |
entzündbarer fester Stoff, der mit Wasser gefährlich reagiert und entzündbare Gase entwickelt |
44 |
entzündbarer fester Stoff, der sich bei erhöhter Temperatur in geschmolzenem Zustand befindet |
539 |
entzündbares organisches Peroxid |
90 |
umweltgefährdender Stoff bzw. verschiedene gefährliche Stoffe |
UN-Nummer |
Stoff |
UN-Nummer |
Stoff |
|---|---|---|---|
0048 |
Explosivstoff |
1223 |
Kerosin |
0333 |
Feuerwerkskörper |
1789 |
Salzsäure |
1005 |
Ammoniak |
1830 |
Schwefelsäure |
1011 |
Butan |
1962 |
Ethylen |
1013 |
Kohlendioxid |
1972 |
Methan oder Erdgas, tiefgekühlt, flüssig |
1017 |
Chlor |
1977 |
Stickstoff |
1052 |
Fluorwasserstoff |
1978 |
Propan |
1090 |
Aceton |
3295 |
Kohlenwasserstoffe, flüssig |
1203 |
Benzin |
3312 |
Gas, tiefgekühlt, flüssig |
Zusätzlich zur orangefarbenen Warntafel erfolgt die Kennzeichnung gefährlicher Güter durch GefahrzettelGefahrzettel. Dabei handelt es sich um auf der Spitze stehende, rautenförmige Piktogramme. Im oberen Bereich befindet sich ein Symbol für die jeweilige Gefahr, im unteren Bereich die Nummer der Gefahrklasse. Beim Stückguttransport werden die einzelnen Versandstücke entsprechend gekennzeichnet.
Explosive Stoffe und Gegenstände mit Explosivstoff
Entzündbare Gase
Nicht entzündbare, nicht giftige Gase
Giftige Gase
Entzündbare flüssige Stoffe
Entzündbare feste Stoffe, selbstzersetzliche Stoffe und desensibilisierte explosive feste Stoffe
Selbstentzündliche Stoffe
Stoffe, die in Berührung mit Wasser entzündbare Gase entwickeln
Entzündend wirkende Stoffe
Organische Peroxide
Giftige Stoffe
Ansteckungsgefährliche Stoffe
Radioaktive Stoffe
Spaltbare Stoffe
Ätzende Stoffe
Verschiedene gefährliche Stoffe und Gegenstände
Fig. 129 🖼 Gefahrzettel und ausgewählte Kennzeichnungen gemäß ADR#
Bei Gefahrgut- oder Schadstoffereignissen ist regelmäßig die Unterstützung entsprechend ausgerüsteter Spezialkräfte erforderlich. Die Feuerwehr ist hierfür die primäre Anlaufstelle. Aufgrund verschiedener Freistellungsregelungen (“Freigrenzen”) können Gefahrstoffe mitunter auch ohne entsprechende Fahrzeugkennzeichnung transportiert werden (sonst müsste jedes Fahrzeug mit Verbrennungsmotor eine Gefahrgutkennzeichnung aufweisen.).
Elektrischer Strom#
Man hört ihn nicht
Man sieht ihn nicht
und plötzlich macht es bzzzzzzzzzzt!—Nikola Tesla
Die Stromstärke \(I\) (Einheit: Ampere, A), die durch einen Leiter fließt, ergibt sich aus dem Verhältnis der zwischen seinen Enden bestehenden Spannung \(U\) (Einheit: Volt, V) und seinem elektrischen Widerstand \(R\) (Einheit: Ohm, Ω).
Dieser Zusammenhang wird durch das Ohmsche Gesetz beschrieben:
Praktisch bedeutet dies:
Je höher die Spannung, desto größer kann bei gegebenem Widerstand die Stromstärke sein.
Je geringer der Widerstand, desto größer ist bei gegebener Spannung die Stromstärke.
Mit steigender Spannung können auch Widerstände überwunden werden, die bei niedrigerer Spannung eine ausreichende Isolation darstellen.
Auch ein Isolator besitzt keinen unendlich hohen elektrischen Widerstand. Bei ausreichend hoher elektrischer Feldstärke kann es zum elektrischen Durchschlag kommen.
