Adrenalin (Epinephrin)

Auf dieser Seite ...

15.1.3. Adrenalin (Epinephrin)#

Spezialitäten, Markennamen

Suprarenin®, L-Adrenalin, EpiPen®

Adrenalin ist ein direkt wirksames Sympathomimetikum (nichtselektiver Agonist), welches dosisabhängig auf α- und β-Adrenorezeptoren wirkt (einschließlich der Hauptsubtypen α₁, α₂, β₁, β₂ und β₃). Bei niedriger Dosis überwiegen β-Effekte (β₂-Vasodilatation, ggf. sinkender diastolischer Druck), bei höherer Dosis dominiert die α₁-Vasokonstriktion. Die organspezifische Wirkung ergibt sich aus der unterschiedlichen Expression der jeweiligen Rezeptortypen. Siehe Adrenorezeptoren.

Wirkung
  • Hämodynamisch wirkt es als Vasopressor (α₁-Rezeptor-abhängige Vasokonstriktion) und erhöht das Herzzeitvolumen durch Bindung an β₁-Rezeptoren (Inotropie und Chronotropie).

Indikationen
  • Reanimation: schockbarer und nicht-schockbarer Rhythmus

  • Anaphylaxie

  • Septischer Schock mit persistierender Hypotonie trotz adäquater Volumentherapie und anderer Vasopressor-Therapie (Noradrenalin)

  • Hämodynamisch wirksame Bradykardie, vasoplegische Hypotonie (Prä-Arrest-Situation)

  • Kardiogener Schock als Rescue-Therapie

  • Schweres Asthma bronchiale als Ultima-Ratio-Therapie

  • Pseudokrupp (inhalativ)

  • Schwellungen der oberen Atemwege (inhalativ)

  • Lokale Vasokonstriktion, z. B. zur Blutstillung

Kontraindikationen
  • Bei vitaler Indikation, insbesondere bei Reanimation und lebensbedrohlicher Anaphylaxie, bestehen keine absoluten Kontraindikationen.

  • Außerhalb vitaler Indikationen sind insbesondere zu berücksichtigen:

    • Hypertonie

    • KHK und andere relevante kardiovaskuläre Erkrankungen

    • Tachyarrhythmien

    • Hyperthyreose

    • Phäochromozytom

    • Engwinkelglaukom

Dosierung

Siehe Tab. 111: Adrenalin Dosierung

  • Niereninsuffizienz: Keine allgemein festgelegte Dosisanpassung

  • Leberinsuffizienz: Keine allgemein festgelegte Dosisanpassung

  • Kinder: Indikationsabhängige Dosierung, siehe Tabelle.

  • Geriatrische Patienten: Besonders vorsichtige, wirkungsorientierte Titration aufgrund erhöhter kardiovaskulärer Empfindlichkeit.

Tab. 111 Adrenalin Dosierung#

Indikation

Dosis

Repetition

bei 70 kg KG

bei 100 kg KG

Reanimation

Erwachsener

1 mg nach dem 3. Schock bzw. bei nicht-schockbarem Rhythmus sobald i.v./i.o.-Zugang

alle 3—5 min

1 mg

1 mg

Kinder

0,010 mg / kg
(max. 1 mg)

alle 3—5 min

Kardiogener Schock (Rescue-Therapie)

0,000025—0,0003 mg / kg / min

0,00175—0,021 mg / min

0,0025—0,030 mg / min

0,020 mg / mL

0,00125—0,015 mL / kg / min

0,075—0,9 mL / kg / h

0,0875—1,05 mL / min

5,25—63 mL / h

0,125—1,5 mL / min

7,5—90 mL / h

Hämodynamisch wirksame Bradykardie, vasoplegische Hypotonie

(Prä-Arrest-Situation)

Supra-Blitz:
1 mg  / 100 ml = 0,010 mg / ml

Milliliter-weise titrieren

Milliliter-weise titrieren

Anaphylaxie

Erw.: 0,500 mg i.m.

