12.9. Schockraum#
Der Schockraum dient der Erstversorgung und Stabilisierung vital bedrohter oder potenziell instabiler Patienten mit und ohne Trauma (“traumatologischer Schockraum”, “nicht-traumatologischer Schockraum”). Er ermöglicht eine umfassende Diagnostik und auch invasive Eingriffe und stellt eine Art Schnittmenge aus Diagnosestraße, Intensivstation und Operationseinheit dar.
Die strukturierte Versorgung erfolgt parallel nach Patient Assessment & Management mit wiederholter Priorisierung lebensrettender Maßnahmen (♛ DGU Polytrauma 2023, ♛ DGINA Schockraum 2022).
12.9.1. Alarmierung und Aufnahme#
Die folgenden Kriterien dienen als Orientierung. Die Alarmierung richtet sich grundsätzlich nach Vitalparametern, Verletzungsmuster und Unfallmechanismus (Tab. 105: Alarmierungskriterien: Traumatologischer Schockraum; ♛ DGU Polytrauma 2023). Beim nicht-traumatologischen Schockraum erfolgt die Alarmierung bei entsprechenden Erkrankungsbildern beziehungsweise Vitalwertkonstellationen nach ABCDE (Tab. 106: Alarmierungskriterien: Nicht-traumatologischer Schockraum; ♛ DGINA Schockraum 2022).
Dabei ist jedoch zu beachten: Ein einzelner Wert ersetzt jedoch nicht die klinische Einschätzung, auch ohne formale Erfüllung der Kriterien kann eine Alarmierung notwendig sein (erkennbare oder drohende Vitalgefährdung, lokale Sonderregelungen etc.). Entscheidend für die Alarmierung sind die klinische Bedrohung, der Bedarf an sofortigen Interventionen und Diagnostik und die erforderlichen personellen beziehungsweise technischen Ressourcen, nicht die bereits gesicherte Diagnose.
Kategorie |
Alarmierungskriterien |
|---|---|
Vitalwerte und ABCDE-Probleme |
|
Verletzungsmuster |
|
Unfallmechanismus als zusätzlicher Risikohinweis |
|
ABCDE |
Alarmierungskriterien |
|---|---|
A – Atemweg |
Drohende Atemwegsverlegung, fehlende Schutzreflexe oder notwendige Atemwegssicherung |
B – Atmung |
Initiale SpO₂ ≤ 85% unter Raumluft beziehungsweise ≤ 89% trotz O₂-Gabe mit 6 L / min, Atemfrequenz ≤ 6 / min oder ≥ 30 / min, respiratorische Erschöpfung oder Inhalationstrauma |
C – Kreislauf |
Niedrigster gemessener systolischer Blutdruck < 80 mm Hg, Herzfrequenz ≤ 40 / min oder ≥ 180 / min, Kreislaufstillstand beziehungsweise ROSC, hämodynamisch relevante Blutung oder Schock |
D – Neurologie |
Unklare Bewusstlosigkeit, neu aufgetretene beziehungsweise progrediente Vigilanzstörung (beispielsweise GCS ≤ 9), Status epilepticus oder akutes neurologisches Defizit |
E – Sonstiges |
Schwerwiegende metabolische Entgleisung, Liegetrauma, Körpertemperatur ≤ 32°C oder ≥ 40°C, Verdacht auf Sepsis mit qSOFA ≥ 2 |
Ist ein Patient bereits präklinisch intensivpflichtig, so ergibt sich fast automatisch die Schockraumpflichtigkeit. Dies kommt z. B. vor bei:
Endotracheale Intubation oder supraglottischer Atemweg
Invasive Beatmung, NIV oder High-Flow-Sauerstofftherapie bei kritischer respiratorischer Situation
Thoraxdekompression oder Thoraxdrainage
Reanimation, Zustand nach ROSC oder Katecholamintherapie
Bei Bedarf werden Trauma- und Nichttraumateam gemeinsam beziehungsweise weitere Fachdisziplinen hinzugezogen.
12.9.2. Organisation und Übergabe#
- Team und Vorbereitung
Frühzeitige Alarmierung des interdisziplinären Kernteams mit klarer ärztlicher Leitung, Anästhesie-/Intensivkompetenz, Notfallpflege und bedarfsgerecht Traumatologie, Radiologie oder weiteren Fachrichtungen
Kurzes TeambriefingTeambriefing vor Patienteneintreffen mit Arbeitsdiagnose, zu erwartender Vitalbedrohung, Rollen und voraussichtlichem Vorgehen
Beatmungs- und Atemwegsmaterial einschließlich Alternativverfahren, Monitoring, Defibrillator und Notfallmedikamente
Großlumige Gefäßzugänge, Material für intraossären Zugang, arterielle Druckmessung, Sonografie und erforderlichenfalls Thoraxdrainage
Blutprodukte, Massivtransfusionsstrategie und Gerinnungsdiagnostik bei erwarteter schwerer Blutung
WärmeerhaltWärmeerhalt, Flüssigkeits- und Blutwärmung, Transportbeatmung sowie gegebenenfalls pädiatrische Ausrüstung
- Strukturierte Übergabe
Unmittelbarer klinischer Ersteindruck (5-second-round5-second-round): Sofortige Intervention erforderlich oder Übergabe unter stabilen Bedingungen möglich?
