12.12.1. Abdominelles Aortenaneurysma (AAA)#
Das perioperative Vorgehen richtet sich nach elektiver oder notfallmäßiger Versorgung, offener chirurgischer Rekonstruktion (open surgical repair, OSR) oder endovaskulärer Aortenrekonstruktion (endovascular aneurysm repair, EVAR), der Höhe einer erforderlichen Aortenklemmung und den kardiovaskulären Begleiterkrankungen. Wesentliche anästhesiologische Risiken sind Blutverlust, hämodynamische Veränderungen beim Klemmen und Freigeben der Aorta, myokardiale Ischämie und Organdysfunktion. Für das perioperative Management maßgeblich sind die Gefäßleitlinien (♛ ESVS AAA 2024, ♛ ESC PAVK Aorta 2024).
Zu tun
#54 Integration und fachlichen Abgleich mit dem Aust-Skriptum „Abdominelles Aortenaneurysma“ (43.2.) abschließen.
Elektive Versorgung#
- Präoperative Beurteilung
Kardiovaskuläres Risiko, koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und zerebrovaskuläre Erkrankungen erfassen
Nierenfunktion, Hämoglobin, Gerinnung und Antithrombotika prüfen
Rekonstruktionsverfahren, Zugang, erwarteten Blutverlust und gegebenenfalls die geplante Klemmhöhe mit der Gefäßchirurgie abstimmen
Blutprodukte nach lokalem Patient-Blood-Management-Konzept bereitstellen
Postoperativen Überwachungsbedarf frühzeitig festlegen
- Anästhesie und Monitoring
Offene Rekonstruktion: Allgemeinanästhesie mit möglichst vor Einleitung etablierter invasiver arterieller Blutdruckmessung und mindestens zwei leistungsfähigen venösen Zugängen
Zentralvenöser Zugang: bei erwarteter Kreislaufinstabilität, relevantem Vasopressorbedarf oder schwierigen peripheren Zugangsverhältnissen erwägen
Erweitertes hämodynamisches Monitoring: entsprechend kardialer Funktion, Eingriffsausmaß und erwarteten Volumenverschiebungen auswählen
Blutmanagement: maschinelle Autotransfusion (Cell-Saver) bei offener Rekonstruktion erwägen; Blutwärmer, Transfusionssystem und Vasopressoren vorbereiten
Einleitung: starke Blutdruckabfälle und hypertensive Spitzen vermeiden; Hypnotika und Opioide unter Berücksichtigung der kardialen Reserve titrieren
Etomidat: mögliche Einleitungssubstanz bei eingeschränkter hämodynamischer Reserve, jedoch keine generelle Standardempfehlung für sämtliche AAA-Eingriffe
EVAR: je nach Zugang und Komplexität Lokal- beziehungsweise Regionalanästhesie mit bedarfsgerechter Sedierung oder Allgemeinanästhesie
- Perioperative Analgesie
Multimodale Analgesie anstreben
Bei elektiver offener Rekonstruktion Epiduralanalgesie oder kontinuierliche Wundkatheteranalgesie zur Verbesserung der postoperativen Schmerztherapie erwägen
Neuraxiale Verfahren nur nach Prüfung von Antikoagulation, Thrombozytenhemmung, Gerinnung und geplantem perioperativem Heparineinsatz anwenden
Einlage und Entfernung eines Epiduralkatheters nach den geltenden neuraxialen Antithrombotika-Intervallen planen (♛ ESAIC ESRA Regionalanästhesie 2022)
Eine gesicherte generelle Reduktion der Reoperationsrate durch Epiduralanalgesie ist nicht belegt
Offene Rekonstruktion: Aortenklemmung (Cross-Clamping)#
- Hämodynamische Auswirkungen
Anstieg des proximalen arteriellen Widerstands und der linksventrikulären Nachlast
Proximale Hypertonie und erhöhter myokardialer Sauerstoffbedarf; bei eingeschränkter Pumpfunktion Gefahr von Myokardischämie und Linksherzversagen
Distale Minderperfusion mit abhängig von der Klemmhöhe ausgeprägter Ischämie der unteren Körperhälfte
Ausmaß der Kreislaufreaktion abhängig von Klemmhöhe, Kollateralkreislauf, intravasalem Volumenstatus und kardialer Funktion
- Anästhesiologische Maßnahmen
Klemmenzeitpunkt und Klemmhöhe mit der Operateurin beziehungsweise dem Operateur abstimmen
