12.1.5. Dauermedikation#
Die bestehende Dauermedikation ist im Rahmen der Präanästhesie einschließlich Indikation, Dosierung, Einnahmezeitpunkt und Kombinationspräparaten zu erfassen. Für jedes Arzneimittel ist festzulegen, ob es am Operationstag fortgeführt, zuvor pausiert oder perioperativ umgestellt werden soll. Eine Unterbrechung und die postoperative Wiederaufnahme müssen mit dem klinischen Verlauf, der Möglichkeit der oralen Einnahme und gegebenenfalls der Organfunktion abgestimmt werden.
Grundlage der folgenden substanzbezogenen Empfehlungen ist die ÖGARI-Empfehlung Präoperatives Medikamentenmanagement vor elektiven Eingriffen, Version 2.2 vom 18.03.2025 (♛ OeGARI Praeop Medi 2025). Bei antithrombotischer Therapie sind zusätzlich Eingriffsblutungsrisiko, thromboembolisches Risiko und die für rückenmarksnahe oder tiefe Regionalanästhesie geltenden Mindestabstände gesondert zu berücksichtigen (♛ OeGARI Gerinnung RA 2024).
Die Zeitangaben zur Pausierung beziehen sich auf den geplanten Eingriff; eine vorzeitig abgesetzte Dauermedikation soll postoperativ wieder aufgenommen werden, sobald die jeweiligen Voraussetzungen vorliegen.
Kardiovaskuläre Medikamente und Diuretika#
- β-Blocker
β-Blocker; perioperatives Management
Fortführen, auch am Operationstag
Abruptes Absetzen vermeiden (Rebound-Tachykardie, Myokardischämie)
Neueinstellung zur perioperativen Risikoreduktion nicht unmittelbar vor dem Eingriff; gemäß ÖGARI nur bei entsprechender kardialer Indikation und mit mehr als einer Woche Vorlauf
- Kalziumantagonisten
Kalziumantagonisten; perioperatives Management
Fortführen, beispielsweise Amlodipin, Nifedipin, Verapamil oder Diltiazem
Bei Kombinationspräparaten mit ACE-Hemmer oder Diuretikum gegebenenfalls vorübergehend als Monopräparat verordnen
Verapamil und Diltiazem wirken negativ inotrop und chronotrop; mögliche Verstärkung der kardiodepressiven Wirkungen anderer perioperativer Medikamente berücksichtigen
Bei Absetzen möglicher Blutdruckanstieg
- α₂-Rezeptoragonisten
α₂-Agonisten; perioperatives Management Clonidin; perioperatives Management
Fortführen, insbesondere Clonidin; abruptes Absetzen kann eine Rebound-Hypertonie verursachen
Keine präoperative Neueinstellung allein zur Kardioprotektion
Intraoperative Hypotonie und reduzierter Anästhetikabedarf möglich
- Nitrate und Molsidomin
Nitrate; perioperatives Management
Fortführen; Absetzen kann Myokardischämien begünstigen
Additive Vasodilatation bei Allgemein- und Regionalanästhesie beachten
- ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptorantagonisten (Sartane)
ACE-Hemmer; perioperatives Management Angiotensin-II-Rezeptorantagonisten; perioperatives Management
Indikation arterielle Hypertonie ohne Herzinsuffizienz: am Operationstag pausieren, auch als Bestandteil eines Kombinationspräparates
Indikation Herzinsuffizienz: fortführen gemäß ÖGARI
Postoperativ möglichst früh, innerhalb von 48 h, wieder beginnen, sobald ein ausreichender Blutdruck vorliegt
Bei Hyperkaliämierisiko Kalium und Nierenfunktion berücksichtigen
- Diuretika
Diuretika; perioperatives Management
Indikation arterielle Hypertonie: am Operationstag pausieren
Indikation Herzinsuffizienz oder Niereninsuffizienz: fortführen gemäß ÖGARI
Hypovolämie, Hypokaliämie und Hypomagnesiämie bei der präoperativen Beurteilung berücksichtigen
- Antiarrhythmika
Antiarrhythmika; perioperatives Management
Fortführen, einschließlich Amiodaron; abruptes Absetzen kann relevante Arrhythmien begünstigen
