9.1.9. Bauch- und Beckentrauma#
Achtung
Dieser Abschnitt ist noch auf Sanitätshilfe-Niveau und muss noch inhaltlich erweitert werden! Mitarbeit ist gerne geshen. Bitte beachten Sie § 1.3.3: “Hinweise zur Mitarbeit und Einreichung von Beiträgen”.
Ein Bauchtrauma oder Abdominaltrauma ist eine Verletzung des Abdomens. In einigen Büchern ist das Bauchtrauma als Untergruppe des akuten Abdomens klassifiziert. Häufigste Ursachen sind Verkehrsunfälle, Stürze aus großer Höhe sowie Stoß- und Schlagverletzungen. (Redelsteiner et al. 1) Grundsätzlich ist zwischen offenem (perforierendem, penetrierendem) und geschlossenem (stumpfem) Bauchtrauma zu unterscheiden. Alle Bauchtrauma können mit massiven inneren Blutungen verbunden sein.
Offenes (perforierendes) Bauchtrauma |
Geschlossenes (stumpfes) Bauchtrauma |
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Offenes Bauchtrauma#
Fig. 170 Offenes Bauchtrauma mit Austritt von Darmschlingen#
© David Hauer ℓ MfG
Offene Bauchtraumata sind seltener als geschlossene Bauchtraumata. Beim offenen Bauchtrauma kann es zum Austritt von Darmschlingen kommen. Die Größe der Eintrittswunde sagt nichts über den Schweregrad der Verletzung aus, da unter der Eintrittswunde unterschiedlich schwere Organschäden mit inneren Blutungen versteckt sein können. In 25 % der Fälle treten Begleitverletzungen im Brustkorb auf (Strauss and Fülöp, n.d.).
Maßnahmen: Bauchtrauma, offen#
- Taktik
Zeitkritisch! Vitale Bedrohung! Zügiger Transport in eine geeignete Einrichtung
- ⛑ Basismaßnahmen
Standardmaßnahmen bei vital bedrohten Patienten, Besonderheiten:
Lagerung: Bauchdecke entspannen , Knierolle
Darmteile nicht zurückstopfen → sonst Darmriß/Darmverschluß
Steril abdecken, mit Ringerlösung feucht halten
Gefahr des Eindringens von Keimen (Peritonitis/Sepsis!)
Transportentscheidung: Schockraum
Geschlossenes Bauchtrauma#
Geschlossene Bauchtraumata sind aufgrund der inneren Blutungen besonders gefährlich. So kann es z. B. bei einer Milzruptur zu einem Blutverlust von 4 Liter kommen!
Achtung
Immer nach Prellmarken suchen. Patienten entkleiden!
Symptome#
Starke Bauchschmerzen
Brettharte Bauchdecke (Abwehrspannung, Défense )
Leitsymptom: Schockzeichen
Beim Bewußtlosen schwierig zu diagnostizieren
Gründlich nach Prellmarken suchen!
Gefahren#
Gefäßverletzungen
Aorta, Vena cava, …
Massive innere Blutungen → Volumenmangelschock
Zerreißung von Organen (Milz, Leber)
Massive innere Blutungen (bis über 4 Liter) → Volumenmangelschock
Zerreißung von Hohlorganen (Magen, Darm,Gallengänge )
Austritt von Speisebrei, Magensaft, Stuhl, Gallensekret
Bauchfellentzündung (Peritonitis) nach Std. bis Tagen
Sepsis (hohe Letalität), septischer Schock
Milzruptur#
Die Milz ist ein sehr gut durchblutetes Organ, daher ist bei einer Verletzung die Blutungsgefahr sehr groß. Aufgrund der festen Kapsel kann es sowohl unmittelbar nach der Verletzung zu starken Blutungen kommen, aber auch zeitversetzte, verspätete Blutungen sind möglich. Demnach unterscheidet man:
Einzeitige (primäre) Milzruptur: Die Milz und die Kapsel reißen gleichzeitig, es kommt zu einem unmittelbaren Schockzustand.
Zweizeitige (sekundäre) Milzruptur: Das Milzgewebe ist verletzt, die Kapsel bleibt jedoch erhalten: Es blutet zuerst in die noch erhaltene Kapsel ein und der Druck steigt. Wird der Druck zu groß, reißt nach einer gewissen Zeit, es kann sich dabei um Stunden oder auch Tage handeln (Latenzzeit), die Kapsel und der Patient blutet nun plötzlich ungehindert in den Bauchraum: Der Patient wirkt zuerst unauffällig, unerwartet und plötzlich verschlechtert sich seine Kreislaufsituation und sein Zustand, er kann binnen kurzer Zeit in einen Volumenmangelschock geraten.
Daher ist es wichtig jeden Patienten, bei dem auch nur der geringste begründete Verdacht auf eine Milzverletzung besteht, einer weiterführenden Untersuchung und Überwachung im Spital zuzuführen und bis dahin jede weitere Bewegung zu vermeiden (*Bewegungsverbot)!*[1]
Weitere innere Verletzungen#
Der Bauchraum beherbergt viele, teilweise sehr gut durchblutete Organe die bei einer Verletzung zu erheblichen Blutverlusten führen können. Im Folgenden werden die Leberruptur, die Aortenruptur sowie die Nierenruptur näher beschrieben. Präklinisch äußern sich diese Verletzungen im durch den Blutverlust hervorgerufenen Schockzustand. Weitere Hinweiszeichen sind Prellmarken oder Schmerzen in der entsprechenden Gegend.
