Etomidate

15.1.14. Etomidate#

Spezialitäten, Markennamen

Hypnomidate™, Etomidat-Lipuro (in Sojaöl-Emulsion)

Etomidate ist ein rasch und kurz wirksames intravenöses Hypnotikum ohne analgetische Wirkung. Es zeichnet sich im Vergleich zu anderen intravenösen Einleitungshypnotika durch eine verhältnismäßig geringe Kreislaufdepression aus und wird daher insbesondere bei kardialen Risikopatienten und im fortgeschrittenen Patientenalter eingesetzt.

Etomidate führt zu einer Nebennierensuppression durch reversible Hemmung der 11β-Hydroxylase. Dies wird bei einer Vielzahl akuter Erkrankungen mit einer erhöhten Mortalität und Morbidität in Verbindung gebracht. 🗎 Cuthbertson 2009 🗎 Morris 2005 🗎 Wagner 1984 🗎 Kotani 2023.

Wirkung
  • Hypnose ohne Analgesie

  • Verhältnismäßig geringe Kreislaufdepression

  • Reversible Hemmung der adrenalen Steroidsynthese

Indikationen
  • Einleitung einer Allgemeinanästhesie, klassisch bei Patienten mit erhöhtem hämodynamischem Risiko

Kontraindikationen
  • Kritisch kranke und verletzte, insbesondere septische, Patienten

    Bemerkung

    Die Evidenzlage bezüglich Nebennierensuppression und tatsächlich dadurch verursachter Mortalität ist unklar 🗎 Casey 2026. Es stellt sich aber die Frage, ob angesichts der Unklarheiten nicht anderen, bewährten Optionen (z. B. einem in der Kardio-Anästhesie üblichen Opioid-lastigen Einleitungsregime) der Vorzug gegeben werden sollte.

  • Manifeste Nebennierenrindeninsuffizienz

  • Kontinuierliche Gabe (Hemmung der Cortisol- und Aldosteronsynthese)

  • Porphyrie

  • Soja-, Erdnussallergie

Dosierung
  • Erwachsene: 0,200—0,300 mg / kg i.v. (typisch: 20 mg i.v.)
    Langsame i.v. Injektion über etwa 30 s, gegebenenfalls fraktioniert. Die Gesamtdosis von 60 mg sollte nicht überschritten werden.

  • Ältere Patienten: 0,150—0,200 mg / kg i.v.

  • Kinder ≥ 5 Jahre: 0,300 mg / kg i.v.

  • Kinder < 5 Jahre: Wegen Propylenglycol-Gehalts nicht geeignet, Nutzen-Risiko-Abwägung (nur nicht-Lipid-Emulsion)

  • Niereninsuffizienz: Keine Dosisanpassung

  • Leberinsuffizienz: Die Eliminations-HWZ kann verlängert sein, ohne dass sich die Narkosedauer verlängert.

    Leberzirrhose: Dosisreduktion

Nebenwirkungen
  • Myoklonien und andere unwillkürliche Muskelbewegungen (sehr häufig)

  • Atemdepression, Hypoventilation und Apnoe

  • Muskelrigidität und Trismus

  • Injektions- und Venenschmerz, Phlebitis bzw. Thrombophlebitis

  • Übelkeit und Erbrechen

  • Hypotonie

  • Verminderter Cortisolspiegel und Nebenniereninsuffizienz

Pharmakodynamik
  • Hypnotische Wirkung: Wirkung am GABAA-Rezeptor mit rascher Hypnose ohne Analgesie.

  • Herz-Kreislauf-System: Verhältnismäßig geringe Beeinflussung der Herz-Kreislauf-Funktion.

  • Nebennierenrinde: Dosisabhängige reversible Hemmung der Cortisol- und Aldosteronsynthese durch Hemmung der 11β-Hydroxylase. Bereits eine einzelne Induktionsdosis kann zu einer vorübergehenden Nebenniereninsuffizienz und einem verminderten Serum-Cortisolspiegel führen.

Pharmakokinetik
  • Wirkungseintritt: 30—60 s

  • Wirkdauer: Nach einer üblichen Induktionsdosis etwa 3—5 min.

  • Verteilung: Rasche Verteilung in Gehirn und andere Gewebe. Das Verteilungsvolumen beträgt etwa 4,5 L / kg.

  • Proteinbindung: Etwa 80%.

  • Metabolismus: Metabolisierung in der Leber; die Metaboliten sind pharmakologisch inaktiv.

  • Elimination: Nach 24 h sind etwa 75% der Dosis renal, überwiegend in Form von Metaboliten, eliminiert. Etwa 2% werden unverändert renal ausgeschieden.

  • Eliminationshalbwertszeit: Etwa 3—5 h.

Schwangerschaft und Stillperiode
  • Schwangerschaft: Tierexperimentelle Studien zeigten Reproduktionstoxizität; Hinweise auf ein teratogenes Risiko beim Menschen liegen nicht vor. Etomidate soll während der Schwangerschaft nur angewendet werden, wenn der potenzielle Nutzen die Risiken für den Fötus überwiegt. Etomidate passiert die Plazenta.

  • Stillperiode: Etomidate wurde in der Muttermilch nachgewiesen, Stillen soll erst wieder nach ca. 24 h

Wechselwirkungen
  • Opioide, Sedativa, Alkohol und Neuroleptika können die hypnotische Wirkung von Etomidate verstärken.

  • Andere blutdrucksenkende Arzneimittel können den vorübergehenden Blutdruckabfall bei der Narkoseeinleitung verstärken.

  • Bei gleichzeitiger Gabe von Fentanyl i.v. kann aufgrund einer verminderten Plasma-Clearance und eines verminderten Verteilungsvolumens eine Dosisreduktion von Etomidate erforderlich sein.

Gefahr

Etomidate soll aufgrund der Nebennierensuppression und der damit verbundenen möglicherweise erhöhten Mortalität nicht bedenkenlos bei kritisch kranken, insbesondere septischen, Patienten eingesetzt werden! 🗎 Cuthbertson 2009, 🗎 Morris 2005, 🗎 Wagner 1984, 🗎 Kotani 2023, 🗎 Casey 2026