12.1.5. Dauermedikation#

Die bestehende Dauermedikation ist im Rahmen der Präanästhesie einschließlich Indikation, Dosierung, Einnahmezeitpunkt und Kombinationspräparaten zu erfassen. Für jedes Arzneimittel ist festzulegen, ob es am Operationstag fortgeführt, zuvor pausiert oder perioperativ umgestellt werden soll. Eine Unterbrechung und die postoperative Wiederaufnahme müssen mit dem klinischen Verlauf, der Möglichkeit der oralen Einnahme und gegebenenfalls der Organfunktion abgestimmt werden.

Grundlage der folgenden substanzbezogenen Empfehlungen ist die ÖGARI-Empfehlung Präoperatives Medikamentenmanagement vor elektiven Eingriffen, Version 2.2 vom 18.03.2025 (♛ OeGARI Praeop Medi 2025). Bei antithrombotischer Therapie sind zusätzlich Eingriffsblutungsrisiko, thromboembolisches Risiko und die für rückenmarksnahe oder tiefe Regionalanästhesie geltenden Mindestabstände gesondert zu berücksichtigen (♛ OeGARI Gerinnung RA 2024).

Die Zeitangaben zur Pausierung beziehen sich auf den geplanten Eingriff; eine vorzeitig abgesetzte Dauermedikation soll postoperativ wieder aufgenommen werden, sobald die jeweiligen Voraussetzungen vorliegen.

Kardiovaskuläre Medikamente und Diuretika#

β-Blocker

β-Blocker; perioperatives Management

  • Fortführen, auch am Operationstag

  • Abruptes Absetzen vermeiden (Rebound-Tachykardie, Myokardischämie)

  • Neueinstellung zur perioperativen Risikoreduktion nicht unmittelbar vor dem Eingriff; gemäß ÖGARI nur bei entsprechender kardialer Indikation und mit mehr als einer Woche Vorlauf

Kalziumantagonisten

Kalziumantagonisten; perioperatives Management

  • Fortführen, beispielsweise Amlodipin, Nifedipin, Verapamil oder Diltiazem

  • Bei Kombinationspräparaten mit ACE-Hemmer oder Diuretikum gegebenenfalls vorübergehend als Monopräparat verordnen

  • Verapamil und Diltiazem wirken negativ inotrop und chronotrop; mögliche Verstärkung der kardiodepressiven Wirkungen anderer perioperativer Medikamente berücksichtigen

  • Bei Absetzen möglicher Blutdruckanstieg

α₂-Rezeptoragonisten

α₂-Agonisten; perioperatives Management Clonidin; perioperatives Management

  • Fortführen, insbesondere Clonidin; abruptes Absetzen kann eine Rebound-Hypertonie verursachen

  • Keine präoperative Neueinstellung allein zur Kardioprotektion

  • Intraoperative Hypotonie und reduzierter Anästhetikabedarf möglich

Nitrate und Molsidomin

Nitrate; perioperatives Management

  • Fortführen; Absetzen kann Myokardischämien begünstigen

  • Additive Vasodilatation bei Allgemein- und Regionalanästhesie beachten

ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptorantagonisten (Sartane)

ACE-Hemmer; perioperatives Management Angiotensin-II-Rezeptorantagonisten; perioperatives Management

  • Indikation arterielle Hypertonie ohne Herzinsuffizienz: am Operationstag pausieren, auch als Bestandteil eines Kombinationspräparates

  • Indikation Herzinsuffizienz: fortführen gemäß ÖGARI

  • Postoperativ möglichst früh, innerhalb von 48 h, wieder beginnen, sobald ein ausreichender Blutdruck vorliegt

  • Bei Hyperkaliämierisiko Kalium und Nierenfunktion berücksichtigen

Diuretika

Diuretika; perioperatives Management

  • Indikation arterielle Hypertonie: am Operationstag pausieren

  • Indikation Herzinsuffizienz oder Niereninsuffizienz: fortführen gemäß ÖGARI

  • Hypovolämie, Hypokaliämie und Hypomagnesiämie bei der präoperativen Beurteilung berücksichtigen

Antiarrhythmika

Antiarrhythmika; perioperatives Management

  • Fortführen, einschließlich Amiodaron; abruptes Absetzen kann relevante Arrhythmien begünstigen

  • Klasse-I- und Klasse-III-Antiarrhythmika können kardiodepressive Wirkungen von Anästhetika verstärken

  • Klasse-Ia- und -Ib-Substanzen können die Wirkdauer nichtdepolarisierender Muskelrelaxanzien verlängern