Arteriellen Druck, Herzfrequenz, Ischämiezeichen und bei Bedarf Herzzeitvolumen beziehungsweise echokardiografische Befunde beurteilen
Bei ausgeprägter proximaler Hypertonie Narkosetiefe und bedarfsweise kurz wirksame Vasodilatatoren anpassen
Bei linksventrikulärer Dekompensation die Ursache differenzieren und gegebenenfalls inotrope Unterstützung beziehungsweise Anpassung der Nachlast erwägen
Keine schematische PEEP-Erhöhung zur Blutdrucksenkung; Beatmungsdruck und PEEP nach respiratorischer und hämodynamischer Situation festlegen
- Renale und viszerale Perfusion
Infrarenale Klemmung: direkte renale arterielle Perfusion grundsätzlich erhalten, jedoch perioperativer Nierenschaden durch Minderperfusion, Blutverlust oder hämodynamische Instabilität möglich
Suprarenale Klemmung: Unterbrechung der Perfusion einer oder beider Nierenarterien entsprechend der Klemmposition; Ischämiedauer dokumentieren
Supraviszerale Klemmung: zusätzliche Ischämiegefahr für die betroffenen abdominellen Organe
Bei geplanter suprarenaler Klemmzeit über 25 min kalte renale Perfusion mit dem chirurgischen Team erwägen
Nierenprotektion durch Vermeidung anhaltender Hypotonie, adäquate Volumen- und Perfusionssteuerung sowie Begrenzung der Ischämiezeit
Furosemid oder andere Diuretika nicht routinemäßig zur Prävention eines akuten Nierenschadens einsetzen; eine Indikation kann bei Volumenüberladung bestehen (♛ KDIGO AKI 2012)
- Spinale Perfusion
Spinale Ischämie ist bei infrarenalen AAA-Eingriffen selten, bei ausgedehnten komplexen beziehungsweise thorakoabdominellen Rekonstruktionen jedoch eine relevante Komplikation
Rückenmarksperfusion ist von einem variablen segmentalen Kollateralnetzwerk abhängig; eine starre Zuordnung der Rückenmarksarterien oberhalb der Nierenarterien ist anatomisch unzutreffend
Bei ausgedehnter Aortenversorgung Perfusionsdruck, Ausdehnung des Versorgungsgebietes und gegebenenfalls spezifische neuroprotektive Strategien berücksichtigen
Freigabe der Aortenklemme (Declamping)#
- Hämodynamische Auswirkungen
Rascher Abfall des systemischen Gefäßwiderstands und der linksventrikulären Nachlast
Relative Hypovolämie durch Wiedereröffnung des distalen Gefäßbettes und vasodilatatorische Mediatoren
Gefahr schwerer Hypotonie bis zum Declamping-Schock, insbesondere bei Blutverlust, eingeschränkter kardialer Reserve und längerer Ischämie
Reperfusion mit Rückstrom von Laktat, Kalium und weiteren Metaboliten; mögliche metabolische Azidose, Hyperkaliämie und Arrhythmien
- Anästhesiologische Maßnahmen
Bevorstehende Klemmenfreigabe rechtzeitig ankündigen und mit dem chirurgischen Team koordinieren
Volumenstatus und Blutverlust vor Freigabe beurteilen und Defizite bedarfsgerecht korrigieren
Laufende Vasodilatatoren rechtzeitig reduzieren beziehungsweise beenden und Narkosetiefe hämodynamisch angepasst titrieren
Vasopressoren und gegebenenfalls Inotropika vorbereitet halten; Hypotonie ursachenorientiert behandeln
Bei Bedarf schrittweise Klemmenfreigabe mit der Gefäßchirurgie abstimmen
Blutgasanalyse mit pH-Wert, Laktat, Kalium, ionisiertem Kalzium und Hämoglobin kontrollieren
Metabolische Azidose und Elektrolytstörungen ursachenbezogen behandeln; Natriumbicarbonat nicht schematisch zur Prophylaxe des Declamping-Schocks einsetzen
Kein fixer ZVD-Zielwert als alleinige Grundlage der Volumentherapie
Rupturiertes abdominelles Aortenaneurysma (rAAA)#
Die Ruptur eines AAA ist ein vitaler Notfall mit der Notwendigkeit einer unverzüglichen definitiven Blutungskontrolle. Bei geeigneter Anatomie ist die EVAR leitliniengemäß das bevorzugte Verfahren; andernfalls erfolgt die offene Rekonstruktion.
