12.18.3. Prostatektomie#
Die radikale Prostatektomie kann offen, laparoskopisch oder Roboter-assistiert erfolgen. Bei der offenen Prostatektomie stehen insbesondere Blutverlust, hämodynamische Veränderungen und die postoperative Analgesie im Vordergrund. Die Roboter-assistierte Prostatektomie erfordert zusätzlich ein CO₂-Pneumoperitoneum, eine teils ausgeprägte Trendelenburg-Lagerung und ein auf die eingeschränkte Zugänglichkeit des Patienten abgestimmtes Sicherheitskonzept (🗎 Phong 2007, 🗎 Barud 2025).
Radikale Prostatektomie, offen#
- Varianten
Radikale retropubische Prostatektomie (RPE)
Gegebenenfalls mit pelviner Lymphadenektomie
- Beschreibung, Pathophysiologie
Offene Entfernung von Prostata und Samenblasen; Blutungsrisiko aus dem periprostatischen Venenplexus
- Dringlichkeit
Elektiv, semielektiv
- Dauer (S/N)
Keine Angabe
- Präanästhesie, Aufklärung
PDA zur postoperativen Analgesie
Transfusionsrisiko bei relevantem Blutverlust
- Prä-OP-Diagnostik
Blutbild, Nierenfunktion; Gerinnung bei Blutungsanamnese oder Antikoagulation
- Blutmanagement
Blutgruppenbestimmung, Antikörpersuchtest (AKS) und Transfusionsanamnese
2 EK
MAT bei onkologischen Eingriffen nicht grundsätzlich kontraindiziert; gegebenenfalls mit Leukozytendepletionsfilter und nach interdisziplinärer Festlegung (🗎 Frietsch 2022)
- Antibiotika
Perioperative Antibiotikaprophylaxe, z. B. Amoxicillin/Clavulansäure
- Anästhesieverfahren
Allgemeinnarkose, gegebenenfalls mit PDA
- Airway
- Invasivitäten
Zwei großlumige periphere Venenzugänge bei erwartetem relevantem Blutverlust
Harnkatheter, Temperaturmessung
- Narkoseführung
- Lagerung
Rückenlage, gegebenenfalls Extensionslagerung; wechselnde Tischneigung je nach Operationsphase
Bei offener Prostatektomie können Rücken- oder Extensionslagerung zu einer verstärkten Belastung der Lendenwirbelsäule führen.
- Aufstellung
Operateure seitlich des Patienten
- Geräte
Aktive Wärmung
- Peri-OP-Diagnostik
BGA und Hb-Kontrollen bei relevantem Blutverlust oder Kreislaufinstabilität
- OP-Ablauf
Unterbauch-Medianlaparotomie, Zugang zum Spatium retropubicum (Retzius-Raum)
Ggf. pelvine Lymphadenektomie
Eröffnung der endopelvinen Faszie, Darstellung und Versorgung des dorsalen Venenkomplexes (Santorini-Plexus)
Präparation des Prostataapex, Durchtrennung der Urethra
Ablösen der Prostata vom Rektum, ggf. Schonung der neurovaskulären Bündel
Präparation der Samenblasen und Samenleiter, Absetzen des Blasenhalses
Entfernung von Prostata und Samenblasen
Ggf. Blasenhalsrekonstruktion, vesikourethrale Anastomose über Harnkatheter
Hämostase, ggf. Drainage, Wundverschluss
Die Reihenfolge einzelner Präparationsschritte kann je nach retrograder oder antegrader Operationstechnik variieren.
- Gefahren
Blutung, Verletzung pelviner Gefäße, venöse Thromboembolie und selten Gas-/Luftembolie
- Typische Komplikationen
Hämodynamisch relevanter Blutverlust, thromboembolische Ereignisse sowie Verletzungen angrenzender Strukturen
- Postoperatives Management
AWR; IMCU bei relevantem Blutverlust oder kardiorespiratorischer Instabilität
Pelvine Lymphadenektomie erhöht das Thromboembolierisiko; Thromboseprophylaxe nach Risikofaktoren und Ausmaß der Lymphadenektomie (♛ ESAIC Urology VTE 2024).
