12.17. Herzchirurgie und kathetergestützte kardiovaskuläre Eingriffe#
Die perioperative Versorgung bei herzchirurgischen und interventionellen kardiovaskulären Eingriffen erfordert eine präzise Beurteilung der kardialen Pumpfunktion, der Klappenvitien, des pulmonalen Gefäßwiderstands und des Risikos für hämodynamische Dekompensation. Die Wahl des Anästhesieverfahrens und des Monitorings richtet sich nach dem individuellen Risiko und dem geplanten Eingriff.
Siehe auch
12.17.1. Mechanische Kreislaufunterstützung#
Mechanische Kreislaufunterstützung kann bei therapierefraktärer kardialer Pumpinsuffizienz zeitlich begrenzt zur Erholung, bis zu einer therapeutischen Entscheidung oder als Überbrückung zu einer dauerhaften Unterstützung beziehungsweise Herztransplantation eingesetzt werden. Die Auswahl hängt unter anderem von Ursache und Schwere des Schocks, rechts- oder linksventrikulärem Versagen, Oxygenierungsstörung, voraussichtlicher Dauer und Komplikationsrisiko ab.
Kurzfristige Unterstützung: intraaortale Ballonpumpe (IABP), perkutane mikroaxiale Pumpen und venoarterielle extrakorporale Membranoxygenierung (VA-ECMO)
Längerfristige Unterstützung: ventrikuläre Assist-Systeme (VAD), einschließlich parakorporaler und implantierbarer Systeme
Eine Einteilung ausschließlich nach festen Zeitgrenzen oder einzelnen Handelsnamen ist aufgrund unterschiedlicher Systemgenerationen und Einsatzszenarien nicht zweckmäßig.
Intraaortale Ballonpumpe (IABP)#
Die IABP bewirkt eine diastolische Augmentation des Aortendrucks und eine systolische Nachlastreduktion. Die Balloninflation erfolgt unmittelbar nach Aortenklappenschluss zu Beginn der Diastole; die Deflation vor Beginn der folgenden Systole. Hierdurch kann der koronare Perfusionsdruck zunehmen und die linksventrikuläre Auswurfarbeit abnehmen. Der erzielbare Anstieg des Herzzeitvolumens ist begrenzt und vom klinischen Ausgangszustand abhängig.
- Indikationen
Selektierte Patienten mit perioperativer linksventrikulärer Dysfunktion oder erschwerter Entwöhnung von der Herz-Lungen-Maschine
Überbrückung bei ausgewählten mechanischen Infarktkomplikationen oder refraktären Ischämien nach interdisziplinärer Entscheidung
Keine routinemäßige Anwendung bei unselektiertem infarktbedingtem kardiogenem Schock ohne entsprechende besondere Indikation
- Kontraindikationen und wesentliche Einschränkungen
Relevante Aortenklappeninsuffizienz
Aortendissektion und ausgeprägte aortale Pathologie
Schwere periphere arterielle Verschlusskrankheit oder für den Zugangsweg ungeeignete Gefäßanatomie
Aktive Blutung oder fehlende Möglichkeit der erforderlichen Antikoagulation als situationsabhängige Einschränkungen
- Komplikationen
Extremitätenischämie und Gefäßverletzung
Blutung, Thrombose und Infektion
Ballonfehlposition mit Beeinträchtigung viszeraler oder renaler Gefäßabgänge
Ballonruptur und Thrombozytopenie
Das Füllgas Helium ermöglicht aufgrund seiner geringen Dichte schnelle Inflations- und Deflationszyklen; bei Ballonruptur muss die Unterstützung beendet und das System gemäß Herstelleranweisung versorgt werden. Eine Gasembolie ist nicht allein aufgrund der Verwendung von Helium ausgeschlossen.
Venoarterielle extrakorporale Membranoxygenierung (VA-ECMO)#
Die VA-ECMO übernimmt zeitweise die extrakorporale Oxygenierung und Kreislaufunterstützung bei schwerem kardiogenem Schock oder ausgewählten Reanimationssituationen. Typische Einsatzgebiete sind refraktäres akutes Herzversagen, fulminante Myokarditis, postoperative kardiale Dysfunktion und ausgewählte Patienten mit akzidenteller Hypothermie. Voraussetzung ist eine realistische Perspektive für Erholung, definitive Therapie oder weitere Überbrückung.
Bei peripherer femoraler Kanülierung wird venöses Blut gewöhnlich über eine großlumige Kanüle aus dem kavalen beziehungsweise rechtsatrialen Bereich drainiert und oxygeniertes Blut retrograd in das arterielle System zurückgeführt. Eine antegrade Beinperfusionskanüle kann eine Extremitätenischämie vermindern.
