Harn

Harn#

Allgemeine Anatomie#

Nieren und Harnwege erfüllen wichtige Funktionen im Wasserhaushalt, im Elektrolythaushalt und im Säure-Basen-Haushalt. Über eine eigene Hormonkaskade wird über die Nieren auch der Blutdruck (Renin) und die Blutbildung (Erythropoetin) reguliert. Sie ist neben der Leber auch ein wichtiges Organ für die Ausscheidung giftiger körperfremder Substanzen.

Niere (Ren)#

Griech.: Nephros

Die beiden Nieren liegen retroperitoneal links und rechts der Wirbelsäule unter den fliegenden Rippen. Sie haben eine bohnenförmige Gestalt und sind ca. 10 bis 12 cm lang, ca. 5 bis 6,5 cm breit und ca. 120 bis 300 g schwer. Die linke Niere liegt unter der Milz, die rechte Niere liegt etwas tiefer nach kaudal unter der Leber. Am Nierenhilum treten die Nierengefäße sowie das Nierenbecken ein und aus. Die Niere wird von einer Fettkapsel (Capsula adiposa) und einer bindegewebigen Faszie (Fascia renalis) umhüllt. Sie besitzt selbst noch eine derbe bindegewebige Kapsel (Capsula renalis). Am oberen Nierenpol liegt die Nebenniere an.

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Fig. 211 Die Nieren#

© WmCo/Mikael Häggström and Madhero88 ℓ PD

Im Längsschnitt kann man Nierenrinde (Cortex renalis) und pyramidenförmig das Nierenmark (Medulla renalis, ca. 10-12 Stück) erkennen. Die Markpyramiden sind von Nierensäulen (Columna renalis) voneinander getrennt. Die Gemeinschaft von Nierenpyramide und umgebender Rinde wird als Nierenlappen (Lobus renalis) bezeichnet. An den Spitzen der Nierenpyramiden befinden sich die Nierenpapillen, die in die Nierenkelche hinein ragen. In ihrer Gesamtheit bilden alle Nierenkelche gemeinsam das Nierenbecken.

Die Nieren sind mit 20 % des Herzminutenvoluemns stark durchblutet.

Die Niere filtert ausscheidungspflichtige Stoffe (z. B. Stickstoff und Abfallstoffe von Medikamenten) aus dem Blut. Daher ist auch sie äußerst gut durchblutet und reagiert sehr empfindlich auf einen Blutdruckabfall. Aus diesem Grund hat sie auch einen Einfluss auf die Blutdruckregulation. Weiters ist sie verantwortlich für die Verhältnisse der Elektrolytkonzentrationen im Blut und in den Geweben und damit für den Säure-Basen-Haushalt im Körper (pH) sowie für den Wasserhaushalt. Außerdem bildet die Niere Hormone für die Blutdruckregulierung (Renin) und für die Blutbildung (Erythropoetin).

Nephron#

Der kleinste Baustein der Nieren ist das Nephron (insg. ca. 1,2 Millionen). Diese sind die harnproduzierenden Strukturen und bestehen aus einem Nierenkörperchen (Corpusculum renale, liegen in der Nierenrinde) und einem Nierenkanälchen (Tubulus). Der Anfangsteil der Tubulus stülpt sich über das Nierenkörperchen mit seinen Blutkapillarschlingen (Glomerulus) und bildet so die BOWMAN-Kapsel, in dem der Primärharn (ca. 150 L / d) gefiltert wird.

Die Blutgefäße haben folgende Abfolge:

A. renalis → 5-6 Aa. interlobares → Aa. arcuatae → Aa. interlobulares → Vasa afferentia → Glomerulus → Vasa efferentia → Vv. interlobulares → Vv. arcuatae → Vv. interlobares → V. renalis

Die Nierenkörperchen („Malpighisches Körperchen“) liegen alle in der Nierenrinde und filtern wie bereits erwähnt den Primärharn. Die darauf folgenden Nierenkanälchen bilden durch die Rückresorption von ca. 90 % den Sekundärharn (ca. 1,5 L / d), die Endkonzentration findet in den Sammelrohren statt.

An jedem Glomerulum kann man einen Harn- und einen Gefäßpol unterscheiden. Die wichtige Aufgabe der Filtration übernehmen die Basalmembran sowie die Podozyten, die fingerförmig die Kapillaren des Glomerulum umfassen. Diese Filtration findet rein passiv statt, nur Stoffe einer bestimmten Größe werden in den Primärharn abgegeben.

Der Harnfilter besteht aus:

  • Kapillarendothel

  • Podozyten

  • Basalmembran

Der Harnfilter dient als mechanischer Filter - nur passende Teilchen kommen durch - und als elektrischer Filter - negativ geladenen Teilchen werden stärker zurückgehalten als positiv geladene.

Wichtige Begriffe für die Funktion des Glomerulum:

  • Glomeruläre Filtrationsrate (GFR): Flüssgkeitsvolumen, das von allen Glomeruli in einer bestimmten Zeiteinheit filtriert wird.