Klasse-I- und Klasse-III-Antiarrhythmika können kardiodepressive Wirkungen von Anästhetika verstärken
Klasse-Ia- und -Ib-Substanzen können die Wirkdauer nichtdepolarisierender Muskelrelaxanzien verlängern
Lidocain; MAC-Wert Lidocain: mögliche Verminderung des MAC-Werts und Verstärkung intravenöser Anästhetika
Amiodaron; perioperatives Management Amiodaron: Bradykardie, AV-Überleitungsstörungen, Vasodilatation und Kreislaufdepression möglich; wegen langer Halbwertszeit ist kurzfristiges Absetzen nicht sinnvoll
- Digitalisglykoside
Digitalis; perioperatives Management
Fortführen, beispielsweise Digoxin oder Digitoxin
Spiegel und Kalium bei entsprechender Indikation kontrollieren
- Statine
Statine; perioperatives Management
Fortführen
- Nichtstatin-Lipidsenker
24 h vor dem Eingriff pausieren gemäß ÖGARI, beispielsweise Ezetimib, Fibrate, Niacin oder Gallensäurebinder
Pulmonale und endokrine Dauermedikation#
- Bronchodilatatoren und inhalative Therapie
β₂-Sympathomimetika und inhalative Anticholinergika: fortführen
Inhalative Corticosteroide: fortführen
Leukotrienantagonisten, beispielsweise Montelukast: fortführen
- Theophyllin
Theophyllin; perioperatives Management
24 h vor dem Eingriff pausieren
Bei gestörter Elimination oder Arzneimittelinteraktionen Gefahr schwerer Arrhythmien und neurotoxischer Wirkungen
- Schilddrüsenhormone
Schilddrüsenhormone; perioperatives Management
Levothyroxin (T₄): fortführen, sofern oral möglich; die ÖGARI-Kompaktempfehlung V 2.2 enthält hierzu keine eigene Tabellenposition
Bei deutlich unzureichender Schilddrüseneinstellung präoperative Optimierung prüfen
Bei mehrtägig fehlender enteraler Zufuhr wegen der langen Halbwertszeit nicht automatisch eine sofortige parenterale Substitution erforderlich (🕮 UKCPA Perioperative Medicines)
- Systemische Corticosteroide
Corticosteroide; perioperatives Management
Dauermedikation fortführen; nicht abrupt absetzen
Bei möglicher Suppression der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse perioperative Hydrocortisonabdeckung nach Eingriffsbelastung und Vortherapie festlegen
ÖGARI-Schema:
… bei großem Eingriff beziehungsweise mehr als 5 mg Prednisonäquivalent täglich: 50 mg Hydrocortison i.v. zur Einleitung, anschließend 25 mg alle 6 h am Operationstag und ersten postoperativen Tag, danach 15 mg alle 6 h bis zur Wiederaufnahme der oralen Dauermedikation
… bei mittelgroßem Eingriff: 25 mg Hydrocortison i.v. alle 6 h, beschränkt auf den Operationstag; danach Wiederaufnahme der oralen Dauermedikation ohne Fortsetzung in den ersten postoperativen Tag
… bei kleinem Eingriff und niedriger beziehungsweise kurzzeitiger Steroidexposition kann eine zusätzliche Stressdosis entfallen; gegebenenfalls genügt eine Einmalgabe von 25–50 mg Hydrocortison i.v. zur Einleitung
Antidiabetika#
- Präoperative Stoffwechsellage
Diabetes mellitus; präoperatives Medikamentenmanagement
Präoperativ wird im Allgemeinen ein HbA1c von höchstens 7 % angestrebt; bei höherem Alter, Multimorbidität oder erhöhtem Hypoglykämierisiko ist ein weniger strenges Ziel angemessen
Bei nicht erreichbar gut eingestelltem Diabetes nach Möglichkeit HbA1c unter 8 %; bei HbA1c über 10 % ist eine elektive Operation kritisch zu überprüfen (♛ OeDG Diabetes 2026)
Für den Operationstag ein konkretes Schema für Insulin, Blutzuckerkontrollen und Korrekturdosen festlegen
- Basalinsulin
Insulin; perioperatives Management
Fortführen, Dosis anpassen; bei insulinpflichtigem Diabetes Basalinsulin nicht ersatzlos absetzen
