12.1.3. Krankheitsspezifische Besonderheiten#

Die präanästhesiologische Beurteilung berücksichtigt die Art und Stabilität bestehender Erkrankungen, die funktionelle Reserve, den geplanten Eingriff und das Anästhesieverfahren. Weiterführende Untersuchungen werden nach klinischer Fragestellung und Eingriffsrisiko veranlasst; eine bekannte Diagnose allein rechtfertigt keine schematische Anforderung sämtlicher Untersuchungen. Grundlage ist die österreichische Leitlinie zur präoperativen Evaluierung von Erwachsenen (♛ OeGARI Praeop Eval 2026). Die folgenden Angaben beziehen sich vorrangig auf elektive nichtkardiale Eingriffe bei Erwachsenen. Die Einzelheiten der perioperativen Medikamentenführung und Gerinnungshemmung sind mit den entsprechenden Kapiteln abzugleichen.

Besonderheiten bei Herzerkrankungen#

Anamnese und klinische Beurteilung

Kardiovaskuläres Risiko; präoperativ

  • Bekannte koronare Herzkrankheit (KHK), früherer Myokardinfarkt, perkutane Koronarintervention (PCI), Koronarstent oder Bypassoperation

  • Belastungsabhängige Thoraxschmerzen, Dyspnoe, Synkopen, Palpitationen, Ödeme sowie Symptome einer kardialen Dekompensation

  • Herzinsuffizienz, Klappenerkrankungen, Kardiomyopathien, Rhythmusstörungen und pulmonale Hypertonie

  • Risikofaktoren wie arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, Dyslipidämie, Rauchen und chronische Nierenkrankheit

  • Funktionelle Leistungsfähigkeit mittels MET beziehungsweise (modifiziertem) Duke Activity Status Index (DASI), gegebenenfalls NYHA-Klasse und Revised Cardiac Risk Index (RCRI)

Eine Belastbarkeit unter 4 MET, ein höherer RCRI oder eine unklare funktionelle Kapazität erhöht die Aufmerksamkeit für perioperative Komplikationen, begründet aber nicht automatisch ein EKG, eine Echokardiografie und einen kardialen Belastungstest. Die Entscheidung über weitere Untersuchungen richtet sich nach Symptomen, Eingriffsrisiko und den möglichen therapeutischen Konsequenzen (♛ OeGARI Praeop Eval 2026, ♛ AHA ACC Periop Medizin 2024).

Aktive kardiale Erkrankungen

Herzerkrankungen; aktive kardiale Erkrankung

  • Akutes Koronarsyndrom oder Verdacht auf akute Myokardischämie

  • Akut dekompensierte Herzinsuffizienz

  • Klinisch relevante instabile Arrhythmien, insbesondere symptomatische Bradykardie, höhergradiger AV-Block oder anhaltende ventrikuläre Tachykardie

  • Symptomatische schwere Klappenerkrankung, insbesondere hochgradige Aortenstenose

Vor elektiven Eingriffen müssen solche Konstellationen gezielt abgeklärt und nach Möglichkeit stabilisiert werden. Bei zeitkritischen Eingriffen ist eine interdisziplinäre Nutzen-Risiko-Entscheidung erforderlich.

12-Kanal-EKG

EKG; präoperative Indikation

  • Vor großen Eingriffen bei bekannter KHK, relevanten Arrhythmien, peripherer arterieller Verschlusskrankheit, zerebrovaskulärer oder struktureller Herzerkrankung sowie kardialen Symptomen

  • Bei asymptomatischen Personen vor großen Eingriffen gegebenenfalls erwägen

  • Kein Routine-EKG bei asymptomatischen Personen vor kleinen Eingriffen

Transthorakale Echokardiografie (TTE)

Echokardiografie; präoperativ

  • Bei vermuteter neu aufgetretener oder verschlechterter Herzinsuffizienz

  • Bei vermuteter neuer oder progredienter relevanter Klappenerkrankung

  • Bei klinisch stabilen Personen ohne entsprechende Symptome oder Risikofaktoren keine Routine-TTE