- Besonderheiten
Retrograder arterieller Fluss kann die linksventrikuläre Nachlast erhöhen und eine linksventrikuläre Distension oder ein Lungenödem begünstigen
Die Entlastung des linken Ventrikels erfolgt indikationsbezogen, beispielsweise durch Anpassung des ECMO-Flusses, medikamentöse Maßnahmen, IABP oder ein aktives ventrikuläres Entlastungssystem; eine zusätzliche IABP ist nicht grundsätzlich erforderlich
Bei zunehmender nativer Auswurfleistung und gleichzeitig eingeschränkter Lungenoxygenierung kann eine differenzielle Hypoxämie (Harlequin-Syndrom, North-South-Syndrom) entstehen. Zur Erkennung ist unter anderem eine rechtsradiale arterielle Blutgasanalyse beziehungsweise Sättigungsüberwachung wichtig.
Abhängig von Ursache und Konfiguration kommen Anpassungen von Ventilation, Fluss und Kanülierung oder eine V-AV-ECMO-Konfiguration infrage
- Komplikationen
Blutungen, thromboembolische Ereignisse und Hämolyse
Extremitätenischämie, Gefäßverletzung und Infektion
Akutes Nierenversagen und neurologische Komplikationen
Linksventrikuläre Distension und differenzielle Hypoxämie
Ventrikuläre Assist-Systeme (VAD)#
VAD unterstützen je nach Konfiguration den linken, rechten oder beide Ventrikel. Sie können zur Erholung, zur Überbrückung bis zur Transplantation oder als dauerhafte Therapie eingesetzt werden. Die perioperative Versorgung erfordert Kenntnisse des jeweiligen Systems, der Antikoagulation und der Abhängigkeit von Vorlast, Nachlast sowie rechtsventrikulärer Funktion.
12.17.2. Herz-Lungen-Maschine und kardiopulmonaler Bypass#
Die Herz-Lungen-Maschine (HLM) übernimmt bei Operationen am stillgelegten Herzen vorübergehend den systemischen Blutfluss und den Gasaustausch. Das venöse Blut wird über Kanülen abgeleitet, durch einen Oxygenator geführt und mittels Pumpe in das arterielle System zurückgeführt. Die Art der Pumpe, die Kanülierung sowie Temperatur- und Perfusionsstrategie richten sich nach dem Eingriff.
- Antikoagulation
Systemische Antikoagulation üblicherweise mit unfraktioniertem Heparin vor Beginn des kardiopulmonalen Bypasses
Überwachung mittels Activated Clotting Time (ACT) und gegebenenfalls weiteren Heparin-Monitoringverfahren
Bei konventionellen, nicht beschichteten Kreisläufen mit Kardiotomiesaugung ist häufig eine ACT über 480 s vorgesehen; das tatsächliche Ziel hängt vom verwendeten System, Testverfahren und lokalen Protokoll ab
Nach Beendigung des Bypasses kontrollierte Antagonisierung mit Protamin; die Dosis richtet sich nach dem noch wirksamen Heparin und wird nicht durch eine pauschale Formel „Heparindosis plus 10 000 IE“ berechnet
Eine Überdosierung von Protamin kann die Gerinnung zusätzlich beeinträchtigen und hämodynamische Nebenwirkungen auslösen
- Myokardprotektion
Kardioplegie bewirkt einen kontrollierten, reversiblen Herzstillstand und reduziert den myokardialen Sauerstoffbedarf
Unterschiedliche kaliumhaltige beziehungsweise blutbasierte Lösungen und Temperaturstrategien sind gebräuchlich
Applikation antegrad über die Aortenwurzel beziehungsweise Koronarostien, retrograd über den Sinus coronarius oder kombiniert
Wiederholungsintervalle sind abhängig von Zusammensetzung und Protokoll; eine generelle Wiederholung alle 20 min ist nicht erforderlich
- Phasen des kardiopulmonalen Bypasses
Etablierung des extrakorporalen Kreislaufs und Übergang auf die HLM
Aortenklemmung und Kardioplegie mit Ischämie- beziehungsweise Operationsphase
Reperfusion, Wiederaufnahme der kardialen Pumpfunktion und schrittweises Weaning von der HLM
Während des vollständigen Bypasses wird der systemische Perfusionsdruck im Wesentlichen durch Pumpenfluss und systemischen Gefäßwiderstand bestimmt. Die Beurteilung der Organperfusion berücksichtigt zusätzlich beispielsweise Temperatur, Sauerstoffangebot, Laktat, venöse Sättigung und klinische Situation.