NPH-/langwirksames Insulin: gemäß ÖGARI in der Regel Dosisreduktion um 10–20 % zur betreffenden Gabe
Ultralangwirksames Insulin, beispielsweise Insulin degludec: gemäß ÖGARI etwa 30 % Dosisreduktion, beginnend drei Tage vor dem Eingriff
Basal-Bolus-Therapie: Basalinsulin fortführen, prandiale Boli bei Nahrungskarenz auslassen beziehungsweise anhand gemessener Glukosewerte korrigieren
Mischinsulin: vor dem Eingriff auf ein langwirksames Insulin umstellen; ÖGARI-Richtwert etwa zwei Drittel der bisherigen Mischinsulindosis
Insulinpumpe: individuelles Vorgehen; Fortführung der Basalrate anstreben, sofern perioperative Überwachung und Handhabung gesichert sind
- Metformin
Metformin; perioperatives Management
24–48 h vor dem Eingriff pausieren gemäß ÖGARI
Bei kleinem Eingriff und guter Nierenfunktion genügt nach dieser Empfehlung das Pausieren am Operationstag
Bei Nierenfunktionsstörung, Hypoxie oder relevanten Flüssigkeitsverschiebungen besonderes Augenmerk auf eine mögliche Akkumulation
Kombinationspräparate entsprechend der Komponente mit dem längsten Pausenintervall behandeln
- SGLT2-Inhibitoren (Gliflozine)
SGLT2-Inhibitoren; perioperatives Management
72 h vor dem Eingriff pausieren gemäß ÖGARI, beispielsweise Empagliflozin oder Dapagliflozin
Gefahr der euglykämischen Ketoazidoseeuglykämischen Ketoazidose, auch bei nur mäßig erhöhtem Blutzucker
Bei Verdacht Blutketone (β-Hydroxybutyrat), Anionenlücke und Säure-Basen-Status bestimmen; negative Harnketone schließen eine Ketoazidose nicht aus
Wiederaufnahme erst nach klinischer Stabilisierung, gesicherter ausreichender oraler Zufuhr und Bewertung der Nierenfunktion; die ÖGARI nennt eine GFR von mindestens 60 mL / min als Kriterium
- GLP-1-Rezeptoragonisten
GLP-1-Rezeptoragonisten; perioperatives Management
Sieben Tage vor dem Eingriff pausieren, auch bei Verwendung zur Gewichtsreduktion
Abweichende internationale Multisociety-Empfehlung: risikoadaptiertes Vorgehen; eine pauschale Therapieunterbrechung ist nicht bei allen Patienten erforderlich (♛ GLP1 Multisociety 2024)
Besonders auf Dosissteigerungsphase, Übelkeit, Erbrechen und mögliche verzögerte Magenentleerung achten
Bei vermuteter relevanter Magenfüllung anästhesiologisches Aspirationsmanagement einschließlich gegebenenfalls Magensonografie und Rapid-Sequence-Induction anpassen
- Weitere nichtinsulinbasierte Antidiabetika
Sulfonylharnstoffe und Glinide: am Operationstag pausieren
DPP-4-Inhibitoren (Gliptine): am Operationstag pausieren; mit Metformin kombinierte Präparate 24–48 h vorher
α-Glukosidasehemmer: am Operationstag pausieren
Pioglitazon: am Operationstag pausieren
Immunsuppressiva, DMARDs und Biologika#
- Organtransplantation
Immunsuppressiva; perioperatives Management
Abstoßungsprophylaxe grundsätzlich fortführen; eigenmächtige Pausierung vermeiden
Bei fehlender enteraler Gabe oder Arzneimittelinteraktionen mit dem Transplantationszentrum abstimmen
- Konventionelle Immunsuppressiva außerhalb der Transplantationsmedizin
Cyclophosphamid: gemäß ÖGARI 4–6 Wochen vor dem Eingriff pausieren
Ciclosporin, Mycophenolat-Mofetil, Azathioprin: gemäß ÖGARI bei entsprechender rheumatologischer beziehungsweise immunologischer Indikation 1–2 Tage vorher pausieren
Methotrexat, Sulfasalazin, Hydroxychloroquin und Chloroquin: fortführen; Organfunktion und Wechselwirkungen beachten
Leflunomid: bei niedrigem Wundinfektionsrisiko fortführen; bei hohem Risiko und großem Eingriff nach ÖGARI vier Wochen pausieren, gegebenenfalls Auswaschverfahren
