Flumazenil

15.8.17. Flumazenil#

Spezialitäten
  • Anexate™

  • Flumazenil Kabi™

  • Flumazenil Hikma™

Darreichungsformen
  • Injektions- und Infusionslösung 0,100 mg / mL

  • Ampullen zu 5 mL (0,500 mg) oder 10 mL (1,000 mg)

Beschreibung

Kompetitiver Benzodiazepinantagonist aus der Gruppe der Imidazobenzodiazepine.

Wirkung
  • Rasche vollständige oder teilweise Aufhebung der zentralen sedierenden und hypnotischen Benzodiazepinwirkung

  • Wiederherstellung von Wachheit und Spontanatmung bei benzodiazepinbedingter Sedierung

  • Mögliche Aufhebung paradoxer Benzodiazepinreaktionen

  • Keine Antagonisierung von Opioiden, Barbituraten oder anderen nicht am Benzodiazepinrezeptor wirkenden Sedativa

Indikationen
  • Aufhebung einer durch Benzodiazepine verursachten Sedierung nach Anästhesie oder diagnostischen beziehungsweise therapeutischen Eingriffen

  • Aufhebung der zentralen Benzodiazepinwirkung in der Intensivmedizin

  • Diagnostik und Behandlung ausgewählter Intoxikationen oder Überdosierungen, die ausschließlich oder überwiegend durch Benzodiazepine bedingt sind

  • Aufhebung einer bewusst herbeigeführten Benzodiazepinsedierung bei Kindern über 1 Jahr

Kontraindikationen
  • Benzodiazepintherapie zur Beherrschung eines potenziell lebensbedrohlichen Zustands, insbesondere Status epilepticus oder intrakranielle Druckkontrolle

  • Schwere Mischintoxikation mit trizyklischen oder tetrazyklischen Antidepressiva bei anticholinergen, neurologischen oder kardiovaskulären Vergiftungszeichen

Dosierung
  • Erwachsene, Anästhesie: Initial 0,200 mg i. v. über 15 s Bei unzureichender Wirkung nach 60 s jeweils 0,100 mg i. v. im Abstand von 60 s Übliche Gesamtdosis 0,300–0,600 mg, maximale Gesamtdosis 1,000 mg

  • Erwachsene, Intensivmedizin und ausgewählte Benzodiazepinintoxikationen: Initial 0,300 mg i. v. über 15 s Bei unzureichender Wirkung nach 60 s jeweils 0,100 mg i. v. im Abstand von 60 s Maximale Gesamtdosis 2,000 mg

  • Erneute Sedierung bei Erwachsenen: Erneuter Bolus oder kontinuierliche Infusion mit 0,100–0,400 mg / h, nach Wirkung titriert Infusion alle 6 h zur Überprüfung einer erneuten Sedierung unterbrechen

  • Kinder über 1 Jahr, Aufhebung einer Benzodiazepinsedierung: Initial 0,010 mg / kg i. v. über 15 s, maximal 0,200 mg Bei unzureichender Wirkung nach weiteren 45 s erneut 0,010 mg / kg, maximal 0,200 mg Bei Bedarf bis zu vier weitere Gaben in Abständen von 60 s Maximale Gesamtdosis 0,050 mg / kg oder 1,000 mg, je nachdem welcher Wert niedriger ist

  • Kinder bis einschließlich 1 Jahr: Keine routinemäßige Anwendung wegen unzureichender Daten; nur nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung

  • Leberfunktionsstörung: Vorsichtige individuelle Titration wegen verminderter Clearance

  • Nierenfunktionsstörung: Keine Dosisanpassung erforderlich

Nebenwirkungen
  • Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Kopfschmerzen, Angst, Agitation und Tremor

  • Hypotonie oder vorübergehende Blutdrucksteigerung, Palpitationen und Herzrhythmusstörungen