Radikale Prostatektomie, Roboter-assistiert#
- Varianten
Roboter-assistierte radikale Prostatektomie (RARP)
Gegebenenfalls mit pelviner Lymphadenektomie
- Beschreibung, Pathophysiologie
Laparoskopisch-robotischer Eingriff mit CO₂-Pneumoperitoneum und ausgeprägter Trendelenburg-Lagerung; verringerte pulmonale Compliance und eingeschränkter Zugang zum Patienten
- Dringlichkeit
Elektiv beziehungsweise semielektiv
- Dauer (S/N)
Keine Angabe
- Präanästhesie, Aufklärung
Kardiopulmonale Belastung durch Trendelenburg-Lagerung und Pneumoperitoneum
Lagerungsschäden; Gesichts- und Larynxödem
- Prä-OP-Diagnostik
Kardiopulmonale Risikobeurteilung, insbesondere bei Herzinsuffizienz oder restriktiver Ventilationsstörung
- Blutmanagement
Blutgruppenbestimmung, Antikörpersuchtest (AKS)
2 EK
- Antibiotika
Perioperative Antibiotikaprophylaxe
- Anästhesieverfahren
Allgemeinnarkose; PDA nicht routinemäßig
- Airway
ETI, evt. Spiraltubus (Beißschutz!); Tubus und Schlauchverbindungen vor dem Andocken kontrollieren
Invasivitäten, Zugänge : - Nach Lagerung Arme nicht, Kopf und Hals nur eingeschränkt zugänglich - Drei PVK: Narkose, Volumen, Reserve - Zugänge bevorzugt links (Roboter-Seite; geringere Manipulation) - Venöse Zugänge verlängern, beschriften; Dreiwegehähne kopfseitig erreichbar - Perfusorleitungen bei Bedarf doppelt verlängern - Reserve-Perfusorleitung am Nakosezugang, mit NaCl 0,9 % gespült und verschlossen (z. B. für Vasopressoren) - ZVK bei unzureichenden peripheren Zugängen oder absehbarer Vasopressortherapie, großzügige Indikationsstellung - Arterieller Zugang links mit Verlängerung; arterielle Blutentnahme von der Kopfseite aus ermöglichen - Arme polstern und Zugentlastungen an den Leitungen anbringen - Vor Hautschnitt Zugänge und Blutentnahmemöglichkeit erneut prüfen - Temperaturmessung, Harnkatheter
- Narkoseführung
TIVA oder balancierte Allgemeinanästhesie; neuromuskuläre Blockade mit quantitativer Relaxometrie und titrierte Nachrelaxierung um Husten, Pressen oder unkontrollierte Bewegungen bei angedocktem Roboter zu vermeiden
bei nicht verwertbarer TOF-Messung empirische Relaxans-Nachdosierung
Bei angelagerten Armen und unzuverlässiger Relaxometrie Messort, Elektroden, Artefakte und technische Funktion überprüfen; feste zeitliche Nachdosierung nicht als gleichwertiger Ersatz der Messung
PDA nicht routinemäßig erforderlich; bei absehbarer Konversion zur offenen Operation erwägen
Entropiemonitoring
Aktive Wärmung
Denke an postoperative Antagonisierung der Relaxierung!
- Lagerung
Rücken- oder modifizierte Steinschnittlagerung, Beine in Hüfte gebeugt; Trendelenburg bis etwa 30° nach Trokaranlage
Beine in Hüften gebeugt, annähernd horizontal; Druck- und Gefäßkompression vermeiden
Rutschhemmende Lagerungsunterlage (z. B. A301 WaffleGrip Trendelenburg™)
HotDog™-Wärmesystem fixieren; Antirutschmatte kopf- und fußseitig einschlagen
Arme in gepolsterten, seitlichen Schienen anlagern
Kopf in Kopfschale
Schulterstützen möglichst vermeiden; bei Verwendung Druck auf Plexus brachialis verhindern (🗎 Phong 2007)
Probelagerung mit dem OP-Team nach Narkoseeinleitung, vor Hautdesinfektion und Abdeckung
Patientensicherung, Tubus und Zugänge prüfen
Schutzbügel vor Gesicht und Tubus; kein Druck auf Nase oder Kinn
Mechanische Thromboseprophylaxe bei erhöhtem VTE-Risiko oder nach pelviner Lymphadenektomie
Augenschutz, beispielsweise Opti-Gard™, anlegen
- Aufstellung
Patientenzugang nach Andocken stark eingeschränkt; alle Leitungen kopfseitig zugänglich
- Geräte
Roboter-System
- Peri-OP-Diagnostik, Monitoring
Arterielle Blutdruckmessung, Blutgasanalysen; Druckaufnehmer zugänglich und korrekt genullt
Pulsoxymetrie mit Klebesensor bei eingeschränkter Zugänglichkeit
NIRS-Messung der Unterschenkel NIRS ersetzt keine klinische Kontrolle auf Extremitätenischämie (🗎 Takechi 2018).