- Biologika
Biologika; perioperatives Management
TNF-α-, IL-1- und CD20-gerichtete Therapien sowie Kostimulationsblocker perioperativ therapieintervallbezogen pausieren
Elektiven Eingriff möglichst gegen Ende eines Dosierungsintervalls planen; ÖGARI nennt als Orientierung drei bis fünf Halbwertszeiten vor dem Eingriff
Infektionsrisiko gegen Gefahr eines Krankheitsschubs abwägen und Wiederbeginn interdisziplinär festlegen
- JAK-Inhibitoren
Beispielsweise Baricitinib, Tofacitinib oder Upadacitinib: 3–4 Tage vor dem Eingriff pausieren
Wundinfektions- und Thromboembolierisiko beachten
Wiederaufnahme laut ÖGARI möglichst nach drei bis fünf postoperativen Tagen, sofern der Heilungsverlauf dies erlaubt
- Apremilast
Fortführen
Psychopharmaka#
- Monoaminooxidasehemmer (MAO-Hemmer)
MAO-Hemmer; präoperativ Tranylcypromin; präoperativ Isocarboxazid; präoperativ Phenelzin; präoperativ Clorgylin; präoperativ Deprenyl; präoperativ Selegilin; präoperativ Rasagilin; präoperativ Moclobemid; präoperativ RO-19-6327; präoperativ
Irreversible und selektiv irreversible MAO-Hemmer, beispielsweise Tranylcypromin, Selegilin oder Rasagilin: gemäß ÖGARI 14 Tage vor einem elektiven Eingriff pausieren beziehungsweise fachärztlich auf eine reversible Substanz umstellen
Reversible MAO-Hemmer, insbesondere Moclobemid: nur bei geplanter MAO-sicherer Anästhesie und nach Rücksprache fortführen; andernfalls am Operationstag pausieren
Für eine geplante Umstellung rechtzeitige Absprache mit der behandelnden Psychiatrie oder Neurologie
Nichtselektive irreversible Wirkstoffe wie Phenelzin und Isocarboxazid haben ein besonders relevantes Interaktionspotenzial
- MAO-A und MAO-B
MAO-A; Substratabbau MAO-B; Substratabbau 2-Phenylethylamin; Abbau durch MAO-B Benzylamin; Abbau durch MAO-B
MAO-A: oxidativer Abbau unter anderem von Serotonin, Noradrenalin und Adrenalin
MAO-B: Abbau unter anderem von Phenylethylamin und Benzylamin
Bei MAO-Hemmung Gefahr gefährlicher pharmakodynamischer Interaktionen auch bei perioperativer Fortführung nur einer reversiblen Substanz
- Relevante Interaktionen bei MAO-Hemmung
Pethidin; Wechselwirkung mit MAO-Hemmern Alodan™; Wechselwirkung mit MAO-Hemmern Tramadol; Wechselwirkung mit MAO-Hemmern Dextromethorphan; Wechselwirkung mit MAO-Hemmern Ephedrin; Wechselwirkung mit MAO-Hemmern Sympathomimetika; indirekte, Wechselwirkung mit MAO-Hemmern
Pethidin, Tramadol und Dextromethorphan vermeiden: Gefahr schwerer serotonerger beziehungsweise exzitatorischer Reaktionen bis zu Hyperthermie, Bewusstseinsstörung und Atemdepression
Indirekte Sympathomimetika, insbesondere Ephedrin, vermeiden: Gefahr hypertensiver Krisen
Auch serotonerge Begleitmedikation und die Auswahl perioperativer Analgetika und Antiemetika prüfen
- Lithium
Lithium; perioperatives Management
Fortführen gemäß ÖGARI V 2.2, nicht pauschal 72 h vorher absetzen
Präoperativ Lithiumspiegel, Nierenfunktion und Elektrolyte kontrollieren
Intoxikationsrisiko bei Hypovolämie, akuter Nierenfunktionsstörung sowie bei Kombination mit Diuretika oder NSAR
Verlängerung der neuromuskulären Blockade möglich
- Weitere Antidepressiva und Antipsychotika
Trizyklische Antidepressiva: fortführen; mögliche QT-Verlängerung, anticholinerge Wirkungen und Wechselwirkungen mit Sympathomimetika
SSRI und SNRI: fortführen; Serotoninsyndrom und Interaktionen mit serotonerg wirkenden Analgetika berücksichtigen
Mirtazapin: fortführen