- Erstmaßnahmen
Gefäßchirurgie, Anästhesie, Blutdepot und gegebenenfalls Intensivstation unverzüglich koordinieren
Großlumige periphere Zugänge, Blutgruppenbestimmung beziehungsweise Notfallblutprodukte und rasche Transfusionsmöglichkeit sicherstellen
Blutprodukte und Gerinnungstherapie nach lokalem Massivtransfusionsprotokoll vorbereiten; Gerinnung, Fibrinogen, Kalzium, Säure-Basen-Status und Temperatur überwachen
Aktive Wärmeerhaltung, Blutwärmer und bei offener Operation nach Möglichkeit Cell-Saver bereitstellen
CT-Angiografie bei ausreichender Kreislaufstabilität beziehungsweise vertretbarem Zeitaufwand zur Diagnosesicherung und EVAR-Planung durchführen
- Kreislaufstrategie vor proximaler Blutungskontrolle
Permissive Hypotonie: bis zur Blutungskontrolle zurückhaltende Flüssigkeitstherapie, solange Bewusstsein und Zeichen ausreichender Organperfusion erhalten sind
Als Orientierungsbereich bei ansprechbaren Patientinnen und Patienten systolischen Blutdruck von 70–90 mm Hg erwägen; individuellen Perfusionsbedarf beachten
Keine absichtliche Blutdrucksenkung bei Schock und keine schematische Anwendung des Zielbereichs bei Bewusstseinsstörung oder kritischer Minderperfusion
Aggressive präoperative Kristalloidgabe und forcierte Normotonisierung vor Blutungskontrolle vermeiden
Bei hämodynamischer Dekompensation bedarfsgerechte, vorzugsweise blutproduktbasierte hämostatische Reanimation und rasche Blutungskontrolle
- Anästhesieverfahren
EVAR: Lokalanästhesie mit gegebenenfalls zurückhaltender Sedierung bevorzugt erwägen, sofern Patientenzustand und technischer Ablauf dies zulassen
Offene Rekonstruktion: Allgemeinanästhesie erforderlich; starke Kreislaufdepression durch Einleitung vermeiden
Operationsgebiet bei offener Versorgung nach Möglichkeit vor Narkoseeinleitung desinfizieren und steril abdecken; chirurgisches Team für sofortige proximale Gefäßkontrolle bereithalten
Bei notwendiger Atemwegssicherung Vorgehen nach Aspirationsrisiko und Hämodynamik wählen; Einleitungsmedikamente entsprechend Schockzustand reduzieren und titrieren
Erweiterte invasive Maßnahmen nur durchführen, soweit sie die definitive Blutungskontrolle nicht verzögern
Postoperative Versorgung und Komplikationen#
- Überwachung
Engmaschige Überwachung von Hämodynamik, Blutverlust, Temperatur, Blutgasen, Laktat, Gerinnung, Nierenfunktion und Diurese
Postoperative Beatmung nach klinischen Kriterien, insbesondere respiratorischer Insuffizienz, Hypothermie, Schock, anhaltender Blutung oder relevanter metabolischer Störung
Frühzeitige Extubation bei ausreichender hämodynamischer und respiratorischer Stabilität anstreben
Volumentherapie und Transfusion individualisieren; sowohl Hypoperfusion als auch Volumenüberladung vermeiden
- Wesentliche Komplikationen