  • Beurteilung von links- und rechtsventrikulärer Funktion, relevanten Vitien und gegebenenfalls Hinweisen auf pulmonale Hypertonie

Kardiale Belastungstests

Belastungstests; kardiale präoperative Diagnostik

  • Keine routinemäßige Ergometrie, Stress-Echokardiografie oder Myokardperfusionsdiagnostik allein wegen eingeschränkter MET

  • Bei erhöhtem kardialem und eingriffsbezogenem Risiko sowie schlechter oder unbekannter funktioneller Kapazität nur erwägen, wenn das Ergebnis das klinische Vorgehen ändern würde

  • Eine instabile Angina pectoris erfordert primär die Abklärung eines möglichen akuten Koronarsyndroms und nicht einen routinemäßigen präoperativen Belastungstest

Die Indikationen zu EKG und TTE entsprechen der ÖGARI-Leitlinie 2026. Die selektive Anwendung kardialer Belastungstests orientiert sich an der AHA/ACC-Leitlinie (♛ OeGARI Praeop Eval 2026, ♛ AHA ACC Periop Medizin 2024).

Zustand nach PCI und Koronarstentimplantation#

Entscheidend sind Indikation und Zeitpunkt der PCI, Stenttyp und Komplexität der Intervention, aktuelles ischämisches Risiko, Blutungsrisiko des Eingriffs und die Notwendigkeit einer Unterbrechung der dualen Thrombozytenhemmung (DAPT). Starre Regeln wie „nach jedem Drug-eluting Stent erst nach einem Jahr operieren“ sind nicht zutreffend (♛ AHA ACC Periop Medizin 2024).

Zeitpunkt eines elektiven nichtkardialen Eingriffs bei notwendiger Unterbrechung der Thrombozytenhemmung

Koronarstent; Operationszeitpunkt

  • Ballonangioplastie ohne Stent: elektiven Eingriff frühestens nach 14 Tagen erwägen

  • Drug-eluting Stent (DES) nach akutem Koronarsyndrom: wenn möglich mindestens 12 Monate Abstand

  • DES bei chronischer koronarer Herzerkrankung: wenn möglich mindestens 6 Monate Abstand

  • Zeitkritischer Eingriff nach DES: gegebenenfalls ab 3 Monaten nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung

  • Bare-metal Stent (BMS): Eingriff mit notwendiger Unterbrechung der Plättchenhemmung innerhalb der ersten 30 Tage nach PCI vermeiden

  • Komplexe PCI und hohes Stentthromboserisiko: gegebenenfalls längeres Intervall, häufig 12 Monate, individuell festlegen

Duale Thrombozytenhemmung und ASS

Duale Thrombozytenhemmung; perioperativ ASS; Koronarstent

  • Bei bestehender Koronarstentversorgung ASS perioperativ nach Möglichkeit fortführen

  • Bei zeitkritischen Eingriffen innerhalb von 30 Tagen nach BMS-PCI beziehungsweise innerhalb von 3 Monaten nach DES-PCI DAPT nach Möglichkeit fortführen

  • Ist ein Absetzen unumgänglich, die Entscheidung unter Einbeziehung von Kardiologie, operativem Fach und Anästhesiologie treffen

  • Eine Wiederaufnahme der indizierten Therapie nach gesicherter Hämostase frühzeitig planen

P2Y₁₂-Inhibitoren: Intervalle bis zur Wiederherstellung der Thrombozytenfunktion nach Absetzen

Clopidogrel; perioperative Pause Prasugrel; perioperative Pause Ticagrelor; perioperative Pause

  • Clopidogrel: etwa 5–7 Tage

  • Prasugrel: etwa 7–10 Tage

  • Ticagrelor: etwa 3–5 Tage

  • Cangrelor: intravenöser, kurzwirksamer P2Y₁₂-Hemmer; Einsatz als Bridging nur in ausgewählten spezialisierten Situationen

Diese Angaben sind keine pauschale Aufforderung zur Therapieunterbrechung. Insbesondere bei rückenmarksnahen oder tiefen Regionalanästhesien gelten gesonderte substanz- und verfahrensspezifische Sicherheitsintervalle (♛ AHA ACC Periop Medizin 2024, ♛ OeGARI Gerinnung RA 2024).

