ARDS#
Das ARDS (Acute Respiratory Distress Syndrome, akutes Lungenversagen) ist die massive Reaktion der Lunge auf verschiedene schädigende Faktoren. Es liegt eine nichtkardiale, primäre Ursache zugrunde.
Pathomechanismus#
- Ursachen
am häufigsten: SIRS, SEPSIS, TRALI und Polytrauma;
weiters Infektion, Kontusion, Aspiration, tox. Inhalation.
inflammatorische Reaktion der Lunge
(Zytokinausschüttung: IL 1, IL6, TNFα, µINF)
capillary Leak/Ödem
gestörte Surfactantproduktion und Funktion
Mehrkompartmentmodell der Lunge:
Basal/abhängend Atelektasen
Mitte kleine gesunde Lunge
apikal/ventral überblähte Lunge.
In weiterer Folge kommt es zu einem strukturellen Umbau mit Fibrosierung, disseminierter Verlegung der Kapillaren mit pulmonaler Hypertonie und Rechtsherzbelastung und Ausbildung eines intrapulmonalen Rechts-Links-Shunts mit “sauerstoffrefraktärer Zyanose”.
Symptome#
Leitsymptom: Dyspnoe und Tachypnoe mit Hypoxämie (Hyperventilation mit verm. paCO₂ und Azidose)
Diagnosekriterien (Berlin-Definition):
Oxygenierungsstörung:
mild (Horovitz-Quotient (HQ) 200-300)
moderat HQ 100-200
servere HQ <100 bei PEEP 5
Akuter Beginn: 7 Tage nach definierten Ereignis (onset of ARDS)
Keine kardiale Ursache: Linksherzversagen mit ECHO oder PCWP < 18mmHg ausgeschlossen
Früher: C/P bilaterale Verschattung bei unverändertem Herzen und keinen Pleuraergüssen
Differentialdiagnosen#
kardiales Lungenödem,
Pneumonie,
“Amiodaron Lunge”
Therapie#
Die wesentlichen Therapieziele sind:
adäquate Oxygenierung,
keine weiteren Lungenschäden verursachen,
Reduktion des extravaskulären Lungenwassers,
Reduktion systemischer Entzündungsreaktionen!
Beatmungstherapie#
- Baby-lung-concept
Lungenprotektion hat Vorrang vor CO₂-Elimination
VT 5-6 ml/kg, PEEP > UIP, Endexpiratorische Plateaudruck < OIP
z.B. BIPAP mit erhaltener Spontanatmung, damit die physiologische Verteilung des Atemgases zu den basalen Lungenabschnitten erhalten bleibt und das Ventilations/Perfusionsverhältnis physioloisch bleibt.
Bessere Atemmechanik und Hämodynamik.
Ein hoher PEEP und IRV ist auch bei Spontanatemmodus möglich! Weniger Sedierung und keine Relaxierung!
PEEP mindestens 10-12!
Die meisten Schäden bilden sich in der ersten Woche. High volume injury > OIP durch Baro/Volutrauma und low volume injury < UIP durch Atelektasenbildung
Ziel: Verbesserung der Oxygenierung! Dokumentation der BGA + vermerktem endexpiratorischen CO₂ für den Trend!
- PEEP-Einstellung
2-4 über dem UIP
Nach Tabelle fixen Kombination mit FiO₂ (high PEEP Tabelle)
Nach maximalen paO₂ und minimalem paCO₂ mit schrittweiser PEEP-Erhöhung und BGA Inital führt eine PEEP-Erhöhung vorallem zu einem erhöhten Atemwegsdruck. Die Rekrutierung erfolgt erst nach Minuten bis 2 Stunden!
- Permessive Hyperkapnie
oft paCO₂ erhöht, limitierend ist pH mit Zielgröße > 7,2 (bis dahin durch Rechtsverschiebung Vorteil der leichteren O₂-Abgabe ans Gewebe) Unerwünschte Folgen der Azidose sind verminderte Myokardkontraktion (calciumantagon. Effekt der Azidose), vermehrt Herzrhythmusstörungen, Hyperkaliämie. Keine Pufferung mit NaBiC (CO₂ kann nicht abgeatmet werden!)
- KI der PHC
Rechtsherzinsuffizienz, Katecholaminpflichtige MI, SHT mit erhöhtem ICP, IRV > 1:1 um Kontaktzeit zu verlängern (verkürzt jedoch auch Expirationszeit mit CO₂ Abatmung) NO-Inhalativ, Prostazyklin (Flolan)
- Kreislaufmanagement
ausgeglichene Bilanz um ein weiteres Lungenödem zu vermeiden (neg. Bilanz, Diurese fördern, ev. HF), jedoch Hypotonie und MOF vermeiden!