  • Lidocain; MAC-Wert Lidocain: mögliche Verminderung des MAC-Werts und Verstärkung intravenöser Anästhetika

  • Amiodaron; perioperatives Management Amiodaron: Bradykardie, AV-Überleitungsstörungen, Vasodilatation und Kreislaufdepression möglich; wegen langer Halbwertszeit ist kurzfristiges Absetzen nicht sinnvoll

Digitalisglykoside

Digitalis; perioperatives Management

  • Fortführen, beispielsweise Digoxin oder Digitoxin

  • Spiegel und Kalium bei entsprechender Indikation kontrollieren

Statine

Statine; perioperatives Management

  • Fortführen

Nichtstatin-Lipidsenker
  • 24 h vor dem Eingriff pausieren gemäß ÖGARI, beispielsweise Ezetimib, Fibrate, Niacin oder Gallensäurebinder

Pulmonale und endokrine Dauermedikation#

Bronchodilatatoren und inhalative Therapie
  • β₂-Sympathomimetika und inhalative Anticholinergika: fortführen

  • Inhalative Corticosteroide: fortführen

  • Leukotrienantagonisten, beispielsweise Montelukast: fortführen

Theophyllin

Theophyllin; perioperatives Management

  • 24 h vor dem Eingriff pausieren

  • Bei gestörter Elimination oder Arzneimittelinteraktionen Gefahr schwerer Arrhythmien und neurotoxischer Wirkungen

Schilddrüsenhormone

Schilddrüsenhormone; perioperatives Management

  • Levothyroxin (T₄): fortführen, sofern oral möglich; die ÖGARI-Kompaktempfehlung V 2.2 enthält hierzu keine eigene Tabellenposition

  • Bei deutlich unzureichender Schilddrüseneinstellung präoperative Optimierung prüfen

  • Bei mehrtägig fehlender enteraler Zufuhr wegen der langen Halbwertszeit nicht automatisch eine sofortige parenterale Substitution erforderlich (🕮 UKCPA Perioperative Medicines)

Systemische Corticosteroide

Corticosteroide; perioperatives Management

  • Dauermedikation fortführen; nicht abrupt absetzen

  • Bei möglicher Suppression der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse perioperative Hydrocortisonabdeckung nach Eingriffsbelastung und Vortherapie festlegen

ÖGARI-Schema:

  • … bei großem Eingriff beziehungsweise mehr als 5 mg Prednisonäquivalent täglich: 50 mg Hydrocortison i.v. zur Einleitung, anschließend 25 mg alle 6 h am Operationstag und ersten postoperativen Tag, danach 15 mg alle 6 h bis zur Wiederaufnahme der oralen Dauermedikation

  • … bei mittelgroßem Eingriff: 25 mg Hydrocortison i.v. alle 6 h, beschränkt auf den Operationstag; danach Wiederaufnahme der oralen Dauermedikation ohne Fortsetzung in den ersten postoperativen Tag

  • … bei kleinem Eingriff und niedriger beziehungsweise kurzzeitiger Steroidexposition kann eine zusätzliche Stressdosis entfallen; gegebenenfalls genügt eine Einmalgabe von 25–50 mg Hydrocortison i.v. zur Einleitung

Antidiabetika#

Präoperative Stoffwechsellage

Diabetes mellitus; präoperatives Medikamentenmanagement

  • Präoperativ wird im Allgemeinen ein HbA1c von höchstens 7 % angestrebt; bei höherem Alter, Multimorbidität oder erhöhtem Hypoglykämierisiko ist ein weniger strenges Ziel angemessen

  • Bei nicht erreichbar gut eingestelltem Diabetes nach Möglichkeit HbA1c unter 8 %; bei HbA1c über 10 % ist eine elektive Operation kritisch zu überprüfen (♛ OeDG Diabetes 2026)

  • Für den Operationstag ein konkretes Schema für Insulin, Blutzuckerkontrollen und Korrekturdosen festlegen

Basalinsulin

Insulin; perioperatives Management

  • Fortführen, Dosis anpassen; bei insulinpflichtigem Diabetes Basalinsulin nicht ersatzlos absetzen

  • NPH-/langwirksames Insulin: gemäß ÖGARI in der Regel Dosisreduktion um 10–20 % zur betreffenden Gabe

  • Ultralangwirksames Insulin, beispielsweise Insulin degludec: gemäß ÖGARI etwa 30 % Dosisreduktion, beginnend drei Tage vor dem Eingriff

