10.4. Gelenkstraumata: Verrenkung und Verstauchung#
Achtung
Dieser Abschnitt ist noch auf Sanitätshilfe-Niveau und muss noch inhaltlich erweitert werden! Mitarbeit ist gerne geshen. Bitte beachten Sie § 1.3.3: “Hinweise zur Mitarbeit und Einreichung von Beiträgen”.
10.4.1. Verstauchung und Bandverletzung#
Eine Verstauchung (Syn. Distorsion, lat. distorsio) ist eine traumatische Verletzung eines Gelenks durch Überschreitung seines physiologischen Bewegungsumfangs. Dabei können insbesondere Gelenkkapsel und Bandapparat geschädigt werden, ohne dass eine persistierende Fehlstellung der Gelenkpartner besteht. Im Gegensatz zur Verrenkung springt der Knochen aber von selbst wieder in seine ursprüngliche Stellung im Gelenk zurück.
Das Ausmaß der Bandverletzung reicht von einer Überdehnung über eine partielle Ruptur bis zur vollständigen Bandruptur. Bei höhergradigen Bandverletzungen kann eine relevante mechanische Instabilität des Gelenks entstehen.
Typische Beschwerden und Befunde sind:
Schmerzen im Bereich des betroffenen Gelenks
Schwellung
Hämatombildung
schmerzbedingt eingeschränkte Beweglichkeit
Druckschmerz über den betroffenen Bandstrukturen
gegebenenfalls klinische Gelenkinstabilität
Diagnostik#
klinische Untersuchung des betroffenen Gelenks:
Lokalisation des Druckschmerzes, Schwellung und Hämatombildung
Bewegungsumfang
Gelenkstabilität
Durchblutung, Motorik und Sensibilität (DMS)
Ausschluss knöcherner Verletzungen: Die Indikation zur konventionellen Röntgendiagnostik richtet sich nach Lokalisation, Unfallmechanismus und klinischem Befund.
Sonographie, insbesondere bei oberflächlich gelegenen Bandstrukturen, zur Beurteilung von Bandverletzungen und begleitenden Weichteilveränderungen
MRT zur detaillierten Beurteilung des Kapsel-Band-Apparats und weiterer intraartikulärer Strukturen, insbesondere bei Verdacht auf höhergradige oder komplexe Verletzungen
Maßnahmen: Verstauchung#
- ⛑ Basismaßnahmen
Kleidung und Schmuck von der betroffenen Gliedmaße entfernen
Entlastung, Ruhigstellen
Hochlagern
Kühlen
bedarfsgerechte Analgesie
Bei unkomplizierten Distorsionen wird eine frühzeitige funktionelle Behandlung mit schrittweiser Mobilisation und Belastungssteigerung angestrebt. Eine länger dauernde vollständige Immobilisation ist in der Regel nicht erforderlich.
Höhergradige Bandverletzungen können eine temporäre Stabilisierung mittels Orthese und eine gezielte funktionelle Nachbehandlung erfordern. Die Indikation zur operativen Versorgung richtet sich insbesondere nach betroffenem Band, Ausmaß der Instabilität, Begleitverletzungen und funktionellem Anspruch.
10.4.2. Verrenkung#
Eine Verrenkung (Syn. Luxation, lat. luxatio, Lux.) ist eine Gelenkverletzung mit vollständigem Verlust des Kontakts zwischen den gelenkbildenden Flächen.
Bei einer Subluxation bleibt ein teilweiser Kontakt der Gelenkflächen erhalten.
Luxationen gehen häufig mit Verletzungen von Gelenkkapsel und Bandapparat einher. Abhängig vom betroffenen Gelenk können zusätzlich Frakturen, Knorpelverletzungen sowie Gefäß- und Nervenläsionen auftreten.
Typische Beschwerden und Befunde sind:
federnde Fixationfedernde Fixation
schmerzhaft eingeschränkte oder aufgehobene aktive Beweglichkeit
sicht- bzw. tastbare Fehlstellung des Gelenks
ausgeprägte Schmerzen
Schwellung und Hämatombildung
gegebenenfalls Durchblutungs-, Motorik- oder Sensibilitätsstörungen
Die Schulterluxation ist aufgrund der großen Beweglichkeit und der vergleichsweise geringen knöchernen Führung des Glenohumeralgelenks eine besonders häufige Luxationsverletzung.