  • Akutes Benzodiazepinentzugssyndrom bei chronischer Benzodiazepinexposition

  • Krampfanfälle, insbesondere bei Epilepsie, Benzodiazepinabhängigkeit oder prokonvulsiver Mischintoxikation

  • Selten schwere Überempfindlichkeitsreaktionen einschließlich Anaphylaxie

Pharmakodynamik

Flumazenil verdrängt Benzodiazepine kompetitiv von ihrer Bindungsstelle am GABA-A-Rezeptorkomplex und hebt deren zentrale Wirkungen auf. Die antagonistische Wirkung tritt nach intravenöser Gabe üblicherweise innerhalb von 1–2 min ein. Auch bestimmte Nicht-Benzodiazepin-Hypnotika, insbesondere Zopiclon, können antagonisiert werden.

Pharmakokinetik
  • Verteilung: Verteilungsvolumen im Steady State etwa 0,900–1,100 L / kg; Plasmaproteinbindung etwa 50 %

  • Metabolismus: Nahezu vollständige hepatische Metabolisierung zu pharmakologisch inaktiven Metaboliten

  • Eliminationshalbwertszeit: Etwa 40–80 min bei Erwachsenen

  • Ausscheidung: Metaboliten überwiegend renal; etwa 90–95 % der markierten Substanz über den Urin und 5–10 % über die Fäzes

  • Leberfunktionsstörung: Verlängerte Halbwertszeit und reduzierte Clearance

  • Kinder über 1 Jahr: Halbwertszeit im Mittel etwa 40 min, mit ausgeprägter interindividueller Variabilität

Schwangerschaft und Stillperiode
  • Schwangerschaft: Nur nach Nutzen-Risiko-Abwägung, da ausreichende Daten beim Menschen fehlen Eine Notfallanwendung ist nicht kontraindiziert

  • Stillperiode: Nach Verabreichung das Stillen für 24 h unterbrechen Eine Notfallanwendung ist nicht kontraindiziert

Anwendungshinweise
  • Intravenöse Gabe durch einen in Atemwegssicherung und Reanimation erfahrenen Arzt

  • Atemwegssicherung, Beatmung und supportive Maßnahmen haben Vorrang vor einer Antagonisierung

  • EKG, Blutdruck, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung und Bewusstseinslage überwachen

  • Bei länger wirksamen Benzodiazepinen erneute Sedierung und Atemdepression nach Abklingen der Flumazenilwirkung berücksichtigen

  • Bei Kindern nach Midazolamsedierung mindestens 2 h überwachen; bei anderen Benzodiazepinen Überwachungsdauer an deren Wirkdauer anpassen

  • Nach Anästhesie erst nach vollständigem Abklingen einer neuromuskulären Blockade verabreichen

  • Bei chronischer Benzodiazepintherapie sorgfältig und langsam titrieren

  • Nach Antagonisierung für mindestens 24 h keine Fahrzeuge führen oder Maschinen bedienen

Wechselwirkungen
  • Benzodiazepine: Kompetitive Aufhebung der zentralen Wirkungen ohne relevante Veränderung ihrer Pharmakokinetik

  • Zopiclon und verwandte Hypnotika: Antagonisierung der über die Benzodiazepin-Bindungsstelle vermittelten Wirkungen möglich

  • Trizyklische und tetrazyklische Antidepressiva: Bei Mischintoxikation erhöhtes Risiko von Krampfanfällen und Arrhythmien durch Wegfall der protektiven Benzodiazepinwirkung

Gefahr

Bei Benzodiazepinabhängigkeit, Epilepsie unter Benzodiazepintherapie oder prokonvulsiven Mischintoxikationen kann Flumazenil schwere Krampfanfälle und akute Entzugssyndrome auslösen. Bei Verdacht auf eine schwere Intoxikation mit trizyklischen oder tetrazyklischen Antidepressiva und entsprechenden Vergiftungszeichen darf die Benzodiazepinwirkung nicht antagonisiert werden.