  • Basal-Bolus-Therapie: Basalinsulin fortführen, prandiale Boli bei Nahrungskarenz auslassen beziehungsweise anhand gemessener Glukosewerte korrigieren

  • Mischinsulin: vor dem Eingriff auf ein langwirksames Insulin umstellen; ÖGARI-Richtwert etwa zwei Drittel der bisherigen Mischinsulindosis

  • Insulinpumpe: individuelles Vorgehen; Fortführung der Basalrate anstreben, sofern perioperative Überwachung und Handhabung gesichert sind

Metformin

Metformin; perioperatives Management

  • 24–48 h vor dem Eingriff pausieren gemäß ÖGARI

  • Bei kleinem Eingriff und guter Nierenfunktion genügt nach dieser Empfehlung das Pausieren am Operationstag

  • Bei Nierenfunktionsstörung, Hypoxie oder relevanten Flüssigkeitsverschiebungen besonderes Augenmerk auf eine mögliche Akkumulation

  • Kombinationspräparate entsprechend der Komponente mit dem längsten Pausenintervall behandeln

SGLT2-Inhibitoren (Gliflozine)

SGLT2-Inhibitoren; perioperatives Management

  • 72 h vor dem Eingriff pausieren gemäß ÖGARI, beispielsweise Empagliflozin oder Dapagliflozin

  • Gefahr der euglykämischen Ketoazidoseeuglykämischen Ketoazidose, auch bei nur mäßig erhöhtem Blutzucker

  • Bei Verdacht Blutketone (β-Hydroxybutyrat), Anionenlücke und Säure-Basen-Status bestimmen; negative Harnketone schließen eine Ketoazidose nicht aus

  • Wiederaufnahme erst nach klinischer Stabilisierung, gesicherter ausreichender oraler Zufuhr und Bewertung der Nierenfunktion; die ÖGARI nennt eine GFR von mindestens 60 mL / min als Kriterium

GLP-1-Rezeptoragonisten

GLP-1-Rezeptoragonisten; perioperatives Management

  • Sieben Tage vor dem Eingriff pausieren, auch bei Verwendung zur Gewichtsreduktion

  • Abweichende internationale Multisociety-Empfehlung: risikoadaptiertes Vorgehen; eine pauschale Therapieunterbrechung ist nicht bei allen Patienten erforderlich (♛ GLP1 Multisociety 2024)

  • Besonders auf Dosissteigerungsphase, Übelkeit, Erbrechen und mögliche verzögerte Magenentleerung achten

  • Bei vermuteter relevanter Magenfüllung anästhesiologisches Aspirationsmanagement einschließlich gegebenenfalls Magensonografie und Rapid-Sequence-Induction anpassen

Weitere nichtinsulinbasierte Antidiabetika
  • Sulfonylharnstoffe und Glinide: am Operationstag pausieren

  • DPP-4-Inhibitoren (Gliptine): am Operationstag pausieren; mit Metformin kombinierte Präparate 24–48 h vorher

  • α-Glukosidasehemmer: am Operationstag pausieren

  • Pioglitazon: am Operationstag pausieren

Immunsuppressiva, DMARDs und Biologika#

Organtransplantation

Immunsuppressiva; perioperatives Management

  • Abstoßungsprophylaxe grundsätzlich fortführen; eigenmächtige Pausierung vermeiden

  • Bei fehlender enteraler Gabe oder Arzneimittelinteraktionen mit dem Transplantationszentrum abstimmen

Konventionelle Immunsuppressiva außerhalb der Transplantationsmedizin
  • Cyclophosphamid: gemäß ÖGARI 4–6 Wochen vor dem Eingriff pausieren

  • Ciclosporin, Mycophenolat-Mofetil, Azathioprin: gemäß ÖGARI bei entsprechender rheumatologischer beziehungsweise immunologischer Indikation 1–2 Tage vorher pausieren

  • Methotrexat, Sulfasalazin, Hydroxychloroquin und Chloroquin: fortführen; Organfunktion und Wechselwirkungen beachten

  • Leflunomid: bei niedrigem Wundinfektionsrisiko fortführen; bei hohem Risiko und großem Eingriff nach ÖGARI vier Wochen pausieren, gegebenenfalls Auswaschverfahren

Biologika

Biologika; perioperatives Management

  • TNF-α-, IL-1- und CD20-gerichtete Therapien sowie Kostimulationsblocker perioperativ therapieintervallbezogen pausieren

