15.1.38. Propofol#
- Spezialitäten, Markennamen
Disoprivan®, Diprivan®
Propofol ist ein kurzwirksames intravenöses Hypnotikum zur Einleitung und Aufrechterhaltung der Allgemeinanästhesie sowie zur Sedierung. Es besitzt keine klinisch relevante analgetische Wirkung. Die kurze hypnotische Wirkung nach einem Einzelbolus beruht überwiegend auf rascher Umverteilung.
- Wirkung
Hypnose und Sedierung ohne Analgesie
Dosisabhängige Atem- und Kreislaufdepression
Verminderung des zerebralen Sauerstoffverbrauchs und der zerebralen Durchblutung
Antiemetische Wirkung
- Indikationen
Einleitung und Aufrechterhaltung der Allgemeinanästhesie, auch als totale intravenöse Anästhesie (TIVA)
Sedierung bei diagnostischen und therapeutischen Eingriffen
Sedierung beatmeter Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation unter Beachtung der präparatespezifischen Alters- und Dosierungsgrenzen
- Kontraindikationen
Es gibt keine Evidenz für den Verzicht auf Propofol bei Patienten mit Allergien auf Ei, Soja oder Erdnuss (🗎 Scheid 2022, 🗎 Sommerfield 2019, 🗎 Anderson 2019)!
Langzeitsedierung bei Patienten ≤16 Jahre
Relativ: Hypovolämie, hämodynamische Instabilität und ausgeprägte kardiale Funktionseinschränkung
- Dosierung
Die Dosierung ist nach Alter, Allgemeinzustand, Prämedikation, Begleitmedikation und klinischer Wirkung zu titrieren. Die Dosierung richtet sich nach Indikation und Patientengruppe.
Gefahr
Hypovolämie, hämodynamische Instabilität und ausgeprägte kardiale Funktionseinschränkung erfordern besondere Vorsicht und eine entsprechend readikal reduzierte Dosierung.
- Narkoseeinleitung
Erwachsene: etwa 1,5–2,5 mg / kg i.v., titriert
Ältere, geschwächte oder hämodynamisch instabile Patientinnen und Patienten: geringere, langsam titrierte Dosen
Kinder: alters- und präparatespezifische Dosierung; häufig höherer gewichtsbezogener Bedarf als bei Erwachsenen
- Narkoseaufrechterhaltung
TIVA: individuell titrierte kontinuierliche Infusion, 3–9 mg / kg / h
TCI (Target Controlled Infusion): Steuerung anhand eines validierten pharmakokinetischen Modells und der klinischen Wirkung
- Sedierung
Dosis abhängig von Indikation, Beatmungssituation, Alter und Präparat
Intensivmedizinische Anwendung unter Beachtung des Risikos eines Propofolinfusionssyndroms
- Weitere in der klinischen Praxis beschriebene Schemata
Manuelles Infusionsschema „10–8–6“ nach initialem Bolus von 1 mg / kg: 10 mg / kg / h für 10 min, danach 8 mg / kg / h für 10 min, anschließend 6 mg / kg / h
Antiemetische subhypnotische Anwendung: 10–20 mg als wiederholter Bolus bzw. 0,6 mg / kg / h als subhypnotisches Anwendungsschema beschrieben
Bolus |
Repetition |
70 kg |
100 kg |
|
|---|---|---|---|---|
Einleitung |
2–5 mg / kg |
|||
Erwachsene |
2–3 mg / kg |
140–210 mg |
200–300 mg |
|
Ältere |
1–1,5 mg / kg |
70–105 mg |
100–150 mg |
|
TIVA |
Beginn 12 mg / kg / h, danach 6–10 mg / kg / h |
|||
Sedierung |
1–4 mg / kg / h |
- Nebenwirkungen
Atemdepression bis zur Apnoe, Verminderung protektiver Atemwegsreflexe
Hypotonie durch Vasodilatation und negative Inotropie
Bradykardie, selten schwere Bradyarrhythmien oder Asystolie
Injektionsschmerz
Unwillkürliche Bewegungen und Myoklonien
Hypertriglyzeridämie bei längerer Infusion
Selten Pankreatitis
Propofolinfusionssyndrom bei längerer oder hochdosierter Anwendung
- Pharmakodynamik
Propofol verstärkt vorwiegend die inhibitorische Neurotransmission am GABA-A-Rezeptor. Es führt rasch zu Hypnose, besitzt aber keine ausreichende analgetische Wirkung. Die Reduktion des zerebralen Stoffwechsels geht im Allgemeinen mit einer Abnahme der zerebralen Durchblutung und des intrakraniellen Drucks einher, sofern der zerebrale Perfusionsdruck erhalten bleibt. Eine Bronchodilatation kann auftreten.
- Pharmakokinetik
- Wirkungseintritt
Etwa 15–45 s nach intravenöser Gabe, bei verlängerter Kreislaufzeit später
- Hypnotische Wirkdauer nach Einzelbolus
Meist etwa 5–10 min, überwiegend durch Umverteilung begrenzt
- Verteilung
Stark lipophil, rasche Aufnahme in das ZNS und anschließende Umverteilung in periphere Kompartimente
- Metabolismus
Vorwiegend hepatische Konjugation, zusätzlich extrahepatische Metabolisierung
- Ausscheidung
Überwiegend renal als wasserlösliche Metaboliten
- Elimination
Mehrkompartimentkinetik; die terminale Eliminationshalbwertszeit ist deutlich länger als die klinische Wirkdauer eines Einzelbolus
Bei längerer Infusion nimmt die kontextsensitive Abklingzeit zu. Die Aufwachzeit hängt von Infusionsdauer, Dosis und Patientenfaktoren ab.
- Schwangerschaft und Stillperiode
Die Anwendung ist nach Indikation und Nutzen-Risiko-Abwägung zu beurteilen. Propofol ist plazentagängig. Präparatespezifische Empfehlungen für Geburtshilfe und Stillzeit sind zu beachten.
- Anwendungshinweise
Propofol wird wegen seiner geringen Wasserlöslichkeit als Öl-in-Wasser-Emulsion verabreicht. Zusammensetzung, Lipidgehalt, Konservierungsmittel und Handhabungsfristen sind präparatespezifisch.
Ausschließlich bei gesicherter Möglichkeit zur Atemwegssicherung und Beatmung verabreichen
Kontinuierliches Monitoring von Oxygenierung, Ventilation und Kreislauf
Strenge aseptische Handhabung wegen des Risikos mikrobieller Kontamination
Bei längerer Infusion Lipidbelastung und Triglyzeride berücksichtigen
Bei Verdacht auf Propofolinfusionssyndrom die Infusion unverzüglich beenden und alternative Sedierung einleiten
Maßnahmen zur Verminderung des Injektionsschmerzes unter Beachtung der präparatespezifischen Kompatibilität auswählen
Warnung
Das Propofolinfusionssyndrom ist eine seltene, potenziell tödliche Komplikation. Zu den Warnzeichen gehören metabolische Azidose, Rhabdomyolyse, Hyperkaliämie und kardiale Funktionsstörungen. Das Risiko steigt insbesondere bei hohen Infusionsraten, längerer Anwendungsdauer und kritischer Erkrankung.
- Wechselwirkungen
Verstärkte Sedierung und Atemdepression mit Opioiden, Benzodiazepinen und anderen zentral dämpfenden Substanzen
Verstärkte Hypotonie bei gleichzeitiger Gabe kreislaufwirksamer Arzneimittel
Siehe auch