Kind: 0,010 mg / kg i.m. (max. 0,500 mg)

bei persistierenden ABC-Problemen nach 5 min

Schweres Asthma bronchiale (Ultima Ratio)

Erw.: 0,010 mg i.v. titrieren oder 0,200—0,500 mg s.c./i.m.

Kind: 0,01 mg / kg s.c./i.m. (max. 0,5 mg)

nach klinischer Wirkung

Kruppanfall

0,500 mg / kg inhal., max. 5 mg

im Vernebler mit NaCl verdünnt

Nebenwirkungen
  • Tachykardie, Palpitationen und Tachyarrhythmien mit erhöhtem O₂-Bedarf

  • Blutdruckanstieg bis zur hypertensiven Krise

  • Periphere Vasokonstriktion und Ischämie

  • Myokardischämie und Angina pectoris

  • Tremor, Unruhe, Angst, Kopfschmerzen und Schwindel

  • Hyperglykämie

  • Hypokaliämie

  • Laktatazidose

  • Gewebsnekrose

Pharmakodynamik
  • Adrenalin ist ein direkt wirkendes, nichtselektives Sympathomimetikum und Agonist an α- und β-Adrenorezeptoren:

    • α₁-Rezeptoren: Vasokonstriktion mit Zunahme des systemischen Gefäßwiderstands und des arteriellen Blutdrucks.

    • β₁-Rezeptoren: Positive Inotropie und Chronotropie mit Steigerung des Herzzeitvolumens und des myokardialen Sauerstoffverbrauchs.

    • β₂-Rezeptoren: Bronchodilatation sowie Hemmung der Freisetzung von Mediatoren aus Mastzellen.

  • Die resultierende Wirkung ist dosisabhängig und wird durch die unterschiedliche Expression der Rezeptorsubtypen in den jeweiligen Organen bestimmt.

Pharmakokinetik
  • Wirkungseintritt: Nach i.v. Gabe unmittelbar; nach i.m. Gabe rasch.

  • Wirkdauer: Kurz aufgrund rascher Metabolisierung und Elimination.

  • Verteilung: Rasche Verteilung im Extrazellulärraum; Adrenalin passiert die Plazenta.

  • Proteinbindung: Etwa 50 %.

  • Metabolismus: Rascher Abbau insbesondere durch Catechol-O-Methyltransferase (COMT) und Monoaminooxidase (MAO).

  • Elimination: Ausscheidung der Metaboliten überwiegend renal, größtenteils in konjugierter Form.

  • Eliminationshalbwertszeit: Im Plasma nur wenige Minuten.

Schwangerschaft und Stillperiode
  • Schwangerschaft: Adrenalin passiert die Plazenta und kann durch Vasokonstriktion die uteroplazentare Perfusion vermindern. Bei vitaler Indikation, insbesondere bei Anaphylaxie oder Reanimation, darf die notwendige Gabe nicht verzögert werden.

  • Stillperiode: Aufgrund der sehr kurzen Plasmahalbwertszeit und der geringen zu erwartenden oralen Bioverfügbarkeit beim Säugling ist eine Stillpause nach notwendiger Adrenalingabe in der Regel nicht erforderlich.

Wechselwirkungen#

  • Kalzium-Gabe (Arrhythmien)

  • volatile Anästhetika, v. a. Halothan (Arrhythmien)

  • Digitalis (Arrhythmien)

  • trizyklische Antidepressiva und MAO-Hemmer (verstärkte Wirkung)

  • α-Blocker (paradoxe Hypotonie)

  • Antidiabetika (Hyperglykämie)

  • Kokain

  • Natriumhydrogencarbonat: chemisch inkompatibel, nicht über denselben Zugang!

Warnung

  • Bei Patienten unter Betablocker-Therapie kann die α-Rezeptor-Wirkung überwiegen und eine ausgeprägte Vasokonstriktion bzw. Hypertonie verursachen.

  • Eine versehentliche paravasale Gabe kann durch ausgeprägte lokale Vasokonstriktion zu Ischämie und Gewebsnekrose führen.

  • Die lokale Anwendung zur Vasokonstriktion in Endstromgebieten ist präparate- und situationsabhängig zu beurteilen; die Fachinformation des verwendeten Präparats ist zu beachten.