Ⓑ Atmung (Breathing)#
Unter Punkt Ⓑ die Funktion der Atmung beurteilt. Dies kann klinisch, aber auch unter Zuhilfenahme von diagnostischen Geräten erfolgen.
Klinische Beurteilung#
Achten auf Sprechdyspnoe
Einschätzung von Atemfrequenz (\(f\)) und Tiefe (Zug- bzw. Tidalvolumen, \(V_t\)) der Atmung. Frequenz und Zugvolumen ergeben das Atemminutenvolumen (AMV, \(V_\text{min}\)):
\[ V_\text{min} = f \times V_t \]Tachypnoe, Bradypnoe (alters- und belastungsabhängig, siehe Tab. 38)
Hyperventilation: erhöhtes AMV, d.h. zu schnell und zu viel, pCO₂ wird vermehrt abgeatmet
Atemmuster
Beurteilung der Atemmechanik:
Thoraxexkursionen (seitengleich?),
pathologische Bauch- und Thoraxbewegungen (“Schaukelatmung”)
Anstrengungen beim Atmen (Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, Einziehungen an den Rippen, Nasenflügeln (bei Kindern), sichtliches Ringen um Luft, Ausatmen durch „geschürzte“ Lippen (“PEEP”)
Orthopnoe (bzw. der dringende Wunsch, sich aufzusetzen, Unruhe)
Unruhe und Angst sind unspezifische, aber häufige Zeichen einer Atemstörung
Achten auf Atemgeräusche (inspiratorischer/exspiratorischer Stridor, Brodeln)
Ein exspiratorischer Stridor sowie Giemen können Anzeichen für eine bronchiale Obstruktion bzw. Spastik sein. Brodelnde Atemgeräusche finden sich häufig beim Lungenödem oder nach Aspiration.
Hautfarbe (Zyanose)
Orientierende Auskultation
Hier ist besonders auf die seitengleiche Belüftung, feuchte Rasselgeräusche (Stauung, Lungenödem, Aspiration) oder spastische Atemgeräusche zu achten.
Bei Verdacht auf das Vorliegen einer mechanisch bedingten Atemstörung oder Trauma Abtastens des Thorax
Eine insuffiziente Atmung liegt dann vor, wenn das erforderliche Atemminutenvolumen nicht erreicht wird.
Atemhilfsmuskulatur#
Die Atemhilfsmuskeln besitzen an sich eine eigene Hauptfunktion in Bezug auf die obere Extremität. Wird diese jedoch fixiert (z. B. durch Aufstützen), kommt es zu einer Umkehr von Punctum mobile und Punctum fixum, d. h. es wird nicht der Arm gegenüber des Brustkorbs bewegt, sondern der Brustkorb in Bezug auf den (fixierten) Arm. Dadurch kann die Atemhilfsmuskulatur bei Bedarf (z.B. Asthmaanfall) die Atmung unterstützen. Dies ist durch die typische Haltung des Patienten (aufgestützte Hände etc.) oft gut zu erkennen.
Zyanotische Lippen
Patientin mit einem akuten Asthmaanfall: Sie sitzt auf einer Treppe und stützt sich nach hinten mit den Armen ab, um die Atemhilfsmuskulatur einzusetzen.
Totraumventilation und Schnappatmung#
Unter dem Totraum versteht man den Teil der Atemwege, der nicht am Gasaustausch teilnimmt, im wesentlichen der gesamte Weg von der Nasenspitze bis kurz vor den Lungenbläschen (Alveolen). Er beträgt beim Erwachsenen physiologisch ca. 150—200 mL. Das Verhältnis von Totraumventilation zum Volumen, welches am Gasaustausch beteiligt ist, ist aus mehreren Gründen entscheidend:
Tachypnoe: Bei flacher, schneller Atmung muss im Verhältnis zur alveolären Beatmung viel Totraum bewegt werden, was Kraft und Sauerstoff kostet: Atemfrequenzen über 30 / min in Ruhe führen beim Erwachsenen bald zur Erschöpfung und müssen dringend behandelt werden
Bei der Schnappatmung handelt es sich, dem Namen entsprechend, um, teils eindrucksvolle, schnappende Atembewegungen, welche jedoch nur zu einer minimalen Bewegung der Luftsäule führen. Das Atemzugsvolumen ist folglich so gering, dass es zu einer Totraumventilation kommt und die Atmung somit hochgradig insuffizient (d. h.: faktisch nicht vorhanden) ist. Infolge der beeindruckenden Atemarbeit wird dieser funktionale Atemstillstand aber häufig viel zu spät als solcher erkannt mit einer entsprechenden Verzögerung der Reanimationsmaßnahmen.
