9.1.10. Polytrauma#

Achtung

Dieser Abschnitt ist noch auf Sanitätshilfe-Niveau und muss noch inhaltlich erweitert werden! Mitarbeit ist gerne geshen. Bitte beachten Sie § 1.3.3: “Hinweise zur Mitarbeit und Einreichung von Beiträgen”.

Der Begriff Polytrauma bezeichnet gleichzeitige Verletzungen mehrerer Körperregionen oder Organsysteme, von denen wenigstens eine allein oder die Kombination mehrerer lebensgefährlich ist. Die Arbeitsdiagnose Polytrauma kann auch ausschließlich aufgrund eines Verdachts, begründet auf den Unfallmechanismus und eventuell der Vitalparameter, gestellt werden.

Beispiele:

  • Bauchtrauma + Oberschenkelfraktur

    SHT + WS + Thoraxtrauma

→ Polytrauma

  • Gebrochener Finger + gebrochene Zehe → kein Polytrauma

Definition
  • Verletzung einer Körperhöhle und zweier langen Röhrenknochen

  • Verletzung zweier Körperhöhlen (Bauch, Thorax, Schädel)

  • Gleichzeitiges Vorliegen mehrer Verletzungen, von denen mindestens eine vital bedrohlich ist

  • ISS > 17 Mortalität bei Knochenverletzungen am höchsten!

Die Sterblichkeit bei polytraumatisierten Patienten liegt zwischen 20—50 %, ist also hoch. Ein gezieltes, strukturiertes und zügiges Vorgehen ist daher unabdingbar! Im Idealfall sollten zwischen dem Eintreffen der Rettungskräfte und der definitiven Versorgung im Spital nicht mehr als 60 Minuten vergehen. Die Behandlung muss sich daher in erster Linie an der Stabilisierung der Vitalfunktionen und nicht an den Einzelverletzungen orientieren!

Fazit

  • Der Patient gilt als polytraumatisiert bis zum Beweis des Gegenteils! Jedes Polytrauma stellt eine vitale Bedrohung dar.

  • Ein polytraumatisierter Patient ist ein zeitkritischer Patient!

Tab. 53 Häufigkeit der betroffenen Organsysteme bei der Diagnose Polytrauma#

Anteil [%]

Verletzung

60–67

Schädel-Hirn

45–75

Extremitäten

25–30

Thorax

10–37

Abdomen und Becken

5–15

Wirbelsäule

Pathophysiologie des Polytraumas#

  • Ischämie: Blutverlust mit Hypotonie und Perfusionsabnahme → Zentralisation/Schock = Hypoxie und anerober Stoffwechsel mit Azidose, Aufhebung der Vasokonstriktion durch Zyokine mit Capillaryleak Flüssigkeitsverlust ins Interstitium mit weiterem Blutdruckabfall.

  • Reperfusion: Bei Wiederauffüllen des Volumens kommt es zur Aufhebung der aneroben Glykolyse durch Reperfusion → Einschwemmen von vasoaktiven Substanzen in den Kreislauf mit Hypotonie + Entstehen von Sauerstoffradikalen, welche Tight junctions schädigen, erhöhte NO-Produktion durch TNFα, Aktivierung des Komplimentsystems mit DIC. Das Ausmaß ist vom Ausmaß der Ischämie und der Dauer der Reperfusionsphase abhängig.

  • Weichteiltrauma: mit Schmerz, Blutung/Hämatom mit lokaler Mediatorfreisetzung und Fernwirkung der Mediatoren.

  • Immunversagen: Rascher Verbrauch der humoralen und zellulären Komponenten des Abwehrsystems.

    Leukopenie korreliert mit Verletzungsschwere (Neutrophile Granulozyten und Makrophagen hängen am geschädigten Endothel). Translokation der Darmbakterien und Einschwemmen von Endotoxinen bei Ischämie des Darms.

    Wichtig sind Hygienemassnahmen!

Gefahr

CAVE: ab Trauma Gastroparese, daher NICHT NÜCHTERN!

Oft Aspiration von bewusstlosen Verletzten!

Diagnostik#

Indikation für ein Polytrauma- Ganzkörper CT / Schockspirale:

  • Unfallhergang: Sturz aus großer Höhe, Verkehrsunfall als Fußgänger oder hohe Geschwindigkeit, Explosion, Einklemmung

  • Vitalparameter: GCS < 10, RRsyst < 80, O₂ < 90 %, Atemfrequenz < 10 oder > 24/min

  • Verletzungsmuster: Thorax instabil, > 1 großer Röhrenknochen betroffen, stumpfes Bauchtrauma, prox. Amputation

Maßnahmen Polytrauma, allgemein#

Taktik

Vitale Bedrohung! Zeitkritisch! Rasche Bergung, Stabilisierung der Vitalfunktionen, Immobilisierung, rasche Versorgung von gefährlichen Verletzungen, rascher Transport

⛑ Basismaßnahmen
  • Standardmaßnahmen bei vital bedrohten Patienten, Besonderheiten:

    • Lagerung: situationsgerecht, ggfs. Wirbelsäulenimmobilisation, bzw. entsprechend den Verletzungen und der Herz-Kreislauf-Situation

  • Gefährliche Verletzungen versorgen (starke Blutungen, Beckengurt, …)

  • Wärmeerhalt: Der Wärmeerhalt hat massiven Einfluss auf das Überleben!

  • Verletzungsmuster/Unfallmechanismus erheben → zu erwartende Komplikationen einschätzen

  • Notarzt: Schmerztherapie, Narkose, Intubation und Beatmung

  • Transportentscheidung:

    • Transportentscheidung: Schockraum, mit Voranmeldung (Aviso) über Leitstelle

    • Hubschrauber-Transport erwägen

Management der chirurgischen Versorgung
  • Vital ind. OP: sofort, Massiv Blutung, penetr. Traumen, Hämatomausr. bei SHT

  • Dringliche OP: Arterienverletzungen, offene und instabile Frakturen (Femur, WS,…)

  • Rekonstr. OP: im Intervall bei Kieferchir, stabile Frakturen am 5 bis 8 posttraumatischen Tag, da am 2 bis 4 va. bei OP > 3h erhöhte Rate an Organdysfunktionen.