Klassische und atypische Antipsychotika: fortführen; QT-Verlängerung, Kreislaufwirkungen und mögliche α-Blockade beachten
Analgetika und Substitutionstherapie#
- Daueropioide
Fortführen, auch bei transdermaler Anwendung; abruptes Absetzen kann Entzug und unzureichende Analgesie verursachen
Postoperative Schmerztherapie unter Berücksichtigung der bestehenden Opioidtoleranz vorab planen
- Buprenorphin
ÖGARI V 2.2: bei kleineren Eingriffen fortführen, bei großen Eingriffen mit hohem zu erwartendem Schmerzbedarf Umstellung auf einen reinen μ-Agonisten erwägen
Die konkrete Entscheidung zur Umstellung vor dem Eingriff interdisziplinär mit der Schmerz- beziehungsweise Substitutionstherapie treffen; keine kurzfristige eigenmächtige Unterbrechung
- Tramadol
Gemäß ÖGARI bei chronischer Therapie gegebenenfalls fortführen, bei anderer Anwendung perioperative Gabe kritisch prüfen
Serotonerges Interaktionspotenzial, insbesondere mit MAO-Hemmern und SSRI/SNRI
Die ÖGARI weist bei chronischer Tramadoltherapie ausdrücklich auf die Vermeidung einer Kombination mit Ondansetron hin
- Methadon und Levomethadon
Substitutionstherapie fortführen
Analgetischen Mehrbedarf und mögliche Hyperalgesie berücksichtigen
- Nichtopioidanalgetika und Koanalgetika
Paracetamol und Metamizol: fortführen
NSAR: Blutungsrisiko, Nierenfunktion und geplanten Eingriff berücksichtigen; gemäß ÖGARI insbesondere bei neurochirurgischen, retrobulbären oder Innenohreingriffen am Operationstag pausieren
Gabapentin und Pregabalin: bestehende Therapie fortführen; Sedierung und Dosisanpassung bei Nierenfunktionsstörung beachten
Neurologische Dauermedikation#
- Antiepileptika
Antiepileptika; perioperatives Management
Fortführen, um Entzugsanfälle beziehungsweise einen Status epilepticus zu verhindern
Valproinsäure: mögliche Thrombozytopenie und Gerinnungsstörung berücksichtigen
Carbamazepin: Induktion hepatischer Enzyme, Interaktionen mit Anästhetika und mögliche Hyponatriämie beachten; bei Epilepsie nicht ohne neurologisch festgelegtes Ersatzschema absetzen (🕮 UKCPA Perioperative Medicines)
- Parkinson-Medikation
Parkinson-Medikation; perioperatives Management
Fortführen, insbesondere Levodopa/Decarboxylasehemmer, COMT-Hemmer und Dopaminagonisten
Einnahmezeiten möglichst exakt einhalten; längere Therapieunterbrechungen vermeiden
Bei längerem Ausfall der enteralen Zufuhr neurologisch abgestimmte Ersatztherapie, beispielsweise Rotigotin transdermal, Apomorphin s. c. oder Amantadin i. v.
MAO-B-Hemmer: gesondertes Vorgehen wie bei irreversiblen MAO-Hemmern beachten
Antithrombotische Dauermedikation#
Das perioperative Vorgehen hängt von Wirkstoff, Dosierung, Indikation, Nierenfunktion, Eingriffsblutungsrisiko und gegebenenfalls einem geplanten rückenmarksnahen Verfahren ab. Die nachstehenden Operationsintervalle ersetzen nicht die gesondert geltenden neuraxialen Absetzfristen (♛ OeGARI Gerinnung RA 2024).
- Vitamin-K-Antagonisten
Vitamin-K-Antagonisten; perioperatives Management
Bei Eingriffen mit geringem Blutungsrisiko gegebenenfalls fortführen, INR im unteren therapeutischen Zielbereich. Bei INR > 1,5 am Vortag der Operation: Vitamin K 5 mg p.o. zur Korrektur.
Bei blutungsriskanten Eingriffen pausieren, bis ein INR unter 1,5 erreicht ist
Richtwerte der ÖGARI: Phenprocoumon etwa sieben Tage, Warfarin fünf Tage und Acenocumarol drei Tage vor dem Eingriff
Ein Heparin-Bridging nur bei ausgewähltem sehr hohem thromboembolischem Risiko erwägen: Beginn, sobald INR ≤ 2, bis 1 Tag vor der Operation.