Erhöhtes Stentthromboserisiko

Stentthrombose; Risikofaktoren

  • Kürzliches akutes Koronarsyndrom oder frische PCI

  • Komplexe Implantation, beispielsweise Bifurkations- oder Mehrgefäß-PCI, lange oder überlappende Stents

  • Frühere Stentthrombose, unzureichendes Interventionsergebnis oder ausgeprägte Reststenosen

  • Diabetes mellitus, schwere Nierenfunktionsstörung und deutlich reduzierte linksventrikuläre Funktion

Endokarditisprophylaxe bei Herzklappenprothesen#

Endokarditisprophylaxe; Herzklappenprothese Bei mechanischen oder biologischen Herzklappenprothesen besteht ein hohes Risiko für eine infektiöse Endokarditis. Eine pauschale antibiotische Endokarditisprophylaxe vor jeder Operation ist jedoch nicht indiziert. Sie wird insbesondere bei entsprechenden zahnärztlichen Risikoeingriffen empfohlen. Bei ausgewählten invasiven nichtzahnärztlichen Eingriffen kann sie nach individueller Beurteilung erwogen werden; die gewöhnliche perioperative chirurgische Antibiotikaprophylaxe ist davon zu unterscheiden.

Für zahnärztliche Risikoeingriffe wird beispielsweise Amoxicillin 2 000 mg p. o. als Einmalgabe 30–60 min vor dem Eingriff empfohlen. Eine routinemäßige zweite Gabe 6 h nach dem Eingriff ist nicht vorgesehen. Clindamycin wird in der ESC-Leitlinie 2023 wegen seines Nebenwirkungsrisikos nicht mehr als Standardalternative empfohlen (♛ ESC Endokarditis 2023).

Herzschrittmacher, ICD und CRT-Systeme#

Präoperative Abklärung

Herzschrittmacher; perioperatives Management ICD; perioperatives Management

  • Gerätetyp (Schrittmacher, ICD, CRT-P, CRT-D, gegebenenfalls kabelloses System), Hersteller und Modell sowie Implantationsindikation feststellen

  • Letzten Kontrollbefund, Batteriestatus, Programmierung und mögliche Stimulationsabhängigkeit überprüfen

  • Bei Schrittmachern ohne Funktionsverdacht grundsätzlich eine Kontrolle innerhalb der letzten 12 Monate, bei ICD innerhalb der letzten 6 Monate berücksichtigen

  • Art und Ort des Eingriffs sowie mögliches elektromagnetisches Interferenzrisiko, insbesondere durch monopolare Elektrochirurgie, erheben

Perioperatives Gerätemanagement

Magnetauflage; Herzschrittmacher und ICD

  • Bei Schrittmacherabhängigkeit und relevantem Interferenzrisiko asynchrone Stimulation durch geeignete Programmierung oder nach verifizierter Magnetantwort sicherstellen

  • Bei ICD und Interferenzrisiko Tachyarrhythmieerkennung beziehungsweise -therapie vorübergehend deaktivieren und externe Defibrillationsmöglichkeit bereitstellen

  • Ein Magnet über einem ICD bewirkt in der Regel keine asynchrone Schrittmacherstimulation; bei stimulationsabhängigen ICD-Trägern reicht Magnetauflage daher nicht aus

  • Nach dem Eingriff die erforderlichen Geräteeinstellungen und ICD-Therapien kontrolliert wiederherstellen

  • MRT-Tauglichkeit und MRT-Modus anhand des konkreten Gesamtsystems einschließlich der Elektroden prüfen; kein allgemeingültiger „SureScan“-Modus

Die Planung erfolgt geräte- und eingriffsspezifisch mit der zuständigen Rhythmologie beziehungsweise Device-Ambulanz (♛ ESC Nichtkard OP 2022).

