12.18.5. Radikale Zystektomie#
Die radikale Zystektomie mit pelviner Lymphadenektomie und Harnableitung ist ein ausgedehnter uroonkologischer Eingriff. Die Harnableitung erfolgt beispielsweise als Ileum-Conduit oder orthotope Neoblase. Bei Roboter-assistierter Zystektomie kommen die Auswirkungen von CO₂-Pneumoperitoneum und Trendelenburg-Lagerung hinzu.
Die perioperative Betreuung erfolgt im Rahmen eines interdisziplinären Behandlungskonzepts (♛ EAU Bladder Cancer 2026).
Radikale Zystektomie, offen#
- Varianten
Zystoprostatektomie beim Mann; organerhaltende Varianten in ausgewählten Fällen
Zystektomie bei der Frau, gegebenenfalls mit Resektion angrenzender Genitalorgane
Harnableitung mittels Ileum-Conduit, orthotoper Neoblase oder Ureterokutaneostomie
- Beschreibung, Pathophysiologie
Offene Entfernung der Harnblase mit pelviner Lymphadenektomie und Anlage einer Harnableitung, häufig unter Verwendung eines Darmsegments; ausgedehnte pelvine Präparation mit Blutungs- und Flüssigkeitsverschiebungsrisiko
- Dringlichkeit
semielektiv
- Dauer (S/N)
Keine Angabe
- Präanästhesie, Aufklärung
Thorakale PDA zur postoperativen Analgesie
Sympathikolyse und mögliche Hypotonie unter Periduralanalgesie
- Prä-OP-Diagnostik
Hämoglobin, Kreatinin/eGFR und Elektrolyte
Ernährungszustand und Frailty, insbesondere nach neoadjuvanter Systemtherapie
- Blutmanagement
Blutgruppenbestimmung, Antikörpersuchtest (AKS) und Transfusionsanamnese
3 EK
- Antibiotika
Perioperative Antibiotikaprophylaxe mit Abdeckung uropathogener Erreger und bei Darmsegment-Harnableitung auch der Darmflora einschließlich Anaerobier; Enterokokken bei entsprechendem mikrobiologischem Vorbefund berücksichtigen
- Anästhesieverfahren
Allgemeinnarkose, mit thorakalem PDK
- Airway
- Invasivitäten, Zugänge
Zwei großlumige PVK
ZVK bei unzureichenden peripheren Zugängen oder voraussichtlich längerfristiger Vasopressorinfusion
Harnkatheter, Temperaturmessung
- Narkoseführung
- Lagerung
Rückenlage, gegebenenfalls Tischneigung; Lagerungsschutz bei langer Operationsdauer
- Aufstellung
Keine Besonderheiten
- Geräte
Gegebenenfalls Klammernahtgerät für die Darmrekonstruktion
- Peri-OP-Diagnostik, Monitoring
Hämoglobin, BGA, Laktat und Elektrolyte bei Blutverlust oder Kreislaufinstabilität
Gerinnungsdiagnostik bei massiver Blutung
Gegebenenfalls erweitertes hämodynamisches Monitoring, z. B. Pulskonturanalyse, bei persistierender Kreislaufinstabilität
- OP-Ablauf
Medianlaparotomie, Eröffnung des Abdomens und Darstellung des kleinen Beckens
Darstellung, Präparation und Durchtrennung beider Ureteren
Bilaterale pelvine Lymphadenektomie
Mobilisierung der Harnblase, Versorgung der lateralen Gefäßpedikel
Entfernung der Harnblase mit Prostata und Samenblasen beziehungsweise mit weiteren pelvinen Organanteilen entsprechend Tumorausdehnung und geplanter Resektion
Absetzen der Urethra beziehungsweise Vorbereitung eines urethralen Anastomosenstumpfs bei geplanter Neoblase
Präparation und Bergung des Resektats, Blutstillung im kleinen Becken
Anlage der Harnableitung:
Ileum-Conduit: Isolation eines Ileumsegments, Wiederherstellung der Darmkontinuität, Implantation der Ureteren in das Conduit, Ausleitung als Urostoma
Orthotope Neoblase: Isolation und Rekonstruktion eines Darmreservoirs, urethrale Anastomose und Implantation der Ureteren
Ureterokutaneostomie: Ausleitung eines oder beider Ureteren an die Haut
Kontrolle der Harnableitung und Darmrekonstruktion, gegebenenfalls Einlage von Harnleiterschienen und Drainagen
Hämostase, schichtweiser Bauchdeckenverschluss
