Beurteilung =#
Die Einschätzung der vitalen Bedrohung erfolgt ständig während des gesamten Einschätzungsblocks. Ein Patient kann jederzeit anhand der Alarmzeichen für vital bedroht erklärt werden.
Im Verlauf des Einschätzungsblocks gewinnt man erste Hinweise auf mögliche Diagnosen und kann meist eine vorläufige Verdachtsdiagnose formulieren (“Was ist das Problem des Patienten?”).
Alarmzeichen (“Red Flags” 🚩): Zeichen einer vitalen Bedrohung#
Das rasche Feststellen einer vitalen Bedrohung ist besonders wichtig. Die vitale Bedrohung kann sich aus drei wesentlichen Säulen ergeben:
Massive 3ABC-Störung: Massive Störungen von Vitalfunktionen 1. Ordnung (Bewußtsein ③, Atemweg Ⓐ, Atmung Ⓑ, Kreislauf Ⓒ)
Alarmsymptome: Zu den Alarmsymptomen gehören u.a. Atemnot, die sich nicht bessert, brodelndes Atemgeräusch, Thoraxschmerz, Schocksymptome, entgleiste Vitalwerte, schwere Verletzungen, Hirndruckzeichen etc.
Alarmdiagnosen: Manche Diagnosen sind automatisch mit einer vitalen Bedrohung gleichzusetzen, auch wenn eventuell Symptome fehlen oder nur schwach ausgeprägt sind. Dazu gehören beispielsweise der Herzinfarkt, das kardiale oder toxische Lungenödem, der Status epilepticus, eine Beckenfraktur usw.
Während des weiteren Behandlungsverlaufs kann man auf weitere Befunde oder Fakten stoßen, welche auf eine vitale Bedrohung hinweisen.
Sobald eine vitale Bedrohung erkannt wird, müssen die Standardmaßnahmen bei vital bedrohten Patienten frühzeitig ergriffen werden (evtl. sogar noch vor Abschluss des Einschätzungsblockes)!
Sofortmaßnahmen#
Sofortmaßnahmen müssen bei Bedarf sofort ergriffen werden und unterbrechen evtl. den Einschätzungsblock. Sie können jedoch auch von einer zweiten Person parallel durchgeführt werden. Wenn die jeweiligen Sofortmaßnahmen durchgeführt wurden, wird der Block fortgesetzt. Typische Sofortmaßnahmen sind z. B.
Maßnahmen des Selbst- oder Fremdschutzes (Retten aus dem Gefahrenbereich, GAS-Maßnahmen, …),
Einschätzung der Indikation zur Wirbelsäulenimmobilisation
eine situationsgerechte Lagerung,
die Standardmaßnahmen bei vital bedrohten Patienten oder auch die
Vorgezogene Transportentscheidung bei absolut zeitkritischen Patienten.
Standardmaßnahmen bei vital bedrohten Patienten#
Reihenfolge zählt!
Situationsgerechte Lagerung
Sauerstoffgabe: je nach Indikation, allgemeiner Zielwert: SpO₂ von 94—98 %. Beachte Durchführung: O₂-Berieselung
Experten-Nachforderung:
⛑ Ggfs. Notarzt-Nachforderung: mit kurzer Begründung
Achtung
Bei manchen Notfällen keine Notarztnachforderung wenn der Patient zeitkritisch ist, siehe jeweilige spezielle Maßnahmen!
🅷 Ggfs. Reanimationsteam/Medical Emergency Team/Experten nachfordern/hinzuziehen
Engmaschiges, bestmögliches Monitoring: Je nach vorhandenem Material
RR, HF, Pulsoxymetrie, EKG, Sitzwache/Patientenbeobachtung, etc. [1]
Reanimationsbereitschaft herstellen (Reanimationsbereitschaft)
I.v.-Zugang
Reanimationsbereitschaft#
Ggfs. Platz schaffen [2]
Geräte vorbereiten:
Beatmungsbeutel
Absaugeinheit und passenden Katheter in Griffweite stellen. Steriles Material bleibt verpackt.
Defibrillator in Griffweite stellen, Elektroden und Verbrauchsmaterial bleiben verpackt.
Vorgezogene Transportentscheidung bei absolut zeitkritischen Patienten#
Bei absolut zeitkritischen Patienten, bei denen bereits die ABC-Einschätzung ergibt, dass ein Transport nicht aufschiebbar ist, kann schon nach Ⓒ eine Transportentscheidung
(Spital, Notarzt-Rendez-vous, …, vgl. Strategieentscheidung)
getroffen werden.
Die Maßnahmen von Ⓓ und Ⓔ sollen dann, sofern möglich, während des Transportes erfolgen.
Diese Einschätzung setzt jedoch ein hohes Maß an Erfahrung voraus und ist auch von regionalen Gegebenheiten abhängig!
Beispiele für ein solches Vorgehen wären z. B. nicht beherrschbare starke Blutungen oder geburtsunmögliche Lagen.
Im Ausnahmefall schon nach Ⓒ Strategie- und Zielentscheidung
Z. B. nicht beherrschbare starke Blutungen, geburtsunmögliche Lagen
Nicht vital bedrohte Patienten#
Auch bei nicht vital bedrohten Patienten können Sofortmaßnahmen ergriffen werden (z. B. Lagerung). Es muss individuell überlegt werden, welche Maßnahmen zuerst zu treffen sind und welche warten können.
Eine Re-Evaluation (Verlaufskontrolle) muss regelmäßig durchgeführt werden#
Der Einschätzungsblock inkl. der Strategieentscheidung muss regelmäßig während der Betreuung bzw. während des Transports – in angemessenem Umfang – wiederholt werden, um eine Verschlechterung des Patientenzustandes rechtzeitig zu erkennen. Dies beinhaltet sowohl eine Verlaufskontrolle, als auch notwendige Änderungen in der Behandlung und der Strategie.[3]