Diazepam

15.8.10. Diazepam#

Spezialitäten
  • Gewacalm™ 10 mg / 2 mL Ampullen

  • Diazepam G.L.™ 5 mg und 10 mg Rektaltuben

  • Stesolid™ 5 mg und 10 mg Rektaltuben

Beschreibung

Langwirksames Benzodiazepin mit aktiven Metaboliten. Die intravenöse Anwendung ist insbesondere für akut behandlungsbedürftige konvulsive Zustände und schwere Erregungszustände vorgesehen.

Wirkung
  • Anxiolytisch und sedierend

  • Antikonvulsiv

  • Zentral muskelrelaxierend

  • Anterograd amnestisch

  • Atemdepressiv, insbesondere bei rascher intravenöser Gabe oder Kombination mit anderen zentral dämpfenden Substanzen

Indikationen
  • Konvulsiver Status epilepticus und prolongierte Krampfanfälle

  • Akute schwere Angst- und Erregungszustände

  • Alkoholentzugssyndrom

  • Tetanus-assoziierte Muskelkrämpfe

  • Eklamptischer Krampfanfall als nachrangige Option, wenn Magnesiumsulfat nicht verfügbar oder nicht wirksam ist

  • Prämedikation vor Eingriffen im Rahmen geeigneter anästhesiologischer Behandlungskonzepte

Kontraindikationen
  • Myasthenia gravis

  • Schwere respiratorische Insuffizienz oder schwere chronische Hyperkapnie

  • Schlafapnoesyndrom

  • Schwere Leberfunktionsstörung mit Enzephalopathierisiko

  • Schwere Schockzustände

  • Akute Intoxikation mit Alkohol oder anderen zentral dämpfenden Substanzen, ausgenommen gezielt behandelte Entzugssituationen

  • Kinder unter 6 Monaten für Gewacalm™ 10 mg-Ampullen

  • Kinder unter 1 Jahr beziehungsweise unter 10 kg für Diazepam G.L.™-Rektaltuben

Dosierung
  • Status epilepticus

    • Erwachsene, intravenös: 0,15–0,2(–0,5) mg / kg (max. 10 mg / Bolusgabe, ggf. 1x wiederholen)

  • Akute Angst- und Erregungszustände, Erwachsene: 2–10 mg i. v. langsam, gegebenenfalls Wiederholung nach klinischer Wirkung

  • Alkoholentzug, Erwachsene, parenteral: Initial 5–20 mg i. v., bei Bedarf Wiederholung nach 2–4 h

  • Tetanus, Erwachsene, parenteral: Initial 5–10 mg i. v., Wiederholung nach klinischer Wirkung

  • Eklamptischer Krampfanfall: 5–10 mg langsam i. v. als nachrangige antikonvulsive Option (Magnesiumsulfat ist das bevorzugte Mittel zur Behandlung und Rezidivprophylaxe eklamptischer Krampfanfälle)

  • Akuter Krampfanfall

    • Kinder 1–3 Jahre unter 15 kg, rektal*: 5 mg als Rektaltube; bei persistierendem oder erneutem Anfall gemäß Fachinformation erneut 5 mg möglich

    • Kinder ab 3 Jahren über 15 kg, rektal: 10 mg als Rektaltube; bei persistierendem oder erneutem Anfall gemäß Fachinformation erneut 10 mg möglich

    • Erwachsene, rektal: Diazepam rektal (0,2–0,5 mg/kg, max: 20 mg/Gabe, Einzelgabe)

  • Ältere oder geschwächte Patienten: Intravenös initial deutlich niedriger dosieren, etwa die Hälfte der Erwachsenendosis

Nebenwirkungen
  • Atemdepression bis zur Apnoe

  • Hypotonie, Bradykardie und Kreislaufdepression

  • Somnolenz, Schwindel, Ataxie und Muskelschwäche

  • Anterograde Amnesie

  • Paradoxe Erregung, Aggressivität und Halluzinationen, besonders bei Kindern und älteren Patienten

  • Toleranzentwicklung, körperliche Abhängigkeit und Entzugssyndrom bei abruptem Absetzen

  • Phlebitis und Thrombophlebitis nach intravenöser Gabe

  • Schwere Gewebeschäden bei versehentlicher intraarterieller Injektion

Pharmakodynamik

Diazepam verstärkt als positiver allosterischer Modulator die Wirkung von GABA am GABA-A-Rezeptor. Die dadurch verstärkte neuronale Hemmung vermittelt die sedierenden, anxiolytischen, antikonvulsiven und muskelrelaxierenden Effekte. Bei länger dauernden Krampfanfällen muss nach der rasch wirksamen Benzodiazepingabe eine geeignete länger wirksame antikonvulsive Behandlung erfolgen.