12.17.3. Kardiogener Schock#
Der kardiogene Schock ist eine lebensbedrohliche Gewebehypoperfusion infolge kardialer Pumpinsuffizienz. Ursachen sind insbesondere akuter Myokardinfarkt, dekompensierte Herzinsuffizienz, Myokarditis und schwerwiegende Arrhythmien. Mechanische Komplikationen, relevante Klappenvitien und obstruktive Ursachen wie die Herzbeuteltamponade müssen differenzialdiagnostisch berücksichtigt werden.
- Klinik
Hypotonie oder Bedarf an kreislaufunterstützender Therapie, wobei auch ein normotensiver Schock möglich ist
Kalte, feuchte Haut, Oligurie, Bewusstseinsveränderung und Zeichen der Organminderperfusion
Häufig Lungenstauung, Dyspnoe, Thoraxschmerz oder Tachyarrhythmie
- Diagnostik
Kontinuierliches EKG und hämodynamisches Monitoring
Labor einschließlich Blutgasanalyse, Laktat, kardialer Biomarker, Nieren- und Leberfunktion
Frühzeitige transthorakale Echokardiographie, gegebenenfalls transösophageale Echokardiographie
In ausgewählten Fällen erweitertes hämodynamisches Monitoring und invasive Koronardiagnostik
- Therapie
Unverzügliche Behandlung der Ursache, insbesondere Reperfusion beim akuten Koronarsyndrom und Therapie relevanter Rhythmusstörungen
Gezielter Einsatz von Vasopressoren und Inotropika sowie vorsichtige, am Füllungsstatus orientierte Flüssigkeitstherapie
Frühzeitige interdisziplinäre Beurteilung einer temporären mechanischen Kreislaufunterstützung bei persistierender Hypoperfusion
Engmaschige Verlaufskontrolle von Organperfusion, Laktat und hämodynamischen Parametern anstelle starrer universeller Zielwerte für Herzindex oder Füllungsdruck
12.17.4. Kathetergestützte kardiovaskuläre Eingriffe#
Interventionelle Eingriffe erfolgen je nach Komplexität, Kooperationsfähigkeit und hämodynamischem Risiko in Lokalanästhesie, Sedierung oder Allgemeinanästhesie. Auch außerhalb des Operationssaals müssen Monitoring, Atemwegssicherung, Reanimationsausrüstung und die Möglichkeit zur Behandlung schwerer vaskulärer oder kardialer Komplikationen gewährleistet sein.
- Eingriffe unter Lokalanästhesie oder Sedierung
Implantation beziehungsweise Revision von Herzschrittmachern und implantierbaren Kardioverter-Defibrillatoren (ICD)
Kardiale Resynchronisationstherapie (CRT) bei leitliniengerechter Indikation, insbesondere geeigneter Herzinsuffizienz- und QRS-Konstellation
Diagnostische Koronarangiographie und viele perkutane Koronarinterventionen
- Eingriffe mit individueller Entscheidung über Sedierung oder Allgemeinanästhesie
Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI)
Transkatheterbasierte Mitralklappenrekonstruktion (TEER, beispielsweise MitraClip)
Verschluss des linken Vorhofohrs (LAA-Occluder)
Elektrophysiologische Untersuchung und Katheterablation
Renale Denervation bei ausgewählten Patienten nach entsprechender Indikationsstellung
- Anästhesiologische Vorbereitung
Atemwegs- und Kreislaufrisiko sowie Notfallzugang und Konversionsmöglichkeit bewerten
Gefäßzugänge, Blutprodukte und Blutungsmanagement entsprechend dem Eingriffsrisiko planen
Defibrillation und gegebenenfalls temporäres Pacing verfügbar halten
Echokardiographisches Monitoring abhängig von Eingriff und Bildgebungsanforderungen einsetzen; transösophageale Echokardiographie ist nicht bei jeder TAVI obligat
Antibiotikaprophylaxe nach Eingriff, Implantat und geltenden Standards
Zu den relevanten Komplikationen gehören Gefäßverletzungen, schwere Blutung, Rhythmusstörungen, Perikardtamponade, Schlaganfall und akute hämodynamische Dekompensation.