Für den menschlichen Körper bedeutet dies insbesondere:
hohe Spannungen können die isolierende Wirkung von Haut, Kleidung oder Luft überwinden
die tatsächlich durch den Körper fließende Stromstärke hängt wesentlich vom elektrischen Widerstand und den Kontaktbedingungen ab
Elektrischer Strom kann als Wechselstrom oder Gleichstrom vorliegen. Beim Wechselstrom ändern sich Polarität und Stromrichtung periodisch mit einer bestimmten Frequenz. Beim Gleichstrom bleibt die Polarität konstant und der Strom fließt dauerhaft in dieselbe Richtung.
Wann wird elektrischer Strom gefährlich?#
Die Wirkung elektrischen Stroms auf den menschlichen Körper hängt wesentlich von Stromstärke, Einwirkdauer und Stromweg ab. Spannung und elektrischer Widerstand bestimmen dabei maßgeblich die tatsächlich durch den Körper fließende Stromstärke.
Bereits geringe Wechselströme können wahrgenommen werden. Mit zunehmender Stromstärke treten schmerzhafte Muskelkontraktionen auf.
Als Loslassgrenze wird jene Stromstärke bezeichnet, oberhalb derer eine willkürliche Lösung von einem unter Spannung stehenden Gegenstand aufgrund tetanischer Muskelkontraktionen nicht mehr zuverlässig möglich ist. Sie liegt bei Wechselstrom im Bereich von ungefähr 10–15 mA, ist jedoch von Frequenz, Kontaktbedingungen und individuellen Faktoren abhängig.
Die Gefährlichkeit eines Stromunfalls wird insbesondere bestimmt durch:
Stromstärke
Spannung
höhere Spannungen können die isolierende Wirkung der Haut überwinden und dadurch einen wesentlich höheren Stromfluss ermöglichen
Widerstand
trockene, intakte Haut besitzt einen wesentlich höheren Widerstand als feuchte oder verletzte Haut
großflächiger und fester Kontakt vermindert den Übergangswiderstand
bei hoher Spannung kann die Hautbarriere durch elektrischen Durchschlag und thermische Schädigung verloren gehen
Einwirkdauer
Stromweg
besonders gefährlich ist ein Stromweg durch den Thorax und damit durch das Herz
Stromart und Frequenz
niederfrequenter Wechselstrom besitzt ein besonders relevantes arrhythmogenes Potenzial
Warnung
Jeder Stoff ist bei genügend Spannung ein elektrischer Leiter!
Elektrische Schädigungen#
Elektrischer Strom kann durch direkte elektrische Wirkung sowie durch die entstehende Wärme schwere Gewebeschäden verursachen.
Mögliche Folgen sind insbesondere:
Herzrhythmusstörungen bis zum Kammerflimmern
Muskelkontraktionen und Tetanie
thermische Schädigungen durch Stromfluss
Lichtbogenverletzungen
neurologische Schädigungen
sekundäre Verletzungen, beispielsweise durch Sturz oder Wegschleudern
Bei Stromdurchtritt können tiefe Gewebestrukturen erheblich geschädigt sein, obwohl äußerlich nur geringe Hautveränderungen sichtbar sind. Das Ausmaß der inneren Gewebeschädigung kann daher anhand der Hautbefunde allein nicht zuverlässig abgeschätzt werden.
Hochspannungsanlagen#
Als Hochspannung werden in elektrischen Energieanlagen Spannungen von > 1.000 V Wechselspannung (AC) bzw. > 1.500 V Gleichspannung (DC) bezeichnet.
Bemerkung
Der Begriff Hochvolt-System bei Elektro- und Hybridfahrzeugen ist davon zu unterscheiden. Hochvolt-Systeme von Kraftfahrzeugen umfassen bereits Spannungen von > 30 V AC bzw. > 60 V DC und sind daher nicht mit elektrotechnischen Hochspannungsanlagen gleichzusetzen.
Typische Hochspannungsanlagen sind beispielsweise:
Hochspannungsfreileitungen
Umspannwerke und Schaltanlagen
Transformatorstationen
Oberleitungsanlagen elektrischer Bahnen
industrielle Hochspannungsanlagen
Bei Hochspannungsanlagen besteht Lebensgefahr bereits ohne direkten Kontakt mit einem spannungsführenden Leiter. Bei ausreichender Annäherung kann die Luftstrecke elektrisch durchschlagen und ein Lichtbogen entstehen.
Bei einem Lichtbogen wird die Luft ionisiert und elektrisch leitfähig. Es entsteht ein mehrere tausend Grad heißes Plasma, das schwere Verbrennungen verursachen kann.