Fig. 209 Luxation eines Interphalangeal-Gelenks mit Einstichstellen für einen Oberst-Block#
[© Sebastian Gabriel, ℓ MfG]
Diagnostik#
Beurteilung von:
Luxationsrichtung und Fehlstellung
Haut- und Weichteilverhältnissen
Durchblutung, Motorik und Sensibilität (DMS)
möglichen knöchernen und neurovaskulären Begleitverletzungen
konventionelle Röntgenuntersuchung:
Darstellung von Luxationsrichtung und Gelenkstellung
Nachweis bzw. Ausschluss knöcherner Begleitverletzungen
weiterführende Bildgebung abhängig von Gelenk, Verletzungsmuster und vermuteten Begleitverletzungen
Besondere Bedeutung haben luxationsspezifische Gefäß- und Nervenverletzungen. Ein vor der Reposition bestehendes neurologisches oder vaskuläres Defizit muss nach der Reposition erneut beurteilt werden.
Wichtig
Bei akuter neurovaskulärer Gefährdung darf die notwendige Reposition nicht durch vermeidbare diagnostische Maßnahmen verzögert werden.
Maßnahmen, Reposition und weitere Versorgung#
- ⛑ Basismaßnahmen
Kleidung und Schmuck von der betroffenen Gliedmaße entfernen
Beurteilung von Durchblutung, Motorik und Sensibilität (DMS) an der betroffenen Extremität und an der Gegenseite
Danach richtet sich das weitere Prozedere
Bei bestehender oder drohender neurovaskulärer Schädigung ist die Reposition dringlich. Sofern keine dringliche Reposition erforderlich ist, erfolgt abhängig vom betroffenen Gelenk zunächst eine bildgebende Diagnostik. Luxationsrichtung und insbesondere knöcherne Begleitverletzungen können das weitere Repositionsverfahren wesentlich beeinflussen (z. B. hintere vs. vordere Schulteluxation).
Die Reposition vermindert Schmerzen und Weichteilspannung und kann eine durch die Fehlstellung verursachte Gefäß- oder Nervenkompression beseitigen. Sie erfolgt kontrolliert und gelenkspezifisch unter adäquater Analgesie und gegebenenfalls Sedierung bzw. Anästhesie. Ist eine geschlossene Reposition nicht möglich oder besteht eine entsprechende Begleitverletzung, kann eine offene operative Reposition erforderlich sein. Schulterluxation: Die frühe Erwähnung unmittelbar vor der allgemeinen Luxationsdiagnostik ist
Nach der Reposition erfolgen:
erneute Beurteilung von Durchblutung, Motorik und Sensibilität (DMS)
Beurteilung von Gelenkstellung und -stabilität
bildgebende Repositionskontrolle
Beurteilung knöcherner, ligamentärer, tendinöser und neurovaskulärer Begleitverletzungen
Die weitere Immobilisation bzw. funktionelle Nachbehandlung richtet sich nach dem betroffenen Gelenk, der Stabilität nach Reposition und den vorhandenen Begleitverletzungen.
Anästhesiologische Besonderheiten#
Eine ausreichende Analgesie und Muskelrelaxation erleichtern die Reposition und reduzieren die erforderliche Manipulation.
Abhängig von betroffenem Gelenk, Repositionsverfahren und Patientenfaktoren kann die Reposition unter Analgesie, prozeduraler Sedierung, Regionalanästhesie oder Allgemeinanästhesie erfolgen.
Wichtig
Eine dringliche Reposition bei neurovaskulärer Gefährdung darf nicht aufgrund fehlender Nüchternheit verzögert werden. Das Anästhesieverfahren richtet sich in dieser Situation nach der Dringlichkeit und dem Aspirationsrisiko.
Schulterluxation#
Die Schulterluxation ist die häufigste Luxation eines großen Gelenks. Begünstigt wird sie durch die große Beweglichkeit des Glenohumeralgelenks bei vergleichsweise geringer knöcherner Führung. Am häufigsten ist die anteriore Schulterluxation, bei der der Humeruskopf nach ventral und meist kaudal aus dem Glenoid luxiert. Typischer Verletzungsmechanismus ist eine forcierte Abduktion und Außenrotation des Armes.
Seltener treten posteriore und inferiore Luxationen auf. Eine posteriore Schulterluxation kann insbesondere nach einem generalisierten Krampfanfall oder Stromunfall auftreten und wird klinisch sowie im a.p.-Röntgenbild leichter übersehen.