  • Elektiven Eingriff möglichst gegen Ende eines Dosierungsintervalls planen; ÖGARI nennt als Orientierung drei bis fünf Halbwertszeiten vor dem Eingriff

  • Infektionsrisiko gegen Gefahr eines Krankheitsschubs abwägen und Wiederbeginn interdisziplinär festlegen

JAK-Inhibitoren
  • Beispielsweise Baricitinib, Tofacitinib oder Upadacitinib: 3–4 Tage vor dem Eingriff pausieren

  • Wundinfektions- und Thromboembolierisiko beachten

  • Wiederaufnahme laut ÖGARI möglichst nach drei bis fünf postoperativen Tagen, sofern der Heilungsverlauf dies erlaubt

Apremilast
  • Fortführen

Psychopharmaka#

Monoaminooxidasehemmer (MAO-Hemmer)

MAO-Hemmer; präoperativ Tranylcypromin; präoperativ Isocarboxazid; präoperativ Phenelzin; präoperativ Clorgylin; präoperativ Deprenyl; präoperativ Selegilin; präoperativ Rasagilin; präoperativ Moclobemid; präoperativ RO-19-6327; präoperativ

  • Irreversible und selektiv irreversible MAO-Hemmer, beispielsweise Tranylcypromin, Selegilin oder Rasagilin: gemäß ÖGARI 14 Tage vor einem elektiven Eingriff pausieren beziehungsweise fachärztlich auf eine reversible Substanz umstellen

  • Reversible MAO-Hemmer, insbesondere Moclobemid: nur bei geplanter MAO-sicherer Anästhesie und nach Rücksprache fortführen; andernfalls am Operationstag pausieren

  • Für eine geplante Umstellung rechtzeitige Absprache mit der behandelnden Psychiatrie oder Neurologie

  • Nichtselektive irreversible Wirkstoffe wie Phenelzin und Isocarboxazid haben ein besonders relevantes Interaktionspotenzial

MAO-A und MAO-B

MAO-A; Substratabbau MAO-B; Substratabbau 2-Phenylethylamin; Abbau durch MAO-B Benzylamin; Abbau durch MAO-B

  • MAO-A: oxidativer Abbau unter anderem von Serotonin, Noradrenalin und Adrenalin

  • MAO-B: Abbau unter anderem von Phenylethylamin und Benzylamin

  • Bei MAO-Hemmung Gefahr gefährlicher pharmakodynamischer Interaktionen auch bei perioperativer Fortführung nur einer reversiblen Substanz

Relevante Interaktionen bei MAO-Hemmung

Pethidin; Wechselwirkung mit MAO-Hemmern Alodan™; Wechselwirkung mit MAO-Hemmern Tramadol; Wechselwirkung mit MAO-Hemmern Dextromethorphan; Wechselwirkung mit MAO-Hemmern Ephedrin; Wechselwirkung mit MAO-Hemmern Sympathomimetika; indirekte, Wechselwirkung mit MAO-Hemmern

  • Pethidin, Tramadol und Dextromethorphan vermeiden: Gefahr schwerer serotonerger beziehungsweise exzitatorischer Reaktionen bis zu Hyperthermie, Bewusstseinsstörung und Atemdepression

  • Indirekte Sympathomimetika, insbesondere Ephedrin, vermeiden: Gefahr hypertensiver Krisen

  • Auch serotonerge Begleitmedikation und die Auswahl perioperativer Analgetika und Antiemetika prüfen

Lithium

Lithium; perioperatives Management

  • Fortführen gemäß ÖGARI V 2.2, nicht pauschal 72 h vorher absetzen

  • Präoperativ Lithiumspiegel, Nierenfunktion und Elektrolyte kontrollieren

  • Intoxikationsrisiko bei Hypovolämie, akuter Nierenfunktionsstörung sowie bei Kombination mit Diuretika oder NSAR

  • Verlängerung der neuromuskulären Blockade möglich

Weitere Antidepressiva und Antipsychotika
  • Trizyklische Antidepressiva: fortführen; mögliche QT-Verlängerung, anticholinerge Wirkungen und Wechselwirkungen mit Sympathomimetika

  • SSRI und SNRI: fortführen; Serotoninsyndrom und Interaktionen mit serotonerg wirkenden Analgetika berücksichtigen

  • Mirtazapin: fortführen

  • Klassische und atypische Antipsychotika: fortführen; QT-Verlängerung, Kreislaufwirkungen und mögliche α-Blockade beachten