Pharmakokinetik
  • Resorption: Nach i. v. Gabe sofortige systemische Verfügbarkeit; nach i. m. Gabe langsamere Resorption

  • Verteilung: Stark lipophil, etwa 98 % Plasmaproteinbindung, Verteilungsvolumen ungefähr 1,1 L / kg Passage der Blut-Hirn-Schranke und Plazenta; Übertritt in die Muttermilch

  • Metabolismus: CYP3A4; Diazepam CYP2C19; Diazepam Hepatisch unter Beteiligung von CYP3A4 und CYP2C19 zu aktiven Metaboliten, insbesondere N-Desmethyldiazepam sowie Temazepam und Oxazepam

  • Eliminationshalbwertszeit: Terminal etwa 20–100 h für Diazepam, etwa 30–100 h für N-Desmethyldiazepam

  • Ausscheidung: Metaboliten nach Konjugation überwiegend renal

  • Kumulation: Bei wiederholter Gabe und bei älteren Patienten oder Leberfunktionsstörung ausgeprägt möglich

Schwangerschaft und Stillperiode
  • Schwangerschaft: Anwendung möglichst vermeiden; nur bei zwingender Indikation und fehlender sichererer Alternative Nach wiederholter Exposition Gefahr neonataler Abhängigkeit und Entzugssymptome Bei Gabe kurz vor oder während der Geburt Risiko für Atemdepression, Hypothermie, Hypotonie und muskuläre Hypotonie des Neugeborenen

  • Stillperiode: Diazepam und aktive Metaboliten gehen in die Muttermilch über. Während der Stillzeit nicht anwenden, insbesondere keine wiederholte Behandlung über mehrere Tage, da eine Sedierung des Säuglings möglich ist.

Anwendungshinweise
  • Intravenös sehr langsam in eine möglichst großlumige Vene injizieren; bei Gewacalm™ 10 mg / 2 mL etwa 0,5–1 mL / min

  • Atemwegssicherung, Beatmung und Kreislaufunterstützung unmittelbar verfügbar halten

  • Bei parenteraler Gabe kontinuierliche klinische Atem- und Kreislaufüberwachung

  • Intramuskuläre Gabe wegen langsamer und variabler Resorption nicht bevorzugt bei zeitkritischen Krampfanfällen

  • Gewacalm™-Ampullen enthalten 1,5% Benzylalkohol: besondere Toxizitätsgefahr bei Säuglingen

  • Nicht mischen

  • Bei langfristiger Behandlung ausschleichen, nicht abrupt absetzen

  • Antagonist: Flumazenil bei ausgewählten Indikationen; bei Benzodiazepinabhängigkeit oder prokonvulsiver Mischintoxikation Gefahr von Krampfanfällen

Wechselwirkungen
  • Opioide, Alkohol und andere zentral dämpfende Substanzen: Additive Sedierung, Atemdepression, Koma und Tod möglich

  • CYP3A4- und CYP2C19-Inhibitoren: z. B. Azolantimykotika, Omeprazol oder Fluvoxamin können die Diazepamwirkung verlängern

  • Enzyminduktoren: Beispielsweise Rifampicin kann die Wirkung abschwächen

  • Antiepileptika: Wechselwirkungen unter anderem mit Phenytoin, Phenobarbital, Carbamazepin und Valproat

  • Theophyllin: Verminderung der Diazepamwirkung möglich

Warnung

Die lange Eliminationshalbwertszeit und aktive Metaboliten begünstigen eine klinisch relevante Kumulation. Auch nach intramuskulärer oder rektaler Gabe kann eine Atemdepression auftreten. Paradoxe Reaktionen sind insbesondere bei Kindern und älteren Patienten möglich.

Siehe auch