Der erforderliche Sicherheitsabstand ist von Spannung, Anlage und Situation abhängig. Bei unbekannter Spannung oder unbekannter Anlage ist ein großzügiger Sicherheitsabstand einzuhalten und die Freischaltung durch den zuständigen Netzbetreiber abzuwarten.
Hochspannungsanlagen müssen durch entsprechend befugtes Fachpersonal freigeschaltet, gegen Wiedereinschalten gesichert und entsprechend den anlagenspezifischen Vorschriften geerdet werden. Eine abgeschaltete Anlage ist nicht automatisch spannungsfrei.
Gefahr
Eine Hochspannungsanlage ist so lange als spannungsführend zu betrachten, bis der spannungsfreie Zustand durch die zuständige Stelle hergestellt und bestätigt wurde.
Berührt ein spannungsführender Leiter den Boden, verteilt sich der Strom über das Erdreich. Um die Eintrittsstelle entsteht ein Spannungstrichter: Das elektrische Potential nimmt mit zunehmender Entfernung von der Eintrittsstelle ab.
Zwischen zwei Punkten des Bodens kann daher eine erhebliche Potentialdifferenz bestehen. Überbrückt eine Person diese Potentialdifferenz mit ihren Beinen, kann ein Strom durch den Körper fließen. Diese Spannung zwischen den beiden Standpunkten wird als Schrittspannung bezeichnet.
Je größer der Abstand zwischen den Kontaktpunkten, desto größer kann die wirksame Potentialdifferenz sein.
Gefahr
Herabhängende oder den Boden berührende Hochspannungsleitungen dürfen nicht angenähert werden. Der Gefahrenbereich ist großräumig abzusperren und die Freischaltung durch den zuständigen Netzbetreiber abzuwarten.
Eisenbahnanlagen#
Der Gleisbereich von Eisenbahnanlagen birgt mehrere besondere Gefahren.
Zugverkehr
Züge fahren nicht auf Sicht und können einem Hindernis nicht ausweichen. Im österreichischen Eisenbahnnetz sind Geschwindigkeiten bis 250 km / h möglich; dies entspricht etwa 70 m / s. Bremswege können bis zu 2 500 m betragen.
Jedes Gleis kann grundsätzlich in beide Richtungen befahren werden. Auch auf Nachbargleisen können weiterhin Zug- oder Verschubfahrten stattfinden.
Bei bestehendem Fahrbetrieb ist ein Abstand von mindestens 3 m zum Gleis einzuhalten.
Ein Einsatz im ÖBB-Gleisbereich erfolgt grundsätzlich erst nach entsprechender Einsatzfreigabe durch die ÖBB-Notfallleitstelle bzw. den ÖBB-Einsatzleiter. Dabei werden insbesondere Fahrbetrieb, Schaltzustand und Erdung der Oberleitung, Gefahrgut sowie der sichere Zugang zum Einsatzbereich geklärt.
Lokalisierung
Zur möglichst eindeutigen Lokalisierung einer Einsatzstelle dienen insbesondere:
Streckenbezeichnung
Bahnhof bzw. nächstgelegener Bahnhof
Strecken- bzw. Hektometerangabe
Mastnummer
Gleisnummer
Fahrtrichtung
Elektrische Anlagen
Die Oberleitung der ÖBB wird mit 15 kV Wechselspannung bei 16,7 Hz betrieben. Im Bereich der ÖBB können darüber hinaus insbesondere folgende Spannungen auftreten:
Bahnstromleitungen: 110 kV, regional auch 55 kV
Oberleitung und Speiseleitungen: 15 kV
Zugsammelschiene und Heizkabel: bis 1.000 V
Fahrzeugbatterien: typischerweise 110 V DC
Von unter Spannung stehenden Teilen der Oberleitungsanlage ist ein Sicherheitsabstand von mindestens 3 m seitlich, oberhalb und unterhalb einzuhalten. Kann dieser Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden, müssen die betroffenen Anlagenteile vor Beginn des Einsatzes freigeschaltet und geerdet werden.
Gefahr
Eine elektrische Bahnanlage ist so lange als spannungsführend zu betrachten, bis der spannungsfreie Zustand hergestellt und gesichert wurde.
Eine herabhängende Oberleitung bedeutet akute Lebensgefahr. Dies gilt auch, wenn die Leitung den Boden berührt oder auf Bäumen, Zäunen, Gebäuden oder Schienenfahrzeugen aufliegt.
