12.1.2. Beurteilung und Risikoeinschätzung#
Operatives Risiko#
Für die präoperative Evaluierung sind sämtliche chirurgischen Eingriffe als klein oder groß einzustufen (♛ OeGARI Praeop Eval 2026, Abschnitt 2.1).
Eingriffe werden eingeteilt in:
Kleiner Eingriff: geringe operative Belastung
Großer Eingriff: erhöhte operative Belastung anhand des erwarteten Blutverlusts, der chirurgischen Technik, der anatomischen Region und der OP-Dauer
Die Einteilung in kleine und große Eingriffe dient der präoperativen Befundanforderung und ist von der nachfolgenden Schätzung des kardiovaskulären Operationsrisikos zu unterscheiden.
Der erwartete Blutverlust wird insbesondere anhand der Grenze von 10% des Blutvolumens10% des Blutvolumens beurteilt. Die übrigen Kriterien sind gemeinsam heranzuziehen; eine alleinige Grenzziehung anhand der Operationsdauer ist nicht vorgesehen.
- Kardiovaskuläres Operationsrisiko
Niedrig: geschätztes Risiko schwerer perioperativer kardiovaskulärer Ereignisse (MACE) unter 1%; beispielsweise oberflächliche Eingriffe und Kataraktoperationen
Erhöht: geschätztes MACE-Risiko ab 1%; beispielsweise ausgedehnte intrathorakale, intraabdominelle oder große Gefäßeingriffe unter Berücksichtigung des Patientenrisikos
Die Eingriffsdringlichkeit wird als elektiv, zeitkritisch (semielektiv), dringlich oder notfallmäßig beziehungsweise vital indiziert eingeordnet (♛ AHA ACC Periop Medizin 2024).
Blutungsrisiko bei Operationen#
Geringes Blutungsrisiko: Oberflächliche dermatologische Eingriffe, kleinere handchirurgische Eingriffe, unkomplizierte Zahnextraktionen und Kataraktoperationen
Mittleres Blutungsrisiko: Abhängig vom konkreten Eingriff, beispielsweise zahlreiche gynäkologische, urologische, plastisch-chirurgische und HNO-Operationen
Hohes Blutungsrisiko: Größere Leber- und Nierenresektionen, radikale Prostatektomie, komplexe Wirbelsäuleneingriffe und große Gefäßoperationen
Bei Eingriffen am Auge und in anderen anatomisch kritischen Regionen kann bereits eine kleine Blutung schwerwiegende Folgen haben. Das Risiko einer Blutung und die möglichen Konsequenzen einer Blutung sind getrennt zu beurteilen.
Beurteilung der kardiopulmonalen Reserve#
Metabolische Äquivalente (MET)#
Ein metabolisches Äquivalent (1 MET) entspricht definitionsgemäß einem Ruhe-Sauerstoffverbrauch von etwa 3,5 mL / kg / min.
MET |
Beispiele für körperliche Aktivität |
|---|---|
1–2 |
Körperpflege, sehr leichte Hausarbeit |
3 |
Langsames Gehen in der Ebene |
4 |
Zügiges Gehen, etwa eine Etage Treppensteigen |
5–6 |
Etwa zwei Etagen Treppensteigen, leichtes Joggen |
6–9 |
Wandern, sportliche Freizeitaktivität |
> 10 |
Intensive Ausdauerbelastung |
Die Angaben sind grobe Orientierungswerte und keine zuverlässige individuelle Messung der Belastbarkeit. Eine funktionelle Kapazität unter 4 MET gilt als eingeschränkt; die Fähigkeit, zwei Stockwerke ohne Pause zu steigen, spricht für eine Belastbarkeit oberhalb von 4 MET. Die funktionelle Belastbarkeit ist strukturiert mittels MET oder (modifiziertem) Duke Activity Status Index (DASI) zu erheben (♛ OeGARI Praeop Eval 2026).
Beurteilung von Vorerkrankungen und Allgemeinzustand#
ASA-Score#
Die Klassifikation der American Society of Anesthesiologists beschreibt den präoperativen körperlichen Zustand, nicht das Operationsrisiko allein.
ASA |
Beschreibung |
|---|---|
I |
Gesunde Person |
II |
Leichte systemische Erkrankung ohne relevante funktionelle Einschränkung |
III |
Schwere systemische Erkrankung |
IV |
Schwere systemische Erkrankung mit ständiger Lebensbedrohung |
V |
Moribunde Person, deren Überleben ohne Operation nicht zu erwarten ist |
VI |
Hirntote Person zur Organentnahme |
Bei einer Notfalloperation wird die Klasse um den Zusatz E ergänzt (♛ ASA Physical Status 2026).
NYHA-Klassifikation#
Die NYHA-Klassifikation beschreibt die funktionelle Einschränkung bei Herzerkrankungen anhand von Beschwerden unter körperlicher Belastung.
NYHA |
Beschreibung |
|---|---|
I |
Keine Einschränkung; übliche körperliche Belastung ohne Beschwerden |
II |
Leichte Einschränkung; Beschwerden bei gewöhnlicher körperlicher Belastung |
III |
Deutliche Einschränkung; Beschwerden bereits bei geringer körperlicher Belastung |
IV |
Beschwerden in Ruhe beziehungsweise Unfähigkeit zu körperlicher Belastung ohne Beschwerden |
Die Einteilung beruht auf funktioneller Belastbarkeit und nicht ausschließlich auf dem Auftreten von Angina pectoris.
Frailty (Gebrechlichkeit)#
Bei Personen ab 70 Jahren ist Frailty vor geplanten Eingriffen zu erheben, beispielsweise mittels Clinical Frailty Scale (CFS). Ab CFS ≥ 5 ist eine individualisierte perioperative Versorgung zu planen. Vor großen Eingriffen, insbesondere bei abdomineller Tumorchirurgie, kann ein Comprehensive Geriatric Assessment (CGA) erwogen werden (♛ OeGARI Praeop Eval 2026).
Revised Cardiac Risk Index (RCRI, Lee-Index)#
Der Lee-Index dient der Abschätzung schwerer kardialer Komplikationen nach nichtkardialen Operationen (🗎 Lee 1999).
- Risikofaktoren, jeweils 1 Punkt
Hochrisikooperation: intraperitonealer, intrathorakaler oder suprainguinaler gefäßchirurgischer Eingriff
Ischämische Herzerkrankung
Herzinsuffizienz
Zerebrovaskuläre Erkrankung, einschließlich vorausgegangener TIA oder Schlaganfall
Präoperative Insulintherapie
Serumkreatinin über 2,0 mg / dL (etwa 177 µmol / L)
Risikoklasse |
Anzahl der Risikofaktoren |
|---|---|
I |
0 |
II |
1 |
III |
2 |
IV |
3 oder mehr |
Der RCRI ist ein Bestandteil der Risikostratifizierung und ersetzt nicht die klinische Beurteilung.