9.21.3. Koma#
Das Koma ist eine schwere Bewusstseinsstörung mit fehlender Weckbarkeit und fehlendem bewussten Kontakt zur Umwelt. Zur strukturierten Beurteilung dienen die GCS-Einzelkomponenten (Augenöffnung, verbale und motorische Antwort) sowie insbesondere bei intensivmedizinischen Patienten der FOUR-Score mit Hirnstammreflexen und Atemmuster (♛ EAN Koma 2020, 🗎 Silva 2026).
Bemerkung
“GCS 3” ist nicht die Definition eines Komas, “GCS < 9” ist nicht die feste Intubationsindikation.
- Ursachen (AEIOU)
A: Alkohol, Arzneimittel und andere Drogen beziehungsweise Intoxikationen
E: Endokrine Störungen und Elektrolytentgleisungen, beispielsweise schwere Natriumstörungen
I: Insulin, Diabetes mellitus, insbesondere Hypoglykämie und hyperglykämische Krisen
O: Oxygenierungs- und Ventilationsstörungen, insbesondere Hypoxämie und Hyperkapnie; Opioide
U: Urämie und andere metabolisch-toxische Enzephalopathien
Zusätzlich müssen strukturelle intrakranielle Läsionen, Krampfanfälle beziehungsweise Status epilepticus und ZNS-Infektionen ausgeschlossen werden (🗎 Silva 2026).
- Klinische Konstellationen
Koma mit Halbseitenlähmung: Intrazerebrale Blutung, ischämischer Schlaganfall, Tumor, Hirnabszess sowie Subdural- oder Epiduralhämatom
Koma mit multiplen neurologischen Ausfällen: Diffuse hypoxisch-ischämische Hirnschädigung möglich; zugleich multifokale oder strukturelle Ursachen erwägen
Koma mit meningealen Zeichen: Meningitis oder Enzephalitis; meningeale Zeichen können im tiefen Koma fehlen
Koma nach Vernichtungskopfschmerz oder Nackenschmerzen: Verdacht auf Subarachnoidalblutung
Plötzliches Koma ohne eindeutige Ursache: Auch an Basilarisverschluss, nichtkonvulsiven Status epilepticus und Intoxikation denken (🗎 Silva 2026)
- Pupillenbefund
Der Pupillenbefund allein beweist keine Ursache; Medikamente, Hypoxie und Hypothermie können die Interpretation erheblich erschweren (🗎 Silva 2026).
Pupillenweite, Seitengleichheit, direkte und konsensuelle Lichtreaktion
Enge Pupillen (Miosis): Insbesondere Opioidintoxikation oder pontine Läsion; auch bei sedativ-hypnotischen Intoxikationen, etwa mit Barbituraten, sind variable Pupillenbefunde möglich
Mittelweite lichtstarre Pupillen: Hinweis auf Mittelhirnschädigung oder transtentorielle Herniation möglich
Weite lichtstarre Pupillen, gegebenenfalls 7–10 mm: Schwere Hypoxie beziehungsweise Ischämie, Hirnstammschädigung oder medikamentöse Pupillenerweiterung; Hypothermie als mögliche Einflussgröße berücksichtigen
Einseitig weite, lichtstarre Pupille: Verdacht auf Kompression des N. oculomotorius, insbesondere bei raumforderndem Prozess oder Herniation; pharmakologische Ursachen differenzialdiagnostisch beachten
→ § : Pupillenbefund
- Augenstellung und Hirnstammfunktion
Augenstellung und -bewegungen: Konjugierte oder divergierende Bulbusstellung, Fixation, spontane beziehungsweise schwimmende Bulbusbewegungen, Herdblick, Nystagmus
Hirnstammreflexe: Pupillenlichtreaktion, Kornealreflex sowie je nach klinischer Situation und Untersuchbarkeit weitere Hirnstammreflexe
Störfaktoren: Sedierung, neuromuskuläre Blockade und Hypothermie (♛ EAN Koma 2020)
- Akutmaßnahmen
Atemwegsmanagement, Ventilation und Oxygenierung sichern und Aspirationsschutz; die Intubationsentscheidung nicht allein auf einen GCS-Grenzwert stützen
Symptomatische Therapie nach ①②③④ⒶⒷⒸⒹⒺ
Denke an Blutzucker! Eine nachgewiesene Hypoglykämie unverzüglich behandeln
Kausale Therapie nach Befund oder Verdacht
- Diagnostik
Anamnese, Fremdanamnese: Zeitlicher Verlauf, Trauma, Arzneimittel, Intoxikationen, Vorerkrankungen und Antikoagulation
Vitalparameter einschließlich Temperatur
12-Kanal-EKG
Blutgasanalyse
Labor: Blutzucker, Elektrolyte, Nieren- und Leberfunktionsparameter; weitere Labor- und toxikologische Diagnostik nach klinischem Verdacht
Neurologischer Status einschließlich GCS-Einzelkomponenten, Pupillen, Augenstellung, Hirnstammreflexen und Seitenunterschieden
Bei ungeklärtem Koma oder Verdacht auf strukturelle Ursache dringliches kraniales CT; bei Verdacht auf Gefäßverschluss, insbesondere Basilarisverschluss, CT-Angiografie erwägen
Bei fortbestehend ungeklärter Bewusstlosigkeit oder Verdacht auf nichtkonvulsiven Status epilepticus frühzeitiges EEG (🗎 Silva 2026, ♛ Mullhi Status epilepticus 2025)
Bei Verdacht auf ZNS-Infektion Blutkulturen, gegebenenfalls Liquordiagnostik nach Prüfung der Sicherheit; kalkulierte antimikrobielle Therapie bei dringendem Verdacht nicht durch die Diagnostik verzögern