- Gefahren
Massive Blutung aus pelvinen Gefäßen und venösen Plexus
Verletzung von Darm, Rektum, Ureteren oder großen Beckengefäßen
Hypoperfusion bei Blutverlust oder ausgeprägten Volumenverschiebungen
Venöse Thromboembolie nach ausgedehnter Tumoroperation und pelviner Lymphadenektomie
- Typische Komplikationen
Nachblutung, akute Nierenschädigung, postoperativer Ileus, Wund- beziehungsweise Harnwegsinfektion, Urosepsis, Anastomoseninsuffizienz oder Harnleckage, thromboembolische Ereignisse
- Postoperatives Management
IMCU/ICU bei anhaltender Kreislaufinstabilität, massiver Blutung oder respiratorischer Insuffizienz
Hämoglobin, Nierenfunktion, Elektrolyte und Säure-Basen-Status kontrollieren
Harnableitung, Harnleiterschienen und Drainagen kontrollieren; Diurese nach Art der Harnableitung beurteilen
Multimodale Analgesie, frühe Mobilisierung und enteraler Kostaufbau nach ERAS-Konzept (♛ EAU Bladder Cancer 2026)
Verlängerte medikamentöse Thromboseprophylaxe über 2–4 Wochen (♛ ESAIC Urology VTE 2024)
Radikale Zystektomie, Roboter-assistiert#
- Varianten
Roboter-assistierte radikale Zystektomie (RARC)
Intrakorporale oder extrakorporale Harnableitung
Ileum-Conduit, orthotope Neoblase oder Ureterokutaneostomie
- Beschreibung, Pathophysiologie
Laparoskopisch-robotische Zystektomie mit CO₂-Pneumoperitoneum, Trendelenburg-Lagerung und eingeschränkter Zugänglichkeit des Patienten nach dem Andocken; Harnableitung intrakorporal oder über einen zusätzlichen Bergeschnitt
- Dringlichkeit
semielektiv
- Dauer (S/N)
Keine Angabe
- Präanästhesie, Aufklärung
Kardiopulmonale Belastung durch Pneumoperitoneum und Trendelenburg-Lagerung
Lagerungsbedingte Nervenschäden; Gesichts- und Larynxödem
- Prä-OP-Diagnostik
Hämoglobin, Kreatinin/eGFR und Elektrolyte
Kardiopulmonale Reserve bei Herzinsuffizienz oder restriktiver Ventilationsstörung
Ernährungszustand und Frailty, insbesondere nach neoadjuvanter Systemtherapie
- Blutmanagement
Blutgruppenbestimmung, Antikörpersuchtest (AKS)
3 EK
- Antibiotika
Perioperative Antibiotikaprophylaxe mit Abdeckung uropathogener Erreger und bei Darmsegment-Harnableitung auch der Darmflora einschließlich Anaerobier; Enterokokken bei entsprechendem mikrobiologischem Vorbefund berücksichtigen
- Anästhesieverfahren
Allgemeinnarkose; PDA nicht routinemäßig
- Airway
ETI; Tubus und Beatmungsschläuche vor dem Andocken kontrollieren
- Invasivitäten, Zugänge
Zwei großlumige PVK mit Verlängerungen und kopfseitigem Zugang
Arterieller Zugang; Blutentnahme auch nach dem Andocken ermöglichen
ZVK bei unzureichenden peripheren Zugängen oder voraussichtlich längerfristiger Vasopressorinfusion
Harnkatheter, Temperaturmessung
- Narkoseführung
Neuromuskuläre Blockade mit quantitativer Relaxometrie; Patientenbewegungen bei angedocktem Roboter vermeiden
Beatmungsdruck und CO₂-Elimination während des Pneumoperitoneums kontrollieren
Blutverlust, Darmrekonstruktion und Flüssigkeitsverschiebungen berücksichtigen
Notfall-Abdocken vor Operationsbeginn mit dem OP-Team vereinbaren
- Lagerung
Rückenlage, steile Trendelenburg-Lagerung bei robotischer Beckenpräparation
Rutschhemmende Unterlage, Druckschutz für Gesicht und Extremitäten, gepolsterte Armanlagerung
Probelagerung vor Hautdesinfektion und Abdeckung; Tubus, Zugänge und Patientensicherung kontrollieren
Kopftieflage bei der Harnableitung gegebenenfalls reduzieren
- Aufstellung
Angedockter Roboter mit eingeschränktem Zugang zu Kopf, Rumpf und Armen; Infusionsleitungen und Druckmessung kopfseitig erreichbar
- Geräte