Zu einer herabhängenden Leitung ist ein Sicherheitsabstand von mindestens 20 m einzuhalten.
Gefahr
Herabhängende Oberleitung: mindestens 20 m Abstand!
Auch bei gesenktem Stromabnehmer darf ein Triebfahrzeug nicht grundsätzlich als spannungsfrei betrachtet werden. Bei gehobenem Stromabnehmer können auch gesenkte Stromabnehmer und Dachleitungen unter 15 kV stehen.
Darüber hinaus können in Triebfahrzeugen durch Kondensatoren, Batterien oder Generatoren Spannungen bis 3 kV vorhanden sein. Dies gilt auch bei gesenktem Stromabnehmer und bei Dieseltriebfahrzeugen.
Auf der Schiene transportierte gefährliche Güter werden nach dem RID als Gefahrgut gekennzeichnet. Neben Gefahrzetteln, UN-Nummer und gegebenenfalls Gefahrnummer besteht bei bestimmten Gastransporten ein besonders auffälliges Erkennungsmerkmal: Kesselwagen für verflüssigte, tiefgekühlt verflüssigte oder gelöste Gase sind mit einem durchgehenden, etwa 30 cm breiten orangefarbenen Streifen gekennzeichnet, der den Kessel etwa auf halber Höhe umläuft.
Achtung
Ein orangefarbener Streifen um einen Kesselwagen ist ein unmittelbar erkennbarer Hinweis auf einen Transport von verflüssigten, tiefgekühlt verflüssigten oder gelösten Gasen.
6.1.3. Unfallmechanismus#
Eine rasche, überblicksmäßige Beurteilung des Unfallgeschehens erfolgt bereits im Szenenüberblick bzw. indirekt in der Ersteinschätzung des Patienten. Der Unfallmechanismus kann dabei wichtige Hinweise auf mögliche bzw. wahrscheinliche Verletzungen des Patienten geben. Eine detaillierte Analyse des Unfallhergangs kann durch die Anamnese erfolgen. Zusätzlich kann das Unfallszenario fotografiert werden. Primär müssen folgende Fragen geklärt werden:
Was ist passiert?Wie wurde der Patient verletzt?
Es ist sinnvoll, nach Möglichkeit den Unfallmechanismus mittels Fotos zu dokumentieren, um die Bilder der weiterbetreuenden Stelle zeigen zu können. Dies kann helfen, um bei der klinischen Versorgung des Patienten Prioritäten besser setzen zu können.
Im Folgenden werden einige Kennzeichen der wichtigsten Unfallmechanismen vorgestellt.
Verkehrsunfälle
Unfälle mit Fahrzeugen
Frontalzusammenstöße
Seitenaufprall
Fußgänger vs. Fahrzeug
Sturz aus großer Höhe
Stich- und Schussverletzungen
Verkehrsunfälle#
Zur Beurteilung von Verletzungen durch Verkehrsunfälle werden in der Literatur drei Faktoren genannt:
Ausmaß der VerformungVerformung des Fahrzeugs (Hinweis auf die beteiligten Kräfte)
BeschädigungBeschädigung von Teilen in der Fahrzeugkabine (Hinweis für Aufschlagpunkt des Körpers im Fahrzeug)
VerletzungsmusterVerletzungsmuster des Patienten (Hinweis darauf, welche Körperteile direkt aufgeprallt sind)
Wie kommt das Fahrzeug auf diese Position? © Gabriel,
Unfallmechanismus: Airbags haben ausgelöst © Gabriel,
Fig. 130 Unfallmechanismus#
Es gilt weiters heraus zu finden, ob der Patient angegurtet war und ob es Airbags gibt, die beim Aufprall ordnungsgemäß ausgelöst wurden.
Für Unfälle mit Fahrzeugen gilt allgemein, dass die GeschwindigkeitGeschwindigkeit des Fahrzeugs vor dem Unfall eine große Auswirkung auf den Schweregrad des Unfalls und das Ausmaß der entstandenen Verletzungen hat. Je schneller das Fahrzeug unterwegs war, desto schwerer kann die Verletzung sein. Dabei steigt die BewegungsenergieBewegungsenergie des Fahrzeugs mit dem Quadrat der GeschwindigkeitQuadrat der Geschwindigkeit an. Eine Verdoppelung der Geschwindigkeit hat daher eine Vervierfachung der Energie zur Folge, welche im Falle eines Unfalls frei wird und die Verformung verursacht. Im Falle eines Unfalls (Aufprall auf ein Hindernis) überträgt sich die Richtung der Gewalteinwirkung direkt auf den Patienten. Ein Frontalzusammenstoß führt somit dazu, dass der Patient von vorne verletzt wird, ein Seitenaufprall führt zu Verletzungen auf der jeweiligen Körperseite des Patienten.