Zusätzlich zum Totraum, der durch die anatomischen Strukturen vorgegeben ist, gibt es auch den alveolären Totraum: Hier handelt es sich um belüftete Alveolen, die schlecht oder gar nicht durchblutet werden, dadurch wird natürlich der Gasaustausch entsprechend beeinträchtigt.
AF [/ min] |
AZV [ml] |
|
|---|---|---|
Neugeborenes |
30—50 |
20—30 |
Säugling |
20—30 |
40—55—80 |
Kleinkind |
20—30 |
80—180 |
Schulkind |
15—20 |
240—350 |
Jugendlicher |
14—20 |
500 |
Erw. ♂ |
12—16 |
800 |
Erw. ♀ |
12—16 |
700 |
Kriterium |
Befund |
Beschreibung |
|
|---|---|---|---|
Beschwerde |
Atemnot (Dyspnoe) |
Leitsymptom, subjektiv |
|
Atemgeräusch |
Brodeln |
Blubbern, klassisch für Lungenödem |
|
Stridor, inspiratorisch |
obere Atemwegs-Problematik |
||
Stridor, exspiratorisch |
untere Atemwegs-Problematik |
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Brummen, Giemen |
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Rasselgeräusche |
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Frequenz |
Beschleunigt |
Tachypnoe |
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Verlangsamt |
Bradypnoe |
||
Atemzugsvolumen |
Schnappatmung |
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Flache Atmung |
|||
Tiefe Atmung |
Z. B. Kußmaul’sche Atmung |
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Hautfarbe |
Blass |
Normal, Anämie, Blutverlust |
|
Rosig |
Normal, CO-Vergiftung |
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Bläulich |
Zyanose: Hypoxie! |
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Körperlich |
Einziehungen an den Rippen |
Einsatz der Atemhilfsmuskulatur |
|
Aufstützen |
Einsatz der Atemhilfsmuskulatur |
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Nasenflügeln |
Atemnot, besonders bei Kleinkindern |
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Aufrechte Position |
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Paradoxe Atmung |
Brustkorb senkt sich bei Einatmung, z. B. bei Serienrippenfraktur |
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Headbobbing |
Kinder: Einsatz des M. Sternocleidomastoideus |
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Juguläre Einziehungen |
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Geräte |
Pulsoxymetrie |
O₂-Sättigung |
|
Kapnometrie |
CO₂-Messung (Cave: Interpretation bei Diffusionsstörung!) |
||
Blutgasanalyse |
O₂- und CO₂-Diffusion |
Annäherung an den Patienten © Michael Motal,
Zyanotische Lippen © :term:, :term:,
Fig. 80 Bilderserie: Breathing#
Fig. 81 Patientin mit einem akuten Asthmaanfall#
Sie sitzt auf einer Treppe und stützt sich nach hinten mit den Armen ab. Die Erstmaßnahmen bei vital bedrohten Patienten wurden ergriffen: Situationsgerechte Lagerung, Sauerstoffgabe, Reanimationsbereitschaft, Notarztnachforderung und Monitoring.
© GaSe ℓ MfG
Apparative Diagnostik#
Typische Maßnahmen#
Spezielle Maßnahmen bei Ateminsuffizienz
Spezielle Maßnahmen bei Atemstillstand
Sauerstoffberieselung
Lippenbremse: Die Lippenbremse ist eine besondere Atemtechnik bei Erkrankungen der unteren Atemwege und funktioniert ähnlich wie der PEEP.
Dabei atmet der Patient langsam und gleichmäßig durch die beinahe geschlossenen Lippen, also gegen einen Widerstand, aus. Dadurch kommt es zu einer Verlängerung der Ausatmung und einem Luftrückstau und einer Druckerhöhung bis in die Bronchien und Alveolen, dies verhindert einen Kollaps derselben. Zusätzlich ermöglicht diese Atemtechnik eine vermehrte Schleimablösung.
Beengende Kleidung öffnen
Lagerung mit erhöhtem Oberkörper
Atemkommandos, Voratmen