12.12.3. Karotis-Endarteriektomie (TEA)#
Die Karotis-Thrombendarteriektomie (TEA, carotid endarterectomy, CEA) dient der Schlaganfallprävention bei ausgewählten Patientinnen und Patienten mit extrakranieller Karotisstenose. Die wesentlichen perioperativen Risiken sind zerebrale Minderperfusion oder Embolisation, Myokardischämie, hämodynamische Instabilität sowie postoperative Halsblutung und zerebrales Hyperperfusionssyndrom. Ziel ist die Aufrechterhaltung einer ausreichenden zerebralen und myokardialen Perfusion bei Vermeidung ausgeprägter Blutdruckschwankungen. Grundlage der Indikationsstellung sind die europäischen Gefäßleitlinien (♛ ESVS Karotis 2023, ♛ ESC PAVK Aorta 2024).
Zu tun
#54 Integration und fachlichen Abgleich mit dem Aust-Skriptum „Carotis OP“ (43.1.) abschließen.
Indikation und Operationszeitpunkt#
- Indikationsstellung
Symptomatische Stenose: nach ipsilateraler transitorischer ischämischer Attacke (TIA), retinaler Ischämie oder nicht schwerem ischämischem Schlaganfall
70–99 % nach NASCET: TEA in der Regel empfohlen, sofern das dokumentierte perioperative Schlaganfall- und Sterberisiko unter 6 % liegt
50–69 % nach NASCET: TEA unter Berücksichtigung individueller Faktoren erwägen, ebenfalls bei einem perioperativen Schlaganfall- und Sterberisiko unter 6 %
Zeitpunkt: bei geeigneten, neurologisch stabilen symptomatischen Patientinnen und Patienten möglichst früh, bevorzugt innerhalb von 14 Tagen nach Symptombeginn
Asymptomatische Stenose: keine starre allgemeine Operationsgrenze; Nutzen und Risiko der Revaskularisation unter Berücksichtigung von Stenosegrad, Plaquemerkmalen, Lebenserwartung, Komorbiditäten und Eingriffsrisiko interdisziplinär abwägen
Alternative: Karotisstenting (CAS) bei entsprechender Indikation, Anatomie und Risikokonstellation
Die beiden randomisierten CREST-2-Studien untersuchten die Revaskularisation bei asymptomatischer Karotisstenose von mindestens 70 % unter intensiver medikamentöser Therapie. Nach vier Jahren war der kombinierte primäre Endpunkt mit zusätzlichem Stenting seltener als unter alleiniger medikamentöser Therapie (2,8 % gegenüber 6,0 %); für die zusätzliche TEA wurde dagegen kein statistisch signifikanter Vorteil gezeigt (3,7 % gegenüber 5,3 %). Daraus folgt keine generelle Empfehlung zum Stenting aller asymptomatischen Stenosen; die Indikation bleibt individuell und abhängig vom nachweisbaren periprozeduralen Risiko (🗎 Brott 2026).
Präanästhesiologische Vorbereitung#
- Präoperative Beurteilung
Neurologischer Ausgangsbefund: Bewusstsein, Sprache, Pupillen, Hirnnerven, Motorik und Sensibilität dokumentieren; Zeitpunkt und Ausmaß früherer TIA- oder Schlaganfallsymptome erfassen
Bildgebung: Lokalisation und Seite der Stenose, kontralaterale Stenose beziehungsweise Okklusion, intrakranielle Gefäßversorgung und gegebenenfalls Infarktgröße berücksichtigen
Kardiovaskulär: koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Arrhythmien, arterielle Hypertonie und funktionelle Belastbarkeit evaluieren
Labor: Hämoglobin, Elektrolyte, Nierenfunktion und Gerinnung entsprechend Eingriff und Komorbiditäten kontrollieren
Volumenstatus: insbesondere bei Diuretikatherapie und vorbestehender kardialer beziehungsweise renaler Erkrankung beurteilen; Hypovolämie und relevante Elektrolytstörungen korrigieren
Respiratorisch: Lungenfunktionstest nur bei entsprechender klinischer Indikation, nicht routinemäßig allein wegen einer TEA
Atemweg und Hals: Voroperationen, Bestrahlung, eingeschränkte Halsbeweglichkeit, Heiserkeit und mögliche vorbestehende Rekurrensparese erfassen