Von besonders schweren Verletzungen (SHT, Wirbelsäulentrauma, Thoraxtrauma, Bauchtrauma, …) ist auszugehen, wenn der Patient aus dem Fahrzeug geschleudert wird. Das Riskio für derart schwere Verletzungen ist um 300 % erhöht.
Gibt es bei einem Unfall mehrere Verletztemehrere Verletzte und ist ein Patient schwer verletzt, eingeklemmt oder sogar getötet, muss man davon ausgehen, dass auch die anderen Unfallopfer schwer verletzt sind. Diese Annahme gilt, bis durch weitere Untersuchungen (Bildgebung etc.) das Gegenteil bewiesen wurde! Stellt sich also bei der Behandlung eines Patienten eine schwere Verletzung heraus, muss es zu einer neuen Lageeinschätzung kommen.
Bei der Beurteilung des Verletzungsmusters muss bedacht werden, dass es durch einen Zusammenstoß aufgrund der Kraftübertragung zu einer ganzen Kette an Stößen kommt:
Kraftübertragung beim Aufprall des Fahrzeugs
Kraftübertragung beim Aufprall des Körpers
beim Aufprall der Organe innerhalb des Körpers.
Beispiel für die Kraftübertragung innerhalb des Körpers: Prallt der Patient mit dem Knie gegen das Lenkrad oder das Amaturenbrett, so wird die Kraft (in Richtung der Gewalteinwirkung) über den Oberschenkel auch auf die Hüfte übertragen. Bei Knieverletzungen durch den Aufprall in einem Fahrzeug muss daher auch an mögliche Oberschenkel- und Beckenfrakturen gedacht werden.
Weiters kann es zu Stößen durch im Fahrzeug herumfliegende Teile kommen.
Frontal- und Heckzusammenstöße#
Bei Frontalzusammenstößen wird die Kraft von vorne auf das Unfallopfer übertragen. Der Insasse wird aufgrund der Trägheit nach vorne geschleudert und schlägt daher u. U. auf das Lenkrad oder die Frontscheibe auf. Im Allgemeinen gilt: War der Patient nicht angegurtet, ist mit schweren Verletzungen zu rechnen! Aufgrund der Kraftrichtung von vorne sind folgende schwere Verletzungen typisch: Thoraxtrauma mit Herzkontusion und Pneumothorax, HWS-Trauma, Leber- und Milzruptur, Beckenfraktur.
Ein Heckaufprall hat für den Patienten meistens die gleichen Folgen wie ein Frontalzusammenstoß. In diesem Fall wird der Patient nicht aufgrund der Trägheit nach vorne geschleudert, sondern aufgrund der von hinten wirkenden Kraft. Beim Heckaufprall kann es daher ebenso zu HWS-Trauma (Schleudertrauma) oder Thoraxtrauma (Brust wird gegen Lenkrad gedrückt) kommen. Die von hinten auf den Patient einwirkende Kraft wird zu einem Großteil vom Sitz abgefedert.
Es gilt in beiden Fällen besonders zu beachten:
Ein Knieanstoß am Lenkrad oder Armaturenbrett kann in der Folge zu Oberschenkel- und Beckenfrakturen führen.
Eine eingedrückte, leicht nach außen gewölbte Windschutzscheibe (evtl. Spinnennetzmuster) deutet auf einen Aufprall des Kopfes gegen die Scheibe hin. SHT und HWS-Trauma sind zu befürchten.
Sichtbare Veränderungen des Radstandes (z. B. Rad zur Seite geknickt, Achsenverschiebung um mehr als 30 cm am Unfallfahrzeug) spiegeln ein hohes Ausmaß an Verformung wieder. Es ist daher generell mit schweren Verletzungen zu rechnen.
Faustregel: Fahrzeugverformung um mehr als 50 cm sind als starke Deformierung zu werten.
