5.10.9. NIRS und Regionale Sauerstoffsättigung (rSO₂)#
Die regionale Sauerstoffsättigung (regional oxygen saturation, rSO₂) wird mittels der Nahinfrarotspektroskopie (Near Infrared Spectroscopy, NIRS) gemessen. Sie beschreibt die Sauerstoffsättigung des Hämoglobins im durchstrahlten Gewebe und erlaubt damit eine kontinuierliche Beurteilung der regionalen Gewebeoxygenierungregionale Gewebeoxygenierung.
Im Gegensatz zur Pulsoxymetrie, welche die peripher-arterielle Sauerstoffsättigung (SpO₂) misst, erfasst die NIRS überwiegend die Sauerstoffsättigung des venösen Kompartiments. Das Messsignal setzt sich ungefähr zusammen aus:
70–75 % venösem Blut
20–25 % arteriellem Blut
5 % kapillärem Blut
Die rSO₂ spiegelt somit das Gleichgewicht zwischen Sauerstoffangebot (DO₂) und Sauerstoffverbrauch (VO₂) des jeweiligen Gewebes wider.
Die NIRS ist daher kein hämodynamischer Parameter im engeren Sinn, sondern ein Parameter der Organperfusion bzw. Gewebeoxygenierung. Während Blutdruck, Herzzeitvolumen oder Schlagvolumen die Makrozirkulation beschreiben, zeigt die Auswirkungen der Makrozirkulation auf die Gewebeoxygenierung und damit indirekt auf die Funktion der MikrozirkulationMikrozirkulation.
Ein Abfall der rSO₂ kann beispielsweise verursacht werden durch:
vermindertes Herzzeitvolumen
arterielle Hypotonie
Anämie
Hypoxämie
regionale Minderperfusion
erhöhten Sauerstoffverbrauch des Gewebes
Die NIRS kann daher Perfusionsstörungen bereits erkennen, bevor sich Veränderungen klassischer hämodynamischer Parameter wie Blutdruck oder Herzfrequenz zeigen.
Die Messung erfolgt meist zerebral über der Stirn. Je nach Fragestellung kann die NIRS jedoch auch zur Überwachung der somatischen Gewebeoxygenierung (z. B. Muskulatur, Niere) eingesetzt werden. Dies ist z. B. bei extremen Lagerungsmanövern (Kopf-Tieflage) im Rahmen der Roboter-assistierten ChirurgieRoboter-assistierte Chirurgie sinnvoll.
Die Interpretation erfolgt in erster Linie anhand des VerlaufsInterpreation des Verlaufs gegenüber dem individuellen Ausgangswert (BaselineBaseline). Absolute Grenzwerte sind nur eingeschränkt aussagekräftig. Ein Abfall der rSO₂ um mehr als etwa 20 % gegenüber der Baseline oder absolute Werte unter etwa 50–55 % gelten häufig als Hinweis auf eine klinisch relevante Einschränkung der Gewebeoxygenierung und sollten Anlass zur Ursachenabklärung geben.
Fig. 96 Regionale Sauerstoffsättigung (rSO₂) während einer roboterassistierten Prostatektomie mit Kopf-Tieflagerung.#
[© Sebastian Gabriel, ℓ CC BY-SA 4.0]
Siehe auch
🗎 Heringlake 2021: Klinischer Stellenwert der Zerebraloxymetrie mithilfe der NIRS 2.0 von Matthias Heringlake et al. Der Anaesthesist. 2021;70:187–189. https://doi.org/10.1007/s00101-020-00903-6
🗎 Engelhard 2021: Nichtinvasives Neuromonitoring in der Anästhesie von Kristin Engelhard. Anästh Intensivmed 2021;410–416. https://doi.org/10.19224/ai2021.410
🗎 Moerman 2010: Near-infrared spectroscopy (NIRS) monitoring in contemporary anesthesia and critical care by A. Moerman et al. Acta Anaesthesiologica Belgica. 2010;61:185–194.