12.21.5. Thymektomie#
Operative Entfernung des Thymus einschließlich des gegebenenfalls umgebenden mediastinalen Fettgewebes bei Thymustumoren oder ausgewählten Patienten mit Myasthenia gravis. Anästhesiologisch bedeutsam sind die mögliche neuromuskuläre Schwäche, die Nähe zu großen mediastinalen Gefäßen und die abhängig vom Zugangsweg erforderliche Einlungenventilation (♛ Narayanaswami 2021, 🗎 Vaidya 2025).
- Varianten
Videoassistierte thorakoskopische Thymektomie (VATS), unilateral oder bilateral
Roboterassistierte thorakoskopische Thymektomie (RATS)
Subxiphoidale oder transzervikale Thymektomie
Offene transsternale Thymektomie, insbesondere bei großen oder lokal invasiven Tumoren
- Beschreibung, Pathophysiologie
Resektion des Thymus und gegebenenfalls des mediastinalen Fettgewebes unter Schonung der Nn. phrenici und benachbarter Gefäßstrukturen
Bei Thymom vollständige onkologische Resektion mit gegebenenfalls erforderlicher En-bloc-Resektion infiltrierter Nachbarstrukturen
Bei Myasthenia gravis Autoimmunerkrankung der neuromuskulären Übertragung mit erhöhter Empfindlichkeit gegenüber nichtdepolarisierenden Muskelrelaxanzien und Risiko einer postoperativen respiratorischen Schwäche (🗎 Daum 2021)
- Dringlichkeit
Elektiv; bei Myasthenia gravis möglichst erst nach neurologischer Stabilisierung (♛ Narayanaswami 2021)
- Dauer (S/N)
keine Angabe
- Präanästhesie, Aufklärung
Operationszugang, Tumorgröße, Infiltration benachbarter Strukturen und potenzielle Konversion zur Sternotomie mit der Thoraxchirurgie abstimmen
Bei Myasthenia gravis Schweregrad, bulbäre Symptome, Atemmuskelschwäche, vorausgegangene Krisen und aktuelle Medikation erheben
Pyridostigmin und bestehende Glukokortikoidtherapie perioperativ grundsätzlich fortführen; bei längeren Eingriffen Einnahmeintervalle und gegebenenfalls erforderliche Substitution planen (🗎 Daum 2021)
Bei ausgeprägter bulbärer oder respiratorischer Schwäche neurologische Optimierung und gegebenenfalls präoperative intravenöse Immunglobuline oder Plasmapherese interdisziplinär prüfen
Risiko postoperativer Beatmung, myasthenischer Krise und aspirationsbedingter Komplikationen aufklären
Bei großer Raumforderung des vorderen Mediastinums gezielt nach Orthopnoe, Stridor, Synkopen und Zeichen einer oberen Einflussstauung fragen
- Prä-OP-Diagnostik
Aktuelle Thorax-CT zur Beurteilung von Tumorausdehnung, Atemwegs- und Gefäßkompression sowie möglicher Infiltration
Bei Myasthenia gravis klinisch-neurologischer Status, Atemfunktion einschließlich Vitalkapazität und gegebenenfalls weiterer respiratorischer Funktionsparameter
Elektrokardiogramm und gegebenenfalls Schilddrüsenfunktion bei Myasthenia gravis; weitere Diagnostik nach Komorbidität und Operationsausmaß (🗎 Daum 2021)
- Blutmanagement
2 EK bereitstellen
Bei möglicher Infiltration der V. brachiocephalica oder V. cava superior erhöhte Blutungsgefahr und Bedarf an rascher Transfusion berücksichtigen
- Antibiotika
ja
Bei Myasthenia gravis potenziell neuromuskulär beeinträchtigende Antibiotika, insbesondere Aminoglykoside, Fluorchinolone und Makrolide, möglichst vermeiden (🗎 Daum 2021)
- Anästhesieverfahren
Allgemeinanästhesie mit ETI
- Airway
Einlumentubus bei geeigneter OP-Technik; Doppellumentubus oder Bronchusblocker bei erforderlicher Einlungenventilation
Bronchoskopische Lagekontrolle des Doppellumentubus beziehungsweise Bronchusblockers
Bei relevanter mediastinaler Atemwegskompression vor Einleitung individuelles Sicherungskonzept einschließlich Lagerungs-, Bronchoskopie- und gegebenenfalls extrakorporaler Rescue-Optionen festlegen (🗎 Vaidya 2025)