Funktionsfähigkeit und Plausibilität des neuromuskulären Monitorings auch nach Anlagerung beider Arme prüfen
Temperaturmessung nasal oder pharyngeal
- OP-Ablauf
Pneumoperitoneum, Anlage der Trokare unter Sicht
Steile Trendelenburg-Lagerung, Andocken des Roboters
Eröffnung des Peritoneums, Präparation des Retzius-Raums, Darstellung von Prostata und Blasenhals
Ggf. pelvine Lymphadenektomie
Eröffnung der endopelvinen Faszie, Versorgung des dorsalen Venenkomplexes (Santorini-Plexus)
Absetzen des Blasenhalses, Präparation und Durchtrennung der Samenleiter, Freilegung der Samenblasen
Präparation der Prostata vom Rektum, Versorgung der Prostatapedikel, ggf. Schonung der neurovaskulären Bündel
Präparation des Prostataapex, Durchtrennung der Urethra
Bergung von Prostata und Samenblasen in einem Bergebeutel
Ggf. Blasenhalsrekonstruktion, vesikourethrale Anastomose über Harnkatheter, Dichtigkeitsprüfung
Hämostase, ggf. Drainage, Abdocken des Roboters
Aufhebung der Kopftieflage und des Pneumoperitoneums, Präparatebergung über erweiterten Trokarzugang, Wundverschluss
- Gefahren
Extremitätenkompartmentsyndrom, hohe Beatmungsdrücke, Hyperkapnie, Gesichts-/Larynxödem, periphere Nervenschädigung, Gefäßverletzung, Gasembolie
- Typische Komplikationen
Lagerungsneuropathie, Atelektasen, Beinischämie; selten Blasen-/Darmverletzung
- Postoperatives Management
AWR; vor Extubation Larynxödem ausschließen; Thromboseprophylaxe nach pelviner Lymphadenektomie
Auswirkungen von Trendelenburg-Lagerung und Pneumoperitoneum#
- Respiratorische Auswirkungen
Verminderung der funktionellen Residualkapazität (FRC) und der pulmonalen Compliance
Erhöhung des Atemwegsdrucks und vermehrte Atelektaseneigung
CO₂-Resorption mit möglicher Hyperkapnie
- Kardiovaskuläre Auswirkungen
Veränderung des venösen Rückstroms durch Lagerung und intraabdominellen Druck
Erhöhung des systemischen Gefäßwiderstands; je nach kardialer Reserve mögliche Verminderung des Herzzeitvolumens
Erhöhte kardiale Belastung und mögliche Dekompensation bei vorbestehender Herzinsuffizienz
Seltene intraoperative Gasembolien bei Gefäßverletzung oder CO₂-Insufflation
- Weitere Risiken
Venöse Stauung im Kopf-Hals-Bereich mit Gesichts- und Larynxödem
Anstieg des intrakraniellen und intraokularen Drucks
Lagerungsbedingte Nervenschädigungen und Druckläsionen
Störung der Perfusion der unteren Extremitäten bis zum Kompartmentsyndrom
- Monitoring und Maßnahmen
Engmaschige Kontrolle von Ventilation, Oxygenierung, CO₂-Elimination und Hämodynamik
Arterielle Druckmessung bei erhöhtem kardiovaskulärem Risiko beziehungsweise nach lokalem Standard
ZVD unter Kopftieflage und Pneumoperitoneum nicht isoliert als Maß für den intravasalen Volumenstatus verwenden
Intraoperative Diurese nach Eröffnung der Harnwege und je nach Operationsphase nur eingeschränkt beurteilbar
Relevantes Kopf-Hals-Ödem vor der Extubation berücksichtigen
Dauer und Winkel der Kopftieflage möglichst gering halten (🗎 Phong 2007). Thromboseprophylaxe nach Risikofaktoren und Ausmaß der pelvinen Lymphadenektomie (♛ ESAIC Urology VTE 2024).
- Begrenzung der Kopftieflage
Bei längerer Trendelenburg-Lagerung Beinperfusion, Lagerungsbelastung und Restoperationsdauer regelmäßig prüfen. Bei zweifelhafter oder nicht verwertbarer NIRS-Messung wird nach höchstens 3 h Kopftieflage eine mindestens 15-minütige Entlastung in Neutralposition vor erneuter Kopftieflagerung durchgeführt (keine allgemein validierte Sicherheitsgrenze!).
Notfallmanagement und Abdocken des Roboters#
Bei massiver Blutung, Reanimation oder dringlicher Umlagerung ist u. U. ein Notfall-Abdocken notwendig.
Das Notfall-Abdocken muss regelmäßig im Team trainiert werden.
- Notfall-Abdocken
“NOTFALLABDOCKEN” als eindeutigen, von jedem Teammitglied auslösbaren Alarmruf verwenden
Roboterarme und Instrumente unverzüglich durch das zuständige OP-Team freigeben und das Da-Vinci-System nach dem festgelegten Notfallverfahren abdocken
Tisch nach technischer Freigabe in eine für die Notfallversorgung geeignete Position bringen
Zugang zu Atemweg, Kreislauf und Patient wiederherstellen; Operateur unverzüglich vom Konsolenarbeitsplatz zum Patienten