15.8.6. Atropin#
- Spezialitäten, Markennamen
Atropinsulfat Aguettant™ (0,1 mg / mL und 0,2 mg / mL)
Atropin ist ein kompetitiver Antagonist muskarinischer Acetylcholinrezeptoren (Parasympatholytikum) ohne direkte Wirkung an nikotinischen Rezeptoren. Es vermindert den Vagotonus am Sinus- und AV-Knoten und hemmt exokrine Sekretion sowie parasympathisch vermittelte Bronchokonstriktion.
- Wirkung
Positive Chronotropie bei vagal vermittelter Bradykardie
Verbesserung der AV-Überleitung bei vagal bedingten Überleitungsstörungen
Verminderung von Speichel-, Bronchial- und Schweißsekretion
Bronchodilatation und Verminderung der gastrointestinalen Motilität
Mydriasis und Zykloplegie
- Indikationen
Hämodynamisch relevante symptomatische Bradykardie, insbesondere bei erhöhtem Vagotonus
Antidot bei Organophosphat-, Carbamat- und muskarinischer Pilzvergiftung
Prämedikation zur Verhinderung vagaler Reaktionen bei Intubation und chirurgischer Manipulation
Begrenzung muskarinischer Wirkungen von Neostigmin bei Antagonisierung nichtdepolarisierender Muskelrelaxanzien
- Kontraindikationen
Engwinkelglaukom
Risiko einer Harnretention bei Prostata- oder Harnröhrenerkrankungen
Achalasie, paralytischer Ileus und toxisches Megakolon
Myasthenia gravis außerhalb der Kombination mit Cholinesterasehemmern
Bei lebensbedrohlichen Bradyarrhythmien oder Vergiftungen treten die genannten Gegenanzeigen gegenüber der vitalen Indikation zurück.
- Dosierung
Symptomatische Bradykardie, Erwachsene – ERC 2025: 0,500 mg i.v. oder i.o.; bei Bedarf alle 3–5 min wiederholen, maximale Gesamtdosis 3 mg
Symptomatische Sinusbradykardie, Erwachsene – österreichische Fachinformation, 0,2 mg / mL: 0,500 mg i.v. alle 2–5 min bis zur gewünschten Herzfrequenz
Vagal bedingter AV-Block, Erwachsene – österreichische Fachinformation: 0,500 mg i.v. alle 3–5 min, maximal 3 mg
Narkoseprämedikation, Erwachsene: 0,300–0,600 mg i.v. unmittelbar vor der Operation oder i.m. 30–60 min vorher
Kombination mit Neostigmin, Erwachsene: 0,600–1,200 mg i.v.
Narkoseprämedikation, Kinder – 0,1-mg/mL-Präparat: 0,010–0,020 mg / kg i.v., maximal 0,600 mg pro Dosis
Kombination mit Neostigmin, Kinder – 0,1-mg/mL-Präparat: 0,020 mg / kg i.v.
Bradykardie, Kinder – 0,1-mg/mL-Präparat: 0,020 mg / kg i.v. als Einzeldosis, maximal 0,600 mg; bei pädiatrischer Bradykardie vorrangig Hypoxie und Ventilationsstörungen beheben
Organophosphat-, Cholinesterasehemmer- oder muskarinische Pilzvergiftung, Erwachsene: Initial 0,500–2 mg i.v.; Wiederholung nach 5 min (Verdoppelung der Dosis bis zur Atropinisierung) und weitere symptomorientierte Titration Bei schwerer Organophosphatvergiftung sind erheblich höhere kumulative Dosen möglich
- Nebenwirkungen
Tachykardie, Palpitationen und Tachyarrhythmien
Paradoxe vorübergehende Bradykardie, insbesondere bei geringer Dosis
Mundtrockenheit, verminderte Schweißsekretion, Hyperthermie und Flush
Mydriasis, Akkommodationsstörung und erhöhter Augeninnendruck
Harnverhalt und Obstipation
Unruhe, Verwirrtheit, Halluzinationen und Delir, insbesondere bei älteren Patienten
Anticholinerges Syndrom bei Überdosierung
- Pharmakodynamik
Wirkmechanismus: Kompetitive Blockade muskarinischer Acetylcholinrezeptoren (M₁–M₅)
Kardiale Wirkung: Verminderung vagaler Hemmung von Sinusknoten und AV-Überleitung
Grenzen: Bei höhergradigem AV-Block mit breitem QRS-Komplex ist Atropin in der Regel unwirksam und kann die Blockade verschlimmern
- Pharmakokinetik
Wirkungseintritt: Nach i.v.-Gabe rasch; maximaler Herzfrequenzanstieg nach etwa 2–4 min
Verteilung: Passage der Blut-Hirn-Schranke und der Plazenta
Metabolismus: Teilweise hepatisch
Elimination: Renal als unveränderter Wirkstoff und Metaboliten
Eliminationshalbwertszeit: Etwa 2–5 h bei Erwachsenen; bei Kleinkindern und älteren Patienten verlängert
- Schwangerschaft und Stillperiode
Schwangerschaft: Rasche Plazentapassage; i.v.-Gabe kann maternale und fetale Tachykardie auslösen Nur bei klarer Indikation anwenden
Stillperiode: Geringe Ausscheidung in die Muttermilch möglich; anticholinerge Wirkungen beim Säugling und verminderte Milchproduktion, insbesondere bei wiederholter Anwendung, möglich Bei Fortsetzung des Stillens den Säugling auf anticholinerge Wirkungen überwachen
- Anwendungshinweise
Bei hämodynamisch relevanter Bradykardie kontinuierliches EKG- und Blutdruckmonitoring
Bei höhergradigem AV-Block mit breitem QRS-Komplex oder fehlender Atropinwirkung frühzeitig Pacing beziehungsweise Katecholamintherapie nach ERC-Algorithmus einleiten
Bei Herztransplantierten kein Atropin zur Bradykardietherapie; Risiko eines höhergradigen AV-Blocks oder Sinusarrests; Aminophyllin (Theophyllin) erwägen
Bei Organophosphatvergiftung an Bronchialsekretion und Bronchokonstriktion titrieren, nicht allein an der Herzfrequenz
Keine Wirkung gegen nikotinische Manifestationen der Organophosphatvergiftung, insbesondere neuromuskuläre Schwäche
Präparate unterscheiden: 0,2 mg / mL Aguettant™ ist nur für Erwachsene zugelassen; 0,1 mg / mL ist für Kinder über 3 kg vorgesehen
Dosierungen beziehen sich auf Atropinsulfat, nicht auf die Masse der Atropinbase
- Wechselwirkungen
Andere anticholinerge Arzneimittel, darunter trizyklische Antidepressiva, bestimmte Antihistaminika und Neuroleptika: verstärkte antimuskarinische Nebenwirkungen
Cholinesterasehemmer: pharmakodynamischer Antagonismus an muskarinischen Rezeptoren
Siehe auch
Antiarrhythmika