Besonderheiten bei Lungenerkrankungen#

Anamnese und Untersuchung

Pulmonale Komplikationen; präoperative Risikofaktoren

  • Asthma bronchiale, COPD, interstitielle Lungenerkrankung, rezente Atemwegsinfekte und bisherige pulmonale Komplikationen

  • Dyspnoe, Husten, Sputum, Exazerbationen, körperliche Belastbarkeit, Raucherstatus und Sauerstoff- beziehungsweise Heimbeatmungstherapie

  • Schlafbezogene Atmungsstörungen, insbesondere obstruktives Schlafapnoesyndrom (OSAS)

  • Neuromuskuläre Erkrankungen mit möglicher Atemmuskelschwäche oder bulbärer Dysfunktion

  • Klinische Untersuchung mit Atemfrequenz, Auskultation und bei entsprechender Indikation Pulsoximetrie

Funktionelle Einordnung

Lungenfunktion; obstruktiv und restriktiv

  • Obstruktive Ventilationsstörung: Verminderung von FEV₁/FVC, beispielsweise bei COPD; häufig vermehrtes Residualvolumen (RV) und gegebenenfalls erhöhte funktionelle Residualkapazität (FRC) durch Überblähung

  • Restriktive Ventilationsstörung: Verminderung der totalen Lungenkapazität (TLC), beispielsweise bei interstitiellen Lungenerkrankungen oder Adipositas; FRC bei Adipositas häufig vermindert

  • Diffusionsstörung: Einschränkung der pulmonalen Transferkapazität (DLCO), insbesondere bei interstitiellen und emphysematösen Erkrankungen

FEV₁ und FRC sind unterschiedliche Kenngrößen; ein vermeintlicher Normalwert „FEV₁ = 70–85 % der FRC“ ist falsch. Eine reduzierte Diffusionskapazität lässt sich nicht zuverlässig aus einer normalen Ruhe-Blutgasanalyse ausschließen.

Indikation zur weiterführenden Diagnostik

Spirometrie; präoperativ Blutgasanalyse; präoperativ

  • Vor thorakalen Eingriffen, insbesondere Lungenresektionen, Lungenfunktionstestung bei MET unter 4, RCRI über 2, DASI höchstens 34, ungeklärter Dyspnoe oder bekannter Lungenerkrankung

  • Vor großen nichtpulmonalen Eingriffen Spirometrie bei hohem patientenbezogenem Risiko gegebenenfalls erwägen

  • Blutgasanalyse nicht routinemäßig; bei COPD GOLD 3/4 oder BMI über 40 kg / m² zusammen mit weiterer Funktionsdiagnostik gegebenenfalls erwägen

  • Thoraxröntgen bei klinischer Fragestellung und bestimmten großen thorakoabdominellen Eingriffen gegebenenfalls erwägen, nicht als allgemeines Screening

Die Optimierung umfasst gegebenenfalls die Behandlung einer akuten Exazerbation, Fortführung der indizierten inhalativen Therapie, Rauchstopp, Atemtherapie und die Planung postoperativer respiratorischer Unterstützung (♛ OeGARI Praeop Eval 2026). Eine niedrige MET-Zahl allein ist keine zwingende Indikation zur Absage oder zur kompletten Lungenfunktionsdiagnostik.

Besonderheiten bei Diabetes mellitus#

Die perioperative Stoffwechselführung erfordert einen individuellen Plan nach Diabetestyp, Insulintherapie, Eingriffsgröße, Nüchternheitsdauer und Begleiterkrankungen. Zu berücksichtigen sind insbesondere Hypoglykämierisiko, autonome Neuropathie, Nierenfunktion, kardiovaskuläre Erkrankung und mögliche verzögerte Magenentleerung (♛ OeDG Diabetes 2026, ♛ ADA Hospital Diabetes 2026).