Robotersystem, CO₂-Insufflator; gegebenenfalls endoskopisches Klammernahtgerät für die Darmrekonstruktion
- Peri-OP-Diagnostik, Monitoring
Hämoglobin, BGA, Laktat und Elektrolyte bei Blutverlust, Hyperkapnie oder Kreislaufinstabilität
Gerinnungsdiagnostik bei massiver Blutung
Gegebenenfalls erweitertes hämodynamisches Monitoring, z. B. Pulskonturanalyse, bei persistierender Kreislaufinstabilität
- OP-Ablauf
Anlage des CO₂-Pneumoperitoneums, Einbringen der Trokare und Trendelenburg-Lagerung
Andocken des Roboters
Eröffnung des Peritoneums, Darstellung des kleinen Beckens und Präparation der Ureteren
Bilaterale pelvine Lymphadenektomie
Mobilisierung der Harnblase und Versorgung der Gefäßpedikel
Entfernung der Harnblase mit Prostata und Samenblasen beziehungsweise mit weiteren pelvinen Organanteilen entsprechend Tumorausdehnung und geplanter Resektion
Durchtrennung der Urethra beziehungsweise Vorbereitung der urethralen Anastomose, Bergung des Resektats im Bergebeutel
Anlage der Harnableitung:
Intrakorporal: Darmsegmentisolierung und Wiederherstellung der Darmkontinuität, Ureterimplantation, Ausbildung von Conduit oder Neoblase und gegebenenfalls Urostoma
Extrakorporale Rekonstruktion: Abdocken beziehungsweise Zugang über Bergeschnitt, Darmsegmentisolierung, Darm- und Harnableitungsanastomosen, gegebenenfalls Urostoma
Orthotope Neoblase: Neoblasenrekonstruktion mit urethraler Anastomose und Ureterimplantation
Kontrolle von Hämostase, Darm- und Harnableitungsanastomosen, gegebenenfalls Harnleiterschienen und Drainagen
Abdocken, Aufhebung der Kopftieflage, Desufflation, Präparatebergung und Wundverschluss
- Gefahren
Massive Blutung, Verletzung pelviner Gefäße oder Darmverletzung
Hyperkapnie, erhöhte Beatmungsdrücke, hämodynamische Belastung durch Pneumoperitoneum
Gesichts-/Larynxödem, Lagerungsneuropathie und Extremitätenischämie bei langer Kopftieflage
Eingeschränkter Patientenzugang bei angedocktem Roboter; erforderliches Notfall-Abdocken
Venöse Thromboembolie
- Typische Komplikationen
Nachblutung, akute Nierenschädigung, postoperativer Ileus, Wund- beziehungsweise Harnwegsinfektion, Urosepsis, Anastomoseninsuffizienz oder Harnleckage, Lagerungsschäden und thromboembolische Ereignisse
- Postoperatives Management
AWR; IMCU/ICU bei anhaltender Kreislaufinstabilität, massiver Blutung oder respiratorischer Insuffizienz
Vor Extubation auf relevantes Gesichts- oder Larynxödem achten
Hämoglobin, Nierenfunktion, Elektrolyte und Säure-Basen-Status kontrollieren
Harnableitung, Harnleiterschienen und Drainagen kontrollieren; Diurese nach Art der Harnableitung beurteilen
Multimodale Analgesie, frühe Mobilisierung und enteraler Kostaufbau nach ERAS-Konzept (♛ EAU Bladder Cancer 2026)
Verlängerte medikamentöse Thromboseprophylaxe über 2–4 Wochen (♛ ESAIC Urology VTE 2024)
Metabolische Besonderheiten der Harnableitung#
Bei Harnableitungen unter Verwendung von Darmsegmenten können je nach Segment und Kontaktzeit zwischen Urin und Darmschleimhaut charakteristische Stoffwechselstörungen auftreten (🗎 Stein 2014).
- Jejunum-Conduit
Metabolische Azidose mit Hyponatriämie, Hypochlorämie und Hyperkaliämie
Erheblicher Wasser- und Natriumchloridverlust mit möglicher Hypovolämie
- Ileum- oder Kolon-Conduit
Hyperchlorämische metabolische Azidose durch intestinalen Ionenaustausch
Klinische Bedeutung abhängig von Ausmaß der Resorption, Kontaktzeit und renaler Kompensationsfähigkeit
Bei auffälliger Diurese, Kreislaufinstabilität oder längerfristig eingeschränkter Nierenfunktion sind Blutgase, Elektrolyte und Volumenstatus gezielt zu kontrollieren.