Außerhalb eines Spitals kann man derartige Verletzungen kaum ursächlich behandeln, im Vordergrund steht die Erkennung, Schockbehandlung und der zügige Transport in ein Traumazentrum.
Leberruptur#
Die Leber ist auch gut durchblutet und kann im Falle einer Verletzung große Probleme machen. Ursachen sind meist stumpfe Verletzungen, z. B. ein Lenkradaufprall oder eine Sicherheitsgurtkompression. Der Patient klagt meist über einen starken Drucksschmerz im rechten Oberbauch. Durch den Blutverlust durch die Verletzung dieses stark durchbluteten Organs kann es zu einem Volumenmangelschock kommen. Wie bei der Milz kann es auch hier zu einer zweizeitigen Leberruptur kommen.
Aortenruptur#
Durch einwirkende starke Kräfte kann es zu einem Riss in der Aorta kommen. Besonders bei Stürzen aus großen Höhen kann dies vorkommen. Da es sich bei der Aorta um das größte Gefäß des Körpers handelt ist die Prognose äußerst schlecht.
Nierenruptur#
Die Niere als naturgemäß gut durchblutetes Organ kann im Falle einer Verletzung auch massive Probleme machen.
Beckentrauma#
Ein Beckentrauma ist eine Verletzung des Beckens.
Besonders gefährlich sind Frakturen des Beckengürtels (Pelvis (Beckenring)). Stehen und Gehen ist dann nicht mehr möglich, der Patient verspürt starke Schmerzen bei jeder passiven Bewegung beider Beine. Da der Beckenknochen gut durchblutet ist, können binnen weniger Minuten bis zu fünf Liter Blut (also fast die gesamte Blutmenge) verloren gehen. Es besteht höchste Schockgefahr! Eine Kompression des Beckens ist überlebenswichtig um den möglichen großen Blutverlust einzudämmen.
Entstehung durch erhebliche Gewalteinwirkung (Verschüttung, Überrolltrauma)
Massive Blutungen (bis 5L in wenigen Minuten), Gefahr des Ausblutens (evtl. ohne sichtbare Blutungsquelle!)
Mitverletzung von Organen im kleinen Becken:
Dickdarm → Blutung aus Anus
Harnsystem → Blut im Harn, Harn in der Bauchhöhle
Hoden → Hämatome am Skrotum und am Damm
Maßnahmen: Beckentrauma, instabil#
- ⛑ Basismaßnahmen
Standardmaßnahmen bei vital bedrohten Patienten, Besonderheiten:
Lagerung: flach
Schockbekämpfung
Wirbelsäulenschonende, situationsgerechte Rettung (z. B. mittels Schaufeltrage)
Lagerung auf/Schienung mit Vakuummatratze (wenn Lagerung mit erhöhten Beinen notwendig ist, Tragentisch schräg stellen)
Bei Beckenfraktur: Beckengurt, zur Not mit Gürtel
Transportentscheidung: Schockraum
51.2. Stumpfes Bauchtrauma#
In 30 % findet sich eine Milzruptur! (Sonographie!!) Grad I: subkapsuläres Hämatom, < 1cm Parenchymtiefe, nichtblutend, < 10 % OF Grad II: subkapsuläres Hämatom 10-50 % OF, < 2cm Parenchymtiefe Grad III: subkapsuläres Hämatom > 50 % OF, > 3cm Tiefe oder Gefäßverletzung, aktiv blutend Grad IV: Rupturiert frisch blutend, > 25 des Organs devaskuliert Grad V: komplett zerstörtes Organ, komplett devaskuliert.
Grad I-III konservative Therpie (Ausnahme: Grad III + Polytrauma), IV+V OP!! Milz hat wichtige immunologische Funktion, daher Pneumokokken-Impfung nach Splenektomie. Bei Postsplenektomiesepsis > 50 % Letalität!
Selten Nierenverletzungen (1 % der Polytrauma): blutiger Harn, Sono + IVP + CT bei Verletzung des Nierenbeckens, Nierengefäße, Harnwege und Blase operative Sanierung nötig. 20 % Leberruptur mit hoher Mortalität ab Grad IV; häufig Spätkomplikationen: ARDS, Rezidivblutungen, Leberfunktionsstörungen, Abszesse,… Grad I: subkapsuläres Hämatom, < 1cm Tiefe, nicht blutend, < 10 % OF Grad II: subkapsuläres Hämatom, < 2cm Tiefe, 10-50 % OF Grad III: subkapsuläres Hämatom, 2-3cm Tiefe, > 50 % OF, aktiv blutend Grad IV: > 50 % eines Leberlappens lazeriert, Venenverletzung, blutend Grad V: Vaskulär: Leberzereissung Trend geht zu konservativer Behandlung mit guter Gerinnungskorrektur nach ROTEM. Grad I-II Fibrinklebung, höhere Grade Tuchtamponade, Leberteilresektion bis Hepatektomie.