Kontralaterale Stimmbandlähmung: insbesondere nach früheren kontralateralen Halsoperationen ausschließen, da eine zusätzliche ipsilaterale Rekurrensläsion einen lebensbedrohlichen Atemwegsverschluss verursachen kann
- Medikamentöse Vorbereitung
Bestehende Statintherapie und indizierte Sekundärprävention fortführen
Perioperative Thrombozytenaggregationshemmung mit Gefäßchirurgie und Neurologie anhand von Symptomatik, Blutungsrisiko und lokaler SOP festlegen
Bei symptomatischer Stenose notwendige rasche TEA nicht allein zur Ermöglichung eines tiefen Plexusblocks durch eine längere Clopidogrelpause verzögern
Acetylsalicylsäure (ASS) wird bei TEA in der Regel perioperativ fortgeführt; eine zusätzliche Clopidogreltherapie bei kürzlich symptomatischer Stenose individuell gemäß interdisziplinärem Protokoll festlegen
Bestehende Betablockertherapie in der Regel fortführen; übrige Antihypertensiva einschließlich ACE-Hemmern beziehungsweise Angiotensinrezeptorblockern nach Hypotonierisiko und lokaler SOP beurteilen
Orale Antikoagulanzien bei geplanter TEA nach Wirkstoff, Nierenfunktion, thromboembolischem Risiko und Blutungsrisiko perioperativ planen; kein routinemäßiges Heparin-Bridging
Sedierende Prämedikation zurückhaltend einsetzen, insbesondere bei erforderlicher neurologischer Beurteilung und geplanter Wachoperation
Anästhesieverfahren#
Allgemeinanästhesie und lokoregionäre Anästhesie sind etablierte Verfahren. In der randomisierten GALA-Studie zeigte sich kein signifikanter Unterschied hinsichtlich perioperativem Tod, Schlaganfall oder Myokardinfarkt zwischen beiden Verfahren (🗎 GALA 2008). Die Wahl richtet sich nach Patientenpräferenz, Kooperationsfähigkeit, Blutungsrisiko, Atemweg, Eingriffsplanung und lokaler Erfahrung.
- Allgemeinanästhesie
Kontrollierte Atemwegssicherung und definierte Beatmungsbedingungen
Hämodynamisch schonende Einleitung; relevante Hypotonie, Tachykardie und hypertensive Spitzen vermeiden
Normoxämie und Normokapnie anstreben; ausgeprägte Hypokapnie wegen möglicher zerebraler Vasokonstriktion vermeiden
Frühzeitiges, gut steuerbares Erwachen mit postoperativer neurologischer Untersuchung anstreben
Cerebrales Neuromonitoring nach lokalem Konzept, da eine direkte neurologische Prüfung während der Operation nicht möglich ist
- Lokoregionäre Anästhesie
Oberflächlicher beziehungsweise intermediärer Zervikalplexusblock mit gegebenenfalls chirurgischer Lokalanästhesieinfiltration
Wacher, kooperativer Patient ermöglicht die unmittelbare Beurteilung von Sprache, Bewusstsein und kontralateraler Motorik während des Abklemmens
Sedierung nur so tief, dass eine verlässliche neurologische Untersuchung und ausreichende Spontanatmung erhalten bleiben
Mögliche Probleme: Schmerz, Angst, Unruhe, Übelkeit, Hypertonie, Bewegung oder unzureichende Blockade
Konversionsstrategie zur Allgemeinanästhesie und schwieriges Atemwegsmanagement bei bereits chirurgisch eröffnetem Hals vorbereiten
Tiefen Zervikalplexusblock wegen möglicher Gefäßpunktion, Hämatombildung, unbeabsichtigter neuraxialer Ausbreitung und insbesondere bei antithrombotischer Therapie kritisch prüfen
Zervikale Epiduralanästhesie ist kein Routineverfahren für die TEA (♛ ESAIC ESRA Regionalanästhesie 2022)
Monitoring und zerebrale Perfusion#
- Basis- und Kreislaufmonitoring
Standardmonitoring mit EKG, Pulsoxymetrie und je nach Anästhesieverfahren Kapnografie
Kontinuierliche invasive arterielle Blutdruckmessung, möglichst vor Einleitung der Allgemeinanästhesie etabliert
Geeignete venöse Zugänge und unmittelbar verfügbare kurz wirksame Vasopressoren sowie Antihypertensiva
EKG-Überwachung auf Myokardischämie und Arrhythmien
Arterielle Punktionsstelle nach Gefäßstatus auswählen; Allen-Test nicht als pauschale Voraussetzung einer radialen Arterienkanülierung