Präoperative Planung

HbA1c; präoperativ

  • HbA1c bei bekanntem Diabetes und entsprechender klinischer Indikation bestimmen; für planbare Eingriffe möglichst ein Wert unter 8 % anstreben

  • Eine Abweichung vom Zielwert rechtfertigt keine automatische Absage; Operationsdringlichkeit, Möglichkeit der Optimierung und individuelles Risiko berücksichtigen

  • Operation möglichst so planen, dass Nahrungskarenz und Unterbrechung der üblichen Stoffwechseltherapie kurz bleiben

  • Basalinsulin, Korrekturinsulin, gegebenenfalls intravenöse Insulin-Glukose-Therapie und postoperativen Wiederbeginn vorab festlegen

Insulintherapie

Insulin; perioperatives Management

  • Basalinsulin nicht ersatzlos absetzen, insbesondere nicht bei Typ-1-Diabetes

  • Dosis am Vorabend und/oder Operationstag abhängig vom Insulintyp, der bisherigen Dosis und dem Hypoglykämierisiko anpassen

  • Als häufiges Orientierungsschema für langwirksame Insulinanaloga kommen etwa 75–80 % der üblichen Basaldosis infrage; bei NPH häufig etwa 50 %, jeweils mit individueller Anpassung

  • Prandialinsulin während vollständiger Nahrungskarenz in der Regel nicht als Mahlzeitenbolus geben; Korrekturinsulin nach gemessener Glukose und festgelegtem Schema

  • Bei Insulinpumpen die Weiterführung oder rechtzeitige Umstellung auf Basal- beziehungsweise intravenöse Insulingabe planen

Blutzuckerkontrolle

Blutzucker; perioperatives Ziel

  • Zielbereich perioperativ im Regelfall 100–180 mg / dL (5,6–10,0 mmol / L), abhängig von Situation und Hypoglykämierisiko

  • Während vollständiger Nahrungskarenz mindestens alle 2–4 h kontrollieren, bei langen, instabilen oder insulinpflichtigen Eingriffen gegebenenfalls engmaschiger

  • Kontinuierliches Glukosemonitoring (CGM) intraoperativ nicht als einzige Messmethode verwenden

  • Hypoglykämie, Ketoazidose und hyperosmolares Syndrom gezielt ausschließen beziehungsweise behandeln

Nichtinsulinäre Antidiabetika

Metformin; perioperativ SGLT2-Inhibitoren; perioperativ

  • Metformin und andere orale Antidiabetika am Operationstag in der Regel pausieren; bei Nierenfunktionsstörung, Kontrastmittelgabe oder anderen Risikokonstellationen weiterführende Regelungen beachten

  • SGLT2-Inhibitoren vor größeren geplanten Eingriffen frühzeitig, häufig mindestens 72 h, pausieren; für kurze Eingriffe, insbesonders unter Regionalanästhesie, können in ausgewählten Situationen vielleicht auch 48 h akzeptiert werden

  • Bei Notfalleingriffen unter SGLT2-Inhibitoren auch an euglykämische Ketoazidose denken

  • GLP-1-Rezeptoragonisten risikoadaptiert beurteilen, insbesondere bei gastrointestinalen Symptomen und während Dosissteigerung; das lokale Vorgehen mit der ÖGARI-Medikationsempfehlung abstimmen

Die Medikamentenführung richtet sich zusätzlich nach der ÖGARI-Empfehlung zum präoperativen Medikamentenmanagement; die genannten Insulindosen sind keine pauschalen Verordnungen (♛ OeGARI Praeop Medi 2025, ♛ ADA Hospital Diabetes 2026).