Analgetika und Substitutionstherapie#

Daueropioide
  • Fortführen, auch bei transdermaler Anwendung; abruptes Absetzen kann Entzug und unzureichende Analgesie verursachen

  • Postoperative Schmerztherapie unter Berücksichtigung der bestehenden Opioidtoleranz vorab planen

Buprenorphin
  • ÖGARI V 2.2: bei kleineren Eingriffen fortführen, bei großen Eingriffen mit hohem zu erwartendem Schmerzbedarf Umstellung auf einen reinen μ-Agonisten erwägen

  • Die konkrete Entscheidung zur Umstellung vor dem Eingriff interdisziplinär mit der Schmerz- beziehungsweise Substitutionstherapie treffen; keine kurzfristige eigenmächtige Unterbrechung

Tramadol
  • Gemäß ÖGARI bei chronischer Therapie gegebenenfalls fortführen, bei anderer Anwendung perioperative Gabe kritisch prüfen

  • Serotonerges Interaktionspotenzial, insbesondere mit MAO-Hemmern und SSRI/SNRI

  • Die ÖGARI weist bei chronischer Tramadoltherapie ausdrücklich auf die Vermeidung einer Kombination mit Ondansetron hin

Methadon und Levomethadon
  • Substitutionstherapie fortführen

  • Analgetischen Mehrbedarf und mögliche Hyperalgesie berücksichtigen

Nichtopioidanalgetika und Koanalgetika
  • Paracetamol und Metamizol: fortführen

  • NSAR: Blutungsrisiko, Nierenfunktion und geplanten Eingriff berücksichtigen; gemäß ÖGARI insbesondere bei neurochirurgischen, retrobulbären oder Innenohreingriffen am Operationstag pausieren

  • Gabapentin und Pregabalin: bestehende Therapie fortführen; Sedierung und Dosisanpassung bei Nierenfunktionsstörung beachten

Neurologische Dauermedikation#

Antiepileptika

Antiepileptika; perioperatives Management

  • Fortführen, um Entzugsanfälle beziehungsweise einen Status epilepticus zu verhindern

  • Valproinsäure: mögliche Thrombozytopenie und Gerinnungsstörung berücksichtigen

  • Carbamazepin: Induktion hepatischer Enzyme, Interaktionen mit Anästhetika und mögliche Hyponatriämie beachten; bei Epilepsie nicht ohne neurologisch festgelegtes Ersatzschema absetzen (🕮 UKCPA Perioperative Medicines)

Parkinson-Medikation

Parkinson-Medikation; perioperatives Management

  • Fortführen, insbesondere Levodopa/Decarboxylasehemmer, COMT-Hemmer und Dopaminagonisten

  • Einnahmezeiten möglichst exakt einhalten; längere Therapieunterbrechungen vermeiden

  • Bei längerem Ausfall der enteralen Zufuhr neurologisch abgestimmte Ersatztherapie, beispielsweise Rotigotin transdermal, Apomorphin s. c. oder Amantadin i. v.

  • MAO-B-Hemmer: gesondertes Vorgehen wie bei irreversiblen MAO-Hemmern beachten

Antithrombotische Dauermedikation#

Das perioperative Vorgehen hängt von Wirkstoff, Dosierung, Indikation, Nierenfunktion, Eingriffsblutungsrisiko und gegebenenfalls einem geplanten rückenmarksnahen Verfahren ab. Die nachstehenden Operationsintervalle ersetzen nicht die gesondert geltenden neuraxialen Absetzfristen (♛ OeGARI Gerinnung RA 2024).

Vitamin-K-Antagonisten

Vitamin-K-Antagonisten; perioperatives Management

  • Bei Eingriffen mit geringem Blutungsrisiko gegebenenfalls fortführen, INR im unteren therapeutischen Zielbereich. Bei INR > 1,5 am Vortag der Operation: Vitamin K 5 mg p.o. zur Korrektur.

  • Bei blutungsriskanten Eingriffen pausieren, bis ein INR unter 1,5 erreicht ist

  • Richtwerte der ÖGARI: Phenprocoumon etwa sieben Tage, Warfarin fünf Tage und Acenocumarol drei Tage vor dem Eingriff

  • Ein Heparin-Bridging nur bei ausgewähltem sehr hohem thromboembolischem Risiko erwägen: Beginn, sobald INR ≤ 2, bis 1 Tag vor der Operation.

