Ⓒ Kreislauf (Circulation) und Schnelle Trauma-Untersuchung (STU)#
Klinische Einschätzung des Kreislaufs#
Die erste Einschätzung des Kreislaufes dauert nur wenige Sekunden. Durch die Beurteilung der Hautfarbe und -temperatur, des Radialispulses (gut oder schlecht tastbar, geschätzte Schnelligkeit, Rhythmik), sowie der Rekap-Zeit an den Fingerkuppen kann man auf einfache Weise die Kreislauffunktion beurteilen. Bei der Rekap-Zeit wird ein leichter Druck auf das Nagelende ausgeübt bis das Nagelbett weiß ist, dann lässt man los. Innerhalb von 1—2 Sekunden sollte das Nagelbett wieder rosarot sein. Eine verlängerte Rekap-Zeit deutet auf eine lokale Durchblutungsstörung[1] oder Zentralisierung hin.
Herzleistung und Blutdruck#
Das Herz schlägt beim Erwachsenen mit einer Herzfrequenz (HF, bzw. Pulsfrequenz, PF) von 60—100 / min . Bei Belastung kann die Herzfrequenz beträchtlich gesteigert werden. Durch die Pumpfunktion des Herzens entsteht der arterielle Blutdruck.
Beurteilung der Herzfrequenz#
Die Herzfrequenz ist alters- und belastungsabhängig. Bei der Beurteilung der Herzfrequenz muss daher immer an die Umstände (Ruhe, Belastung, …) und an den Erregungszustand des Patienten gedacht werden! Die Werte beziehen sich auf den Erwachsenen in Ruhe:
Normbereich: 60—100 / min
Bradykardie: HF ↓
Tachykardie: HF ↑
Beurteilung des Blutdruckwerts#
Der Blutdruck ist ebenfalls alters- und belastungsabhängig. Bei der Beurteilung des Blutdrucks muss daher immer an die Umstände (Ruhe, Belastung, …) und an den Erregungszustand des Patienten gedacht werden! Die Werte beziehen sich auf den Erwachsenen in Ruhe:
Normbereich: zwischen 90 / 60 und 140 / 90 mm Hg
Hypotonie: RR ↓
Hypertonie: RR ↑
Eine Hypertonie ist zwar eine dauerhaft behandlungsbedürftige Erkrankung, aber nicht automatisch im Akutfall von Bedeutung. Die Patienten sind normalerweise an ihren erhöhten Blutdruck gewöhnt und haben keine Beschwerden. In der Regel stellen sich erst bei einer plötzlichen Erhöhung Symptome ein. Äußere Einflüsse haben außerdem einen großen Einfluss auf den Blutdruck, sodass dieser auch erhöht sein kann, ohne dass hierfür eine Erkrankung vorliegt. Weiters ist der untere Normalwert sehr individuell, insbesonders bei sehr schlanken oder bettlägrigen Patienten sind systolische Blutdruckwerte um die 90 mm Hg möglich. Bei der Interpretation des Wertes muss daher immer bedacht werden:
Geschlecht
Zustand des Patienten
Schmerzen
Der sonst übliche Blutdruck des Patienten (erfragen, Blutdruckprotokoll)
Der Verlauf des Blutdruckes während der Behandlung (Traumapatienten!)
Der Erregungszustand des Patienten (Nervosität, …).
Beispiel
Ein 65-jähriger, männlicher Patient klagt über Schwindelgefühl, es wird ein Blutdruck von 155 / 95 mm Hg gemessen.
Im Blutdruckprotokoll finden sich die Einträge der vergangenen vier Tage:
170 / 110, 140 / 115, 175 / 113, 183 / 112, …
Der Blutdruck ist für den Patienten zu niedrig, der Körper ist auf eine so plötzliche Umstellung nicht vorbereitet gewesen. Durch das Anamnesegespräch erfahren sie, dass er heute das erste Mal einen “Nitro-Spray” verwendet hat. Sie vermerken dies am Einsatzprotokoll. Im Krankenhaus erfahren Sie, dass wahrscheinlich eine Überdosierung dieses Medikaments die Ursache dieses Blutdruckabfalls war. → Obwohl der Patient laut Lehrbuch einen “schönen” Blutdruck hatte, war dieser dennoch zu niedrig!
Beispiel
Ein 56-jähriger Patient klagt über starke kolikartige Schmerzen im linken Unterbauch. Sie messen einen Blutdruck von 155 / 95 mm Hg. Der Patient kennt seinen “gewöhnlichen” Blutdruck nicht.
Der Blutdruck ist laut Lehrbuch erhöht, aber dies ist erklärbar durch die starken Schmerzen und den damit verbundenen Erregungszustand. Die Beschwerden stehen wahrscheinlich in keinem ursächlichen Zusammenhang mit dem Blutdruck.
Beispiel
Eine 50-jährige Patientin hat Nasenbluten. Sie messen einen Blutdruck von 220 / 120 mm Hg. Auf Nachfrage gibt sie an etwas Kopfsschmerzen zu haben, und etwas schwindlig sei sie auch.*
Der Blutdruck ist sehr stark erhöht, außerdem zeigt die Patientin Zeichen einer hypertensiven Krise (Nasenbluten, Kopfweh, Schwindel). Hier ist der erhöhte Blutdruck Ursache für die Beschwerden und muss mittels Medikamenten unbedingt gesenkt werden.
Neugeborenes |
Säugling |
Kleinkind |
Schulkind |
Jugendlicher |
Erwachsener |
||
RRsys |
[mmHg] |
75 |
80–90 |
95 |
100–110 |
120 |
100–140 |
HF |
[/ min] |
140–180 |
110-160 |
95-140 |
80–120 |
60–100 |
60–100 |
STU — Schnelle Traumauntersuchung#
Liegt ein Verdacht auf ein Trauma vor, wird eine schnelle Traumauntersuchung (STU) durchgeführt[2]. Ziel ist das Aufspüren von akut lebensgefährlichen Verletzungen (insbesonders Blutungsquellen und Schäden des ZNS). Sie beschränkt sich auf die wichtigsten Organe und besteht aus der Inspektion und dem Abtasten von
Kopf inkl. Mund, Nase, Ohren,
Hals,
Thorax (inkl. Atemprobe: Bei der Einatmung wird mit den flachen Händen gegen den Brustkorb gedrückt. Dadurch kann ein Hinweis auf eine mechanisch-bedingte Atmungsstörung gewonnen werden, z. B. durch eine Serienrippenfraktur),
Bauch,
Becken,
Oberschenkel und
Rücken (evtl. erst beim Umlagern auf eine Schaufeltrage oder ein Spine Board).
Befunde#
Erkennen kann man z. B. Schockzeichen, sichtbare Blutungen, Herzrhythmusstörungen (Tachy-/Bradykardie, Arrhythmie) sowie Veränderungen des Blutdrucks. Diese Befunde müssen mit der Gesamtheit der Befunde, der möglichen Diagnosen des Patienten, den Umständen und dem Zustand des Patienten, sowie unter Berücksichtigung der Anamnese beurteilt werden.
Bei der Schnellen Trauma-Untersuchung (STU) können Blutungsquellen oder Hinweise auf Verletzungen des zentralen Nervensystems (ZNS) gefunden werden. Als Nebenbefund kann bei Verletzungen des Thorax eine mechanisch bedingte Atemstörung festgestellt werden (Ⓑ-Befund).
Typische Maßnahmen#
Lagerung mit erhöhten Beinen
Blutstillung