Besonderheiten bei chronischer Nierenkrankheit#

Präoperative Abklärung

Niereninsuffizienz; perioperatives Risiko

  • Ursache und Stadium der Nierenkrankheit, Kreatinin beziehungsweise eGFR sowie bisherige Verlaufswerte

  • Diurese, Volumenstatus, Blutdruck, Kalium- und Säure-Basen-Haushalt, Anämie sowie relevante kardiovaskuläre Erkrankungen

  • Bei Dialysepflichtigkeit: Dialyseverfahren, letzter und geplanter nächster Dialysetermin, aktuelles Trockengewicht, Elektrolyte und Gefäßzugang

  • Dosisanpassung renal eliminierter Arzneimittel; Auswahl und Dosierung von Analgetika, Sedativa, Muskelrelaxanzien und Antikoagulanzien prüfen

  • Bei klinischen Hinweisen auf urämische Gastroparese oder anderen Aspirationsrisiken individualisiertes Atemwegsmanagement

Perioperatives Vorgehen

Akuter Nierenschaden; Prävention

  • Hypovolämie, ausgeprägte Hypotonie, nephrotoxische Exposition und unnötige Kontrastmittelgaben nach Möglichkeit vermeiden

  • Flüssigkeitsgabe nach Volumenstatus und Kreislaufsituation; weder ungezielte Volumenbelastung noch starre Flüssigkeitsrestriktion

  • Isotone balancierte Kristalloide sind bei vielen Situationen geeignet; Ringer-Laktat ist nicht generell kontraindiziert

  • Keine forcierte Diurese mit Furosemid zur Prävention eines akuten Nierenschadens; Schleifendiuretika bei konkreter Indikation, insbesondere Volumenüberlastung

  • Antihypertensiva und Diuretika entsprechend ihrer Indikation und der ÖGARI-Medikationsempfehlung differenziert fortführen oder pausieren

Eine angestrebte Diurese von mindestens 0,5 mL / kg / h ist ein Verlaufsparameter, kein Auftrag zur pharmakologischen Diureseforcierung (♛ KDIGO AKI 2012, ♛ OeGARI Praeop Medi 2025).

Besonderheiten bei Adipositas#

Respiratorische und anästhesiologische Risiken

Adipositas; Anästhesie

  • Reduzierte funktionelle Residualkapazität (FRC) und häufig verminderte respiratorische Compliance

  • Erhöhter Sauerstoffverbrauch, verminderte Apnoetoleranz und raschere Entsättigung bei Atemwegsobstruktion

  • Erschwerte Maskenbeatmung oder Intubation bei entsprechenden anatomischen Befunden möglich; Atemwegsmanagement und geeignete Hilfsmittel vorausschauend planen

  • Obstruktives Schlafapnoesyndrom und gegebenenfalls Obesitas-Hypoventilationssyndrom mit erhöhtem postoperativem respiratorischem Überwachungsbedarf

  • Erhöhtes venöses Thromboembolierisiko sowie mögliche technische Schwierigkeiten bei Zugängen, Lagerung und Monitoring

Aspirationsrisiko und Magenentleerung

Adipositas; Aspirationsrisiko

  • Adipositas allein bedeutet nicht, dass eine Person unabhängig von den Nüchternheitszeiten immer einen vollen Magen hat

  • Relevante zusätzliche Faktoren sind beispielsweise symptomatische Refluxerkrankung, Gastroparese, gastrointestinale Obstruktion und Medikamente mit verzögerter Magenentleerung

  • Bei entsprechender Unsicherheit Risikoanamnese, Anästhesietechnik und gegebenenfalls Magensonografie berücksichtigen

Bei einem BMI über 40 kg / m² kann eine präoperative Blutgasanalyse im Zusammenhang mit weiterer Lungenfunktionsdiagnostik erwogen werden (♛ OeGARI Praeop Eval 2026, 🗎 Rüggeberg 2026).