- Direkte orale Antikoagulanzien (DOAK)
DOAK; perioperatives Management
Bei Eingriffen mit geringem Blutungsrisiko kann die Operation gemäß ÖGARI gegebenenfalls im Talspiegel erfolgen
Bei blutungsriskanten Eingriffen für Apixaban, Rivaroxaban oder Edoxaban bei ausreichender Nierenfunktion nach ÖGARI mindestens 60–72 h Pause; bei Dabigatran mindestens 60–72 h bei einer Kreatinin-Clearance über 50 mL / min
Bei eingeschränkter Nierenfunktion substanzspezifische Verlängerung beziehungsweise geeignete Wirkstoffspiegelbestimmung erforderlich
Kein routinemäßiges Heparin-Bridging bei DOAK; die ÖGARI erwägt es nur bei sehr hohem thromboembolischem Risiko, und die aktuelle perioperative Kardiologieleitlinie spricht sich gegen ein routinemäßiges Bridging aus (♛ AHA ACC Periop Medizin 2024)
- Heparine und Fondaparinux
Heparine; perioperatives Management
Niedermolekulares Heparin: vor blutungsriskantem Eingriff in prophylaktischer Dosierung gemäß ÖGARI mindestens 12 h, in höherer Dosierung mindestens 24 h pausieren, sofern die Nierenfunktion ausreichend ist
Unfraktioniertes Heparin: Pause je nach Dosis und Applikationsweg; bei therapeutischer i. v.-Gabe orientierend etwa 6 h und Normalisierung des Gerinnungseffekts
Fondaparinux: längere Unterbrechung entsprechend Dosierung und Nierenfunktion erforderlich
- Thrombozytenaggregationshemmer
Thrombozytenaggregationshemmer; perioperatives Management
Acetylsalicylsäure: bei koronarer Stentindikation häufig fortführen, ausgenommen Eingriffe mit besonders hohem Blutungsfolgenrisiko; bei Primärprophylaxe oder anderen Indikationen Pausierung prüfen
Clopidogrel: bei erforderlicher Unterbrechung gemäß ÖGARI etwa 5–7 Tage vor dem Eingriff
Ticagrelor: bei erforderlicher Unterbrechung gemäß ÖGARI etwa fünf Tage vor dem Eingriff
Prasugrel: bei erforderlicher Unterbrechung sieben Tage vor dem Eingriff
Bei Koronarstents oder dualer Plättchenhemmung interdisziplinär über Operationszeitpunkt und Unterbrechbarkeit entscheiden; eine ungeprüfte Pausierung kann eine Stentthrombose auslösen
Phytopharmaka und weitere Präparate#
- Johanniskraut
Johanniskraut; perioperatives Management
Fünf Tage vor dem Eingriff pausieren gemäß ÖGARI
Enzyminduktion insbesondere über CYP3A4; Johanniskraut CYP3A4 und mögliche Interaktionen mit Anästhetika
- Grapefruit
Einen Tag vor dem Eingriff meiden gemäß ÖGARI
Hemmung von CYP3A4; Grapefruit CYP3A4 mit möglichen Arzneimittelinteraktionen
- Weitere pflanzliche Präparate
Ginkgo, Ginseng und Knoblauchpräparate: mögliche Beeinflussung der Blutgerinnung berücksichtigen; perioperatives Vorgehen anhand des Eingriffsrisikos festlegen
Baldrian, Hopfen, Melisse und andere sedierende Phytopharmaka: sedierende Wechselwirkungen erfassen und regelmäßige Einnahme dokumentieren
Postoperativer Wiederbeginn#
Dauermedikamente mit Entzugs- oder Rebound-Risiko und essenzielle Substitutionen möglichst ohne Unterbrechung fortführen
ACE-Hemmer und Sartane bei Hypertonie nach hämodynamischer Stabilisierung möglichst innerhalb von 48 h wieder beginnen
Diuretika nach Volumenstatus, Elektrolyten und Indikation wieder einführen
Metformin und SGLT2-Inhibitoren erst bei ausreichend stabiler Organfunktion und oraler Zufuhr wieder aufnehmen; bei SGLT2-Inhibitoren eine Ketoazidose ausschließen
Immunsuppressiva und antithrombotische Arzneimittel entsprechend dem jeweiligen Eingriffs-, Blutungs- und Infektionsrisiko sowie einer fachärztlichen Vereinbarung wieder aufnehmen
Die spezifischen Unterbrechungsfristen und Wiederaufnahmebedingungen müssen für jeden geplanten Eingriff dokumentiert werden.