Kardiovaskulär: Myokardischämie, Myokardinfarkt, Herzinsuffizienz, Arrhythmien und Nachblutung
Renal: akuter Nierenschaden infolge Ischämie, Schock oder weiterer perioperativer Belastungen
Gastrointestinal: paralytischer Ileus sowie Kolon- beziehungsweise Mesenterialischämie, insbesondere nach Rupturversorgung
Respiratorisch: Atelektasen, Pneumonie und akutes Atemnotsyndrom (ARDS)
Vaskulär: akute Extremitätenischämie oder Graftkomplikationen
Neurologisch: bei ausgedehnter Aortenrekonstruktion selten Rückenmarksischämie
Abdominell: intraabdominelle Hypertension beziehungsweise abdominelles Kompartmentsyndrom, vor allem nach Rupturversorgung
- Besondere Maßnahmen nach rAAA
Intraabdominellen Druck postoperativ zur Früherkennung einer intraabdominellen Hypertension beziehungsweise eines Kompartmentsyndroms überwachen
Bei abdominellem Kompartmentsyndrom umgehend chirurgische Beurteilung und Dekompression bei entsprechender Indikation
Bei Verdacht auf Kolonischämie frühzeitig chirurgische Reevaluierung und gegebenenfalls flexible Sigmoidoskopie
Persistierende Oligurie ursachenorientiert abklären; Furosemid nicht allein zur „Nierenprotektion“ oder wegen einer festgelegten Zeitdauer der Oligurie verabreichen
Akute Aortendissektion (Abgrenzung)#
Die akute Aortendissektion ist ein eigenständiges Krankheitsbild und erfordert ein von der AAA-Versorgung unterschiedliches hämodynamisches Vorgehen.
- Erstmaßnahmen
Analgesie, kontinuierliche EKG-Überwachung und invasive Blutdruckmessung
Bei hämodynamisch stabiler Patientin beziehungsweise stabilem Patienten CT-Angiografie der Aorta, vorzugsweise EKG-getriggert; bei Instabilität transösophageale Echokardiografie erwägen
Anti-Impulse-Therapie: sofern keine kritische Minderperfusion oder Schocksituation besteht, systolischen Blutdruck unter 120 mm Hg und Herzfrequenz höchstens 60 /min anstreben
Intravenöse Betablockade, beispielsweise mit Esmolol oder Labetalol, als primäre frequenz- und impulsreduzierende Therapie
Bei unzureichender Blutdruckkontrolle Vasodilatator zusätzlich zur Frequenzkontrolle einsetzen; isolierte Vasodilatation mit reflektorischer Tachykardie vermeiden
Blutprodukte und definitive chirurgische beziehungsweise interventionelle Versorgung nach Dissektionstyp vorbereiten
- Stanford-Klassifikation
Typ A: Beteiligung der Aorta ascendens; sofortige herzchirurgische Abklärung und in der Regel notfallmäßige Operation
Typ B: keine Beteiligung der Aorta ascendens; konservative Intensivtherapie bei unkompliziertem Verlauf, interventionelle Versorgung insbesondere bei Ruptur oder Malperfusion
- Besondere Gefahren bei Typ-A-Dissektion
Beteiligung der Koronarostien mit Myokardischämie beziehungsweise Myokardinfarkt
Hämoperikard mit Perikardtamponade und obstruktivem Schock
Akute Aortenklappeninsuffizienz
Zerebrale, viszerale oder periphere Malperfusion