Besonderheiten bei Leberzirrhose#

Präoperative Evaluation

Leberzirrhose; Risikostratifizierung

  • Ursache, Krankheitsaktivität und klinische Zeichen einer Dekompensation: Aszites, hepatische Enzephalopathie, Varizenblutung, Ikterus und Infektionen

  • Albumin, Bilirubin, INR, Thrombozytenzahl, Nierenfunktion und Elektrolyte gemäß klinischer Fragestellung

  • Child-Pugh-Klasse, MELD beziehungsweise MELD-Na und gegebenenfalls eingriffsspezifisches Risikomodell (zum Beispiel VOCAL-Penn)

  • Zeichen einer portalen Hypertension, Mangelernährung und mögliche hepatorenale Funktionsstörung

  • Eingriffstyp, Operationsdringlichkeit und Möglichkeit einer präoperativen Optimierung

Die operative Prognose hängt nicht allein von der Child-Pugh-Klasse ab; die pauschalen Mortalitätszahlen 10 %, 30 % und 82 % sind nicht unabhängig von Eingriff und Patientenkollektiv übertragbar. Auch ein MELD über 14 bedeutet nicht automatisch Inoperabilität. Bei Child-Pugh C oder MELD über 20 ist das Risiko sehr hoch und bei elektiven Eingriffen eine spezialisierte interdisziplinäre Entscheidung erforderlich (🗎 Northup 2019).

Gerinnung und perioperatives Management

Leberzirrhose; Hämostase

  • Thrombozytopenie, veränderte Synthese von Gerinnungsfaktoren und mögliche Hyperfibrinolyse berücksichtigen

  • INR allein sagt das individuelle Blutungsrisiko bei Leberzirrhose nicht zuverlässig voraus

  • Trotz pathologischer globaler Gerinnungstests kann auch eine erhöhte Thromboseneigung bestehen

  • Volumenbelastung, Hypotonie, Nierenschädigung und hepatische Enzephalopathie möglichst vermeiden; Arzneimitteldosen an die Leberfunktion anpassen

Besonderheiten bei neurologischen Erkrankungen#

Neurologische Anamnese

Neurologische Erkrankungen; präoperative Anamnese

  • Gesicherte Diagnose, aktueller neurologischer Status, Verlauf und neue fokal-neurologische Symptome

  • Paresen, Bulbärsymptome, Dysphagie, Aspirationsereignisse und respiratorische Muskelschwäche

  • Antiepileptika, Antiparkinsonmittel, Psychopharmaka und gegebenenfalls immunsuppressive Therapie

  • Frühere TIA beziehungsweise Schlaganfall, Zeitpunkt des Ereignisses, Vorhofflimmern, Karotisstenose und antithrombotische Medikation

  • Bei neu aufgetretenen oder progredienten Symptomen gezielte neurologische Mitbeurteilung

Neuromuskuläre Erkrankungen#

Neuromuskuläre Erkrankungen; Anästhesie Myasthenia gravis, amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Muskeldystrophien und Myotonien weisen unterschiedliche Risiken und unterschiedliche Reaktionen auf Muskelrelaxanzien auf. Bei relevanter respiratorischer oder bulbärer Beteiligung sind Atemfunktion, Hustenstoß, Sekretmanagement und die mögliche postoperative Beatmung zu beurteilen (🗎 ENMC Neuromusk 2022).

Myasthenia gravis

Myasthenia gravis; perioperativ

  • Bulbäre Symptome, frühere myasthene Krisen und respiratorische Muskelkraft erfassen

  • Erhöhte Empfindlichkeit gegenüber nichtdepolarisierenden Muskelrelaxanzien möglich; Dosis titrieren und quantitative neuromuskuläre Überwachung verwenden

  • Notwendigkeit einer postoperativen Atemunterstützung individuell beurteilen

Muskeldystrophien und Myotonien

Muskeldystrophie; Anästhesierisiko Myotonie; Anästhesierisiko

  • Succinylcholin vermeiden, insbesondere wegen Hyperkaliämie, Rhabdomyolyse oder Auslösung einer myotonen Reaktion