- Neuromonitoring
Wachmonitoring: klinische Überprüfung von Vigilanz, Sprache und kontralateraler Handfunktion während der Karotisklemmung
Nahinfrarotspektroskopie (NIRS; z. B. INVOS™): nichtinvasive Messung der regionalen zerebralen Sauerstoffsättigung (rSO₂) über Stirnsensoren; Verlauf beidseits und insbesondere Veränderung gegenüber dem Ausgangswert bewerten
NIRS-Limitationen: Messung überwiegend oberflächennaher Gewebeanteile mit möglicher extrakranieller Signalbeimischung; keine direkte Messung des zerebralen Blutflusses und kein zuverlässiger Ausschluss einer Ischämie bei stabilen Werten
NIRS-Schwellen: relative Abfälle von etwa 20 % gegenüber dem Ausgangswert werden häufig als Warnsignal verwendet; weder dieser Wert noch eine absolute rSO₂ unter 50 % sind ein universell validierter alleiniger Shunt-Schwellenwert (🕮 Khan 2021)
EEG beziehungsweise somatosensorisch evozierte Potenziale (SSEP): mögliche zusätzliche Verfahren zur Ischämieerkennung unter Allgemeinanästhesie
Transkranielle Dopplersonografie (TCD): kann Strömungsänderungen und embolische Signale erfassen, sofern technisch verfügbar
Bispektraler Index (BIS): primär Verfahren zur Einschätzung der hypnotischen Wirkung von Anästhetika; kein validierter Ersatz für ein zerebrales Ischämiemonitoring
Das eingesetzte Monitoring und die Kriterien für eine Shuntentscheidung sind präoperativ zwischen Anästhesie und Gefäßchirurgie festzulegen. Ein einzelner NIRS- oder BIS-Wert rechtfertigt keine automatische Shuntentscheidung.
Intraoperatives hämodynamisches Management#
- Vor dem Abklemmen
Individuellen Ausgangsblutdruck und den vereinbarten Zielbereich dokumentieren
Hypotonie, Hypoxämie, Hypokapnie und relevante Hypovolämie vermeiden
Beginn und Ende der Karotisklemmung mit der Operateurin beziehungsweise dem Operateur abstimmen
Intravenöse systemische Heparinisierung vor dem Abklemmen nach chirurgischem Plan und lokalem Antikoagulationsschema durchführen; beispielsweise 5 000 IE unfraktioniertes Heparin, nicht als universelle fixe Dosis
Heparinwirkung gegebenenfalls mittels activated clotting time (ACT) nach lokalem Protokoll beurteilen
- Während des Abklemmens (Cross-Clamping)
Zerebralen Kollateralfluss durch Vermeidung von Hypotonie unterstützen
Als praxisübliche Orientierung systolischen Blutdruck mindestens im Bereich des individuellen Ausgangswerts, gegebenenfalls bis etwa 20 % darüber, anstreben
Kein pauschales systolisches Blutdruckziel über 150 mm Hg; relevante koronare Ischämie, schwere Hypertonie und individuelle Autoregulationsstörung berücksichtigen
Bei neurologischer Verschlechterung oder auffälligem Neuromonitoring Blutdruck, Oxygenierung, Ventilation und technische Ursachen unverzüglich prüfen
Über eine Shunteinlage nach neurologischen Befunden, Monitoring und operativer Situation entscheiden; routinemäßige und selektive Shuntstrategien sind gebräuchlich
Bei ausgeprägter Bradykardie oder Hypotonie durch Karotissinusmanipulation chirurgische Stimulation unterbrechen lassen und ursachenorientiert behandeln
- Nach Wiedereröffnung der Karotis (Declamping)
Blutdruck engmaschig kontrollieren und übermäßige Hypertonie vermeiden
Auf Embolisationszeichen, neurologische Veränderungen und abrupte hämodynamische Schwankungen achten
Protaminantagonisierung des Heparins zur Reduktion von Halshematomen in Abstimmung mit der Gefäßchirurgie erwägen
Sorgfältige chirurgische Hämostase und bei Allgemeinanästhesie ruhige Extubation ohne ausgeprägte Blutdruckspitzen anstreben
Postoperative Überwachung#
- Postoperative Schwerpunkte
Frühzeitige neurologische Untersuchung mit Vergleich zum präoperativen Ausgangsbefund