12.17.5. Erkrankungen der thorakalen Aorta#
Wesentliche Krankheitsbilder sind Aneurysmen, akute Aortendissektion, intramurales Hämatom, penetrierendes atherosklerotisches Ulkus und traumatische Aortenverletzungen. Die Operationsindikation bei Aneurysmen richtet sich nach Lokalisation, Durchmesser, Wachstum, Klappenmorphologie, genetischem Syndrom und weiteren Risikofaktoren. Ein einheitlicher Schwellenwert von 5 cm bei bikuspider und 6 cm bei trikuspider Aortenklappe ist nicht korrekt. Für die aszendierende Aorta wird bei vielen Patienten ein Durchmesser von mindestens 55 mm als allgemeine Operationsschwelle verwendet; in ausgewählten Konstellationen ist eine frühere Intervention angezeigt.
- Akutes Aortensyndrom
Plötzlich einsetzende starke thorakale oder dorsale Schmerzen, gelegentlich ohne charakteristische Schmerzsymptomatik
Neurologische Ausfälle, Extremitätenischämie, Nieren- oder viszerale Minderperfusion
Perikardtamponade, akute Aorteninsuffizienz oder hämodynamische Instabilität
Diagnosesicherung bei stabilem Patienten primär mittels kontrastmittelverstärkter CT-Angiographie; bei instabilen Patienten kann die transösophageale Echokardiographie entscheidend sein
- Stanford-Klassifikation
Typ A: Beteiligung der Aorta ascendens; in der Regel notfallmäßige operative Versorgung
Typ B: Keine Beteiligung der Aorta ascendens; unkomplizierte Verläufe zunächst medikamentös, bei komplizierten Verläufen häufig thorakale endovaskuläre Aortenreparatur (TEVAR)
Bei der operativen Versorgung des Aortenbogens können Hypothermie, selektive antegrade Hirnperfusion und zeitweiser Kreislaufstillstand erforderlich sein.
12.17.6. Anästhesie nach Organtransplantation#
Transplantierte Patienten weisen häufig ein erhöhtes Infektionsrisiko, eine komplexe Immunsuppression und organspezifische Spätkomplikationen auf. Die kontinuierliche Immunsuppression, Wechselwirkungen mit Anästhetika und Begleitmedikamenten sowie die Funktion des Transplantats sind perioperativ gezielt zu berücksichtigen.
- Herztransplantation
Das transplantierte Herz ist initial weitgehend autonom denerviert; die Ruhefrequenz ist häufig erhöht und die unmittelbare chronotrope Reaktion auf vagale Reflexe vermindert
Atropin ist bei vagal vermittelter Bradykardie nach Herztransplantation häufig unwirksam; direkte adrenerge Agonisten können jedoch wirksam sein. Eine pauschale Wirkungslosigkeit von Noradrenalin oder β-Sympathomimetika ist falsch.
Herzzeitvolumen und Kreislaufreaktion sind häufig verstärkt von Vorlast, Schlagvolumen und zirkulierenden Katecholaminen abhängig
Chronische Transplantatvaskulopathie und Abstoßungsreaktionen können die Belastbarkeit erheblich beeinträchtigen
Relevante Wechselwirkungen insbesondere von Calcineurininhibitoren mit CYP3A4-hemmenden beziehungsweise -induzierenden Arzneimitteln beachten
- Lungentransplantation
Infektionen, Abstoßungsreaktionen und chronische Transplantatdysfunktion (chronic lung allograft dysfunction, CLAD) berücksichtigen
Eine bronchiolitis-obliterans-assoziierte Obstruktion gehört zum Spektrum der chronischen Transplantatdysfunktion; die historische Bezeichnung BOOP ist hierfür nicht gleichbedeutend
Anastomosenkomplikationen, veränderte Lymphdrainage und pulmonale Flüssigkeitstoleranz beachten
Lungenprotektive Beatmung, bedarfsgerechte Flüssigkeitsgabe und frühzeitige Extubation anstreben, soweit klinisch möglich
- Lebertransplantation
Funktion des Transplantats, Gerinnung, Infektionsrisiko und mögliche Rekurrenz der Grunderkrankung beurteilen
Nephrotoxische Folgen der Immunsuppression und Interaktionen berücksichtigen
Bei erhöhten Leberwerten zwischen biliären Komplikationen, vaskulären Ursachen, Infektion, Rezidiv und Abstoßung unterscheiden
- Nieren- und Pankreastransplantation
Funktion des Transplantats, Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt sowie kardiovaskuläre Begleiterkrankungen beurteilen
Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie und Atherosklerose können auch nach erfolgreicher Transplantation fortbestehen
Blutzuckerregulation und anatomische Besonderheiten der Transplantation bei kombinierten Nieren-Pankreas-Eingriffen beachten