  • Bei Duchenne- und Becker-Muskeldystrophie erhöhtes Risiko einer anästhesieassoziierten Rhabdomyolyse und Hyperkaliämie, auch unter volatilen Anästhetika

  • Maligne Hyperthermie (MH) nicht mit jeder Muskeldystrophie gleichsetzen; eine gesicherte MH-Prädisposition betrifft insbesondere definierte genetische Myopathien

  • Bei vermuteter MH-Suszeptibilität triggerfreie Anästhesie und entsprechende Vorbereitung

  • Kardiale Beteiligung, Atemmuskelschwäche und erhöhten postoperativen Unterstützungsbedarf berücksichtigen

Zur Unterscheidung zwischen MH-Suszeptibilität und anästhesieassoziierter Rhabdomyolyse siehe den europäischen neuromuskulären Konsens (🗎 ENMC Neuromusk 2022).

Epilepsie, Parkinson-Syndrom und Demenz#

Epilepsie

Epilepsie; perioperativ

  • Antikonvulsive Dauermedikation möglichst ohne Unterbrechung fortführen

  • Bei längerer Nahrungskarenz alternative Applikationswege beziehungsweise einen Ersatzplan festlegen

  • Anästhetika-Interaktionen und gegebenenfalls Spiegelkontrollen bei konkreter Indikation berücksichtigen

Parkinson-Syndrom

Parkinson-Syndrom; perioperativ

  • Dopaminerge Therapie möglichst zeitgerecht und ohne lange Unterbrechung fortführen

  • Bei postoperativ eingeschränkter oraler Einnahme rechtzeitig Ersatzstrategie planen

  • Dysphagie, Aspirationsrisiko, autonome Dysfunktion und postoperative akinetische Zustände beachten

  • Dopaminantagonistische Antiemetika, beispielsweise Metoclopramid, bei idiopathischem Parkinson-Syndrom nach Möglichkeit vermeiden

Demenz und erhöhtes Delirrisiko

Postoperatives Delir; Risikoreduktion

  • Präoperativen kognitiven Ausgangsbefund, Frailty, Hör- und Sehstörungen sowie bisherige Delire dokumentieren

  • Delirprävention durch Orientierung, adäquate Analgesie, Schlafhygiene, frühe Mobilisierung und möglichst geringe delirogene Medikamentenexposition planen

  • Regionalanästhesie kann bei geeigneter Indikation sinnvoll sein, ist aber nicht grundsätzlich einer Allgemeinanästhesie zur Delirprävention überlegen (♛ ESAIC Delir 2024)

Zustand nach Schlaganfall oder TIA#

Schlaganfall; perioperatives Risiko Nach Schlaganfall beziehungsweise transitorischer ischämischer Attacke (TIA) besteht abhängig vom zeitlichen Abstand und den Begleiterkrankungen ein erhöhtes perioperatives Schlaganfallrisiko. Bei elektiven nichtkardialen Eingriffen ist nach einem kürzlich aufgetretenen Ereignis eine Verschiebung von mindestens 3 Monaten nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung sinnvoll (♛ AHA ACC Periop Medizin 2024).

Risikofaktoren und Planung

Zerebrovaskuläres Risiko; perioperativ

  • Zeitpunkt, Ursache und Residualsymptome eines früheren Schlaganfalls beziehungsweise einer TIA

  • Vorhofflimmern, symptomatische Karotisstenose, arterielle Hypertonie und weitere vaskuläre Risikofaktoren

  • Indikation und perioperatives Vorgehen bei Thrombozytenhemmung oder Antikoagulation

  • Vermeidung relevanter perioperativer Hypotonie und Planung der neurologischen postoperativen Überwachung

Eine pauschale Aussage, dass ein bestimmter Anteil sämtlicher perioperativer Insulte innerhalb von 24 h auftritt, ist für die individuelle Risikobeurteilung nicht geeignet. Die zeitliche Verteilung hängt wesentlich von Eingriffsart, Mechanismus und Patientenkollektiv ab.