Ev. Pulmonalisdruck senken (NO wirkt Rechtsherzversagen entgegen)
- Lagerungstherapie
Seitenlagerung und Bauchlagerung
- Voraussetzung für Messung des UIP und OIP
Pat. relaxiert, abgesaugt, System dicht, VCV
- Bestimmung des UIP
PEEP-Steigerung in 2 mbar Schritten bis mind. 14
nach immer 5 bis 10 Atemzügen Compliance = VT/Plateaudruck minus PEEP aufschreiben,
das PEEP-Niveau mit der besten Compliance ist der UIP (normal 1,5 ml/mbar/kg, ca. 100, bei ARDS oft 20-30)
- Bestimmung des OIP
Umstellen auf PCV mit PEEP über UIP
Reduzieren des Plateaudrucks in 2mbar Schritten nach 5-10 Atemzügen und Compliance berechnen, solange bis keine weitere Verbesserung der Compliance erreicht werden kann ODER VT kleiner als 6 ml/kg wäre.
- Rekruitmentmanöver
Pat. ist tief sediert, ev. relaxiert ohne Eigenatmung, endotracheal abgesaugt.
OPEN LUNG AND KEEP IT OPEN!
Nach Lachmann: PCV mit 50-60 Plateaudruck und > 20 PEEP für 5-15 Atemzüge mit anschließendem decremental/absteigendem PEEP TRIAL für UIP
CPAP-Rekr.: Kontinuierliche Blähung mit 40-60mbar für 20-30 sec. (bevorzugtes Manöver)
Intermitt. Seufzer: 3 Atemzüge mit 45mbar/min
Verlängerte Seufzer: stufenweise Steigerung bis auf 40mbar + PEEP bis 30mbar für mehrere Minuten
- Komplikationen
Blutdruckabfall mit akuter Rechtsherzbelastung, Bradykardie, SaO₂-Abfall, ICP- Anstieg, Pneumothorax
- Effektivitätskriterien
paO₂ steigt, paCO₂ sinkt, Compliance besser KI: Pneu, Schock, Hypovolämie, Emphysem, unilat. ARDS, St.p. LungenTX, RDS des Früh/Ng, ICP erhöht.
- Intrapulmonaler RE-LI-Shunt
korreliert mit Hypoxämie, abh. von HPV und HZV; paO₂ fällt linear ab, bei Shuntvolumen > 35 % kann der paO₂ nicht mehr durch eine Steigerung des FiO₂ verbessert werden.
- Test
FiO₂ um 20 % steigern = paO₂ bleibt unverändert bei Shunt!
Der paCO₂ steigt erst bei einem Shuntvolumen > 60 % und ist oft durch kompensatorische Hyperventilation sogar erniedrigt. Das Shuntausmaß ist abhängig von der Effektivität der HPV.
- HPV (hypoxisch pumonale Vasokonstriktion)
aufgrund des Euler-Liljestrand-Mechanismus kommt es bei einer regionalen alveolären Hypoventilation mit vermind. O₂ zu einer reflektorischen Vasokonstriktion.
Eine Verminderte HPV erreicht man durch:
NO inhalativ,
Prostazyklin,
volatile Anästhetika,
Opioide,
Hyperventilation mit Hypokapnie.
- SCORING
SAPS: simplified acute physiology Score = zur Prognosebeurteilung innerhalb der ersten 24 h auf einer Intensivstation. Nicht berücksichtigt sind: < 18Lj, Verbrennungspatienten, KHK-Pat, kardiochirurgische Patienten.
APACHE II: outcome Score: Alter, Vorerkrankungen, Vitalparameter, ph, BGA, Labor werden erfasst.
Pharmakotherapie#
- Antibiose
z.B. Augmentin und Klacid (atyp.Keime)
Ev. Antioxianzien (Selen, N-Acetylcystein), Mucosolvan (Ambroxol) soll Surfactantproduktion positiv beeinflussen.
Medikamente: Ketoconazol und Glucocortikoide werden nicht mehr empfohlen.
Sontiges#
Kohlenhydrat-arme Ernährung (vermind. CO₂ Prod.) und Omega-3-FS reich (immunmodul.)
Extrakorporale CO₂-Eliminationsverfahren (ECMO, ILA) bei unbeherrschbarer Hyperkapnie, Azidose