Verantwortliche Ansprechperson und möglichst vollständige Teampräsenz
Ereignis, Zeitpunkt, Arbeitsdiagnose, präklinischer ABCDE-Befund, Maßnahmen und Verlauf
Relevante Anamnese einschließlich Allergien, Arzneimitteln, Vorerkrankungen und Antikoagulation
Kurze Zusammenfassung und Gelegenheit für Rückfragen; bei unmittelbarer Vitalgefährdung Unterbrechung zugunsten lebensrettender Maßnahmen
Die Umlagerung erfolgt koordiniert nach dem initialen Vitalcheck, unter fortgesetzter Überwachung und bei Trauma mit indikationsgerechter spinal motion restriction (♛ DGINA Schockraum 2022).
12.9.3. Versorgung im Schockraum#
- Erstversorgung
Primary SurveyPrimary Survey und sofortige Behandlung lebensbedrohlicher ABCDE-Probleme
Externe Blutungskontrolle, Beckenstabilisierung bei entsprechendem Verletzungsverdacht und frühzeitige definitive Blutstillung
Atemwegssicherung bei entsprechender Indikation, insbesondere bei unzureichender Oxygenierung/Ventilation oder fehlendem Atemwegsschutz
Bei vermuteter HWS-Verletzung: manuelle In-line-Stabilisierung während der Intubation; ein rigider Halskragen darf den Atemwegszugang nicht behindern
Kontrolle von Oxygenierung, Ventilation, Kapnografie und Kreislauf; bei Schädel-Hirn-Trauma Hypoxie und Hypotonie vermeiden, keine routinemäßige prophylaktische Hyperventilation
Großlumige periphere venöse Zugänge, gegebenenfalls intraossärer Zugang; ZVK nur bei spezifischer Indikation und ohne Verzögerung zeitkritischer Maßnahmen
Körpertemperatur, Blutgasanalyse einschließlich Laktat und ionisiertem Kalzium, Blutbild und Gerinnung je nach klinischer Situation
Analgesie, Narkose und Beatmung individuell nach Hämodynamik sowie Begleiterkrankungen
- Hämorrhagischer Schock
Schock; Hämorrhagischer Schock; Schockraum Blutverlust → Minderperfusion → Azidose, Hypothermie und Hypokalzämie → Gerinnungsstörung → verstärkte Blutung.
Entscheidend sind frühzeitige Blutungskontrolle, zielgerichtete Blutproduktgabe und die Vermeidung der letalen Diamantenkonstellationletalen Diamantenkonstellation aus Hypothermie, Azidose, Hypokalzämie und Koagulopathie (♛ Rossaint Trauma-Blutung 2023).
Massivtransfusionsprotokoll bei lebensbedrohlicher Blutung frühzeitig aktivieren
Gerinnungsmanagement nach klinischer Situation, Labor und gegebenenfalls viskoelastischen Tests
Erwärmte Blutprodukte und zurückhaltender kristalloider Volumenersatz; große ungezielte Flüssigkeitsmengen vermeiden!
Tranexamsäure: bei Trauma mit Blutung beziehungsweise Risiko einer erheblichen Blutung möglichst früh, innerhalb von 3 h nach dem Ereignis:
1 000 mg i. v. über 10 min, anschließend 1 000 mg über 8 h (♛ Rossaint Trauma-Blutung 2023)
Katecholamine ergänzend nach Indikation; sie ersetzen weder Blutstillung noch adäquate Volumen- und Blutprodukttherapie, jedoch kann auch eine Hypovolämie sekundär eine Vasoplegie entwickeln
- Klassische Schockklassen
Die traditionelle Einteilung nach geschätztem Blutverlust beschreibt klinische Tendenzen, erlaubt aber keine zuverlässige quantitative Blutverlustbestimmung und darf eine Therapieentscheidung nicht verzögern.
Bei Betablockade, höherem Lebensalter, Schwangerschaft oder vorangegangener Volumentherapie sind Herzfrequenz und Blutdruck besonders unzuverlässige Marker des Blutverlusts.
Klasse |
Geschätzter Blutverlust bei Erwachsenen |
Typische Befunde |
|---|---|---|
I |
< 750 mL |
Kreislaufparameter häufig noch unauffällig |
II |
750–1 500 mL |
Tachykardie, zunehmende Atemfrequenz, beginnende Minderperfusion |
III |
1 500–2 000 mL |
Deutliche Tachykardie, Hypotonie möglich, verminderte Diurese und Bewusstseinsveränderung |
IV |
|
Ausgeprägte Kreislaufinstabilität und Organminderperfusion |
- Diagnostik und Weiterbehandlung
Wiederholte Team-Time-outsTeam-Time-outs nach Initialversorgung, vertiefter Untersuchung und vor definitiver Disposition
Klinischer Sekundärcheck, eFASTeFAST bei Trauma, ergänzende fokussierte Echokardiografie und weitere Sonografie nach Fragestellung
Indikationsbezogene Bildgebung mit sofortiger Beurteilung lebensbedrohlicher Befunde; Ganzkörper-CT (“Trauma-Spirale”) bei geeigneten schwerverletzten Patienten nach Stabilität und Verletzungsverdacht
Bei hämodynamisch instabiler, nicht kontrollierter Blutung Priorität für operative oder interventionelle Blutstillung statt verzögernder CT-Diagnostik
Damage Control SurgeryDamage Control Surgery bei schwerer Verletzung mit persistierender Instabilität, erheblicher Blutung oder ausgeprägter physiologischer Entgleisung; keine alleinige Indikation aus einem ISS-Grenzwert
Transfer und Weiterbehandlung im zuständigen Bereich (OB, ICU, …)
Frühzeitige SekundärverlegungSekundärverlegung, wenn erforderliche definitive Versorgungsmöglichkeiten am Standort fehlen (♛ DGU Polytrauma 2023, ♛ DGINA Schockraum 2022)