Wiederholte Beurteilung von Bewusstsein, Sprache, Pupillen, Hirnnerven und kontralateraler Motorik
Engmaschige Blutdrucküberwachung mindestens in den ersten 3–6 Stunden, bei Instabilität beziehungsweise erhöhtem Risiko entsprechend länger
Aktive Behandlung von Hypertonie zur Reduktion des Risikos von Hyperperfusionssyndrom, intrakranieller Blutung und Halshematom
Hypotonie nach klinischem Perfusionsstatus, Volumenstatus und kardialer Funktion behandeln; bei Bedarf vorsichtige Volumengabe und titrierte Vasopressoren
Wundgebiet und Atemweg wiederholt auf Schwellung, Hämatom, Heiserkeit, Stridor und Schluckstörung untersuchen
Myokardischämie und Arrhythmien insbesondere bei kardiovaskulärer Vorbelastung erkennen
Überwachungsniveau einschließlich Intermediate Care beziehungsweise Intensivstation nach klinischem Risiko und lokalem Behandlungspfad festlegen
Komplikationen und Notfallmaßnahmen#
- Zerebrale Ischämie und Schlaganfall
Mechanismen: zerebrale Embolisation durch Plaque- oder Thrombusmaterial, Minderperfusion bei Klemmung, Gefäßthrombose oder Dissektion
Klinik: neue Hemiparese, Aphasie, Gesichtsfeldausfall, Vigilanzstörung oder sonstiger fokalneurologischer Ausfall
Vorgehen: Zeitpunkt und Zusammenhang mit Klemmung beziehungsweise Reperfusion bestimmen, Gefäßchirurgie und Schlaganfallteam unverzüglich einbeziehen
Bei postoperativ neuem Defizit sofortige neurovaskuläre Diagnostik beziehungsweise gezielte operative Reevaluation nach Verdachtsursache, Operationszeitpunkt und lokalem Schlaganfallalgorithmus
Bei unmittelbar nach Wiedereröffnung unter Wachanästhesie auftretendem ipsilateralem neurologischem Defizit sofortige chirurgische Reexploration erwägen beziehungsweise entsprechend ESVS-Empfehlung durchführen
- Zerebrales Hyperperfusionssyndrom
Störung der zerebralen Autoregulation nach Wiederherstellung des Blutflusses, besonders bei chronischer schwerer Stenose und perioperativer Hypertonie
Klinik: ipsilateraler, oft heftiger Kopfschmerz, neurologische Ausfälle, epileptische Anfälle und gegebenenfalls intrazerebrale Blutung
Maßnahmen: unverzügliche Bildgebung, kontrollierte Blutdrucksenkung, neurologische beziehungsweise intensivmedizinische Mitbehandlung und Behandlung von Krampfanfällen
- Halshematom und Atemwegsobstruktion
Potenziell rasch progrediente lebensbedrohliche Komplikation, insbesondere in den ersten postoperativen Stunden
Alarmzeichen: zunehmende Halsschwellung, Druckgefühl, Dysphagie, Dysphonie, Stridor, Atemnot oder Unruhe
Bei Verdacht auf Atemwegsgefährdung sofort Anästhesie- und Gefäßchirurgieteam alarmieren und die chirurgische Entlastung vorbereiten
Keine Verzögerung durch wiederholte Intubationsversuche bei zunehmender Obstruktion; bei akut bedrohter Atemwegspassage umgehende Hämatomentlastung durch ein entsprechend qualifiziertes Team und Atemwegssicherung nach Notfallalgorithmus
Wachintubation beziehungsweise chirurgischer Atemweg je nach Stabilität und anatomischem Befund frühzeitig berücksichtigen
Ausmaß eines begleitenden laryngealen Ödems nicht allein anhand der äußerlich sichtbaren Schwellung unterschätzen (🕮 Little 2026)
- Weitere Komplikationen
Hirnnervenläsionen: insbesondere Nervus hypoglossus, Nervus vagus beziehungsweise Nervus laryngeus recurrens und Ramus marginalis mandibulae des Nervus facialis
Hämodynamik: Hypertonie, Hypotonie, Bradykardie oder andere Arrhythmien durch perioperative Baroreflexstörung beziehungsweise Karotissinusmanipulation
Kardiovaskulär: Myokardischämie, Myokardinfarkt und Herzinsuffizienz
Lokoregionäre Anästhesie: selten vaskuläre Punktion, Lokalanästhetika-Systemtoxizität, Phrenikusblockade oder bei tiefem Plexusblock Neuraxialausbreitung; ein Pneumothorax ist sehr selten