- Invasivitäten, Zugänge
Mindestens zwei großlumige PVK; zusätzliche Zugänge bei ausgedehnter Resektion oder erhöhtem Blutungsrisiko
Arterieller Zugang abhängig von Tumorausdehnung, geplantem Zugangsweg, Komorbidität und hämodynamischem Risiko
Zentralvenöser Zugang nicht routinemäßig erforderlich
- Narkoseführung
Bei Myasthenia gravis Muskelrelaxanzien möglichst vermeiden; falls erforderlich, nichtdepolarisierende Relaxanzien vorsichtig titrieren und quantitativ überwachen
Bei Rocuronium-Einsatz antagonisieren mit Sugammadex entsprechend Blockadetiefe und anschließender quantitativer Kontrolle (🗎 Daum 2021, ♛ ESAIC NMB 2023)
Lungenprotektive Beatmung; bei Einlungenventilation Oxygenierung, Beatmungsdrücke und CO₂-Elimination engmaschig kontrollieren
Bei CO₂-Insufflation mögliche Hyperkapnie und hämodynamische Beeinträchtigung berücksichtigen
Normothermie, bedarfsgerechte Volumentherapie und frühzeitige postoperative Analgesie sicherstellen
- Lagerung
Rückenlage bei transsternalem, transzervikalem oder subxiphoidalem Zugang; bei thorakoskopischem Zugang Rückenlage mit einseitiger Anhebung beziehungsweise Seitenlagerung nach operativer Technik
- Aufstellung
Videoturm beziehungsweise Operationsroboter abhängig von Zugangsseite und Docking-Konzept
- Geräte
Video- beziehungsweise Robotiksystem entsprechend Operationsverfahren
Bronchoskop bei geplanter Lungenseparation
Quantitatives neuromuskuläres Monitoring
Möglichkeit zur raschen Konversion zur offenen Operation bei thorakoskopischem Zugang
- Peri-OP-Diagnostik, Monitoring
Standardmonitoring, zusätzlich quantitatives neuromuskuläres Monitoring bei Einsatz von Relaxanzien
Bei mediastinaler Raumforderung hämodynamische und ventilatorische Auswirkungen der Lagerung und Beatmung beachten
- OP-Ablauf
Lagerung und Herstellung des operativen Zugangs
Präparation des Thymus und des mediastinalen Fettgewebes unter Identifikation und möglichst Schonung der Nn. phrenici
Durchtrennung der Thymusvenen und Mobilisation des Präparats; bei Tumorinfiltration gegebenenfalls Erweiterung der Resektion
Hämostase, gegebenenfalls Anlage einer Thoraxdrainage, Wundverschluss und Wiederherstellung der beidseitigen Ventilation
- Gefahren
Blutung aus V. brachiocephalica, V. cava superior oder anderen mediastinalen Gefäßen
Läsion des N. phrenicus mit Zwerchfellparese oder des N. laryngeus recurrens mit Stimmbandparese
Akute Atemwegs- oder Kreislaufobstruktion bei großer Raumforderung des vorderen Mediastinums
Myasthenische Krise, verlängerte Muskelrelaxation und postoperative respiratorische Insuffizienz (🗎 Daum 2021, 🗎 Vaidya 2025)
- Typische Komplikationen
Nachblutung, Hämatom, Pneumothorax beziehungsweise persistierende Luftleckage
Respiratorische Insuffizienz, Atelektasen, Pneumonie und bei Myasthenia gravis mögliche myasthenische Krise
Zwerchfell- oder Stimmbandparese, Wundinfektion und postoperative Schmerzen
- Postoperatives Management
AWR; bei Myasthenia gravis gezielte Kontrolle von Atemarbeit, Hustenstoß, Schluckfunktion und neuromuskulärer Erholung
Extubation bei ausreichender Wachheit, stabiler Ventilation, erhaltenen Schutzreflexen und klinisch ausreichender Atemmuskelkraft; nach Relaxanziengabe quantitativ bestätigte TOF-Ratio ≥ 0,9 (♛ ESAIC NMB 2023)
Bei respiratorischer oder bulbärer Schwäche beziehungsweise ausgedehnter Operation verlängerte Überwachung oder postoperative Beatmung auf einer entsprechend ausgestatteten Station
Frühzeitige Fortführung der Myasthenie-Medikation, Atemtherapie und Mobilisation (🗎 Daum 2021)