16.6. Wirbelsäule (Columna vertebralis)#
Die Wirbelsäule liegt dorsal in der Mediansagittalebene und besteht aus 33—34 Knochen (Wirbel). Sie ist somit das Achsenskelett unseres Körpers und macht mit einer Länge von ca. 55—63 cm 35 % der Körperlänge des Erwachsenen aus. Die obersten 24 Wirbel sind beweglich.
16.6.1. Wirbel#
Ein Wirbel lässt sich allgemein in den WirbelkörperMargin (Corpus vertebrae) und den WirbelbogenMargin (Arcus vertebrae) unterteilen. Der Wirbelbogen umfasst das Wirbelloch (Foramen vertebraleMargin), in dem das Rückenmark verläuft. Durch die übereinander liegenden Wirbel bildet sich dann aus der Gesamtheit der Wirbellöcher der WirbelkanalMargin (Canalis vertebralis). Der Wirbelkörper ist dabei immer ventral, der Wirbelbogen weist nach dorsal. Zwischen den einzelnen Wirbelkörpern befinden sich die Bandscheiben.
Fig. 260 Wirbel#
© Lena Hirtler, ℓ MfG
Die Wirbeln gliedern sich in:
C1—C7: 7 Halswirbel (Vertebrae cervicales) der HalswirbelsäuleHalswirbelsäule (HWS) (HWS)
Th1—Th12: 12 Brustwirbel (Vertebrae thoracales) der BrustwirbelsäuleBrustwirbelsäule (BWS) (BWS)
L1—L5: 5 Lendenwirbel (Vertebrae lumbales) der LendenwirbelsäuleLendenwirbelsäule(LWS) (LWS)
S1—S5: 5 miteinander verwachsene Kreuzbeinwirbel (Vertebrae sacrales, Os sacrum)
Co1—Co5: 4—5 verkümmerte und miteinander verwachsene Steißbeinwirbel (Vertebrae coccygeales, Os coccygis)
In der Seitansicht zeigt die Wirbelsäule eine klassische Doppel-S-Krümmung (Krümmungen nach ventral):
Halslordose (konvex)
Brustkyphose (konkav)
Lendenlordose (konvax)
Sakralkyphose (konkav)
Die gesunde Wirbelsäule sollte nur in der Sagittalebene eine Krümmung aufweisen. Eine pathologische Krümmung in der Frontalebene nennt man Skoliose.
· rosa: 7 Halswirbel (C1-C7), · blau: 12 Brustwirbel (Th1—Th12), · orange: 5 Lendenwirbel (L1—L5), · grün: Kreuzbeinwirbel (S1—S5), · braun: : 4—5 Steißbeinwirbel (Co1—Co5)
Wirbelsäule in Seitenansicht
Die Wirbelkörper werden von kranial nach kaudal immer größer, um die zunehmende Belastung des Körpers aufnehmen zu können. Der Wirbelbogen weist Fortsätze auf: einen Processus spinosus (Dornfortsatz) nach dorsal, zwei Processi transversi (Querfortsätze) nach lateral, und jeweils zwei Processi articulares (Gelenksfortsätze, insg. 4 Stück) nach kranial und kaudal zu den benachbarten Wirbeln. Die Processi bilden Ursprungs- und Ansatzpunkte für Muskulatur und Bänder. Zwischen den einzelnen Wirbelbögen, vor den Gelenksfortsätzen, bildet sich aus dem oberen und unteren Wirbel das Zwischenwirbelloch (Foramen intervertebrale). Durch dieses Foramen intervertebrale verlaufen die Spinalnerven des Rückenmarks.
Besonderheiten der einzelnen Wirbel#
Halswirbel (C): Foramen transversarium (Loch) in den Procc. transversi der Halswirbel für A. vertebralis (Wirbelarterie), Dornfortsätze der Halswirbel 2-6 gegabelt.
1. Halswirbel (Atlas): kein Wirbelkörper, kein Proc. spinosus, Form eines Ringes, trägt Os occipitale (Hinterhauptbein), Arcus anterioris, Arcus posterioris, Massae laterales.
2. HW (Axis): Dens axis » Zapfengelenk zur Kopfdrehung.
7. HW (Vertebra prominens): erster tastbarer Proc. spinosus.
Brustwirbel (Th): Fovea costalis superior und inferior (Rippen-Gelenkspfannen) an den Wirbelkörpern, Fovea costalis an den Procc. transversi ist die Gelenksfläche für das Tuberculum costae der Rippen.
Lendenwirbel (L): verglichen mit den anderen Wirbeln besonders große Wirbelkörper, zusätzlich Processus costalis, dahinter befindet sich der Rest des Proc. transversus (Proc. accessorius und Proc. mammilaris)
Os sacrum (S, Kreuzbein): Verschmelzung von 5 Wirbeln und deren Procc. costales, dreieckig
Basis ossis sacri mit Promontorium
Apex ossis sacri (Kreuzbeinspitze)
Hiatus sacralis (Ende des Wirbelkanals) mit Cornua sacralia
Facies pelvina: Foramina sacralia ant. (4), Lineae transversae (4), Pars lateralis und Alae ossis sacri.