  • Clearance: Ausscheidungsfähigkeit der Nieren

Auf das Nierenkörperchen folgt das Nierenkanälchen und das Sammelrohr. Das Nierenkanälchen kann noch weiter unterteilt werden in:

  • proximaler Tubulus

  • Henle-Schleife

  • distaler Tubulus

  • Verbindungsstück

Auscheidungen und Reabsorptionen:

  • proximaler Tubulus:

    • zurück: Zucker, Aminosäuren, Proteine, Vitamine, Laktat, Harnstoff, Harnsäure, Na⁺, K⁺, Ca⁺⁺, Mg⁺⁺, Cl⁻, HCO³⁻, H₂O

    • raus: Harnstoff, Harnsäure, Kreatinin, einige Medikamente, H⁺, NH⁴⁺

  • Henle-Schleife:

    • zurück: H₂O, Na⁺, K⁺, Cl⁻

    • raus: Harnstoff

  • distaler Tubulus:

    • zurück: Na⁺, Cl⁻, HCO³⁻, H₂O

    • raus: H⁺, K⁺, NH⁴⁺

  • Sammelrohr:

    • zurück: H₂O, Harnstoff

Die Regulation des Wasser-, Elektrolyt-Haushalts und des Säure-Basen-Haushalts passiert in der Niere hauptsächlich über die Natrium-Kalium-ATPase sowie über die Wasserausscheidung und -rückresorption. Die Steuerung des Blutdrucks erfolgt über den Renin-Angiotensin-Aldosteron-Mechanismus.

Der Endharn enthät 95 % Wasser und gelöste Stoffe:

  • organische Substanzen: z.B. Harnstoff, Harnsäure, Kreatinin

  • anorganische Substanzen: z.B. Natrium, Kalium, Kalzium, Chlor, Sulfat, Phosphat, Ammonium

Harnwege#

Die Harnwege sind alle mittels Übergangsepithel ausgekleidet.

Zu den Harnwegen gehören:

  • Nierenbecken (Pelvis renalis): es gibt zwei Formen des Nierenbeckens, die dentritische und die ampulläre Form, bei der ampullären Form können häufiger Nierensteine entstehen.

  • Harnleiter (Ureter): 5 mm im Durchmesser, 25 cm lang, münden schlitzförmig in der Harnblase; 3 Engstellen:

    • Abgang des Ureters aus dem Nierenbecken

    • Kreuzungsstelle mit den Beckengefäßen (Vasa iliaca communes)

    • Durchtrittstelle durch die Harnblasenwand

  • Harnblase (Vesica urinaria): extraperitoneal, direkt hinter der Symphyse, nur in gefülltem Zustand tastbar, Harndrang bei ca. 350 ml, Fassungsvermögen ist ca. das Doppelte, eingeteilt in Corpus, Fundus und Cervix, Trigonum vesicae zwischen den drei Öffnungen = faltenfrei, Muskulatur an der Harnröhrenmündung:

      1. detrusor vesicae

      1. sphincter urethrae internus

    • M. sphincter urethrae externus (Fasern des M. transversus perinei profundus)

    Parasympathikus und Sympathikus beeinflussen die Aktion der Harnblasen-Muskeln:

    • Parasympathikus:

      • Kontraktion: M. detrusor vesicae

      • Relaxation: M. sphincter urethrae int.

    • Sympathikus:

      • Kontraktion: M. sphincter urethrae int.

      • Relaxation: M. detrusor vesicae

    Der M. sphincter urethrae externus ist willkürlich innerviert und somit willentlich steuerbar.

  • Urethra (Harnröhre): über sie gelangt der Harn nach außen. Weibliche und männliche Urethra unterscheiden sich radikal:

    • männliche Urethra: ca. 20-25 cm lang, wird durch Einmünden des Samenweges und der Geschlechtsdrüsen zur Harn-Samen-Röhre. Man kann 3 Abschnitte unterscheiden:

      • Pars prostatica: 3 cm lang, von der inneren Harnröhrenöffnung und durch die Prostata, hier münden die beiden Ductus ejaculatorii (Spritzgänge) und die Ausführungsgänge der Prostata ein. Bei einer Vergrößerung der Prostata kann der Harnabfluss bis zur Unpassierbarkeit erschwert sein (Harnverhalt).

      • Pars membranacea: enger, kurzer Abschnitt durch den Beckenboden, Einmündung der Cowper-Drüsen (Bulbourethral-Drüsen).

      • Pars spongiosa: länger, zieht durch den Harnröhrenschwellkörper und endet an der äußeren Harnröhrenöffnung an der Eichel.

    • weibliche Urethra: ca. 3-4 cm lang, deutlich kürzer als die männliche Harnröhre, mündet im Scheidenvorhof (Vestibulum) oberhalb des Scheideneinganges. Hier münden auch die Paraurethral-Drüsen (Skene-Drüsen). Durch die kürzeren Harnwege bei der Frau kann es leichter zu Harnwegsinfektionen kommen.

Zu tun

#68 GRAFIK: Harntrakt mit Nieren

(rechte Niere im Querschnitt mit Nierenbecken), Harnleiter, Blase und Harnröhre[Figure-harntrakt]© Lena Hirtler, :term:ℓ MfG