Seitenaufprall#
Beim Seitenaufprall wirken die Kräfte seitlich auf den Patienten ein. Es kommt daher häufig zu HWS-Verrenkungen, Thoraxtrauma, Verletzungen der Aorta, seitenabhängig Leber- oder Milzrupturen und/oder Frakturen des Beckens . Wurden im Fahrzeug Seiten- und Kopfairbags ausgelöst, ist zu beachten ob der Patient in diese (oder in die entgegengesetzte) Richtung geschleudert wurde.
Fußgänger vs. Fahrzeug#
Stellt man im Szeneüberblick fest, dass ein Fußgänger von einem Fahrzeug (frontal) erfasst wurde, ist zunächst immer von schweren Verletzungen (insbesondere SHT und Wirbelsäulentrauma) auszugehen. In sind folgende Faustregeln angegeben:
Bis 30 km / h: Lebensbedrohliche Verletzungen möglich (Eine Fahrzeuggeschwindigkeit von mehr als 30 km / h kann bei trockener Fahrbahn an Bremsspuren, die länger als 10—20 m sind, erkannt werden.)
Bis 50 km / h: Aufprall des Kopfes auf die Kühlerhaube
Bis 70 km / h: Aufprall des Kopfes auf die Windschutzscheibe
Mehr als 70 km / h: Fußgänger wird über das Fahrzeugdach geworfen (gilt für PKW)
Sturz aus großer Höhe#
Bei Stürzen aus großen Höhen (z. B. Leiter, Gerüst, Balkon) ist im Szeneüberblick an folgende Fragestellungen zu denken:
Aus welcher Höhe ist der Patient gestürzt?
Ab einer Fallhöhe von 3 m ist mit schweren Verletzungen zu rechnen, ab einer Fallhöhe von 6 m ist von einem (Polytrauma) auszugehen .
Mit welchem Körperteil ist er auf dem Boden aufgeprallt?
Generell ist wieder mit SHT und Wirbelsäulentrauma zu rechnen. Bei einem Aufprall auf die gestreckten Beine ist zusätzlich an Frakturen der unteren Extremitäten (z. B. Fraktur der Fersenbeine) sowie an Stauchungen der Wirbelsäule zu denken. Kinder schlagen oft mit dem Kopf auf, weshalb hier SHT häufig anzutreffen sind.
Wie ist der Boden beschaffen (Beton, Wiese etc.)? Ist der Patient auf herumliegende Gegenstände gefallen?
Achtung
Rechne mit HWS-Trauma, Wirbelsäulentrauma, SHT, Beckenfraktur
Stich- und Schussverletzungen#
Stich- bzw. Pfählungsverletzungen und Schussverletzungen werden zu penetrierende Verletzungen zusammen gefasst. [1]
Besonderheiten von Stichverletzungen sind, dass sie meistens unspektakulär aussehen. Sie sind oft klein und nur schwach blutend. Dennoch können sie im Körperinneren großen Schaden anrichten. Um das Verletzungsausmaß von Stichwunden richtig beurteilen zu können, müssen folgende Aspekte beachtet werden:
Welche Körperteile sind betroffen? (Welche Organe liegen direkt unter der Einstichstelle?)
Gibt es mehrere Einstichstellen? Wie viele?
Wie lang war die Klinge?
Wie war der Einstichwinkel? (Welche Organe könnten noch betroffen sein?) Beispiel: Ein schräg in den Oberbauch eindringender Gegenstand kann auch Organe im Thorax verletzen!
Wurde nach dem Einstich die Lage des Gegenstands im Körper verändert?
Die Besonderheit von Schussverletzungen ist, dass das Geschoss mit sehr großer Geschwindigkeit in den Körper eindringt. Die dadurch entstehende Druckwelle verursacht schwere sekundäre Verletzungen. Schussverletzungen sind in Österreich verhältnismäßig selten.
Im Körper steckende Messer, Stichwaffen und andere Fremdkörper dürfen niemals präklinisch entfernt werden! Eventuell verhindert ein noch steckender Fremdkörper gerade noch eine unkontrollierte Blutung. Eine Entfernung darf daher erst unter kontrollierten Bedingungen in einem Operationssaal erfolgen. Für den Transport muss man den Fremdkörper mittels eines Verbandes sichern, um ein Verrutschen und Folgeverletzungen zu verhindern.
Fixierung eines penetrierenden Fremdkörpers. © David Hauer,
Stich mit einem Küchenmesser. Das Messer verbleibt im Körper …
… bis in den Operationssaal.
Fig. 131 Bilderserie: Fremdkörper#