Direkte orale Antikoagulanzien (DOAK)

DOAK; perioperatives Management

  • Bei Eingriffen mit geringem Blutungsrisiko kann die Operation gemäß ÖGARI gegebenenfalls im Talspiegel erfolgen

  • Bei blutungsriskanten Eingriffen für Apixaban, Rivaroxaban oder Edoxaban bei ausreichender Nierenfunktion nach ÖGARI mindestens 60–72 h Pause; bei Dabigatran mindestens 60–72 h bei einer Kreatinin-Clearance über 50 mL / min

  • Bei eingeschränkter Nierenfunktion substanzspezifische Verlängerung beziehungsweise geeignete Wirkstoffspiegelbestimmung erforderlich

  • Kein routinemäßiges Heparin-Bridging bei DOAK; die ÖGARI erwägt es nur bei sehr hohem thromboembolischem Risiko, und die aktuelle perioperative Kardiologieleitlinie spricht sich gegen ein routinemäßiges Bridging aus (♛ AHA ACC Periop Medizin 2024)

Heparine und Fondaparinux

Heparine; perioperatives Management

  • Niedermolekulares Heparin: vor blutungsriskantem Eingriff in prophylaktischer Dosierung gemäß ÖGARI mindestens 12 h, in höherer Dosierung mindestens 24 h pausieren, sofern die Nierenfunktion ausreichend ist

  • Unfraktioniertes Heparin: Pause je nach Dosis und Applikationsweg; bei therapeutischer i. v.-Gabe orientierend etwa 6 h und Normalisierung des Gerinnungseffekts

  • Fondaparinux: längere Unterbrechung entsprechend Dosierung und Nierenfunktion erforderlich

Thrombozytenaggregationshemmer

Thrombozytenaggregationshemmer; perioperatives Management

  • Acetylsalicylsäure: bei koronarer Stentindikation häufig fortführen, ausgenommen Eingriffe mit besonders hohem Blutungsfolgenrisiko; bei Primärprophylaxe oder anderen Indikationen Pausierung prüfen

  • Clopidogrel: bei erforderlicher Unterbrechung gemäß ÖGARI etwa 5–7 Tage vor dem Eingriff

  • Ticagrelor: bei erforderlicher Unterbrechung gemäß ÖGARI etwa fünf Tage vor dem Eingriff

  • Prasugrel: bei erforderlicher Unterbrechung sieben Tage vor dem Eingriff

  • Bei Koronarstents oder dualer Plättchenhemmung interdisziplinär über Operationszeitpunkt und Unterbrechbarkeit entscheiden; eine ungeprüfte Pausierung kann eine Stentthrombose auslösen

Phytopharmaka und weitere Präparate#

Johanniskraut

Johanniskraut; perioperatives Management

  • Fünf Tage vor dem Eingriff pausieren gemäß ÖGARI

  • Enzyminduktion insbesondere über CYP3A4; Johanniskraut CYP3A4 und mögliche Interaktionen mit Anästhetika

Grapefruit
  • Einen Tag vor dem Eingriff meiden gemäß ÖGARI

  • Hemmung von CYP3A4; Grapefruit CYP3A4 mit möglichen Arzneimittelinteraktionen

Weitere pflanzliche Präparate
  • Ginkgo, Ginseng und Knoblauchpräparate: mögliche Beeinflussung der Blutgerinnung berücksichtigen; perioperatives Vorgehen anhand des Eingriffsrisikos festlegen

  • Baldrian, Hopfen, Melisse und andere sedierende Phytopharmaka: sedierende Wechselwirkungen erfassen und regelmäßige Einnahme dokumentieren

Postoperativer Wiederbeginn#

  • Dauermedikamente mit Entzugs- oder Rebound-Risiko und essenzielle Substitutionen möglichst ohne Unterbrechung fortführen

  • ACE-Hemmer und Sartane bei Hypertonie nach hämodynamischer Stabilisierung möglichst innerhalb von 48 h wieder beginnen

  • Diuretika nach Volumenstatus, Elektrolyten und Indikation wieder einführen

  • Metformin und SGLT2-Inhibitoren erst bei ausreichend stabiler Organfunktion und oraler Zufuhr wieder aufnehmen; bei SGLT2-Inhibitoren eine Ketoazidose ausschließen

  • Immunsuppressiva und antithrombotische Arzneimittel entsprechend dem jeweiligen Eingriffs-, Blutungs- und Infektionsrisiko sowie einer fachärztlichen Vereinbarung wieder aufnehmen

Die spezifischen Unterbrechungsfristen und Wiederaufnahmebedingungen müssen für jeden geplanten Eingriff dokumentiert werden.