Typische Befunde einer anterioren Schulterluxation sind:
starke Schmerzen
Schonhaltung des Armes in leichter Abduktion
Verlust der normalen Rundung der Schulterkontur
prominentes Akromion
tastbarer Humeruskopf außerhalb seiner physiologischen Position
erheblich eingeschränkte Beweglichkeit
Diagnostik#
klinische Beurteilung von Schulterkontur und Stellung des Armes
Prüfung des peripheren Gefäßstatus
Prüfung der Nervenfunktion, insbesondere des N. axillaris
Sensibilität über dem lateralen Deltoidareal
Motorik des M. deltoideus
konventionelles Röntgen in mindestens zwei geeigneten Projektionen zur:
Bestimmung der Luxationsrichtung
Erfassung knöcherner Begleitverletzungen
Mögliche BegleitverletzungenBegleitverletzungen sind insbesondere:
Fraktur des Tuberculum majusTuberculum majus
Bankart-LäsionBankart-Läsion mit Verletzung des anteroinferioren Labrums
Hill-Sachs-LäsionHill-Sachs-Läsion als Impressionsdefekt des Humeruskopfes
RotatorenmanschettenrupturRotatorenmanschettenruptur, insbesondere bei älteren Patienten
Läsion des N. axillarisN. axillaris
seltener Gefäßverletzungen
Bei Verdacht auf komplexe knöcherne Verletzungen kann ein CT, zur Beurteilung von Labrum, Rotatorenmanschette und anderen Weichteilstrukturen ein MRT erforderlich sein.
Reposition und weitere Versorgung#
Zur Reposition einer anterioren Schulterluxation stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung. Allen Verfahren gemeinsam ist eine möglichst schonende Reposition unter ausreichender Analgesie und Muskelrelaxation; forcierte Manipulationen sind zu vermeiden.
Häufig verwendete Repositionstechniken sind:
Stimson-Technik
Patient in Bauchlage mit frei herabhängendem Arm
Reposition durch anhaltende Traktion am herabhängenden Arm und Muskelrelaxation
vergleichsweise atraumatisches Verfahren, benötigt jedoch Zeit
Milch-Technik
Patient in Rückenlage
langsame Abduktion des Armes über den Kopf unter vorsichtiger Außenrotation
der Humeruskopf kann dabei durch direkten Druck geführt werden
FARES-Technik (Fast, Reliable and Safe)
Patient in Rückenlage
der betroffene Arm wird am Handgelenk gefasst und unter kontinuierlichem axialem Zug langsam abduziert
während der Abduktion werden kleine vertikale oszillierende Bewegungen des Armes durchgeführt
ab etwa 90° Abduktion wird der Arm zusätzlich vorsichtig außenrotiert
die Reposition erfolgt meist im weiteren Verlauf der Abduktion
Cunningham-Technik
Patient sitzend mit adduziertem Arm und flektiertem Ellbogen
Reposition durch Entspannung der Schulter- und Oberarmmuskulatur bei entsprechender Positionierung
weitgehend ohne kräftigen Zug
Traktion-Gegentraktion
axialer Zug am Arm bei gleichzeitigem Gegenzug am Thorax
erfordert im Vergleich zu überwiegend manipulationsarmen Verfahren eine größere Kraftanwendung und ist weniger atraumatisch als überwiegend manipulationsarme Verfahren
Achtung
Bei der klassischen Kocher-Technik besteht insbesondere bei forcierter Außenrotation und Hebelbewegungen das Risiko iatrogener Frakturen und Weichteilverletzungen.
Nach erfolgreicher Reposition erfolgen:
erneute Beurteilung der Funktion des N. axillaris und des peripheren Gefäßstatus
Beurteilung der Gelenkstabilität
radiologische Repositionskontrolle und Beurteilung knöcherner Begleitverletzungen
Die weitere Behandlung richtet sich nach Alter, Luxationsmechanismus, Begleitverletzungen, Gelenkstabilität und Rezidivrisiko. Nach kurzfristiger Immobilisation erfolgt in der Regel eine funktionelle Nachbehandlung.
Anästhesiologische Besonderheiten#
Die Reposition kann unter Analgosedierung durchgeführt werden. Eine ausreichende Muskelrelaxation erleichtert insbesondere bei ausgeprägter schmerzbedingter Muskelspannung die Reposition.
Eine intraartikuläre Lokalanästhesie stellt bei der unkomplizierten anterioren Schulterluxation eine Alternative zur intravenösen Sedierung dar.
Als regionalanästhesiologisches Verfahren kommt insbesondere der interskalenäre Plexusblock infrage.