Facies dorsalis: Crista sacralis mediana (verkümmerte Procc. spinosi), Crista sacralis intermedia (verkümmerte Procc. articulares), Foramina sacralia posteriora, Crista sacralis lateralis (verkümmerte Procc. transversi), Procc. articulares superiores als Gelenkfortsatz zum 5. Lendenwirbelkörper.
Canalis sacralis
Os coccygeum (Co, Steißbein): 3-5 bogenlose Wirbelrudimente, Cornua coccygea (verkümmerte Procc. articulares superiores)
16.6.2. Bandscheiben#
Zwischen den einzelnen freien Wirbeln liegen Bandscheiben (Discus intervertebralis). Sie weisen eine fibröse Schale (Anulus fibrosus) und einen weichen Kern (Nucleus pulposus) auf und tragen hierdurch zur Stoßdämpfung bei Bewegung und zur Beweglichkeit der Wirbelsäule bei. Diese Bandscheibe ist über eine hyaline Knorpelplatte (Lamina cartilaginea) an den Wirbelkörper befestigt. In den beweglichsten Bereichen der Wirbelsäule (Zervikal- und Lendenwirbel) kann es durch Überbeanspruchung zu einem Bandscheibenvorfall (Discusprolaps) — einem Austritt des Nucleus pulposus durch einen Riss im Anulus fibrosus — kommen, der durch Nervenkompression zu Schmerzen bzw. neurologischen Ausfällen (Lähmungen) führen kann.
16.6.3. Bewegungen#
Als Bewegungen sind mit der Wirbelsäule die Flexion / Extension, Rotation und Lateralflexion möglich. Diese Gesamtbewegungen der Wirbelsäule summieren sich aus den Einzelbewegungen zwischen den einzelnen Wirbeln.
16.6.4. Bandverbindungen#
Ligg. flava (gelbe Bänder) grenzen die Zwischenwirbellöcher (Foramina intervertebralia) nach medial und dorsal ab.
Ligg. interspinalia: zwischen den Dornfortsätzen (Procc. spinosi) der einzelnen Wirbel.
Lig. supraspinale: vom 7. Halswirbel bis zum Os sacrum.
Lig. longitudinale ant. (vorderes Längsband): von Atlas bis Os sacrum an der Vorderseite des Wirbelkörpers.
Lig. longitudinale post. (hinteres Längsband): von Atlas bis Os sacrum an der Hinterseite des Wirbelkörpers, fest verbunden mit den Bandscheiben (Disci intervertebrales).
Lig. nuchae (Nackenband): von Os occipitale zu den Dornfortsätzen (Procc. spinosi) Halswirbel.
Ligg. intertransversaria: zwischen den Querfortsätzen (Procc. transversaria) der einzelnen Wirbel.
Die Ligg. supraspinale, interspinalia und flava werden im Rahmen der zentroaxialen Regionalanästhesie (Spinalanästhesie, Periduralanästhesie) bzw. bei der Liquorpunktion bei medianer Punktionstechnik durchstoßen. Die Bänder können kalzifizieren (“verknöchern”) und dadurch die Punktion erschweren.
16.6.5. Gelenke der Wirbelsäule#
Discus intervertebralis (Zwischenwirbelscheibe): Synchondrose, Anulus fibrosusAnulus fibrosus, Nucleus pulposusNucleus pulposus
Art. zygapophysialis (Wirbelbogengelenk): planes Gelenk
Art. atlantooccipitalis: Eigelenk, Seitwärtsneigungen (Lateralflexion) und Nickbewegungen (Anteflexion)
Art. atlantoaxialis: Zapfengelenk, ca. 50° Gesamtbewegungsumfang (25° links und 25° rechts), Drehbewegungen (Rotation)
Art. lumbosacralis
Art. sacrococcygea
16.6.6. Rückenmuskulatur#
Diese Muskelgruppe ist wichtig für die Bewegung des Rumpfes - Streckung, Drehung, Seitneigung - und für die Stabilisierung der Wirbelsäule.
Grundsätzlich werden zwei Muskelguppen unterschieden:
autochtone (ortsstämmige) Rückenmuskeln (Musculus erector spinae: Mm. spinotransversarsarii, Mm. interspinales, Mm. intertransversarii, Mm. transversospinales): Sie werden von den Rr. dorsales der Spinalnerven innerviert.
nicht-autochtone (eingewanderte) Rückenmuskeln: Sie sind Muskeln des Schultergürtels (z.B. M. trapezius, M. rhomboideus major und minor, M. latissimus).
Der Ursprung befindet sich immer an den Dornfortsätzen, der Ansatz entweder an den Rippen bzw. an Teilen der oberen Extremität (Scapula (Schulterblatt) bzw. Humerus (Oberarmknochen)). Gemeinsam ist ihnen, dass sie als Atemhilfsmuskeln dienen können.
Siehe auch
Wirbelsäulentrauma:
wirbelsaeulentrauma: wirbelsaeulentraumaBandscheibenvorfall:
lumbago: lumbago